mini|John Tylerrahmenlos|hochkant|klasse=skin-invert-image|John Tyler Signature John Tyler (* 29. März 1790 im Charles City County, Virginia; † 18. Januar 1862 in Richmond, Virginia) war ein US-amerikanischer Politiker und als zehnter Präsident der Vereinigten Staaten vom 4. April 1841 bis zum 4. März 1845 im Amt. Er war der erste nicht als solcher gewählte Amtsinhaber im Weißen Haus. Vielmehr stieg er nach dem Tod seines Vorgängers, William Henry Harrison, aus dem Amt des zehnten Vizepräsidenten zur Präsidentschaft auf. Zuvor war er Gouverneur von Virginia gewesen und hatte diesen Bundesstaat auch im US-Senat vertreten. Als Befürworter der Expansion der Vereinigten Staaten unterzeichnete er die Annexion von Texas.

Leben

Bis zur Präsidentschaft mini|Tyler in jüngeren Jahren um 1826 Tyler stammte aus einer reichen Pflanzerfamilie und wurde als sechstes von acht Kindern und zweitältester Sohn im Juni 1790 geboren.Vgl. dazu Christopher Leahy: Torn between Family and Politics: John Tyler’s Struggle for Balance. In: The Virginia Magazine of History and Biography. Vol. 114, No. 3, 2006, , S. 322–355. Sein Vater, John Tyler senior, war ein Jugendfreund von Thomas Jefferson und im Gegensatz zu seinem Vater, der der britischen Krone diente, ein Anhänger der Amerikanischen Revolution. Tyler senior saß bis 1786 als Abgeordneter im Repräsentantenhaus von Virginia. Danach bekleidete er bis 1798 das Richteramt am Obersten Strafgerichtshof des Bundesstaates. Tylers Mutter, Mary Armistead, war die Tochter eines wohlhabenden virginischen Pflanzers.Gary May: John Tyler. 2008, S. 10f. Von 1802 bis 1807 besuchte er das College of William & Mary und lernte danach bei seinem Vater und einem Cousin Rechtswissenschaft.William Freehling: John Tyler: Life before the Presidency. Miller Center of Public Affairs der University of Virginia, abgerufen am 17. April 2018. Danach betätigte er sich als Rechtsanwalt. Im Jahre 1813 heiratete er Letitia Christian (1790–1842).

1811 begann seine politische Karriere: Zunächst gehörte er bis 1816 und erneut von 1821 bis 1825 dem Abgeordnetenhaus von Virginia an, dazwischen (von 1817 bis 1821) vertrat er Virginia im US-Repräsentantenhaus. Von 1825 bis 1827 war er Gouverneur von Virginia, als der er sich – allerdings ohne Erfolg – für die Verbesserung des öffentlichen Schulsystems und der Infrastruktur einsetzte. 1827 wurde er als Nachfolger von John Randolph of Roanoke in den US-Senat gewählt. Von März bis Dezember 1835 war er Präsident pro tempore des US-Senates. Verfassungsmäßiger Senatspräsident war damals der amtierende US-Vizepräsident Martin Van Buren.

Politisch war Tyler ein Anhänger der Ideen von Thomas Jefferson und gehörte zu Beginn seiner Karriere der Demokratisch-Republikanischen Partei an. Sein Vater war mit Jefferson befreundet und gleichzeitig sein Zimmergenosse auf dem College of William & Mary. Nach der Auflösung der Demokratisch-Republikanischen Partei schloss sich Tyler der Demokratischen Partei an und unterstützte Andrew Jackson. Während der Nullifikationskrise von 1832 und 1833 versuchte Tyler zunächst, eine vermittelnde Position einzunehmen. Die von Jackson angedrohte militärische Durchsetzung des Zolltarifs gegen South Carolina lehnte er als einziger Senator 1833 offen ab. Aus diesem Grund verließ Tyler, der auch ein überzeugter Verfechter der „Rechte der Einzelstaaten (States rights)“ war, die Demokratische Partei und schloss sich Henry Clay und dessen neugegründeten Whig Party an.

Im Jahr 1838 wurde Tyler, der selbst Sklavenhalter war, zum Präsidenten der Virginia African Colonization Society gewählt. Solche Kolonialisations-Gesellschaften setzten sich zum Ziel, einen Teil der in den Staaten lebenden freigelassenen Sklaven nach Afrika zu deportieren. Ihre Mitglieder bestanden sowohl aus Gegnern der Sklaverei als auch aus Sklavenhaltern, die sich nicht vorstellen konnten, dass weiße und schwarze Menschen zusammenleben konnten, und deswegen die Deportation der befreiten Sklaven vorantrieben.

