mini|Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana) Die Schaben (Blattodea) sind eine Ordnung hemimetaboler Insekten, die mit ca. 4600 ArtenGeorge William Beccaloni: Blattodea Species File Online. Version 1.0/4.0. World Wide Web electronic publication. http://Blattodea.SpeciesFile.org (abgerufen am 15. Januar 2012) vor allem die Tropen und Subtropen besiedeln. Daneben finden sich einige in menschliche Behausungen eingeschleppte Arten, die dann als Schädlinge oder zumindest als lästig gelten. Schaben haben mittlerweile auch Einzug in die Terraristik gefunden. Teilweise werden sie hier als Futtertiere für andere Tierarten gehalten und gezüchtet, teilweise aber auch um ihrer selbst willen. Auch die Termiten gehören nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den Schaben.
Merkmale Größe Die Körperlänge der Schaben variiert zwischen 5 und mehr als 100 mm. Als größte rezente Art galt lange Zeit Megaloblatta blaberoides mit 100 mm Gesamtlänge, einer Körperlänge von etwa 66 mm und einer Flügelspannweite von maximal 170 mm. Die erst 2004 entdeckte Miroblatta baai aus Borneo erreicht eine vergleichbare Größe. Bezüglich der Körpermasse ist die ca. 80 mm lange, flügellose australische Macropanesthia rhinoceros mit etwa 35 g führend. Auch die als Heimtiere beliebten Fauchschaben der Gattung Gromphadorhina erreichen eine beeindruckende Größe. Hier ist neben der bekannten Madagaskar-Fauchschabe (Gromphadorhina portentosa) die mit bis zu 85 mm noch etwas größere Gromphadorhina grandidieri zu nennen. Die Körpergröße variiert oft innerhalb einer Art erheblich. Im Gegensatz zu vielen anderen Ordnungen sind bei den Schaben keine Fossilien gefunden worden, die die rezenten Arten an Größe übertreffen würden.William J. Bell, Louis Marcus Roth, Christine A. Nalepa: Cockroaches: ecology, behavior, and natural history. JHU Press, 2007, ISBN 0-8018-8616-3.
Körperform und Körperabschnitte Der Körper der Tiere ist fast immer abgeplattet. Einige Gattungen, insbesondere viele aus der Unterfamilie Perisphaeriinae, sind höher gewölbt und besitzen die Fähigkeit sich einzukugeln. Besondere Abweichungen der Körperform gibt es außerdem bei in Erde oder in Holz bohrenden Arten, bei Höhlenbewohnern oder bei in Ameisen- oder Termitennestern lebenden.
Die Mundwerkzeuge sind beißend-kauend und die Antennen meist lang und fadenförmig, sie sind bei vielen Arten die wichtigsten Sinnesorgane. Zusätzlich besitzen viele Vertreter extrem empfindliche Erschütterungssensoren (Subgenualorgane) in den Beinen. Der Kopf ist in der Regel sehr beweglich und sitzt etwas hängend unter dem Halsschild (Scutum oder Pronotum), die Mundwerkzeuge sind nach unten gerichtet (hypognath). Die Komplexaugen können je nach Art in unterschiedlicher Größe vorhanden sein. Sie sind in der Regel flach und ragen nicht aus der Kopfkontur heraus. Bei Arten mit größeren Augen umgeben diese oft nierenförmig die Fühlerwurzeln. Auffällig ist der große Halsschild, der den gesamten Kopf bedeckt. Er ist meist queroval geformt, kann aber auch abgerundet dreieckig nach hinten erweitert sein. Vor allem bei den Männchen trägt er oft Buckel, seltener Hörner, die ihnen bei gegenseitigen Rammstößen im Kampf um Weibchen dienen. Die drei Beinpaare besitzen meist abgeflachte Hüften und Schenkel. Die Basen der Hüften sind auf der Bauchseite einander stark genähert. Häufig können die Schenkel in Aussparungen der Hüften eingelegt werden. Die Tarsen sind fünfgliedrig. Die ersten vier Tarsenglieder tragen meist kissenförmige Vorsprünge, die Plantula oder Pulvilli genannt werden, ein weiterer Fortsatz dieser Art, das Arolium, liegt zwischen den beiden Krallen. Damit können die Tiere effektiv an glatten Oberflächen Halt finden, einige Arten können ohne weiteres auf senkrechten Glasscheiben laufen. Im Körperinnern ist ein muskulöser Kaumagen (Proventriculus) kennzeichnend, der an seiner Innenseite Zähne trägt. Der breit ansitzende Hinterleib (Abdomen) besitzt zehn Segmente (Sklerite), wobei einzelne Segmente stark reduziert sein können. Auf