mini|Peter Graf Yorck von Wartenburg vor dem Volksgerichtshof (1944) Peter Graf Yorck von Wartenburg (* 13. November 1904 auf Gut Klein Öls, Landkreis Ohlau, Provinz Schlesien; † 8. August 1944 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Jurist und bedeutender Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, der zum Kern der Verschwörer vom 20. Juli 1944 zählte.

Leben Jugend auf Klein-Öls und in Roßleben mini|Schloss Klein Öls, Sitz der Familie Yorck von Wartenburg

Peter Graf Yorck von Wartenburg entstammt dem Adelsgeschlecht Yorck von Wartenburg aus Pommerellen. Die Familie war, als er 1904 geboren wurde, seit einem Jahrhundert in ganz Deutschland vor allem wegen eines Namensträgers bekannt: Ludwig Graf Yorck von Wartenburg. Dieser hatte 1812 den Kriegen gegen Frankreich mit seinem Entschluss, gegen den Befehl seines Königs Friedrich Wilhelm III. zu handeln und in der Konvention von Tauroggen ein Neutralitätsabkommen mit Russland einzugehen, eine Wendung gegeben und damit den Weg in die „Befreiungskriege“ geebnet. Für seine Verdienste wurde er vom König in den Grafenstand erhoben.Wilhelm Ernst Winterhager (Hrsg.): Der Kreisauer Kreis. Porträt einer Widerstandsgruppe. Begleitband zu einer Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Berlin 1985, S. 22.

In den folgenden Generationen bildete sich eine Tradition eines humanistisch gebildeten preußischen Adelsgeschlechts mit liberal-konservativer Grundeinstellung, in das Peter Graf Yorck von Wartenburg am 13. November 1904 als fünftes von insgesamt zehn Kindern des schlesischen Landrats Heinrich Graf Yorck von Wartenburg hinein geboren wurde.Peter Steinbach: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands. Siedler, München 2004, S. 83. Noch der Kreisauer Kreis berief sich auf die in der Familie Yorck gepflegte Tradition von Tauroggen, unabhängig von äußeren Umständen seinem Gewissen zu folgen.

Er wuchs fast ausschließlich auf dem Gut der Familie, Schloss Klein Öls, in der Nähe von Breslau, auf. Die prägende Gestalt seiner Kindheit war sein Vater, der seinen Kindern eine umfassende humanistische Bildung vermittelte. Die Atmosphäre, in der Peter Yorck aufwuchs, war einerseits geprägt durch anspruchsvolles, künstlerisches Interesse, andererseits durch die preußische Tradition: Pflicht wurde großgeschrieben, allerdings stets verknüpft mit eigenem Nachdenken.Marion Gräfin Dönhoff: Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-532-8, S. 115. Sein Bruder Paul schrieb später, „ein Christentum lutherischer Prägung, die griechische Antike und die Krone Preußens“ seien die wichtigsten Komponenten ihrer Erziehung gewesen.Wilhelm Ernst Winterhager (Hrsg.): Der Kreisauer Kreis. Porträt einer Widerstandsgruppe. Begleitband zu einer Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Berlin 1985, S. 23. Peter Yorck, der bis zu seinem 16. Lebensjahr ausschließlich von Hauslehrern unterrichtet wurde, galt eher als stilles, in sich gekehrtes Kind.Peter Steinbach: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands. Siedler, München 2004, S. 83–84. Wie sehr der Vater Heinrich Graf Yorck in der humanistisch-hellenischen Tradition zu Hause war, zeigt, dass gelegentlich die platonischen Dialoge im Urtext gelesen wurden. Auch Goethe spielte eine große Rolle: So versammelte Heinrich Yorck abends seine Kinder um sich, gleich welchen Alters, und sagte Gedichte auf, die ihm gerade durch den Kopf gingen. Auf diese Weise kannte Peter Yorck hunderte Goethe’sche Gedichte und weite Teile des Faust auswendig, was ihm später während seiner KZ-Haft, abgeschnitten von allen Büchern, von Nutzen war.Marion Gräfin Yorck von Wartenburg: Die Stärke der Stille. Erzählung eines Lebens aus dem deutschen Widerstand. Aufgeschrieben von Claudia Schmölders. Köln 1984, ISBN 3-87067-717-1, S. 41. Eine lebendige Schilderung der Atmosphäre in Klein-Oels widmet Joachim Ringelnatz ein Kapitel seiner Autobiographie über seinen fast einjährigen Aufenthalt dort im Jahre 1912.Joachim Ringelnatz: Mein Leben bis zum Kriege, Reinbek bei Hamburg, 1966, S. 240 ff Adlige „Standesgenossen“ mieden Klein-Öls eher, angesichts von so viel Bildung; nur während der regelmäßigen Jagden pflegte die Familie Kontakte zu ihnen. Gleichaltrige Spielkameraden waren dagegen die Kinder der Breslauer Professoren, die häufig zu Gast waren.Marion Gräfin Dönhoff: Um der Ehre willen. Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-532-8, S. 116.

