Diotima (, Betonung im Deutschen und Altgriechischen: Diotíma) ist eine Figur in Platons Dialog Symposion, in dem die Gesprächsteilnehmer die Natur des Eros erörtern. Sie wird dort als weise Frau aus Mantineia in Arkadien vorgestellt. In dem Dialog tritt Diotima nicht selbst unter den Beteiligten auf, sondern der Philosoph Sokrates erzählt, wie er von ihr über den Eros belehrt wurde. In dem Gespräch legte ihm Diotima ihre Lehre von der rechten philosophischen Lenkung des erotischen Drangs dar. Das Eros-Konzept, das Platon ihr in den Mund legt, wird seit der Renaissance als „platonische Liebe“ bezeichnet.

Unbekannt ist, ob die Gestalt frei erfunden ist oder ein historisches Vorbild aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. hat, das möglicherweise tatsächlich diesen Namen trug. Wegen der starken Nachwirkung des Dialogs bis in die Gegenwart ist der Name Diotima in der Neuzeit immer wieder aufgegriffen und als Pseudonym, als ehrender Alternativname oder zur Benennung einer literarischen Figur verwendet worden. Er steht traditionell für eine Frau, die in der Lage ist, auf erotischem Gebiet ein philosophisch untermauertes Wissen zu vermitteln.

Diotima im Symposion Dialogsituation Diotima ist die einzige weibliche Figur, die in einem platonischen Dialog zu Wort kommt. Sie tritt aber nicht direkt auf, denn an dem Symposion (Trinkgelage, Gastmahl), dessen Verlauf der Dialog schildert, nimmt sie nicht teil. Vielmehr berichtet Sokrates, die Hauptfigur des Dialogs, von einem Gespräch, in dem ihn Diotima über den Eros belehrt und von der Richtigkeit ihrer Sichtweise überzeugt hatte. Er hatte sie eigens zu dem Zweck, solche Aufklärung zu empfangen, aufgesucht, als sie sich zeitweilig in Athen aufhielt. Im Symposion rühmt er ihre vollendete Weisheit. Er gibt ihre Äußerungen in direkter Rede wieder und identifiziert sich mit deren Inhalt, statt eine eigene Theorie vorzutragen. Die Diotima-Rede bildet den philosophischen Höhepunkt des Gastmahls.

Ansonsten erfährt der Leser des Symposions über Diotima nur, dass sie eine Seherin war, deren Weisheit ihr außergewöhnliche Fähigkeiten verlieh; Sokrates berichtet, sie sei in der Lage gewesen, durch ein Opfer den Ausbruch der Pest in Athen um zehn Jahre zu verzögern.Platon, Symposion 201d. Daraus ist ersichtlich, dass sie als Priesterin fungierte. Gemeint ist die Pest, die in Athen im Jahr 430 v. Chr. ausbrach („attische Seuche“). Der Frauenname Diotima (Bedeutung: „die von Zeus Geehrte“ oder „die Zeus Ehrende“)Luc Brisson: Diotima. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 2, Paris 1994, S. 883–884, hier: 884. war selten; häufig war hingegen die männliche Form Diotimos.Siehe John S. Traill: Persons of Ancient Athens, Bd. 6, Toronto 1997, S. 52–62; Kurt Sier: Die Rede der Diotima, Stuttgart 1997, S. 8.

In seiner Wiedergabe des Gesprächs mit Diotima (Symposion 201d–212c) schildert Sokrates zuerst die Wesensart des Eros, dann dessen Wirken. Dabei tritt er ihr gegenüber als Schüler auf. Indem sie Fragen stellt, die ihm zu Erkenntnissen verhelfen sollen, übernimmt sie die maieutische Rolle, die er sonst selbst in Platons Dialogen gegenüber seinen Gesprächspartnern spielt. Wo er bekennen muss, keine Antwort zu wissen, enthüllt sie ihm die Wahrheit.

Inhalt

Mit „Eros“ ist die mythische Gestalt gemeint, die als Urheber des erotischen Begehrens der Menschen betrachtet wurde. Damit ist stets die Vorstellung von Leidenschaft verbunden. Sokrates geht anfänglich von der Annahme aus, Eros sei ein großer Gott und müsse schön sein. Diotima widerlegt diese Meinung. Sie zeigt, dass Eros weder gut und schön noch schlecht und hässlich ist, sondern in einem Mittelbereich zu verorten ist. Wegen dieser Unvollkommenheit kann er kein Gott sein. Zu den Sterblichen zählt er aber auch nicht. Da er zwischen Gottheit und Mensch steht, ist er ein Daimon („Dämon“, aber nicht im heute gängigen, meist abwertenden Sinn dieses Begriffs). Damit fällt ihm – wie allen Dämonen – eine Mittlerrolle zwischen Göttern und Menschen zu. Diese Aufgabe erfüllt er in seinem Zuständigkeitsbereich, auf dem Gebiet des Erotischen. Er übermittelt den Menschen das, was ihnen diesbezüglich von den Göttern zukommen soll.