der Unterseite ist oft das erste Abdominalsternit und auf der Abdomenoberseite das achte und neunte Tergit reduziert. Bei Männchen sind in der Regel neun, beim Weibchen sieben, Abdominalsternite von außen sichtbar. Ursache dafür ist, dass das achte und neunte Segment in den Hinterleib eingezogen werden. Deutlich sichtbar sind die Hinterleibsanhänge (Cerci), die meist mehrgliedrig sind. Seltener sind sie eingliedrig oder fehlen. Die Cerci sind als mechanische Sinnesorgane ausgebildet, die vor allem vor Annäherung von Prädatoren warnen. Das Hinterleibsende ist bei Männchen und Weibchen unterschiedlich gestaltet. Bei den Weibchen ist hier eine Brutkammer ausgebildet, in der das Eipaket (Oothek) gebildet und häufig auch getragen wird. In der Brutkammer verborgen liegt der funktionsuntüchtige Rest des ursprünglichen Legeapparats (Ovipositor). Bei den Männchen ist das neunte Sternit als Subgenitalplatte weit nach hinten ausgezogen, auf der Oberseite sitzen verschiedene, oft hakenförmige Anhänge. Diese Anhänge weisen dabei stets eine starke Asymmetrie zwischen linker und rechter Seite auf. Sie dienen zum Festhalten des Weibchens bei der Paarung. Die Form dieser Genitalanhänge ist das wichtigste Merkmal zur Artbestimmung.
Die meisten Schabenarten sind unauffällig braun oder gelblich gefärbt. Bei verschiedenen Arten kommen leuchtende, rote oder orange, manchmal metallisch schillernde blaue oder grüne Farben vor; in der Regel sind dies giftige oder mit Wehrdrüsen ausgestattete Arten. Verschiedene tropische Arten ahmen in der Körperform Käfer nach (z. B. Gattung Prosoplecta).
Flügel, Flugvermögen und Fortbewegung Schaben verfügen wie die meisten Insekten über zwei Paar häutige Flügel, wobei die vorderen, etwas derberen und lederartigen Deckflügel als Tegmina ausgebildet sind und die zarteren Hinterflügel bedecken. Die Hinterflügel besitzen eine erheblich größere Fläche, weil bei ihnen der hintere Teil zu einem großen Analfächer erweitert ist. Sie sind für den Flug wesentlich. In Ruhestellung werden die Flügel übereinander flach auf dem Hinterleib angelegt getragen, wobei der hintere Teil der Hinterflügel fächerartig eingefaltet wird. Die Vorderflügel überlappen dabei meist ein wenig, wobei der linke immer über dem rechten liegt. Einige Arten (z. B. Diploptera punctata) falten die Hinterflügel in Ruhelage einmal quer. Die Flügeladerung der Schaben ist durch sehr viele Längsadern charakterisiert. Besonders deutlich ist eine bogenförmige Ader nahe dem Vorderrand zu erkennen, die als Subcosta bezeichnet wird. Häufig sind nur bei männlichen Tieren Flügel ausgebildet, während diese bei den Weibchen verkümmert sind. Daneben sind auch völlig flügellose Arten nicht selten. Das Flugvermögen der meisten Schabenarten ist überwiegend gering. Manche Arten besitzen trotz voll ausgebildeter Flügel kein Flugvermögen (z. B. Blattella germanica), ihnen fehlt die notwendige, kräftige Flugmuskulatur. Einige Arten, wie z. B. die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana), sind aber recht gute Flieger. Da Schaben sehr gut entwickelte Laufbeine haben, sind sie in der Regel gute und vor allem schnelle Läufer. Aus Südafrika wurde 2009 Saltoblattella montistabularis beschrieben, eine erst vor kurzem entdeckte, flügellose Art mit Sprungvermögen.Horst Bohn, Mike Picker, Klaus-Dieter Klass, Jonathan Colville: A Jumping Cockroach from South Africa, Saltoblattella montistabularis, gen. nov., spec. nov. (Blattodea: Blattellidae). Arthropod Systematics & Phylogeny, 2009, 68(1): 53–69.
Vorkommen und Ernährung Derzeit sind etwa 4600 Schabenarten bekannt. Als sehr wärmeliebende Gruppe haben sie ihren Verbreitungsschwerpunkt in den Tropen. In den Subtropen leben bereits weniger Arten, im europäischen Mittelmeerraum gar nur etwa 130. Obwohl sie generell feuchte Lebensräume bevorzugen, gibt es auch Arten, die auf trockene Lebensräume, bis hin zu Wüsten, spezialisiert sind (z. B. Familie Corydiidae). Diese sind dann tagsüber eingegraben und kommen nur bei erhöhter Luftfeuchte nachts hervor.
