Testimonium Flavianum, „Flavisches Zeugnis“, ist eine Bezeichnung für den Abschnitt Ant 18, 63–64 im Werk „Jüdische Altertümer“ (Antiquitates Iudaicae, abgekürzt Ant) des antiken jüdischen Historikers Flavius Josephus mit einer möglichen außerchristlichen antiken Erwähnung von Jesus von Nazaret. Im Text, wie er jetzt vorliegt, wird Jesus von Nazaret positiv gewürdigt. Bereits die Begriffsprägung Testimonium Flavianum bringt zum Ausdruck, dass ein solches „Zeugnis“ (lateinisch testimonium) des Juden Josephus in der christlichen Theologie seit der Patristik eine große Bedeutung hatte.

Josephus veröffentlichte sein Geschichtswerk zwar schon 93 n. Chr., es ist aber nur in mittelalterlichen christlichen Handschriften erhalten. In Anbetracht der generell schlechten Textqualität dieser Handschriften sind auch spätantike Zitate christlicher Autoren bei der Rekonstruktion des ursprünglichen Josephus-Textes heranzuziehen sowie Übersetzungen. Der Abschnitt Ant 18, 63–64 steht im Mittelpunkt einer intensiven wissenschaftlichen Diskussion.

Weitgehend Konsens ist, dass der jetzt vorliegende Text durch christliche Zusätze nachträglich erweitert (interpoliert) worden ist. Origenes las einen älteren Text, Eusebius von Caesarea dagegen den christlich bearbeiteten Text. Sehr umstritten ist weiterhin, was Josephus an dieser Stelle ursprünglich schrieb.

Der Text Ant 18, 63–64 Griechischer Text und Übersetzung Der Text lautet in den drei erhaltenen alten HandschriftenAus dem 11. Jahrhundert oder später. Vgl. Friedrich Wilhelm Horn: Das Testimonium Flavianum aus neutestamentlicher Perspektive. Tübingen 2007, S. 119. des 18. Buchs der Antiquitates folgendermaßen:

Kontext Das 18. Buch der Antiquitates enthält eine Darstellung der Amtszeit des Pontius Pilatus:

18,35 Ankunft des Pontius Pilatus in Judäa; 18,55–59 Pilatus befiehlt seinen Truppen, ihre Feldzeichen nach Jerusalem hineinzubringen. Darauf war unter anderem der Kaiser abgebildet. Schwere Unruhen waren die Folge. 18,60–62 Pilatus lässt ein Aquaedukt bauen und nutzt dazu Gelder aus dem Jerusalemer Tempelschatz; 63–64 Testimonium Flavianum; 65–80 Kreuzigung ägyptischer Priester, Zerstörung des Isistempels in Rom (diese Aussage von Josephus trifft offenbar nicht zu, der Tempel stand noch 70 n. Chr.); 81–84 Vertreibung der Juden aus Rom. 85–89 Pilatus richtet ein Blutbad unter rebellierenden Samaritanern an und wird infolge einer Anklage von Seiten der samaritanischen Selbstverwaltung von Vitellius, dem Statthalter Syriens, seines Amtes enthoben und zum Kaiser nach Rom geschickt.

Kommentar Während die Passage seit dem 17. Jahrhundert oft insgesamt für eine Fälschung gehalten wurde, die spätestens im 3. Jahrhundert nachträglich von einem Christen in die „Altertümer“ eingefügt worden sei,Vgl. Alice Whealey: Josephus on Jesus: The Testimonium Flavianum Controversy from Late Antiquity to Modern Times. New York 2003, S. 129–132. vertreten viele Historiker heute die Ansicht, Josephus habe in seinem Werk nicht nur Johannes den Täufer, sondern auch Jesus erwähnt. Auch dann meinen viele, dass einige Sätze seiner Erwähnung von christlichen Kopisten des Textes umformuliert oder hinzugefügt wurden.Vgl. Friedrich Wilhelm Horn: Das Testimonium Flavianum aus neutestamentlicher Perspektive. In: Christfried Böttrich (Hrsg.): Josephus und das Neue Testament. Tübingen 2007, S. 117. Dazu wird die angenommene Originalfassung unterschiedlich rekonstruiert.

Friedrich Wilhelm Horn referierte die vier wichtigsten von der Forschung vertretenen Interpretationsmodelle nach John P. Meier folgendermaßen:Friedrich Wilhelm Horn: Das Testimonium Flavianum aus neutestamentlicher Perspektive. In: Christfried Böttrich (Hrsg.): Josephus und das Neue Testament. Tübingen 2007, S. 125. das Testimonium Flavianum ist insgesamt eine christliche Einfügung; das Testimonium Flavianum ist christlich überarbeitet worden, aber eine ältere Vorlage ist noch erkennbar; das Testimonium Flavianum stammt bis auf wenige Einfügungen von Josephus; das Testimonium Flavianum ist vollständig auf Josephus zurückzuführen. 1 und 4 stellten Minderheitspositionen dar, wobei Kenneth A. Olson das erste Interpretationsmodell vertritt.

