Wilhelm Steinitz (als Wolf Steinitz * 14. Mai 1836 in Prag; † 12. August 1900 in New York als William Steinitz) war ein österreichisch-amerikanischer Schachmeister aus Böhmen und von 1886 bis 1894 der erste allgemein anerkannte Schachweltmeister. Er gilt als Revolutionär der Schachtheorie, weil er die damals vorherrschende Spielweise des stürmischen Angriffsschachs, des sogenannten „romantischen Schachs“, scharf kritisierte. Mit einer erstmals wissenschaftlichen Herangehensweise formulierte Steinitz heute noch gültige strategisch-positionelle Grundsätze und legte somit den Grundstein für die moderne Schachtheorie.Zu Steinitz’ wissenschaftlichem Schachverständnis, vgl. Kmoch 1982, S. 3–5.
Leben Jugend mini|hochkant|Das Nachfolgegebäude des Café Rebhuhn in Wien, wo Wilhelm Steinitz regelmäßig spielte. Wilhelm Steinitz wurde als neuntes von 13 Kindern des Schneiders Josef Salamon Steinitz (1789–1868) und dessen Frau Anna geboren. Als Geburtstag wird gelegentlich der 17. Mai angegeben. Dies beruht auf einer irrtümlichen Angabe von Steinitz selbst aus dem Jahr 1887, die er jedoch später korrigierte. Der 14. Mai ist durch die Geburtsurkunde und Aufzeichnungen der jüdischen Gemeinde belegt.Vgl. Landsberger 1993, S. 2 f. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen, mehrere seiner Geschwister starben im Kindesalter. Wilhelm hatte von Geburt an einen Klumpfuß und brauchte eine Gehstütze. Bereits als Kind galt er als einer der besten Schachspieler in Prag.
1858 zog er nach Wien, um am Polytechnischen Institut Mathematik zu studieren. Eine Zeit lang finanzierte er sein Studium durch journalistische Arbeiten für die Constitutionelle Österreichische Zeitung, für die er Parlamentsberichte schrieb. Bald aber stellte sich für Steinitz heraus, dass mit dem Schachspielen in Wiener Kaffeehäusern weit mehr Geld zu verdienen war. Zunächst verkehrte er im Café de l’Europe auf dem Stephansplatz, wo er um Einsätze spielte und durch „sein scharf durchdachtes, dabei flottes Spiel“ Aufmerksamkeit auf sich zog. Daran anschließend wurde er in exklusive Kreise „der diplomatischen Welt“ eingeführt, wo er sein Schachkönnen demonstrieren und sein Einkommen weiter steigern konnte.
Im Jahr 1859 nahm er erstmals am Meisterschaftsturnier der Wiener Schachgesellschaft teil und errang auf Anhieb den dritten Preis. Bei seinen nachfolgenden Teilnahmen 1860 und 1861 wurde er zunächst Zweiter, dann Erster. Seine äußere Erscheinung und sein Verhalten gaben in den Wiener Schachkreisen Anlass zu zahlreichen Erzählungen über ihn. Sein Äußeres wurde mit der Figur des Narciß-Rameau aus dem gleichnamigen Drama von Albert Emil Brachvogel verglichen. Eine bekannte, erstmals 1873 in der Österreichischen Schachzeitung publizierte Anekdote beschreibt eine Partie gegen den wohlhabenden Bankier Epstein, zu dem er gesagt haben soll: „Sie sind der Epstein an der Börse, hier – bin ich Epstein.“Oesterreichische Schachzeitung, September 1873, S. 268. Durch seine Erfolge wurde er schnell international bekannt.
Die Jahre in London 1862 nahm er in London an seinem ersten internationalen Turnier teil und errang den 6. Platz. Er gewann einen Preis in Höhe von 5 Pfund.Fred Kahl: Wilhelm Steinitz Eintrag auf der Webseite koenig-plauen.de. Abgerufen am 29. März 2021. Von seinen Partien dort wurde sein Schwarzsieg gegen den italienischen Meister Serafino Dubois bekannt. Die zeitgenössische Presse kolportierte Meldungen, wonach Steinitz nicht als offizieller Vertreter des Wiener Schachclubs nach London reiste, da dieser „an dem nicht sehr angenehmen Äußeren Steinitz’s Anstoß nahm (!)“,K. Pfisterer: Das Novellenbuch Nr. 83, 15. Oktober 1866, S. 332. . sondern die Mittel für die Reise selbst aufbringen musste. Er habe einem Freund in Wien gesagt: „Entweder sie werden von mir gar nichts mehr hören, oder ich bin in etlichen Jahren der erste Schachspieler Europas.“
Daraufhin übersiedelte Steinitz nach London, da England damals als Zentrum der Schachwelt galt. Hier konnte er seinen Lebensunterhalt durch Spiel um Geld in den Kaffeehäusern der Metropole bestreiten.