In Mitteleuropa leben lediglich 15 Arten. In Deutschland sind nur 6 Arten der Unterfamilie Ectobiinae (Waldschaben) freilebend. Lebensraum sind je nach Art Wälder, Waldränder oder auch Trockenrasen. Die in Deutschland lebenden Arten haben einen zweijährigen Entwicklungszyklus; die abgelegten Ootheken überwintern, die jungen Nymphen schlüpfen erst im folgenden Frühjahr. Die übrigen Arten sind eingeschleppt und leben ausschließlich in beheizten Häusern oder unter besonderen Bedingungen im Freiland (z. B. auf Müllkippen mit Wärmeentwicklung). Häufig sind solche Arten nur in dauerhaft sehr warmer Umgebung. Man findet sie besonders in Bäckereien, Großküchen, Gewächshäusern und Terrarien. Sie können auch in Wohnungen vorkommen und dort sehr lästig werden; dies ist in Mitteleuropa aber deutlich seltener als in wärmeren Ländern. Die bekanntesten Arten in Mitteleuropa sind die Gemeine Küchenschabe (Blatta orientalis) und die Deutsche Schabe (Blattella germanica), beide auch als Kakerlake bezeichnet. In menschlichen Behausungen finden sie oft ideale Lebensbedingungen und wurden daher in die ganze Welt verschleppt. Auch heimische Arten, wie die Gemeine Waldschabe (Ectobius lapponicus), werden in Ausnahmefällen in Häusern lästig.H. Weidner: Lapplandschaben als potentielle Freizeitschädlinge. Anzeiger für Schädlingskunde, 45(5), 1972: S. 75–76. Hannes Baur, Isabelle Landau Lüscher, Gabi Müller, Marcus Schmidt, Armin Coray: Taxonomie der Bernstein-Waldschabe Ectobius vittiventris (, 1847) (Blattodea: Blattellidae) und ihre Verbreitung in der Schweiz. Revue Suisse de Zoologie, 111(2), 2004: S. 395–424.
Schaben ernähren sich von unterschiedlichsten Stoffen pflanzlicher und tierischer Herkunft. Vor allem die synanthropen Arten sind Allesfresser (Omnivore). Die meisten im Freiland lebenden Arten sind saprophag und fressen z. B. Falllaub am Waldboden. Eine Reihe von Arten (z. B. Cryptocercus) ist auf verrottendes Totholz als Nahrung spezialisiert. Andere Arten schaben Algen und Flechten von Holz und anderen Oberflächen ab. Einige Arten nutzen neben anderer Nahrung weiche Pflanzenteile oder Keimlinge. Sie können gelegentlich in Gewächshäusern schädlich werden. Es sind aber keine Arten bekannt, die spezialisiert nur grüne Blätter oder andere Teile lebender Pflanzen fressen würden. Viele in Baumkronen lebende, tropische Arten nutzen Pollen und Honigtau. Einige Arten sind fakultative Räuber (Prädatoren) von anderen Arthropoden. Bei in Terrarien gehaltenen Tieren kommt es verbreitet zu Kannibalismus.
Fortpflanzung und Entwicklung Fortpflanzungsstrategie, Partnersuche und Paarung mini|Zwei Ootheken der Amerikanischen Großschabe (Periplaneta americana) Die Weibchen der Schaben locken Männchen über längere Entfernung durch einen Duftstoff (Pheromon) an. Bei der Deutschen Schabe (Blatella germanica) wurde diese Substanz identifiziert (Blattellachinon: Gentisyl-chinon-isovalerat). Die Männchen besitzen ebenfalls Duftdrüsen auf den ersten Tergiten des Hinterleibs, aus denen sie einen paarungsstimulierenden Duftstoff abgeben. Bei vielen Arten lockt das Männchen mittels dieses Duftstoffs das Weibchen auf seinen Rücken. Sind beide Tiere parallel ausgerichtet, ergreift das Männchen das Weibchen von unten mit seinen hakenförmigen Genitalanhängen. Am Ende der Paarung sind beide Tiere dann in entgegengesetzte Richtung orientiert mit den Genitalien aneinander gekoppelt. Bei vielen Arten kommt es zu einem komplizierten Paarungsspiel, bei dem auch Trommelsignale des Männchens eine Rolle spielen können. Das Sperma einer Paarung reicht für mehrere Eipakete aus.