Als Einfügungen von der Hand eines christlichen Bearbeiters werden mehrheitlich gesehen: („wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf“) („Dieser war der Christus.“) („Denn er erschien ihnen am dritten Tage wieder lebend“) Diese Passagen unterbrechen den Textfluss und seien daher als nachträglich eingefügt zu erkennen. Der übrige Text sei, so Horn, „gut im Mund eines Juden vorstellbar, der Jesus nicht feindlich gegenübersteht.“Friedrich Wilhelm Horn: Das Testimonium Flavianum aus neutestamentlicher Perspektive. In: Christfried Böttrich (Hrsg.): Josephus und das Neue Testament. Tübingen 2007, S. 126f.

Problematisch ist das Wort χριστὸς, „Christus“, da Josephus es nur an zwei Stellen in seinen Werken verwendet, beide Male in der Kombination mit dem Namen Jesus.Matthew V. Novenson: The Grammar of Messianism: An Ancient Jewish Political Idiom and Its Users, Oxford University Press, S. 135 (Josephus uses the word χριστὸς precisely twice) Wenn er den Begriff nur so selten gebraucht, sollte man annehmen, dass Josephus diesen Begriff erklärt. Die Septuaginta übersetzte das hebräische Wort משׁיח Maschiach („Gesalbter“) mit χριστός, z. B . Abschnitt 2.1.2. Aquila. Auffallend ist aber, dass die Septuaginta-Übersetzer der Prophetenbücher χριστὸς nicht als Übersetzung von משׁיח Messias verwendeten. In diesen Texten ging es um einen Messias im Sinne eines künftigen jüdischen Führers aus davidischer Familie.Christina Oefele: Evangelienexegese als Partiturlesen Eine Interpretation(= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 2), S. 81ff. Man muss also davon ausgehen, dass einem nicht jüdischen Leser das Wort χριστὸς nicht geläufig war, zumindest nicht im Zusammenhang mit משׁיח. Josephus verwendet zwar das Wort χριω, „salben“, häufig, aber nie im Zusammenhang mit jüdischen Widerständlern oder jüdischen Propheten. Er nennt die Messiasprätendenten προφήτης „Propheten“, oder γόης „Zauberer“.Matthew V. Novenson: The Grammar of Messianism: An Ancient Jewish Political Idiom and Its Users. Oxford University Press, S. 141.

Eine weitere Erwähnung Jesu in Ant 20,200 In seiner Darstellung des Amtswechsels nach dem Tod des Prokurators Festus zu seinem Nachfolger Albinus im Jahre 62 berichtet Josephus über die eigenmächtige Hinrichtung des Jakobus, eines Bruders von Jesus Christus, durch den Hohepriester Ananos:

Obwohl die Mehrheit der Wissenschaft heute davon ausgeht, dass die Stelle echt ist, tatsächlich vom Tod des im Neuen Testament unter anderem im Galaterbrief und in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnten „Herrenbruders“ Jakobus berichtet und im vollen Umfang von Josephus stammt, gab es auch hieran lange Zeit starke Zweifel. Viele Wissenschaftler hielten „des sogenannten Christus“ für einen von christlichen Redaktoren später hinzugefügten Zusatz. Manche gingen davon aus, Josephus habe einen anderen Jakobus gemeint und der „Bruder Jesu, Jakobus mit Namen“ müsse ein Bruder von Jesus ben Damneus gewesen sein, des von Josephus wenig später erwähnten Nachfolgers von Ananos. Allerdings spricht die Reihenfolge der Erwähnungen gegen diese Hypothese, denn die Person Jesus ben Damneus wird erst nach dem Bericht über die Steinigung des Jakobus von Josephus eingeführt, sodass es textimmanent wenig plausibel erscheint, dass er ihn hier bereits ohne genauere Bestimmung nennt.

