Die Gestalttherapie ist eine humanistische erfahrensorientierte und erlebnisaktivierende Psychotherapie. Ihre Begründer sind Fritz Perls, Laura Perls und Paul Goodman. Das Paradigma der Gestalttherapie entwickelte sich zu weiten Teilen aus der Psychoanalyse und aus der Kritik und Abgrenzung zu ihr. Quellen der Entwicklung sind außerdem die Gestaltpsychologie sowie das holistische, phänomenologische, existenzielle und hermeneutische Denken des 20. Jahrhunderts. Ziel ist die Stimmigkeit und Integration psychischer Prozesse und die differenzierende Reifung der Persönlichkeit nach innen und außen.Deutscher Dachverband GESTALTTHERAPIE für approbierte Psychotherapeuten e. V. DDGAP e. V. ddgap.de, abgerufen am 28. März 2014.

Gestalttherapie ist nicht zu verwechseln mit Gestaltungstherapie.

In der wissenschaftlichen Psychotherapie-Diskussion wird die Gestalttherapie unterschiedlich bewertet. Sie ist in Deutschland bislang keine kassenrechtlich zugelassene Psychotherapierichtung.

Geschichte Die Begründer der Gestalttherapie, Friedrich „Fritz“ Perls (auch Frederik Salomon Perls) und Laura Perls (damals noch Lore Posner) lernten einander 1926 in Frankfurt bei einer Veranstaltung des Neurologen Kurt Goldstein und des Gestaltpsychologen Adhémar Gelb kennen. Fritz Perls war zu der Zeit Assistent von Goldstein und bereits in psychoanalytischer Ausbildung. Lore Posner war Gestaltpsychologin, Gelb ihr Doktorvater. Sie begann ihre psychoanalytische Ausbildung kurz darauf.

1933 mussten sie zusammen mit ihrer Tochter Renate vor den Nationalsozialisten fliehen. Nach einem kurzen Aufenthalt in den Niederlanden gingen sie endgültig nach Südafrika ins Exil. Hier begannen sie mit der gemeinsamen Arbeit an einem Buch, das die Entstehung der Gestalttherapie markiert, auch wenn es noch nicht den Namen Gestalttherapie enthält: Das Ich, der Hunger und die Aggression, welches 1944 zum ersten Mal erschien.Ein Trialog zwischen Laura Perls, Richard Kitzler und E. Mark Stern. (1982). In: A. und E. Doubrawa (Hrsg.): Meine Wildnis ist die Seele des Anderen. Laura Perls im Gespräch. Köln 2005, S. 167 ff.

Von Beginn an bildet Bewusstheit bzw. Gewahrsein (der englische Ausdruck lautet hier „awareness“) ein grundlegendes Element der therapeutischen Theorie und Praxis der Gestalttherapie. Bereits in diesem Erstlingswerk werden Übungen entworfen, die die Bewusstheit fördern, und so den therapeutischen Prozess unterstützen. Perls verwendet hier noch den Begriff „Konzentration“ in Ermangelung einer besseren Alternative zu dem Zeitpunkt und spricht von „Konzentrationstherapie“, um der Bedeutung bewusster Wahrnehmung Rechnung zu tragen. Er setzt sich ausführlich mit dem Begriff „Konzentration“ auseinander und unterscheidet z. B. Interesse, Aufmerksamkeit und „negative Konzentration“, worunter er die Art der Konzentration versteht, die zu einem verengten, angestrengten Blickwinkel führt.F. Perls: Das Ich, der Hunger und die Aggression. (1944/1946). Stuttgart 1978, S. 219ff.

Von Gestalttherapie kann man seit dem Erscheinen des gleichnamigen Buches (Fritz Perls und Paul Goodman gemeinsam mit Ralph F. Hefferline) 1951 sprechen. Innerhalb der Gestalttherapie entstanden nach der Gründungsphase in den USA und davon ausgehend in Europa unterschiedliche Varianten, Strömungen und Stile. Dazu trug die theoretisch und praktisch vielgestaltige und wenig kanonisierte Hinterlassenschaft der Gründungsphase wesentlich bei. Die unterschiedliche therapeutische Arbeitsweise von Fritz Perls auf der einen und Laura Perls auf der anderen Seite kam in der Folge hinzu. Fritz Perls trennte sich von seiner Frau Laura und zog an die Westküste der USA, während Laura ihre therapeutische Arbeit an der Ostküste fortsetzte. Fritz Perls entwickelte einen – auf den ersten Blick – eher harten, oft konfrontativen „Westküstenstil“, während Laura Perls einen deutlich weicheren und integrativen „Ostküstenstil“ der Gestalttherapie praktizierte.

