mini|Abbildung und Beschreibung einer chinesischen Vorderlader-Muskete mit aufgesetztem Bajonett aus dem Jahr 1606 mini|Spundbajonett, aufgepflanzt auf einem Luntenschlossgewehr mini|Französisches Tüllenbajonett aus dem 19. Jahrhundert (oben)unten: amerikanisches Modell, – aufgepflanzt auf einem Springfield Model 1861 Rifle Muskete mini|Deutsches Bajonett 98/05 von 1905 für das Gewehr 98, mit einer Klingenlänge von 53 cm mini|SKS mit KlappbajonettAls Bajonett wird eine am Lauf von Schusswaffen zu befestigende Stichwaffe in Form eines langen Dorns oder einer Stahlklinge bezeichnet. Die heutigen Bajonette können auch als eigenständige Waffen (dann meist unter der Bezeichnung Kampfmesser) geführt und bei Bedarf auf das Gewehr aufgepflanzt werden.
Name, Herkunft und Entstehung Name Der Name Bajonett ist auf den ursprünglichen Herstellungsort, die französische Stadt Bayonne, zurückzuführen.Bajonett beim Digitalen Wörterbuch der deutschen SpracheFriedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Walter de Gruyter, Berlin/New York, ISBN 978-3-11-022364-4 Ein früher verwendeter Begriff war Seitengewehr oder auch Seitenwehr. Diese Bezeichnung ist aber nicht mit dem Begriff Seitenwaffe zu verwechseln, obwohl Herkunft und Bedeutung der Waffe und die Wortbedeutung gleich oder ähnlich ist.
Herkunft und Entstehung Der Ursprung des Bajonetts ist nicht eindeutig geklärt. Es kann als Jagdwaffe entstanden sein, um angreifende Tiere nach einem Fehlschuss abzuwehren oder es, nachdem es waidwund angeschossen wurde, durch Abfangen zu töten.
Im Brockhaus Konversations-Lexikon, Ausgabe von 1901, findet sich ein Abschnitt: „Bajonett (frz. baionette), eine mäßig lange Klinge, die am Lauf des Gewehres so befestigt wird, dass dieses sich in eine Stoßwaffe verwandelt. Der Gebrauch dieser Waffe tritt zuerst gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts in der französischen Armee auf und geht aus dem Bestreben hervor, die mit dem Feuergewehr bewaffneten Schützen zur Verteidigung gegen die Reiterei geschickt und somit von dem Schutze der Pikeniere unabhängig zu machen. […] In den französischen Kriegen wurde die Bajonettattacke allgemein. Gegenwärtig wird sie zwar noch geübt, ihre Anwendung wird sich aber auf Ausnahmefälle beschränken.“
Der deutsche Gesellschaftstheoretiker Friedrich Engels schrieb im September 1857 in der New American Cyclopædia: „Diese Waffe, jetzt allgemein für die ganze Linieninfanterie eingeführt, ist, wie man annimmt, in Frankreich (offensichtlich in Bayonne, wonach sie benannt ist) um 1640 erfunden worden. Nach anderen Berichten übernahmen sie die Holländer von den Malayen, die ihren Kris oder Dolch auf ihre Flinte pflanzten. In Frankreich wurde das Bajonett 1679 eingeführt. Bis zu dieser Zeit hatten die Musketiere keine wirksame Waffe für den Nahkampf, und man mußte ihnen daher Pikeniere zuteilen, damit sie vor einem nahen Feind geschützt waren. Das Bajonett befähigte die Musketiere, der Kavallerie oder den Pikenieren Widerstand zu leisten und verdrängte so allmählich die letztere Waffengattung. Ursprünglich war es an einem Stock befestigt, der in den Flintenlauf eingeführt wurde; aber da es so den Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett am Schießen hinderte, wurde später der Zylinder, der den Gewehrlauf umschließt, erfunden. Die Pike selbst blieb noch über ein halbes Jahrhundert lang als Infanteriewaffe erhalten. Die Österreicher waren die ersten, die sie für ihre ganze Linieninfanterie gegen die Flinte und das Bajonett vertauschten. Die Preußen folgten im Jahre 1689. Die Franzosen schafften die Pike erst 1703 völlig ab, die Russen nicht vor 1721. Die Schlacht von Speyer im Jahre 1703 war die erste, in der die Infanterie mit aufgepflanzten Bajonetten zum Angriff vorging. Für die leichte Infanterie ist das Bajonett jetzt im allgemeinen durch eine kurze, gerade und dolchartige Klinge ersetzt worden, die in einer Schiene seitwärts der Mündung des Gewehrs befestigt werden kann. Natürlich ist es so weniger gut befestigt, da aber diese Art der Infanterie nur in Ausnahmefällen in Linien zum Einsatz kommt, wird dieser Mangel durch die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten dieser Waffe ausgeglichen.“
Beschreibung Allgemeines Das Bajonett wird im ungenutzten Zustand in einer Bajonetthülle neben anderen Waffen (z. B. Pistole) und Ausrüstungsgegenständen seitlich am Koppel getragen, was die alte Bezeichnung „Seitengewehr“ erklärt. Es kann aber auch wie beim Simonow SKS-45 an der Waffe fest angebracht sein und in die Gebrauchsstellung ausgeklappt werden (Klappbajonett). Dann ist es im strengen Sinne des Wortes kein Seitengewehr mehr.