In Diotimas Mythos ist Eros nicht – wie in einer verbreiteten Überlieferung – der Sohn der Göttin Aphrodite, sondern er wurde bei dem Festmahl, das die Götter anlässlich von Aphrodites Geburt hielten, gezeugt. Seine Mutter Penia, die personifizierte Armut, kam als Bettlerin zu dem Mahl und traf dort den betrunkenen Poros („Wegfinder“). Poros ist die Personifikation der Findigkeit, die stets einen Ausweg findet und den Weg zu Fülle und Reichtum bahnt. Ihm fehlt aber, wie seine Betrunkenheit andeutet, die Fähigkeit des Maßhaltens.Zum Charakter des Poros und zur Etymologie seines Namens siehe Steffen Graefe: Der gespaltene Eros – Platons Trieb zur „Weisheit“, Frankfurt am Main 1989, S. 131–170. Um ihre Bedürftigkeit auszugleichen, wollte Penia von ihm ein Kind empfangen. So kam es zur Zeugung des Eros, der sich später der Göttin, deren Geburtsfest zur Begegnung seiner Eltern geführt hatte, anschloss und ihr Begleiter wurde. In seinem Naturell verbindet Eros die Eigenschaften seines Vaters mit denen seiner Mutter. Von der Mutter hat er das Prinzip des Mangels geerbt, daher ist er arm und unansehnlich, barfuß und obdachlos. Vom Vater hat er seine Tatkraft und Schlauheit, seine Zauberkunst und die starke Neigung zum Schönen und Guten, die ihn antreibt. Da die Weisheit zum Schönen zählt, ist er auch ein Philosoph („Weisheitsliebender“). Ihm fehlt Einsicht, doch strebt er eifrig danach, da er sich dieses Mangels bewusst ist.

Wie Eros trachten auch die von ihm ergriffenen Menschen nach dem Schönen und Guten und wollen es für sich erlangen. Sie möchten es dauerhaft besitzen, um glücklich zu sein.

Der Mensch verfügt über Zeugungskraft oder Fruchtbarkeit sowohl im körperlichen als auch im seelischen Sinne. Diese Fähigkeit des Hervorbringens ist ebenso wie die Schönheit von göttlicher Art, daher kann sie sich dort entfalten, wo sie auf Schönes trifft; mit Hässlichem harmoniert sie nicht, daher wird sie von ihm nicht aktiviert. Aus diesem Grund richtet sich das erotische Begehren auf das Schöne. Dabei wird aber das Schöne nicht als solches erstrebt. Der erotische Drang ist nicht Liebe zum Schönen, sondern ein Drang zum Zeugen und Hervorbringen im Schönen. Das Sterbliche strebt nämlich nach Unsterblichkeit. Mittels der Fortpflanzung können Sterbliche etwas von sich hinterlassen und so eine Dauerhaftigkeit erreichen, mit der sie gewissermaßen am Unsterblichen teilhaben. Analog dazu ist auch das Hervorbringen dauerhafter geistiger Werte, etwa in der Dichtung oder der Gesetzgebung, eine Art von Zeugung, die „unsterblichen“ Ruhm verschafft.Siehe dazu Stefan Büttner: Die Literaturtheorie bei Platon und ihre anthropologische Begründung, Tübingen 2000, S. 215–224.

Eine besondere Stärke erreicht die erotische Anziehungskraft, wenn die begehrte Person nicht nur körperlich schön ist, sondern auch seelisch, also tugendhaft. Hiervon ausgehend entwickelt Diotima ihre Lehre von der rechten philosophischen Lenkung des erotischen Drangs. In der Jugend soll man sich schönen Körpern zuwenden und dabei erkennen, dass es nicht um die Vorzüge eines bestimmten Körpers geht, sondern um die körperliche Schönheit an sich, die in allen schönen Körpern dieselbe ist. Später wird man sich der seelischen Schönheit zuwenden, die man zunächst in einer bestimmten Person wahrnimmt. Daher richtet sich nun die Liebe auf diese Person, auch wenn sie äußerlich unansehnlich ist. Das führt zu einer Ausrichtung auf die Ethik; der Liebende entdeckt das Schöne in schönen Handlungen. Später wird auch die Schönheit von Erkenntnissen für ihn wahrnehmbar. Dabei erhält er Gelegenheit zu entdecken, dass auch im geistig-seelischen Bereich die Schönheit nicht an etwas Einzelnes gebunden ist, sondern das Allgemeine ist, das sich jeweils im Besonderen zeigt. Von da aus gelangt der Liebende zur höchsten Erkenntnisstufe. Dort kommt es nicht mehr auf einzelne Tugenden oder auf einzelne schöne Taten oder Einsichten an, sondern auf Schönheit im allgemeinsten und umfassendsten Sinne: die vollkommene und unwandelbare Schönheit schlechthin, die allen Erscheinungsformen des Schönen letztlich als deren Quelle zugrunde liegt. Dieses Urschöne ist keine bloße Abstraktion, kein gedankliches Konstrukt, sondern für den, der die letzte Stufe erreicht hat, eine wahrnehmbare Wirklichkeit.

Sokrates stimmt Diotimas Ausführungen zu und ergänzt, dass Eros auf dem philosophischen Erkenntnisweg der beste Helfer des Menschen sei. Daher solle man ihn und die Erotik ehren und sich auf diesem Gebiet üben.

Bedeutung Diotimas Platon stellt in seinen Dialogen Sokrates als Philosophen dar, der Erkenntnisse erlangt hat und anderen im Gespräch zu Einsichten verhilft, aber nicht mit dem Anspruch auftritt, über Wissen im Sinne eines abgeschlossenen, lückenlos begründbaren Lehrsystems zu verfügen. Daher lässt er ihn im Symposion nicht wie andere Gesprächsteilnehmer eine eigene Theorie des Eros in einer Rede vortragen, sondern weist ihm die Rolle des Berichterstatters zu, der nur fremde Weisheit darlegt. Aus diesem Grund benötigt Platon die Gestalt der Diotima, der er hier sein Konzept in den Mund legt. Als weise Seherin verfügt Diotima über eine Einsicht, die der philosophische Diskurs allein nicht vermitteln kann. Sie argumentiert zwar streckenweise philosophisch, aber hinsichtlich des Kerns ihrer Lehre beruft sie sich auf eine transzendente Erfahrung, die nach ihrer Darstellung den Höhepunkt und Abschluss eines philosophischen Schulungswegs darstellt.