mini|Von 1920 bis 1923 besuchte Peter Yorck die humanistische Klosterschule Roßleben. Im Oktober 1920 trat Peter Yorck in die evangelische, humanistische Klosterschule Roßleben in der Provinz Sachsen, heute Thüringen, ein. Das traditionsreiche Elitegymnasium, gegründet 1554, hatte zuvor bereits sein älterer Bruder Paul absolviert. Zu seinen Mitschülern zählten auch spätere Mitverschwörer gegen Hitler: Ulrich Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld, Albrecht von Kessel, Ernst von Borsig junior, Wolf von Gersdorff und Nikolaus von Halem.Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis. Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand (= Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944. Bd. 3). 2., korrigierte Auflage. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7025-1, S. 133. Besonders mit Schwerin und Kessel freundete er sich an und sie blieben in allen Lebensphasen freundschaftlich verbunden.Peter Steinbach: Der 20. Juli 1944. Gesichter des Widerstands. Siedler, München 2004, S. 85. In dieser Zeit machte Yorck auch einen Wandel seiner politischen Sichtweise durch: Während er unter dem Einfluss seines Vaters und der Familientradition die Novemberrevolution von 1918 abgelehnt hatte, so fand er sich nun immer mehr mit der Weimarer Republik ab, obgleich Yorck stets ein konservativer Kritiker der Republik und Anhänger einer parlamentarischen Monarchie blieb. Dennoch akzeptierte er von seinem wertkonservativen Standpunkt die Entwicklung der modernen Gesellschaft. Am 22. Februar 1923 verstarb Yorcks Vater Heinrich. Klein-Öls war allerdings bereits zuvor dem ältesten Bruder Paul als Familienfideikommiss übertragen worden. Zwei Monate später legte Peter Graf Yorck von Wartenburg in Roßleben die Reifeprüfung ab.

Studium in Bonn und Breslau mini|Universität Breslau: 1924–1926 Studienort Peter Yorcks Nach dem Abitur in Roßleben schrieb sich Yorck für das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein. 1923 wurde er Mitglied des Corps Borussia Bonn.Kösener Corpslisten 1960. Hrsg. Otto Gerlach, Im Selbstverlag des Verbandes Alter Corpsstudenten, Druck C. L. Mettcker & Söhne Jever, Kassel 1961, 9, 981. Bei Borussia war auch Yorcks Bruder Paul Graf Yorck von Wartenburg aktiv.