Origenes (c. Cels. I 47; II 13; Comm. in Mt. X 17) schreibt, Josephus habe im Kontext seines Berichts über die Steinigung des Jakobus die Zerstörung Jerusalems auf diese Tat zurückgeführt. Eine solche Aussage kommt in den erhaltenen Fassungen der Antiquitates Iudaicae nicht vor. Eusebius (Hist. Eccl. II 23, 22) dagegen kannte diese Notiz ebenfalls. Die Überlieferungsgeschichte dieser Bemerkung ist schwer zu rekonstruieren, sie wurde teils als Indiz dafür angesehen, dass in der Spätantike noch umfassendere christliche Umarbeitungen des Josephustextes in Umlauf waren.Vgl. Louis H. Feldman, Gōhei Hata (Hrsg.): Josephus, Judaism and Christianity. Brill, 1987, ISBN 978-90-04-08554-1, S. 55–57.

Zitate bei christlichen Autoren in Spätantike und Mittelalter Vor Eusebius Origenes (185–254) schrieb ausdrücklich, Josephus habe Jesus nicht für den Christus gehalten.Origenes: Contra Celsum, I, 47 Ob er diese Stelle gekannt hat, ist nicht bewiesen, aber anzunehmen.

Eusebius von Caesarea Eusebius von Caesarea war der erste christliche Autor, der das Testimonium Flavianum in seinem Werk erwähnte, und zwar dreimal mit kleinen Abweichungen: Kirchengeschichte 1,11,7–8; Demonstratio evangelica 3,5,105; Theophania Σ 202,2–203,5. Er verwies jedes Mal auf Josephus und gab dadurch zu erkennen, dass er eine ihm vorliegende Abschrift der Antiquitates zitierte.

Seit dem 18. Jahrhundert besteht der Verdacht, Eusebius habe das Testimonium Flavianum gefälscht. Eusebius war auch der erste christliche Schriftsteller, der sich ausführlich mit den Werken des Josephus auseinandersetzte. Daher erschien es schlüssig für die Wissenschaft, die Schriften Josephus mit dem Testimonium Flavianum und mit den Werken des Eusebius zu vergleichen. Ein solcher Vergleich ist aber schwierig, da im Gegensatz zu Josephus’ Werken die Werke von Eusebius nur bruchstückhaft vorliegen. Dennoch ist es möglich, einige Vergleiche zu ziehen. Besonders Ken Olsen von der Duke-Universität beschäftigte sich mit der Frage.Ken Olson: A Eusebian Reading of the Testimonium Flavianum 2013.Ken Olsen: Eusebius and the Testimonium Flavianum, The Catholic Biblical Quarterly 61/2, 1999 Seite 305–322Christfried Böttrich, Jens Herzer, Torsten Reiprich: Josephus und das Neue Testament, Mohr Siebeck 2006, S. 118. Olsens Fazit: Josephus verwendet das Wort φῦλον (Stamm, Volk)Wiktionary φῦλον nie im Zusammenhang mit Religionsgemeinschaften. Auch andere Autoren taten dies nicht. Nur Eusebius verwendet die Kombination Χριστιανῶν […] τὸ φῦλον („Stamm der Christen“) παραδόξων ἔργων ποιητής „Vollbringer ganz unglaublicher Taten“ sei typisch für Eusebius, aber nicht typisch für Josephus. Dieser verwende das Wort ποιητήςWiktionary ποιητής nur im Zusammenhang mit „Dichter“, aber nie mit „Macher, Vollbringer“, während Eusebius die Kombination παραδόξων und ποιητής mehr als hundert Mal verwende. Dasselbe würde für διδάσκαλος ἀνθρώπων „Lehrer aller Menschen“ gelten. Auch der Theologe Neville BirdsallIndependant Professor J. Neville Birdsall behauptet, das Wort διδάσκαλος werde von Josephus höchst selten und nur in einem anderen Zusammenhang verwendet, häufig jedoch von Eusebius. Aber diese Schlussfolgerungen belegen nicht, dass Eusebius das Testimonium Flavianum gefälscht hat. Es gibt auch Zeilen im Testimonium Flavianum, die seinem Stil entsprechen. Denkbar wäre, dass Josephus bewusst Worte aus dem Umfeld der römisch-christlichen Gemeinde verwendet hat.Christfried Böttrich, Jens Herzer, Torsten Reiprich: Josephus und das Neue Testament, Mohr Siebeck 2006, S. 135.

Nach Eusebius Die Kirchengeschichte des Eusebius war ein viel gelesenes Werk der Spätantike und des Mittelalters, auch in lateinischer und syrischer Übersetzung (beide 5. Jahrhundert). Folgende Autoren zitierten das Testimonium Flavianum aus der Kirchengeschichte des Eusebius und nicht aus einer ihnen vorliegenden Ausgabe der Antiquitates des Josephus (nach Alice Whealey): Johannes Malalas (um 530); Georgios Monachos (um 890); Agapios von Hierapolis (um 930); Pseudo-Simeon Magister (um 950); Georgios Kedrenos (um 1100); Michael der Syrer (um 1195).