Khirbet Qumran (), meist nur Qumran () genannt, ist eine archäologische Stätte im unter israelischer Verwaltung stehenden Westjordanland (Area C).Verwaltungseinheit Megilot in Judäa und Samaria. Sie liegt auf einer flachen Mergelterrasse nahe dem Nordwestufer des Toten Meeres. mini|Lage von Qumran in der westlichen Region des Toten Meeres Bereits in der Eisenzeit bestand eine durch zahlreiche Keramikfunde nachgewiesene Siedlung. Nach ihrem Ende war das Mergelplateau von der hellenistischen Zeit bis zum Jüdischen Krieg wieder bewohnt. Man unterscheidet ein Hauptgebäude mit Turm und zwei Wirtschaftsbereiche westlich und südlich davon. Es gibt auch einen großen Friedhof mit über 1000 Bestattungen östlich der Siedlung.

Seit den Funden der Schriftrollen vom Toten Meer in der ersten von elf Felshöhlen der näheren Umgebung (1947) legte ein Team der École Biblique unter Leitung von Roland de Vaux die Ruinen von 1951 bis 1956 weitgehend frei. Der Ausgräber präsentierte ein Gesamtbild der Geschichte und des Alltags der Einwohner Qumrans, das Texte antiker Autoren (Plinius der Ältere, Flavius Josephus, Philon von Alexandria), einige in den 1950er und 1960er Jahren bereits erschlossene Texte, die in den benachbarten Höhlen deponiert worden waren, und ausgewählte Grabungsbefunde kombinierte. Es erlangte eine große Breitenwirkung. Aufgrund unzureichender Stratigraphie ist de Vaux’ Chronologie aus Sicht späterer Archäologen größtenteils unbegründet.

Erst in den späten 1980er Jahren entwickelte sich Qumran zu einer vielbesuchten Touristenattraktion, parallel zu der Diskussion um die verschleppte Publikation der Schriftrollen vom Toten Meer. Diese Kontroversen führten dazu, dass Qumran in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurde.Jodi Magness: The Archaeology of Qumran and the Dead Sea Scrolls, Grand Rapids 2003, S. 1f.

2012 wurde Qumran von der Ständigen Delegation Palästinas auf der Tentativliste des UNESCO-Welterbes eingetragen. 400px|mini|Vorschlag einer Rekonstruktion der Anlage in hellenistisch-römischer Zeit (Schautafel im Nationalpark)

Namen Khirbet Qumran Khirbet Qumran () ist ein moderner, seit dem 19. Jahrhundert bezeugter arabischer Ortsname. Edward H. Palmer übersetzte ihn 1881 in einer Ortsnamensliste des Palestine Exploration Fund als „Ruine des grauen Flecks“ und verwies auf die helle Farbe der Mergelterrasse.Edward H. Palmer: The Survey of Western Palestine. Arabic and English Name Lists, London 1881, S. 345. (Digitalisat) Frank Moore Cross schlug stattdessen vor: „vom Mondlicht erhellte Ruine.“Yizhar Hirschfeld: Qumran – die ganze Wahrheit. Die Funde der Archäologie neu bewertet, Gütersloh 2006, S. 27 Anm. 1. Józef T. Milik wies darauf hin, dass die Gegend am Nordwestufer des Toten Meeres in der byzantinischen Mönchsliteratur „Wüste Kalamon“ hieß (zu „Schilfrohr“). Er hielt es für möglich, dass dieser Flurname von aramäisch sprechenden Mönchen zu *Qolmān transformiert wurde und im arabischen Namen Qumrān weiterlebt.Józef T. Milik: Une inscription et une lettre en araméen christo-palestinien. In: Revue Biblique. 60, 1953, S. 526–539, hier S. 538 Anmerkung 8.