Steinitz spielte sich in den nächsten Jahren nach oben: Direkt nach dem Londoner Turnier besiegte er Serafino Dubois in einem Wettkampf mit 5,5:3,5, 1863 schlug er Joseph Henry Blackburne mit 8:2. Im gleichen Jahr gewann er gegen Deacon 5,5:1,5 und Mongredien mit 7:0. Zur Jahreswende 1863/1864 schlug er Green 8:1. Anschließend siegte er überlegen in zwei Turnieren: Dublin 1865 und London 1866.
mini|hochkant|links|Steinitz während seines Wettkampfs mit Anderssen (London 1866)
Die großen Erfolge von Steinitz in England veranlassten die dortigen Schachenthusiasten, einen Wettkampf zwischen ihm und dem preußischen Weltklassespieler Adolf Anderssen, der als inoffizieller Weltmeister galt, zu organisieren. Im Jahre 1866 trafen die beiden Schachmeister in London aufeinander: Aus dem erbitterten Kampf – keine Partie endete remis – ging Steinitz mit 8:6 als Sieger hervor. Der vielbeachtete Wettkampf, den der Österreicher gegen den Preußen gewann, fand in den Monaten Juli und August statt, während auf dem Kontinent der preußisch-österreichische Krieg tobte. Steinitz’ Sieg wurde von der zeitgenössischen internationalen Presse als „Rache für Sadowa“ tituliert.
Von nun an betrachtete die Schachwelt Steinitz als weltweit besten Schachmeister. Seine Überlegenheit demonstrierte er in den folgenden Jahren wiederholt sehr eindrucksvoll: 1866 besiegte er Henry Edward Bird 9,5:7,5, Blackburne 1870 mit 5,5:0,5 und 1872 Johannes Hermann Zukertort mit 9:3. Tatsächlich gewann Steinitz damals jeden Zweikampf, ein weiterer Turniersieg blieb ihm aber lange verwehrt: 1867 in Paris wurde er Dritter (hinter Ignaz von Kolisch und Gustav Neumann), in Dundee 1867 Zweiter (hinter Neumann), ebenso wie in Baden-Baden 1870 (hinter Anderssen). Erst in London 1872 und Wien 1873 konnte er wieder Turniersiege erringen. Von 1872 bis 1874 spielte er für den City of London Chess Club zwei Fernpartien gegen die Wiener Schachgesellschaft unter Leitung von Ignaz von Kolisch, bei denen es um einen Einsatz von 100 Pfund Sterling ging, und gewann 1,5:0,5.
Turniere und Wettkämpfe spielte Steinitz nach seinem Wiener Triumph drei Jahre lang nicht, doch 1876 forderte ihn Blackburne erneut heraus. Steinitz errang gegen den Briten einen in dieser Höhe von niemandem erwarteten Sieg: er besiegte Blackburne 7:0. Daraufhin zog er sich wiederum für einige Jahre vom Turnierbetrieb zurück und widmete viel Zeit der schachtheoretischen Analyse. Steinitz übernahm die Schachspalte in The Field, die ihm zusammen mit dem Spiel um Einsatz gegen Amateure in den Londoner Cafés ein genügendes Auskommen verschaffte. Als Korrespondent besuchte er verschiedene Turniere, ohne zu spielen, unter anderem Paris 1878 und Berlin 1881.
1882 kehrte er nach neunjähriger Pause (abgesehen vom Wettkampf gegen Blackburne 1876) in die Arena zurück: er beteiligte sich am Turnier in Wien, wo er geteilter Erster mit Szymon Winawer wurde. Im Jahr darauf wurde er beim großen Turnier von London Zweiter hinter Zukertort, der das beste Turnier seines Lebens mit 3 Punkten Vorsprung gewann und sich nun als weltbester Schachspieler betrachtete.
Im gleichen Jahr gab Steinitz die Stelle bei The Field auf und nahm eine Einladung in die USA an, die zugleich seine Ansiedlung dort mit sich zog. Mit seinem Nachfolger bei The Field, Leopold Hoffer, lieferte er sich ab 1881 eine über mehrere Jahre andauernde publizistische Fehde, die der Schachhistoriker Kenneth Whyld später als Steinitz-Hoffer Ink War bezeichnete. Steinitz pflegte Hoffer, der seinen Rivalen Zukertort unterstützte, überwiegend „Dreckseele“ zu nennen.Vgl. Landsberger 1993, S. 204 f.
