mini|Alexis de Tocqueville, 1850 (Porträt von Théodore Chassériau) mini|Heliogravüre eines Stahlstichs von de Tocqueville aus einer Ausgabe seines Werks De La Démocratie en Amérique von 1899 mini|Karikatur von Honoré Daumier, 1849
Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville [] (* 29. Juli 1805 in Verneuil-sur-Seine; † 16. April 1859 in Cannes) war ein französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaft.
Leben De Tocqueville wurde als dritter Sohn von Hervé Bonaventure Clérel de Tocqueville und Louise Le Peletier de Rosanbo, die mütterlicherseits eine Enkelin des Staatsmanns Malesherbes war, geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Verneuil-sur-Seine, wo sein adliger Vater, wie seine Mutter royalistisch eingestellt, Bürgermeister wurde. Als Angehöriger eines alten normannischen Adelsgeschlechts sah er sich gleichwohl früh in der Tradition eines Liberalismus, der aristokrische Verantwortung mit der Anerkennung moderner Gleichheitsrechte zu verbinden suchte. Vom zehnten Lebensjahr an diente sein Vater sukzessive in den Präfekturen von Angers, Beauvais, Dijon, Metz, Amiens und Versailles, so dass de Tocqueville hauptsächlich bei seiner Mutter aufwuchs. Sein intellektueller Mentor zu dieser Zeit war der Abt Louis Lesueur.
1820 zog er zu seinem Vater nach Metz, wo er 1823 am dortigen Collège Royal seine Studien in Philosophie und Rhetorik abschloss.Dépôt légal du ministère de la Culture In dieser Zeit zeugte er ein uneheliches Kind mit einer Bediensteten.
Nachdem Tocqueville nach Paris gezogen war und dort sein Studium der Rechtswissenschaft beendet hatte, wurde er 1826 Untersuchungsrichter in Versailles. In den Folgejahren machte er die Bekanntschaft Gustave de Beaumonts, mit dem er später nach Amerika reiste, und mit der Engländerin Mary Motleys (1826), mit der er 1835 eine Ehe einging, die kinderlos blieb. Er hörte Geschichtsvorlesungen François Guizots an der Pariser Sorbonne (1829/1830) und wurde 1830 in Versailles promoviert. Er positionierte sich zugleich in den politischen Auseinandersetzungen der 1820er-Jahre zwischen Liberalen und Ultra-Royalisten um die zukünftige Verfassung Frankreichs und wurde zu einer der markanten Stimmen des französischen Liberalismus der Julimonarchie.
1826 beauftragte ihn die Regierung, das Rechtssystem und den Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von Amerika zu studieren. Tocqueville bereiste die USA mit seinem Freund Gustave de Beaumont.Özkan Ezli: Grenzen der Kultur: Autobiographien und Reisebeschreibungen zwischen Okzident und Orient. Konstanz University Press, Konstanz 2012, S. 110, ISBN 978-3-86253-016-8. Für ihre Arbeit Du système pénitentiaire aux États-Unis erhielten die beiden einen Preis der Académie française. Aus der Amerikareise (von Mai 1831 bis Februar 1832) und den dort gemachten Erfahrungen entstand das berühmte Hauptwerk De la démocratie en Amérique (zwei Bände, Paris 1835/1840). Der erste Band erschien am 23. Januar 1835Alexis de Tocqueville, Arthur Goldhammer (Übersetzung): Democracy in America, Seite 907. ISBN 1-931082-54-5, (Digitalisat englisch), abgefragt am 22. Januar 2011 in einer Auflage von unter 500 Stück. Bereits im Juni desselben Jahres wurde eine zweite Ausgabe veröffentlicht. Die achte Ausgabe, die 1840 sowohl in Paris als auch in einer Übersetzung von Henry Reeves in London erschien, enthielt schließlich auch den zweiten Band seiner Untersuchungen.