William Henry Harrison wählte Tyler im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 1840 als seinen Vizepräsidenten aus. Nach gewonnener Wahl trat er dieses Amt am 4. März 1841 an. Mit 31 Tagen sollte es die bis heute kürzeste Vizepräsidentschaft in der amerikanischen Geschichte sein. Während dieser kurzen Zeitspanne hatte Tyler jedoch de facto keinerlei Einfluss auf die Regierungspolitik von Harrison ausgeübt und sich auf seinen Landsitz zurückgezogen.Horst Dippel: John Tyler (1841–1845). Präsident ohne Partei. In: Christof Mauch (Hrsg.): Die amerikanischen Präsidenten. 5., fortgeführte und aktualisierte Auflage. München 2009, S. 139–144, hier: S. 141–142.

Präsidentschaft (1841–1845)

Amtsübernahme mini|Illustration Tylers beim Erhalt der Nachricht über Präsident Harrisons Tod In den frühen Morgenstunden des 5. April 1841 erhielt Tyler auf seinem Familiensitz in Williamsburg, Virginia, die Nachricht vom Tode Harrisons, der einer Lungenentzündung erlegen war.Gary May: John Tyler. 2008, S. 1f. Damit trat in der Geschichte der Vereinigten Staaten erstmals der Fall ein, dass ein amtierender Präsident verstorben war und die Aufgaben des Staatsoberhauptes für die verbleibende Dauer der Amtsperiode, in Tylers Fall drei Jahre und elf Monate, auf den bisherigen Vizepräsidenten übergingen. Um ihn möglichst schnell von Williamsburg nach Washington, D. C., zu bringen, legte er die Strecke in einer Kombination aus Dampfschiffen und zwischendrin einem Sonderzug zurück, der erste „Staatszug“ der US-Geschichte.Bob Withers: The President Travels by Train. Politics and Pullmans. Echo Point Books & Media, LLC, Brattleboro, Vermont 2017. ISBN 978-1-63561-058-1, S. 3.

Der Tatsache zum Trotz, dass die amerikanische Verfassung diese Nachfolgeregelung vorschrieb, war es aufgrund des genauen Wortlautes dieser Regelung umstritten, ob Tyler vollwertiger Präsident sei oder nur im Besitz präsidialer Vollmachten und Pflichten.Vgl. dazu Leonard Dinnerstein: The Accession of John Tyler to the Presidency. In: The Virginia Magazine of History and Biography. Vol. 70, No. 4, Oktober 1962, , S. 447–458. Einige Politiker wie der Abgeordnete im Repräsentantenhaus und ehemalige Präsident John Quincy Adams waren der Ansicht, Tyler sei nach wie vor Vizepräsident und lediglich mit der Ausführung der Geschäfte des Präsidentenamtes betraut. Tyler stellte sich hingegen vehement auf den Standpunkt, er sei kein geschäftsführender Präsident (Acting President), sondern mit dem Tod Harrisons sei das Amt vollständig auf ihn übergegangen. Briefe von Politikern, die ihn lediglich als geschäftsführenden Präsidenten betrachteten und an den Acting President gerichtet waren, ließ er ungeöffnet zurückschicken. Auch der Kongress verwendete in seinen Gesetzestexten den Titel „Präsident“.Horst Dippel: John Tyler (1841–1845). Präsident ohne Partei. In: Christof Mauch (Hrsg.): Die amerikanischen Präsidenten. 5., fortgeführte und aktualisierte Auflage. München 2009, S. 139–144, hier: S. 141 f. Am 6. April 1841 legte Tyler im Empfangssaal des an der Pennsylvania Avenue gelegenen Brown’s Indian Queen Hotel offiziell den Amtseid des Präsidenten ab, obwohl dies nach seinem Verständnis der Verfassung eigentlich unnötig war.David Marks Shribman: William Henry Harrison. In Ken Gormley (Hrsg.): The Presidents and the Constitution. Volume 1 (= From the Founding Fathers to the Progressive Era). New York State University Press, New York 2020, ISBN 978-1-4798-0206-7, S. 126–135; hier: S. 132.