Zu den bedeutenden Gestalttherapeuten, die mit Laura Perls zusammenarbeiteten, gehörte Isadore From, der auch an der Gründung des Gestalt-Instituts in Cleveland beteiligt war.

An der Westküste gründete Jim Simkin – nach anfänglicher Zusammenarbeit mit Fritz Perls – sein eigenes Ausbildungszentrum in der Nähe von Esalen. Erving und Miriam Polster arbeiteten von San Diego aus und gaben 1973 mit „Gestalt Therapy Integrated“ die erste systematisierte Gestalttherapie-Gesamtdarstellung heraus, parallel zu Joel Latners ebenfalls systematisiertem „Gestalt Therapy Book“.

Barry Stevens, die 1969 mehrere Monate mit Fritz Perls in Perls’ Gestaltgemeinschaft am Lake Cowichan, Vancouver Island, Kanada, verbracht hatte, widmete sich als erste in der Gestalttherapie verstärkt dem Körper-Aspekt des Organismus und entwickelte ihre eigene Form gestalttherapeutischer Körperarbeit unter Betonung von Körper-Bewusstheit.

In Deutschland wurde die Gestalttherapie unter anderem durch Gerhard Heik Portele sowie durch Hilarion Petzold bekannt.

Heute wird die Gestalttherapie sowohl von niedergelassenen Therapeuten als auch in Kliniken angewandt und weiterentwickelt. Gestalttherapie gehört derzeit zu den in Deutschland nicht abrechenbaren Therapieformen und unterscheidet sich hier von Österreich und der Schweiz. Das Psychotherapeutengesetz, das im Jahre 2000 wirksam wurde, erkennt ausschließlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Therapie, die Systemische Therapie, sowie die Verhaltenstherapie an. Die humanistischen Verfahren, wie die Gestalt- oder Gesprächstherapie, kämpfen seitdem um die rechtliche Anerkennung. Ihre Wirksamkeit ist nach Klaus Grawe denen der anderen Therapieformen – mit Ausnahme der Verhaltenstherapie – ähnlich.

Grundlagen einer Theorie der Gestalttherapie Im Mittelpunkt der gestalttherapeutischen Methode steht die Entwicklung und Verfeinerung der Bewusstheit. Dies betrifft alle in dem Moment vorhandenen und zugänglichen Gefühle, Gedanken, Empfindungen und Verhaltensweisen des Klienten. Automatisierte oder unbewusste Verhaltensmuster sollen dem Bewusstsein und damit der Entscheidungsmöglichkeit des Patienten zugänglich gemacht werden. Direkte und konkrete Arbeit an aktuellen Situationen und an der Beziehung zwischen Patient und Therapeut sind der Weg. Dadurch soll der Kontakt des Patienten zu sich selbst und zu seiner Umwelt gefördert und unterstützt werden. Bestehende Störungen sollen so überwunden werden. Der Therapeut versteht sich als partnerschaftlicher Begleiter. Techniken oder Übungen werden zusammen mit dem Patienten entwickelt oder diesem als Angebot und Vorschlag unterbreitet. Der Therapeut erklärt, was er mit einer bestimmten Technik oder Übung erreichen will.

Die Gestalttherapie hat ihre theoretischen Wurzeln, unter anderem, in der Psychoanalyse Freuds. Die Vorstellung von unbewussten Prozessen, die viele Psychotherapien begleitet, findet auch in der Gestalttherapie ihre Ausprägung. Allerdings unterscheidet sich die Gestalttherapie in einigen Aspekten sehr grundlegend von der Psychoanalyse. Im Selbstverständnis der Gestalttherapie werden drei Hauptkonzepte der Erklärung menschlichen Lebens zur näheren Erläuterung angeführt: Psychoanalyse, Phänomenologie und Gestaltpsychologie. Diesen Theorien beigeordnet werden Konzepte wie Holismus, Humanismus, Feldtheorie und Organismische Theorie nach Kurt Goldstein sowie Ansätze wie der Konstruktivismus und die Kybernetik.Hartmann Kottek: Gestalttherapie. Springer, 2002, S. 52ff.

Das Werk Gestalttherapie von Perls, Hefferline, Goodman bildet die theoretische Grundlage der Gestalttherapie. Darin wird die Position der frühen Gestalttherapie gegenüber der damaligen Psychologie und Psychoanalyse dargestellt und ein eigenes Profil entwickelt. Es wird deutlich, dass die Gestalttherapie einen klaren Bruch zur Psychoanalyse vornimmt.

