Als Filariosen (Syn. Filariasis) werden verschiedene Erkrankungen benannt, die auf die Infektion mit parasitischen Fadenwürmern, den Filarien (Vertreter der Filarioidea), zurückgehen. Sie gehören entsprechend zu den Wurmerkrankungen. Filariosen manifestieren sich artabhängig vor allem im Lymphgefäßsystem oder im oberflächlichen wie auch tieferen Bindegewebe.
Filariose zählt zu den sogenannten Big Five, den fünf häufigsten Vernachlässigten Tropischen Krankheiten, die auch als NTDs (von neglected tropical disease) bezeichnet werden und gemeinsam 90 Prozent der armutsassoziierten Tropenkrankheiten ausmachen.Medizin. Vernachlässigte Tropenkrankheiten. Es trifft immer die Armen Deutsche Welle. Abgerufen am 1. Juli 2021.
Erreger und Vektoren Erreger Erreger der Filiariosen sind verschiedene parasitische Fadenwürmer aus der Gruppe der Filarien (Filarioidea). Je nach ihrer Lebensweise lösen verschiedene Arten unterschiedliche Typen der Filariose aus. Wuchereria bancrofti und Brugia malayi führen durch Besiedlung der Lymphgefäße zur lymphatischen Filariose. Loa loa lebt als Wanderfilarie im Unterhautgewebe, der Subkutis und löst die Loiasis aus, die sich auch im Auge manifestieren kann („Augenwurm“). Ebenfalls im Unterhautgewebe leben die Erreger der Onchozerkose, Onchocerca volvulus, die zur sogenannten Flussblindheit führen kann. Die Filarien führen eine endosymbiotische Lebensweise mit Bakterien der Gattung Wolbachia,Achim Hörauf, Sabine Mand, Dietrich W. Büttner: Doxycyclin zur Chemotherapie der Filariosen: Elimination von Wolbachien, essenziellen bakteriellen Endosymbionten in den Würmern. In: Dtsch Arztebl. 2003; 100(37), S. A-2383 / B-1988 / C-1875. sie sind für die Existenz der Würmer essentiell.
Vektoren mini|Kriebelmücke mit am linken Fühler austretender Onchocerca-Filarie Die Larven der Filarien, benannt als Mikrofilarien, werden durch verschiedene blutsaugende Insekten übertragen. Die Übertragung erfolgt durch den Stich der Insekten, die als Zwischenwirt und Vektor dienen. Die Insekten nehmen die Larven der Filarien, die Mikrofilarien, mit dem Blut ihres Wirtes auf und geben zugleich die entwickelten Filarien in das Blut- und Lymphsystem ab.
Stechmücken spielen die zentrale Rolle bei der Übertragung der Erreger der lymphatischen Filariosen. So wird Wuchereria bancrofti von Stechmücken der Gattungen Aedes und Culex übertragen, Brugia malayi von Arten der Gattungen Anopheles und Mansonia. Vektoren der Loiasis sind Bremsen der Gattung Chrysops, und Onchocerca volvulus wird nur von einzelnen Arten der Kriebelmücken der Gattung Simulium übertragen. Bei tierpathogenen Filarien können zudem blutsaugende Milben oder Zecken eine Rolle spielen, etwa bei Litomosoides carinii, der Ratten befällt.
Vorkommen und Epidemiologie Die Verbreitung der Krankheiten ist abhängig vom Verbreitungsgebiet der jeweiligen Vektoren. Die meisten Filariosen werden durch Insekten in tropischen Ländern übertragen. Laut WHO sind weltweit 25 Mio. Menschen einer Hydrozele und 15 Mio. von einem Lymphödem betroffen. Insgesamt lebten 2023 657 Millionen Menschen in 39 Ländern, bei denen eine Chemoprophylaxe zur Verhinderung der Ausbreitung notwendig wäre.
Einteilung und klinisches Bild Filariosen werden entsprechend den unterschiedlichen Lebensweisen der Filarien und der damit zusammenhängenden Krankheitssymptome unterschieden. Als Filariosen im eigentlichen Sinne werden die lymphatischen Formen betrachtet, ausgelöst durch im Lymphgefäßsystem lebende Arten.
Lymphatische Filariosen mini|Lebenszyklus von Brugia malayi Die lymphatische Filariose gilt auch als Filariose im eigentlichen Sinne und wird vor allem durch die Filarien Wuchereria bancrofti, Brugia malayi und Brugia timori ausgelöst.
