Gaius Suetonius Tranquillus (deutsch meist Sueton; * wohl um 70 in Hippo Regius; † nach 122) war ein römischer Schriftsteller und Verwaltungsbeamter, dessen bedeutendstes Werk die „Kaiserviten“ ( = Acht Bücher über das Leben der Kaiser) sind. In diesen schildert er das Leben Caesars und der römischen Kaiser von Augustus bis Domitian. Für moderne Historiker liefern seine Schriften eine wertvolle Informationsquelle über das Leben römischer Gelehrter sowie der ersten römischen Kaiser, wenngleich seine Angaben teils mit Vorsicht zu behandeln sind, da Sueton vieles aus seinen Quellen allzu unkritisch übernahm. Trotzdem war er ein äußerst sorgfältiger und aufrichtiger Schriftsteller, der die Kürze liebte.Plinius, Epistulae 5,10.
Leben Quellenlage Über Sueton selbst existiert keine zeitgenössische Biographie. Seine Lebensdaten sind nur ungefähr aus seinen eigenen, teilweise fragmentarisch überlieferten Werken sowie aus einer Inschrift aus Hippo Regius. zu erschließen. Wichtige Hinweise liefern zudem mehrere Briefe des jüngeren Plinius, der Suetons Förderer war.Plinius, Episulae 1,18; 1,24; 3,8; 5,10; 9,34; 10,94,95.
Herkunft Sueton wurde um das Jahr 70 geboren, was sich daraus ergibt, dass er die Zeit Domitians nach eigener Beschreibung als „junger Mann“, adulescensSueton, Nero 57, 2. bzw. adulescentulusSueton, Domitian 12,2. erlebte. Er stammte wahrscheinlich aus Hippo Regius, dem heutigen Annaba, einer ursprünglich phönizischen Hafenstadt westlich von Karthago, die seit dem Dritten Punischen Krieg (149–146 v. Chr.) zum römischen Imperium gehörte. Darauf weisen Fragmente einer Inschrift hin, die 1951 in Hippo Regius entdeckt wurden und offenbar Sueton gewidmet sind.. Dennoch haben Gelehrte auch andere Herkunftsorte wie Pisaurum, Lanuvium oder Ostia in Italien aufgrund von Indizien in Betracht gezogen, sodass seine genaue Herkunft ungewiss bleibt.
Die Familie Suetons besaß offenbar über mehrere Generationen Beziehungen zum Kaiserhaus. Sueton zitiert seinen Großvater als Quelle für eine Anekdote über Caligula.Sueton, Caligula 19,3. Sein Vater Suetonius Laetus gehörte dem Ritterstand (equester ordo) an und nahm im Vierkaiserjahr 69 als Militärtribun (tribunus angusticlavius) der Legio XIII Gemina auf Seiten Othos am Bürgerkrieg teil.Sueton, Otho 10,1. Andere Stationen seiner militärischen Laufbahn, zu der weitere Offiziers- und Verwaltungsposten gehört haben könnten, sind nicht bekannt.
Ausbildung Sueton erhielt eine standesgemäße Ausbildung in den sogenannten artes optimae, der höheren römischen Bildung, die Politik, Rechtswesen, Rhetorik, Philosophie, Poesie, Musik, Mathematik, Astronomie und Medizin umfasste. Der Rhetorik wurde dabei das größte Gewicht beigemessen. Sueton überliefert den Namen eines seiner Lehrer, Princeps.Sueton, De grammaticis 4,9. Als junger Mann studierte er in Rom Grammatik und Rhetorik und war als gelehrter Herr (scholasticus dominus) bekannt.Plinius, Epistulae 1,24,4.
Karriere Nach seiner Ausbildung arbeitete Sueton zunächst als Gerichtsredner in Rom, wie zwei Briefe des Plinius aus der Regierungszeit Nervas oder den ersten Jahren Trajans zeigen.Plinius, Epistulae 1,18; 1,24. Um 96 oder 97 führte er einen Prozess, bat Plinius jedoch, eine Vertagung zu beantragen.Plinius, Epistulae 1,18. Später gab er diese Tätigkeit zugunsten der Schriftstellerei auf. Plinius, sein einflussreicher Förderer, unterstützte ihn beim Kauf eines kleinen Landguts in der Nähe RomsPlinius, Epistulae 1,24. und erwirkte von Trajan das Dreikinderrecht (ius trium liberorum), da Sueton in seiner Ehe kinderlos blieb. Dieses Privileg erleichterte ihm den Zugang zur öffentlichen Ämterlaufbahn.Plinius, Epistulae 10,94; Antwortbrief Trajans 10,95.