Die Haltung Tylers, dass der Vizepräsident im Falle des endgültigen Wegfalls des Präsidenten tatsächlich die Präsidentschaft vollumfänglich übernehmen sollte, schuf in der Geschichte einen Präzedenzfall zur Interpretation der Nachfolgeregelung, der für alle weiteren aufrückenden Vizepräsidenten bis 1967 gelten sollte. Diese Praxis wurde im Jahr 1967, nachdem insgesamt sieben weitere Male ein Präsident im Amt weggefallen war, mit dem 25. Zusatzartikel zur US-Verfassung gesetzlich kodifiziert. Erst damit war auch eine nachträgliche Ernennung eines neuen Vizepräsidenten möglich. Tyler konnte also nach seinem Amtsantritt keinen neuen Vizepräsidenten berufen, wodurch das Amt bis 1845 vakant bliebWilliam Freehling: John Tyler: Life in Brief. Miller Center of Public Affairs der University of Virginia, abgerufen am 17. April 2018. und verfassungsgemäß der Präsident pro tempore des Senats seine Nachfolge übernommen hätte.

Innenpolitik mini|Illustration Tylers 1841 als Präsident mini|Daguerreotypie von John Tyler 1850 Am 9. April 1841 hielt Tyler seine faktische Antrittsrede. Darin bekräftigte er seine Prinzipien der politischen Philosophie von Jefferson, bekräftigte die Beschränkung der Macht der Bundesregierung und trat für die strikte Einhaltung und Auslegung der US-Verfassung ein.

Nach seiner Amtsübernahme setzte Außenminister Daniel Webster ihn davon in Kenntnis, dass Entscheidungen des Kabinetts bisher im Konsens getroffen wurden, was Tyler zurückwies. In diesem Zusammenhang wird ihm folgendes Zitat zugeschrieben:

Als Südstaaten-Aristokrat war der ehemalige Gouverneur und Senator des Staates Virginia nur aufgestellt worden, um südliche Wähler für Harrison zu gewinnen (der Slogan war: Tippecanoe and Tyler, too). Seine politischen Ansichten waren aber der Whig Party entgegengesetzt, die die Interessen der Nordoststaaten mit ihrer aufstrebenden Industrie und Geschäftswelt vertrat – so legte er, was einer klassisch demokratischen Position entsprach, sein präsidiales Veto gegen die Gründung einer Nationalbank ein, die ein Grundanliegen der Whigs und ihres prominentesten Senators Henry Clay war.

Nachdem Tyler gegen den neuen Gesetzentwurf, der kaum angepasst wurde, um ihn bloßzustellen, ein weiteres Mal sein Veto eingelegt hatte, traten am 11. September 1841 auf Anordnung von Clay fast alle von Harrison berufenen Minister einer nach dem anderen zurück. Clay hatte die Regierung von Harrison, wie zuvor abgemacht, aus dem Hintergrund führen und danach der nächste Präsident werden wollen, sah dieses Ziel nun jedoch als gefährdet an, sollte Tyler, der seine Anweisungen ignorierte, eine erfolgreiche Präsidentschaft gelingen. Mit diesem Schritt wollte Clay ihn zum Rücktritt zwingen, womit der ihm loyale Präsident pro tempore des Senats, Samuel L. Southard, zum Präsidenten aufgestiegen wäre. Als Außenminister Daniel Webster als einziger im Amt blieb, weil er auf jeden Fall den Webster-Ashburton-Treaty zur Regelung der kanadischen Grenze zum Abschluss bringen wollte und sich als unabhängig ansah, schöpfte Tyler jedoch neue Hoffnung im Kampf gegen Clay.

Als Tyler nicht zurücktreten oder nachgeben wollte, wurde er zwei Tage später am 13. September aus der Partei ausgeschlossen. Die Reaktion war, dass er immer mehr mit den Demokraten zusammenging und 1844 sogar den prominenten Südstaaten-Demokraten John C. Calhoun als Außenminister in sein Kabinett berief. Damit war das Zweiparteiensystem bis zum Sezessionskrieg unauflöslich mit dem Nord-Süd-Konflikt verknüpft: Nun waren die Whigs unwiderruflich die Nordstaaten- und die Demokraten die Südstaatenpartei. Tyler selbst blieb seither bis zu seinem Lebensende parteilos.William Freehling: John Tyler: Domestic Affairs. Miller Center of Public Affairs der University of Virginia, abgerufen am 17. April 2018.