Die Erstinfektion erfolgt in den tropischen Epidemiegebieten bereits frühkindlich. Die Filarien entwickeln und vermehren sich in den Lymphknoten der infizierten Personen und die Mikrofilarien wandern in die peripheren Lymphgefäße, wo sie periodisch nachgewiesen werden können. Während dieser Zeit entwickelt der infizierte Körper zunehmend eine Immunabwehr, die sich in einer erhöhten Zahl eosinophiler Granulozyten im Blutbild (Eosinophilie) mit Fieber und intermittierender Lymphangitis zeigt. Zugleich kommt es zu einem starken Anstieg der Mikrofilarienzahl (Mikrofilarämie) mit tageszeitabhängiger (circadianer) Periodizität.
Bei zunehmender Manifestation der Krankheit entwickeln sich verschiedene Spätfolgen, die sich vor allem aufgrund der Zunahme lebender und abgestorbener Mikrofilarien in den Lymphbahnen ausbilden. Vor allem im Hodenbereich des Mannes kommt es zu Entzündungen und Schwellungen des Hodens (Orchitis), des Nebenhodens (Epididymitis) und der Samenstränge (Funikulitis), Wasserbrüche in den Hoden (Hydrozele) und Lymphödeme des Hodensacks (Lymphscrotum). Nach mehrjährigem Verlauf und zunehmender Verstopfung der Lymphgefäße (Obstruktion) und nachfolgender Verödung durch abgestorbene Mikrofilarien kommt es zu Verhärtungen der Lymphgefäße (Lymphvarikosen), Chylurie und Chylothorax durch Abflussstörungen der Lymphe sowie der Ausbildung der Elephantiasis vor allem der Beine aufgrund von Lymphansammlungen im Gewebe.
Loiasis
Die Loiasis wird ausschließlich durch Loa loa ausgelöst und ihre Verbreitung ist auf tropische Regenwaldgebiete Afrikas beschränkt. Anders als bei den lymphatischen Filariosen wandern die Filarien im Unterhautzellgewebe (Wanderfilarie), im Bindegewebe unter der Haut sowie unterhalb der Bindehaut des Auges (subkonjunktival). Kommt Loa loa im Auge vor, wird er als „Augenwurm“ bezeichnet.
Die Symptome der Loiasis sind vor allem auf Immunreaktionen und allergische Reaktionen zurückzuführen. Es bilden sich scharf abgegrenzte und stark juckende Schwellungen der Haut, die jeweils für einige Tage präsent sind und in unregelmäßigen Abständen erneut auftreten (rezidivieren) und als Kalabar-Beule oder Kamerunbeule bezeichnet werden. Die Larven (Mikrofilarien) werden in das Lymphsystem abgegeben und können so entsprechend nachgewiesen werden, haben jedoch keine Symptomatik analog zu den lymphatischen Filariosen.
Onchozerkose und Flussblindheit mini|Lebenszyklus von Onchocerca volvulus
Die Onchozerkose, auch bekannt als Knotenfilariose, wird durch eine Infektion mit Onchocercas volvulus ausgelöst. Wie bei der Loiasis leben die adulten Würmer auch bei dieser Infektion im Unterhautbindegewebe. Sie wandern jedoch nicht, sondern bleiben lokal in Knoten und geben ihre Larven in das angrenzende Bindegewebe ab. Die Larven zerstören hier die elastischen Fasern und führen zu chronischem Juckreiz, Hautentzündungen (Dermatitis), Lichenifikation, Atrophie der betroffenen Gewebe, Depigmentation der Haut sowie Loslösung von Hautfalten im Bindegewebe (Presbydermie).
In den Epidemiegebieten kommt es durch Befall der Augen mit den Mikrofilarien in bis zu 10 % der Infektionsfälle zu einer Erblindung. Dies kann sowohl durch den Befall der Hornhaut und der Augenkammer wie auch durch den Befall der hinteren Augenbereiche nahe der Netzhaut und des Sehnervs geschehen. Der Befall in den vorderen Abschnitten führt zu lokalen Entzündungen der Hornhaut (Keratitis), der Bindehaut (Konjunktivitis), der Iris und des Ziliarkörpers (Iridozyklitis) sowie der mittleren Augenhaut (Uvea, Uveitis) und darüber zu Lichtscheu (Photophobie), Glaukom (grüner Star) und Katarakt (grauer Star). Im hinteren Augenbereich führt die Infektion zu allergischen Reaktionen, der Entzündung der Netzhaut und der Aderhaut (Chorioretinitis) sowie des Sehnervs (Neuritis nervi optici) oder zur Optikusatrophie. Diese durch den Befall mit den Mikrofilarien von Onchocercus volvulus ausgelösten Formen der Erblindung werden als Flussblindheit zusammengefasst.