Am 30. Oktober 1924 setzte Yorck nach drei Semestern Bonn sein Studium an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Breslau fort, wo er ebenfalls für drei Semester blieb. Dort hielt er weiterhin Kontakt zu seinem ehemaligen Schulfreund Graf Schwerin von Schwanenfeld. Am 14. Oktober 1926 machte Peter Yorck in Breslau das Referendarexamen, bevor er einen Monat später sein Referendariat an den Amtsgerichten Wansen und Brieg sowie am Amtsgericht Brieg in Schlesien antrat.Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis. Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand (= Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944. Bd. 3). 2., korrigierte Auflage. LIT, Münster 2004, S. 134. ISBN 3-8258-7025-1. 1927 wurde er in Breslau promoviert mit der Dissertation „Die Haftung der Körperschaften des öffentlichen Rechts für Maßnahmen der Arbeiter- und Soldatenräte“, die bei Hans Helfritz eingereicht wurde. Die Arbeit lässt trotz ihrer deutlichen preußisch-konservativen Sichtweise in der Wahl und Art der Behandlung des Themas auch Yorcks Anerkennung der Weimarer Republik erkennen.

Im April 1928 lernte Peter Yorck bei einer Hochzeitsfeier von Verwandten in Schlesien Marion Winter, Juristin und Tochter des Generaldirektors der staatlichen Bühnen, aus Berlin-Grunewald kennen.Marion Gräfin Yorck von Wartenburg: Die Stärke der Stille. Erzählung eines Lebens aus dem deutschen Widerstand. Aufgeschrieben von Claudia Schmölders. Köln 1984, S. 24, ISBN 3-87067-717-1. Marion Winter empfand ihn zunächst als hochmütig, doch fühlte sie sich von ihm angezogen. Beide blieben für zwei Jahre miteinander befreundet und Yorck besuchte sie alle zwei Wochen in Berlin. Im Herbst reiste Marion Winter zum ersten Mal nach Klein-Öls, wo sie bald „die Gräfin Peter“ genannt wurde. Nach einigen Monaten Mitarbeit in einer Anwaltskanzlei in Berlin wechselte Peter Yorck am 20. Dezember 1928 als Gerichtsreferendar an das Kammergericht und das Amtsgericht Mitte.

Jurist in Berlin und Schlesien

Während seines Studiums in Breslau hatte Yorck Kontakte zu den Professoren Eugen Rosenstock, Gerhard Schultze-Gaevernitz und Hans Peters knüpfen können und mit ihnen über die Gründung eines Untersuchungskomitees über die ökonomischen und sozialen Verhältnisse im Waldenburger Steinkohlerevier, damals eine der ärmsten Gegenden Mitteleuropas. 1928 kam es zur Gründung der „Löwenberger Arbeitslager“, das vom 14. März bis 1. April durchgeführt worden ist und 1929 und 1930 wiederholt wurde. In der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft trafen sich interessierte Studenten, Jungarbeiter und Jungbauern aus allen politischen Lagern, um am Problem des Waldenburger Reviers die Zerrissenheit der Gesellschaft in Klassen und Lager zu überwinden und konkrete Ergebnisse zu erarbeiten.Günter Brakelmann: Der Kreisauer Kreis. Chronologie, Kurzbiographien und Texte aus dem Widerstand (= Schriftenreihe der Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944. Bd. 3). 2., korrigierte Auflage. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7025-1, S. 187. Unter der Leitung von Professor Eugen Rosenstock trafen sich dort auch viele spätere Mitglieder des Kreisauer Kreises erstmals. Zu den Teilnehmern gehörten neben Yorck von Wartenburg auch Horst von Einsiedel, Carl Dietrich von Trotha, Theodor Steltzer, Adolf Reichwein und nicht zuletzt Helmuth James von Moltke. Zunächst über die familiären Verbindungen (Moltkes Onkel war mit einer älteren Schwester Peter Yorcks verheiratet) führten beide angeregte Gespräche miteinander. Später entwickelte sich zwischen Moltke und Yorck eine enge Freundschaft, die für den gesamten Widerstand gegen den Nationalsozialismus von großer Bedeutung war; auf sie ging zu gleichen Teilen die Initiative zur Gründung des Kreisauer Kreises zurück. So können die „Löwenberger Arbeitslager“ sowohl in personeller als auch weltanschaulicher Hinsicht als Vorläufer des Kreisauer Kreises gelten.Detlef Graf von Schwerin: Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt. Die junge Generation im deutschen Widerstand. Piper, München 1991, S. 247.