Zentrale Begriffe und Konzepte Zentraler Begriff ist für die Gestalttherapie der namensgebende Begriff Gestalt. Fritz Perls hatte zunächst den Begriff Existentialtherapie im Sinn, sah aber die Nähe zur Philosophie Jean-Paul Sartres als problematisch und entschied sich für den Begriff Gestalt.

Die Wahl des Namens zeigt bereits, dass die anderen Begriffe und Konzepte ebenso wesentlich für die theoretische Konzeption waren. Aus den eben genannten Begriffen können die wichtigen Begriffe der Gestalttherapie abgeleitet werden:

Gestalt – Kontakt und Feld Konzentration – Gewahrsein und Achtsamkeit Existentialismus – Dialog und Ich-Du-Beziehung

Diese Begriffe können wiederum bestimmten Theorien und Theoretikern zugeordnet werden: Gestalt – Max Wertheimer, Kurt Goldstein, Kurt Lewin, Adhémar Gelb Existentialismus – Sartre, Husserl, Buber, Heidegger, Merleau-Ponty

Gestalt Fritz und Lore Perls sahen in dem Begriff Gestalt den zentralen Grundgedanken ihrer Therapierichtung wiedergegeben. Wissenschaftlich fundiert sahen sie diesen Gedanken in dem Denken von Edmund Husserl und von Ehrenfels.Fritz Perls: Gestalt-Wahrnehmung. Frankfurt 1980, S. 31.

Der Gestaltbegriff kommt aus dem deutschen Verb gestalten und meint das Formen eines sinnvollen Ganzen. Eng verbunden sind mit diesem Begriff die Wörter Sinn und Struktur, die beide ebenfalls eine in sich kohärente Gesamtheit beschreiben. Das Bilden von Gestalten entsteht auf einem sogenannten Hintergrund, von dem sich die eigentliche Gestalt oder Figur abhebt. Diesen Prozess beschreibt die Gestalttherapie analog zu der Erklärung der Bildung von Wahrnehmung innerhalb der Gestaltpsychologie. So kann sich ein weißer Fleck nur auf dem Hintergrund einer farbigen Fläche abheben. Linien werden entsprechend dem Hintergrund vervollständigt. mini|Die Kanten des Würfels sind imaginär; sie werden von unserem Gehirn nach dem Gesetz der guten Fortsetzung erzeugt.

Grundsätzlich verneinen die Gestaltpsychologie und die Gestalttherapie die Wirklichkeit von vereinzelten Sinnesqualitäten, die isoliert als Einzelelemente wahrgenommen werden. Die Einzelelemente werden in der Wahrnehmung als möglichst sinnvolle Ganzheiten, „Gestalten“ verbunden. Wahrnehmung, soziales Leben und Eigenexistenz sind immer Ausdruck einer komplexen Sinngebung. Das „Ganze“ ist mehr bzw. anders als die Summe seiner Einzelelemente. In diesem Punkt besteht die größte Differenz der Gestalttherapie zu den empiristisch fundierten Therapien. Dieser Punkt kann als der eigentliche Paradigmenwechsel benannt werden.

Die Gestaltpsychologien unterschiedlicher Richtung leiten sich historisch aus einer einzigen Arbeit von Christian von Ehrenfels aus dem Jahre 1890 ab. Es ist der Verdienst von Fritz und Laura Perls, den Begriff „Gestalt“ auf die Psychotherapie übertragen zu haben. Analog zur Gestaltbildung in der Wahrnehmung – die Gestalt formiert sich im Vordergrund vor einem Hintergrund – geht die Gestalttherapie davon aus, dass beim einzelnen Menschen das jeweils wichtigste Bedürfnis in den Vordergrund des Bewusstseins rückt. Dies wiederum wird als Figur / Grund-Geschehen bzw. Gestaltbildungsprozess bezeichnet.F. S. Perls, R. F. Hefferline, P. Goodman: Gestalt-Therapie. Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung. (1951). Stuttgart 1979, S. 36. In gestalttheoretischer Sprache ausgedrückt taucht mit dem entstehenden Bedürfnis eine offene Gestalt aus dem (Hinter-)Grund auf und wird im Vordergrund zur Figur, und zwar so lange, wie sie nicht geschlossen ist. Die abgeschlossene Gestalt kann wieder in den Grund eintauchen und einer neuen Gestalt Platz machen. Dies versteht die Gestalttherapie als Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulierung.

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