Aufenthalt in den Vereinigten Staaten und Weltmeistertitel Nach 21 Jahren in England übersiedelte Steinitz in die Vereinigten Staaten. Als begehrter Gast in verschiedenen US-amerikanischen Klubs, wie auch auf Kuba, sowie als Bearbeiter verschiedener Schachspalten in US-amerikanischen Zeitungen hatte Steinitz ein ausreichendes Einkommen. Es sind eine Vielzahl an Simultan-, Blind-, Gelegenheits- und Wettkampfpartien aus seiner amerikanischen Zeit überliefert.
mini|International Chess Magazine, herausgegeben von W. Steinitz
Von 1885 bis 1891 leitete er das International Chess Magazine, eine weltweit anerkannte Schachzeitschrift. Durch die prinzipienfeste und scharfzüngig formulierte Verteidigung seiner Ansichten überwarf sich Steinitz aber mit vielen seiner Leser und Bewunderer, von denen er doch finanziell abhängig war. Aus diesen Gründen (Abonnenten sprangen düpiert ab, Steinitz’ Auftreten wurde abgelehnt und er wurde seltener zu Gastspielen in die Klubs eingeladen) war er später genötigt, seine Zeitschrift wieder einzustellen.
Ende des Jahres 1885, als Steinitz sich großer Popularität in den USA erfreute, fanden sich Gönner und Mäzene, die einen Wettkampf um die Championship of the World in den Vereinigten Staaten veranstalten wollten. Als Gegner Steinitz’ wurde Zukertort eingeladen, der 1883 das Turnier von London überlegen vor Steinitz gewonnen hatte. Dem Wettkampf voraus gingen allerdings zähe Verhandlungen um Preisgeld, Spielbedingungen und Austragungsmodus. Beide Spieler leisteten einen Einsatz von 2000 US-Dollar, der jeweils durch Unterstützer aufgebracht wurde. Der Sieger erhielt 1000 Dollar als Preisgeld, die restlichen 3000 Dollar wurden seinen Unterstützern ausgezahlt, die somit einen Gewinn erzielen konnten, wenn sie auf den richtigen Spieler gesetzt hatten.Landsberger 2002, S. 65–69. Dort sind auch seine Unterstützer mit den von ihnen eingezahlten Summen aufgeführt. Zukertort überquerte schließlich den Atlantik zu dem Match, das als erster offizieller Wettkampf um die Schachweltmeisterschaft gilt.„Heute, am 29. Dezember 1885, ist zwischen Wilhelm Steinitz in New-York und J. H. Zukertort aus London ein Übereinkommen getroffen worden, dahingehend, einen Schach-Wettkampf um die Kämpenschaft (Championship) der Welt und einen Einsatz von zweitausend (2000) Dollar von jeder Seite zu spielen.“ So begann die schriftliche Vereinbarung zwischen Steinitz und Zukertort, die bei einem Notar hinterlegt worden war. Zitiert nach Johannes Minckwitz: Der Entscheidungskampf zwischen W. Steinitz und J. H. Zukertort um die Meisterschaft der Welt. Roegener, Leipzig 1886. S. 19. Der Zweikampf wurde in drei amerikanischen Städten ausgetragen, gespielt wurde ab dem 11. Januar 1886 in New York in denselben Räumlichkeiten am Broadway, in denen Jahrzehnte zuvor der Amerikaner Paul Morphy zahlreiche Erfolge gefeiert hatte, es wurden auch derselbe Schachtisch und Schachfiguren verwendet, mit denen Morphy damals gespielt hatte. Die weiteren Stationen des Matchs waren St. Louis und schließlich New Orleans.Nach: Raymund Stolze: Umkämpfte Krone. 3. Auflage. Sportverlag, Berlin 1992.
Steinitz, der die gespielten Partien für sein International Chess Magazine während des laufenden Kampfes analysierte, gewann gegen Zukertort mit großem Vorsprung. Zwar lag er im ersten Wettkampfabschnitt mit 1:4 zurück, doch erholte er sich in der Mitte des Wettkampfes und schlug Zukertort, der schließlich physisch und psychisch zusammenbrach, nach Gewinnpartien mit 10:5 (fünf Partien endeten remis). Die 20. Partie des Wettkampfes musste wegen Krankheit Zukertorts drei Tage verschoben werden. Er verlor sie dann, am 29. März, in nur 19 Zügen nach einer halben Stunde.Johannes Minckwitz, Emil Schallopp: Der Schachwettkampf zwischen Steinitz und Zukertort 1886. Edition Olms, Zürich 1986, ISBN 3-283-00122-7. Steinitz galt nun auch offiziell als Weltmeister (Champion of the World).
Am 23. November 1888 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.Landsberger 1993, S. 206 f. Er lebte in einem Haus in Montclair, etwa dreißig Meilen von New York entfernt.