Mansonelliasis Auch die Mansonella-Filarien leben im Bindegewebe. Dabei finden sich Mansonella ozzardi und Mansonella perstans im Bindegewebe des Bauchfells (Peritoneum) und Mansonella streptocerca im Unterhautzellgewebe. Anders als andere Filarien sind sie weitgehend apathogen, lösen also keine über die Wurminfektion hinausgehenden Erkrankungen und Symptome aus.
Sonstige Filariosen mini|Mit Herzwurm (Dirofilaria immitis) infiziertes Hundeherz Neben den beschriebenen Filariosen werden weitere Filariosen des Menschen von der Internationalen statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme zusammengefasst. Hierunter fallen vor allem Zoonosen, also Infektionen mit Arten, bei denen der Mensch nicht der eigentliche Wirt ist (Fehlwirt). Beispiele für entsprechende Zoonosen sind Infektionen mit Dirofilaria immitis und Dirofilaria repens, Acanthocheilonema reconditum und Brugia pahangi. Diese Arten befallen neben dem Menschen vor allem Hunde (→ Herzwurmerkrankung, Kutane Dirofilariose), Katzen (→ Dirofilariose), Huftiere und Primaten.
Diagnostik Abhängig von der Art und dem Ort der Manifestation der Filariose erfolgt die Diagnostik ebenfalls unterschiedlich. Bei den lymphatischen Filariosen treten die Mikrofilarien im Blutbild und der Lymphflüssigkeit auf und können dort nachgewiesen werden, wobei die Mikrofilarien von Loa loa und Wuchereria bancrofti zu jeweils artspezifischen Tageszeiten nachweisbar sind. Sie treten in der Regel nachts auf und sind somit abgestimmt auf das Blutsaugverhalten der Vektoren. Lymphatische Mansonella-Arten zeigen dagegen kein periodisches Auftreten. Die Mikrofilarien von Onchocercas volvulus und Mansonella streptocerca treten in der Haut auf.
Auch verschiedene Verfahren der Serodiagnostik geben Hinweise auf die Infektion mit Filarien, vor allem der Immunfluoreszenztest (IFT), die Komplementbindungsreaktion (KBR) und das Enzymimmunoassay (EIA) zum Nachweis von Antikörpern und Antigenen im Blutserum.
Behandlung Die medikamentöse Behandlung und zeitlich begrenzte Prophylaxe erfolgt bei Loiasis und lymphatischen Filariosen durch die Gabe von Diethylcarbamazin, einem Anthelminthikum. Ivermectin, ein Avermectin, wird gegen Mikrofilarien und Albendazol, ebenfalls ein Anthelminthikum, gegen adulte Filarien empfohlen.E. Palumbo: (PDF; 54 kB) In: Acta bio-medica. Band 79, Nummer 2, August 2008, S. 106–109, . PMID 18788504. (Review). Weitere Arzneimittel können bei der Behandlung der Onchozerkose zum Einsatz kommen.
Durch die guten Ergebnisse von Studien, bei denen Ivermectin zum Einsatz kommt, hat die WHO ihre Empfehlungen 2017 geändert und empfiehlt nunmehr eine Dreifachkombination aus Ivermectin, Diethylcarbamazin und Albendazol zur Therapie und Prophylaxe der lymphatischen Filariose, die sogar bei einfacher Massenverteilung eine hohe Erfolgsrate aufweist. Neben der lymphatischen Filariose wirkt diese Kombination auch gegen begleitend bestehende intestinale Helminthen-Infektionen und Kopfläuse.
Allerdings ist die Gabe von Diethylcarbamazin in Gegenden, in denen auch die Onchozerkose endemisch ist, nicht indiziert, da bei einer Infektion die Einnahme von Diethylcarbamazin zu schweren Nebenwirkungen führen kann. Ebenso darf bei einem Befall mit Loa loa kein Ivermectin gegeben werden, da dies insbesondere bei hoher Parasitämie akute schwere Nebenwirkungen auslösen kann. In beiden Fällen kann es durch die Medikamenteneinnahme zu einem akuten massiven Absterben der Parasiten und Toxin-Freisetzung kommen, wodurch eine schwere Entzündungsreaktion ausgelöst werden kann, die bis zum Multiorganversagen und Tod führen kann. Besonders in vielen afrikanischen Ländern sind alle drei Parasiten endemisch.