Ir haMelach oder Sechacha Für den eisenzeitlichen Namen von Qumran wird eine Liste im biblischen Buch Josua herangezogen (), die mit En Gedi einen sicher identifizierbaren Ortsnamen enthält. Daher nimmt man an, dass die übrigen fünf Orte der Liste auch am Westufer des Toten Meeres lagen: Bet-Araba, Middin, Sechacha, Nibschan und Ir-haMelach. Martin Noth plädierte für die Identifikation von Khirbet Qumran mit Ir haMelach (, „Salzstadt“),Martin Noth: Das Buch Josua (= Handbuch zum Alten Testament, Band 7). Tübingen 1938, S. 72. Zustimmend Frank Moore Cross und Józef T. Milik: Explorations in the Judaean Buqê'ah. In: Bulletin of the American Schools of Oriental Research. 42, 1956, S. 5–17, hier S. 15 f.: [ʿIr haMelach] is now to be identified with Ḫirbet Qumrân, thanks to the discovery of an Iron II fortress beneath the Essene remains. Ebenso Roland de Vaux: Archaeology and the Dead Sea Scrolls. The Schweich Lectures of the British Academy 1959.,London 1973, S. 92. Die Biblia Hebraica Stuttgartensia (5. Auflage 1997) bezeichnet diese Identifikation in der Anmerkung zu Jos 15,62 als „wahrscheinlich“. John Marco Allegro für Sechacha (), einen Ort, der auch in der Kupferrolle von Qumran mehrfach erwähnt wird.John Marc Allegro: The Treasure of the Copper Scroll, London 1960, S. 68–70. Hanan Eshel unterstützte Allegros Identifikation nach einer Analyse der Reihenfolge der in Jos 15 genannten Orte: Sechacha sei der Hauptort der Nordgruppe, En Gedi der Hauptort der Südgruppe.Hanan Eshel: A Note on Joshua 15:61–62 and the Identification of the City of Salt. In: Israel Exploration Journal 45/1 (1995), S. 37–40. Zur neueren Diskussion dieser Ortsliste vgl. Jacobus Cornelis de Vos: Das Los Judas: Über Entstehung und Ziele der Landbeschreibung in Josua 15. Brill, Leiden/Boston 2003, S. 463–466. Wenn man die kurz vor dem Jüdischen Krieg angefertigte Kupferrolle für den antiken Namen Qumrans heranzieht, heißt das auch, dass der eisenzeitliche Name Sechacha trotz mehrhundertjähriger Siedlungspause weiter tradiert wurde und in hellenistischer Zeit bei der Neubesiedlung der Mergelterrasse wieder aufgegriffen wurde. Für Jodi Magness steht fest, dass Sechacha der antike Name Qumrans war.Jodi Magness: The Archaeology of Qumran and the Dead Sea Scrolls, Grand Rapids 2003, S. 25.

Mezad Chasidim Michael Avi-Yonah hingegen folgte im Gazetteer of Roman Palestine 1976 einem Vorschlag Józef T. Miliks, die Siedlung von Khirbet Qumran in hellenistischer und römischer Zeit mit Mezad Chasidim zu identifizieren, einem Ortsnamen, der in einem Brief aus der Zeit des Bar-Kochba-Aufstands (134/135 n. Chr.) genannt wird: „Festung der Frommen“, bzw. „Essenerfestung“, wenn man Miliks Herleitung des Namens Essener von folgt.Michael Avi-Yonah: Gazetteer of Roman Palestine, Jerusalem 1976, S. 80. Vgl. Mur 45,6 (DJD II,163f.). Zitat ebd.: ‘Monastery‘ of the Dead Sea Sect, with aqueduct and necropolis; near the caves in which the Copper scrolls and various Ms. were found. Diese Herleitung ist allerdings problematisch.Peter Schäfer: Der Bar-Kochba-Aufstand. Studien zum zweiten jüdischen Krieg gegen Rom. Mohr, Tübingen 1981, S. 122.