Suetons Ämterlaufbahn wird in der Inschrift aus Hippo Regius dokumentiert: Er war Flamen eines Municipiums, wurde von Trajan in die Gruppe der ausgewählten Richter (iudex selectus) aufgenommen und war Priester des Vulcanus, vermutlich nicht in Ostia, sondern an einem bislang unbekannten Ort. Plinius verschaffte ihm ein Militärtribunat in Britannien unter Lucius Neratius Marcellus, das Sueton jedoch auf seinen Verwandten Caesernius Silvanus übertrug.Plinius, Epistulae 3,8. In den letzten Jahren Trajans übernahm er die Ämter a studiis (vermutlich mit Archivaufgaben) und a bybliothecis (Aufsicht über die öffentlichen Bibliotheken Roms), die er vermutlich gleichzeitig ausübte.
Nach Hadrians Machtübernahme 117 wurde Sueton vermutlich um 118 oder 121 Sekretär für die Korrespondenz (ab epistulis), ein Amt von bedeutendem politischen und verwaltungstechnischen Einfluss. In dieser Funktion leitete er die kaiserliche Kanzlei, war für die Beantwortung von Anfragen an den Kaiser, den Briefverkehr mit Provinzstatthaltern, die Verkündung von Ernennungen und Beförderungen sowie gelegentlich den Austausch mit dem Ausland zuständig. Sueton widmete die ersten Bücher seines Werkes De vita Caesarum dem Prätorianerpräfekten Gaius Septicius Clarus, seinem neuen Förderer, der bereits Plinius unterstützt hatte. Dieses Werk wurde vermutlich zwischen 119 und 122 veröffentlicht.Historia Augusta, Vita Hadrianus 11,3. Ein kleines Bildnis des Augustus, das Sueton erworben hatte, schenkte er Hadrian.Sueton Augustus 7,1.
Hofintrige und Rückzug Im Jahr 122 wurde Sueton in eine Hofintrige verwickelt. Laut der oft unzuverlässigen Historia Augusta warf man ihm, Septicius Clarus und weiteren Mitgliedern des Hofstaats vor, sich gegenüber Kaiserin Vibia Sabina ohne Hadrians Zustimmung zu vertraulich verhalten zu haben, was die Etikette des kaiserlichen Hofes verletzte. Daraufhin wurden sie vom Hof entfernt.Historia Augusta, Hadrian 11,3. Es wird angenommen, dass Sueton Hadrian 122 auf seiner Reise nach Britannien begleitete, doch war dies vermutlich Teil einer gezielten Aktion, um eine Gruppe von Beamten, die unter Trajan gedient hatten, zu entmachten. Nach seiner Entlassung zog sich Sueton zurück und widmete sein weiteres Leben ausschließlich seinen Studien. Er lebte möglicherweise noch bis in die 130er Jahre, doch über diesen letzten Lebensabschnitt fehlen Informationen. Die große Anzahl seiner Schriften deutet jedoch auf eine längere Lebenszeit hin.
Sueton wird in den Briefen des Plinius als vir probissimus, honestissimus et eruditissimus („höchst ehrenwerter, rechtschaffener und gelehrter Mann“) beschrieben.Plinius, Epistulae 10,94,1. Er war ein Vertrauter (contubernalis), also gewissermaßen Freund und Klient des Plinius.Plinius, Epistulae 1,24,1; 10,94,1.
Sueton als Schriftsteller Die Schriftstellerei war in Rom gesellschaftlich weniger anerkannt als eine politische oder militärische Tätigkeit. Für Angehörige der Oberschicht blieb sie in der Regel eine Freizeitbeschäftigung, was auch bei Sueton im größeren Teil seines Lebens so gewesen sein dürfte. Plinius der Jüngere charakterisiert Sueton: Für Stubengelehrte, wie dieser einer ist, genügt weitaus soviel an Grund und Boden, wie viel sie brauchen, um ein Nickerchen zu machen.Plinius, epistulae, 1, 24.
Sueton verfasste eine Vielzahl von Werken mit historischen, grammatischen und naturwissenschaftlichen Inhalten, die Mehrzahl davon in lateinischer Sprache, einige aber auch in griechischer Sprache. Der Großteil dieser Schriften ist verloren. So sind von einer um 110 entstandenen großen Schriftensammlung De viris illustribus (Von den berühmten Männern) nur noch Fragmente vorhanden: In vollständiger Form enthielt es wohl Kurzbiographien von Berühmtheiten der römischen Literatur; es hatte die Kapitel Dichter, Redner, Geschichtsschreiber, Philosophen sowie Grammatiker und Rhetoren. Von dieser letzten Abteilung, Grammatiker/Rhetoren, ist etwas mehr als die Hälfte überliefert; außerdem sind zwei weitere Biographien aus anderen Abteilungen erhalten. Ansonsten kennt man De viris illustribus nur aus Zitaten nachfolgender Autoren.