Zwischen 1839 und 1848 gehörte de Tocqueville als Abgeordneter zur gemäßigten Opposition. Er opponierte gegen die Regierung Guizot, die seiner Meinung nach die französische Gesellschaft in eine gigantische unpolitische Aktiengesellschaft umgewandelt hatte.Arnaud Coutant: Tocqueville et la constitution democratique. Mare et Martin, Paris 2008, 680 p., ISBN 978-2-84934-058-5. Wohlstandsstreben allein mache, so erklärte er, keine guten Bürger. Ohne Erfolg betrieb er zusammen mit seinen politischen Freunden – ganz in der Tradition des großherzigen, liberalen französischen Adels – die Beseitigung der Sklaverei. Eine besondere Rolle spielte er vor und während der Februarrevolution 1848: In einer Rede vom 29. Januar 1848 vor der Abgeordnetenkammer warnte er vor den kommenden Ereignissen: „Merken Sie – wie sage ich? – den Revolutionssturm nicht, der in der Luft liegt?“A. d. Tocqueville: Souvenirs. Préface de Claude Lefort, Paris: Gallimard 1999, S. 25. Des Weiteren rief er aus: „Sehen Sie nicht, dass sich in der Arbeiterklasse allmählich Auffassungen und Ideen verbreiten, die nicht nur einzelne Gesetze, sondern die heutigen Grundlagen der Gesellschaftsordnung selbst erschüttern und umstürzen werden?… Ich glaube, dass wir zur Stunde auf einem Vulkan schlafen.“ (Zit. nach A. de Tocqueville: „Über die Demokratie“; Vorbemerkung „Über dieses Buch“; Fischer-Bücherei 138, Okt. 1956). Diese Rede galt fortan als prophetisch, denn kaum einen Monat später war die Monarchie unter dem „Bürgerkönig“ Louis-Philippe I. in der Revolution untergegangen. Tocqueville selbst hinterließ in seinen Erinnerungen ein lebensnahes historisches Dokument über die Geschehnisse der Revolution, der provisorischen Regierung und der niedergeschlagenen Juniaufstände der Arbeiter von 1848. So schildert er, was für Auswirkungen die Bürgerkriegsatmosphäre auf seine Nachbarn, die bei der Nationalgarde Dienst taten, und auf ihn selbst hatte:
Er bemühte sich um ein neues Verhältnis zwischen Republik und Kirche und drängte in der verfassungsgebenden Kommission der Nationalversammlung nach der Revolution von 1848 auf eine Beseitigung der lähmenden Zentralisierung des politischen Lebens in Frankreich. Hier war er allerdings schon derart resigniert, dass er in den Verhandlungen zu diesem Thema das Wort nicht mehr ergriff. „In Frankreich kann man nur eines nicht schaffen, nämlich eine freie Regierung, und nur eines nicht zerstören, nämlich die Zentralisierung.“ schrieb er im 2. Teil (Kap. XI) seiner Erinnerungen. Ein Angriff auf die zentralisierte Verwaltung sei „das einzige Mittel, einen Konservativen und einen Radikalen zusammenzubringen.“ Das Zentrum der politischen Aktivität Tocquevilles war aber (auch nach seiner eigenen Überzeugung von der Bedeutung des Gegenstandes) das Vorantreiben, die Förderung und ordnende Gestaltung der Eroberung und Kolonisierung Algeriens. Die Antwort auf seine Fragestellung „Wie kann man Mittelmäßigkeit verhindern und auch in egalitären Gesellschaften Großes hervorbringen oder fördern?“ lag für ihn im Kolonialismus.
Nach der Februarrevolution 1848 bekämpfte er den Sozialismus und stimmte mit den Konservativen. Als Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung gestaltete er die neue Verfassung mit. 1849 übernahm Tocqueville das Auswärtige Amt, trat jedoch zurück, als Louis Napoléon, der spätere Napoleon III., in einem Staatsstreich die Macht ergriff. In der Rückschau wird diese kurze Zeit in der Regierung häufig als Höhepunkt seiner Versuche beschrieben, den französischen Liberalismus nicht nur theoretisch, sondern auch institutionell zu prägen. Beim Staatsstreich am 2. Dezember 1851 wurde Tocqueville verhaftet, aber auf Intervention Napoleons wieder freigelassen. Verbittert über den Verlust freiheitlich-liberaler Verhältnisse zog er sich ins Privatleben zurück. Nun schrieb er die Souvenirs, die – voll von sarkastischen Bemerkungen über seine zeitgenössischen Parlamentskollegen – auf seinen Wunsch erst lange nach seinem Tode erschienen. Es folgte sein zweites Hauptwerk L’Ancien Régime et la Révolution, dessen erster Band 1856 erschien.
Er starb, nachdem er bereits lange kränklich gewesen war und 1858 einen Blutsturz erlitten hatte, im April 1859 an Tuberkulose.