Klima Am Nordwestufer des Toten Meeres sind die Niederschläge mit 100 mm im jährlichen Durchschnitt höher als im Süden des Binnensees, wo weniger als 50 mm gemessen werden. Die relative Luftfeuchtigkeit ist das ganze Jahr über niedrig. Der Sommer ist sehr heiß, mit Tageshöchsttemperaturen von 33–38 Grad Celsius. Josephus schrieb, die Hitze sei derartig, dass man kaum aus dem Haus treten könne. Der Winter am Toten Meer ist mit 20–22 Grad Celsius mild. In der Antike war eine Villa am Toten Meer für die Jerusalemer Oberschicht eine attraktive Option, denn während es in Jerusalem unangenehm kalt und feucht war, trugen die Anwohner des Toten Meeres Leinenkleidung, wie Josephus schrieb.Yizhar Hirschfeld: Qumran – die ganze Wahrheit. Die Funde der Archäologie neu bewertet, Gütersloh 2006, S. 34. Vgl. Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 4, 473 und 4,471.

Die Verdunstung ist mit jährlich bis zu 3 Metern extrem hoch. Da Khirbet Qumran über keine Quelle verfügte und die antiken Bewohner auf die Speicherung des Wassers angewiesen waren, welches an wenigen Wintertagen durch das benachbarte Wadi Qumran strömte, ist davon auszugehen, dass ihre Wasserinstallationen abgedeckt oder überbaut waren.Yizhar Hirschfeld: Qumran – die ganze Wahrheit. Die Funde der Archäologie neu bewertet, Gütersloh 2006, S. 163 und 166.

Topographie mini|Schiffsverkehr auf dem Toten Meer in byzantinischer Zeit, im Hintergrund das Ostufer mit dem Badeort Kallirhoe (Madaba-Karte) mini|Markierung am Felsen von Ras Feshkha. Die waagerechte Linie über den Buchstaben P.E.F. befand sich am 9. Oktober 1900 genau 14 Fuß (4,2672 Meter) über der Wasseroberfläche des Toten Meeres.Observation of Dead Sea Levels. In: Palestine Exploration Fund Quarterly Statement, Januar 1901, S. 5. (Digitalisat) Die archäologische Stätte befindet sich etwa 20 km südöstlich von Jerusalem am Nordwestufer des Toten Meeres., hier Sp. 1873. Sie liegt auf einem natürlichen Mergelplateau etwa 325 m unter dem Meeresspiegel, 97 m über dem heutigen Ufer des Binnensees. Dieser wird von ganzjährig Wasser führenden Zuflüssen gespeist (neben dem Jordan sind dies Wadi Mudschib und Wadi Hasa), einigen ufernahen Quellen, vor allem aber von winterlichen Niederschlägen in einem etwa 40.000 Quadratkilometer großen hydrographischen Einzugsgebiet.Yizhar Hirschfeld: Qumran – die ganze Wahrheit. Die Funde der Archäologie neu bewertet, Gütersloh 2006, S. 35f. Der Wasserstand des Toten Meeres unterliegt deshalb jahreszeitlichen Schwankungen. Er war aber auch im Lauf der Geschichte großen Schwankungen unterworfen. Das hatte Auswirkungen auf die Quellen in seiner Umgebung und damit auf die Möglichkeit einer Oasenwirtschaft mit Hainen von Dattelpalmen, zwischen denen Feldfrüchte angebaut werden konnten. Die Lage der antiken Häfen von Khirbet Mazin, Rujm el-Bahr und Kallirhoe deutet darauf hin, dass der Wasserstand in hellenistischer und römischer Zeit bei etwa −395 m lag. Das war eine vergleichsweise ideale Situation. Die Folge war ein Bauboom am Toten Meer seit etwa 100 v. Chr.: Villen, Gehöfte, Werkstätten, gesichert durch militärische Stützpunkte und verbunden durch ein Straßennetz. Als der Wasserspiegel in frühbyzantinischer Zeit auf über −390 m stieg, bedeckte das Tote Meer einen Teil der potentiell landwirtschaftlich nutzbaren Fläche. Sinkt der Wasserstand unter −400 m, vertrocknen einige Quellen, andere liefern nur noch brackiges Wasser. Das ist die heutige Situation.Yizhar Hirschfeld: Qumran – die ganze Wahrheit. Die Funde der Archäologie neu bewertet, Gütersloh 2006, S. 38–40.