Aus solchen Zitaten kennt man auch noch mindestens vierzehn andere Werke Suetons, z. B. Über die Spiele der Griechen, von denen aber nichts im Original überliefert wurde. Man hat teilweise versucht, einige Werke aus den gefundenen Zitaten zu rekonstruieren.
De vita Caesarum Fast vollständig erhalten ist das bekannteste Werk Suetons, das nach 120 erschien: De vita Caesarum, die Kaiserbiographien. Diese acht Bücher umfassende Schrift widmete Sueton seinem Patron Septicius Clarus. Sie enthält zwölf Biographien römischer Alleinherrscher: die des Gaius Iulius Caesar (bis 44 v. Chr.) sowie der Kaiser Augustus (27 v. Chr.–14 n. Chr.), Tiberius (14–37), Caligula (37–41), Claudius (41–54), Nero (54–68), Galba (68–69), Otho (69), Vitellius (69), Vespasian (69–79), Titus (79–81) und Domitian (81–96).
Jede Biographie steht für sich, die Proportionen sind dabei ziemlich ungleich: Die ersten sechs Biographien der Herrscher aus der Julisch-Claudischen Dynastie sind drei- bis viermal so umfangreich wie die der späteren Kaiser. Möglicherweise entstanden die späteren Biographien erst nach Suetons Entlassung aus dem kaiserlichen Dienst (122); der Zugang zu den kaiserlichen Archiven hätte ihm demnach nicht mehr offengestanden und seine Materialbasis wäre entsprechend dünner ausgefallen. Wieweit Sueton von den kaiserlichen Archiven überhaupt Gebrauch machte, ist jedoch mehr als fraglich.Vgl. dazu Luc De Coninck: Suetonius en de Archivalia. Brüssel 1983, besonders S. 74–85. Eine andere Erklärung tendiert deshalb dahin, dass Suetons übrige Werke (die erhaltenen Gelehrtenbiographien sowie das verlorene Pratum) sich größtenteils mit Gestalten der ausgehenden Republik befassten; die überproportionale Länge der Caesar- und der Augustusvita ließen sich somit auf den Umstand zurückführen, dass Sueton diese Zeit von seinen anderen Arbeiten her bereits kannte und über eine entsprechend große Materialkenntnis verfügte. Die späteren Biographien wären lediglich ein „Anhängsel“, um die Reihe zu komplettieren.
Sein Werk versucht nicht, diese zwölf Herrscher in einer gemeinsamen Kette des Geschichtsverlaufes darzustellen. Stattdessen untersucht er seine Objekte einzeln und detailliert in Kapiteln, die jeweils verschiedenen Aspekten gewidmet sind: Herkunft, öffentliche Karriere, Privatleben und Sexualität, Äußeres und Gesundheit, Bildung und Interessen, Religiosität sowie Tod.
Porträts und Büsten nach den Kaiserbiografien dienten an europäischen Fürstenhöfen zur Repräsentation ihrer Herrschaft.Reinhard Stupperich: Die zwölf Cäsaren Suetons. Zur Verwendung von Kaiserporträt-Galerien in der Neuzeit. Mannheimer Historische Forschungen 6, 1995 (online)
Suetons Arbeitsweise Sueton stützte sich wie andere antike Schriftsteller auch überwiegend auf ältere literarische Arbeiten und betrieb nur im eingeschränkten Umfang Quellenarbeit, wie sie bei modernen Historikern üblich ist.Luc De Coninck: Suetonius en de Archivalia. Brüssel 1983; Jacques Gascou: Suètone historien. Rome, 1984. Punktuell zog er etwa auch Inschriften heran. Besondere Sorgfalt widmete er Familie und Geburt der dargestellten Personen, wo er sich offenkundig bemühte, alle verfügbaren Quellen zu verwenden. Sueton zitiert an zahlreichen Stellen Passagen aus anderen Werken wie Testamenten oder Briefen, die in den meisten Fällen aber keine Archivfunde waren, sondern aus zeitgenössischen Schriften stammten. Unklar bleibt das Ausmaß der Verwendung von mündlich überlieferten Berichten; offenbar folgte Sueton ihnen nur dann, wenn sie von einer sein Vertrauen besitzenden Person (etwa sein Vater und Großvater) stammten.