Über die Demokratie in Amerika (1835/1840) De la démocratie en Amérique beschreibt unter anderem die Demokratie im Zusammenhang der politischen Gesellschaft. Das Buch erhielt 1836 den Prix Montyon der Académie française (dotiert mit 8.000 Franc), deren Mitglied Tocqueville 1841 wurde, und wird heute noch an den Universitäten behandelt.
In seiner Analyse der amerikanischen Demokratie arbeitete er die Ursachen für die Art und Weise des Funktionierens der Demokratie in den USA heraus. Er zeigt die Gefahren demokratischen Regierens, die zu einer „Tyrannei der Mehrheit“ () führen könne, und er beschreibt, wie die amerikanische Verfassung und ihr Verfassungsleben dieser Gefahr durch Dezentralisation und aktive Teilnahme der Bürger entgegenwirkten (Band 1). Tocqueville betont zugleich, dass demokratische Gleichheit zwar eine Voraussetzung individueller Freiheit sei, Demokratien aber in eine Form „unfreier Demokratie“ umschlagen könnten, wenn Mehrheiten ihre Macht in einem allmächtigen Zentralstaat bündeln und so aus Bürgern politisch isolierte „Atome“ machen.
Im zweiten Band des Werkes macht er dann noch eine weitere Gefahr aus, die für ihn der Demokratie inhärent ist: die Allgewalt der Regierung, die die Bürger der Eigeninitiative berauben, sie schrittweise des selbständigen Handelns entwöhnen und sie so zu unmündigen Privatleuten degradieren könne, die sich schließlich nur noch um ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten kümmerten. Auch hier zeigt er, wie die amerikanische Demokratie dieser Gefahr begegnete: durch Dezentralisierung, durch die Lehre vom wohlverstandenen Eigennutz und durch eine Beeinflussung der dominierenden Verhaltensstandards durch das Christentum.
Eroberung und Kolonisierung Algeriens Tocqueville als Befürworter von Kolonialerwerb Bereits 1828 sprach sich Tocqueville für eine militärische Expedition in das damals zum Osmanischen Reich gehörende Algerien aus. 1833 erwog er, nachdem 1830 Algier von französischen Truppen eingenommen worden war, dort Land zu erwerben.Seloua Luste Boulbina (PDF; 246 kB) 2008 über Tocqueville als Kolonialist, S. 18 f. Luste Boulbina sieht Tocquevilles politisches Denken insgesamt vom Kolonialismus geprägt, und zwar ausgehend von seiner Untersuchung über Amerika als von England emanzipierte Kolonie über die Französischen Antillen als alte Kolonien, in denen die Sklaverei mit entsprechender Entschädigung der vormaligen Sklavenhalter abzuschaffen ist, nach Algerien als neue Kolonie. Er wurde zum Algerien-Experten, was sich vor allem in seiner parlamentarischen Laufbahn zeigt.Harald Bluhm in der Einleitung zu Alexis de Tocqueville: Kleine politische Schriften, Akademie Verlag: Berlin 2006, S. 31. Setzte Tocqueville zunächst auf private Kräfte bei der Besiedlung Algeriens, wobei er die Assimilation der arabischen Bevölkerung ins Auge fasste, so begann er ab 1841 zu glauben, dass nur staatliche Politik in der Lage sei, das Land vollkommen zu erobern und in französischen Besitz zu bringen. Da die anvisierte totale Eroberung daran scheiterte, dass nicht genügend europäische Siedler zu gewinnen waren, weil die demographische Situation in Frankreich im Unterschied zu anderen europäischen Ländern stagnierte,Vgl. – 1846 schreibt er an Francis Lieber in die USA und bittet um Unterlagen dafür, wie die Amerikaner es fertig gebracht haben, so viele christliche Europäer in ihr Land zu holen, weil Europäer nach Algerien zu „locken“ nicht so einfach sei (vgl. dazu Domenico Losurdo , S. 298). und Tocqueville keine Chance mehr sah, mit den Arabern ein Einvernehmen herzustellen, kam er ab 1846 zu der Überzeugung, dass die französische Inbesitznahme nur unter fortwährender Kontrolle und Entrechtung der einheimischen Bevölkerung gewährleistet sei.Harald Bluhm in der Einleitung zu Alexis de Tocqueville: Kleine politische Schriften, Akademie Verlag, Berlin 2006, S. 32.
Gedanken über Algerien (1841)