Als „Aufpflanzen“ wird das Befestigen einer Stichwaffe an einer Schusswaffe mit langem Lauf (Gewehr) bezeichnet. Damit hat man eine zweite Angriffs- beziehungsweise Verteidigungswaffe. Im Nahkampf ist es dadurch möglich, das Gewehr als Stich- oder Stoßwaffe zu verwenden. Diese Waffenform gibt es seit den Vorderladergewehren mit Spundbajonett und wird bis zu den heutigen, modernen Sturmgewehren durch das M-9-System fortgesetzt.
Befestigung mini|Arretierknopf an einem Bajonett, unten rechts, am Knauf
Das Bajonett wird an der Waffe an der Aufpflanzvorrichtung angebracht (auch Bajonetthalter oder Bajonetthaft genannt). Es ist das Bauteil an der Waffe, auf das das Bajonett aufgeschoben und arretiert wird. Die Aufpflanzvorrichtung kann schienen-, bolzen- oder stabförmig sein.
Der Bajonetthalter ist heute eine Profilschiene, die unter einem Gewehrlauf angebracht ist und zur Befestigung des sogenannten Kastenbajonetts dient. An älteren Gewehrmodellen ist diese Schiene seitlich am Gewehr angebracht und dient zur Befestigung des Aufsteckdorns bei Dornbajonetten.
Die Bajonetthaft, auch Bajonettwarze oder Aufpflanznut, ist eine auf dem Gewehrlauf befestigte runde oder vierkantige Nocke. Diese Nocke dient der Arretierung des älteren Tüllenbajonetts. Die Nocke passt in die Führungsrille des Bajonetts und arretiert es am Lauf. Es gibt noch weitere Versionen, die bei modernen Bajonetten benutzt werden. Bei manchen modernen Bajonetten befindet sich am Heft der Arretierknopf, mit dem die Verriegelung wieder gelöst werden kann. Moderne Bajonette haben in der Regel eine Aufpflanznut am Heftknauf und einen Ring (Laufring) in der Parierstange, der über den Lauf gesteckt wird.
Historisch-technische Entwicklung Erste Erwähnungen Eine sehr frühe dokumentierte Erwähnung eines echten Bajonetts findet sich in der 1606 veröffentlichten chinesischen Militärabhandlung. Es war ein etwa 58 cm langes Spundbajonett, mit dem ein Hinterladergewehr ausgestattet wurde, wodurch die Waffe mit aufgesetztem Bajonett insgesamt 1,92 m lang war. Es wurde als „Gewehrklinge“ (vereinfachtes Chinesisch: 铳刀; traditionelles Chinesisch: 銃刀; Pinyin: Chòngdāo) bezeichnet und als „Kurzschwert, das in den Lauf eingeführt und durch leichtes Drehen gesichert werden kann“ beschrieben. Es sollte verwendet werden, „wenn im Gefecht sowohl Schießpulver als auch Kugeln aufgebraucht sind, sowie im Kampf gegen Banditen, wenn sich Truppen im Nahkampf befinden oder in einen Hinterhalt geraten“ und wenn man „das Gewehr nicht innerhalb der Zeit laden kann, die es braucht, um zwei Bu (3,2 Meter) Boden zurückzulegen, muss man das Bajonett anbringen und es wie einen Speer halten“.SCIENCE AND CIVILISATION IN CHINA, by Joseph Needham, Volume 5Binglu 《兵錄》, Scroll 12.
Der erste schriftliche Nachweis im deutschsprachigen Raum für die Verwendung eines Dolches als in den Lauf gestecktes Bajonett stammt aus dem Zeughaus zu Dresden aus dem Jahr 1669. Dort ist es als „zu den Musqueden gehöriges Messer“ beschrieben. Später wurden die Bajonette unter dem Gewehrlauf angebracht, um auch feuern zu können, während das Bajonett am Gewehr angebracht ist.
17. und 18. Jahrhundert: beginnende Verbreitung in Europa Bajonette wurden seit Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich verwendet und allmählich in den meisten europäischen Armeen gebräuchlich. Anfangs wurden Bajonette mit dem Griff in den Gewehrlauf gesteckt (sogenannte Spundbajonette), so dass die Muskete nicht feuern konnte. Bereits 1669 erfand Sébastien Le Prestre de Vauban Bajonette, die mit einer Tülle seitlich am Lauf befestigt wurden – sogenannte Tüllen- oder Dillenbajonette – und somit auch im aufgepflanzten Zustand das Abfeuern von Musketenkugeln nicht verhinderten. Mit diesen neuartigen Bajonetten wurde die französische Armee seit 1689 ausgestattet. Etwa um 1700 tauchten Bajonette auf, die einen abgewinkelten Arm hatten und so auch das Nachladen ermöglichten. Zur wichtigsten Klingenform entwickelte sich bald eine stabile, drei- oder vierkantige Form mit etwa 40 cm Länge.
Die Entwicklung des Bajonetts und die zunehmende Verbreitung von Feuerwaffen ließen den Einsatz von Pikenieren und Schweinsfedern in der Schlacht allmählich zurückgehen. Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Pikenier-Einheiten der meisten europäischen Armeen aufgelöst.
19. Jahrhundert: Entwicklung der Messerbajonette Ab dem 19. Jahrhundert wurde das Tüllenbajonett schrittweise von Bajonetten abgelöst, die eigene Griffe hatten – sogenannte Messer- oder Säbelbajonette – und wie Messer, kurze Pallasche oder Säbel beschaffen waren. Ihre Vorgänger waren im 18. Jahrhundert aufpflanzbare Hirschfänger, die wie solche mit einem seitlichen Ring am Rohr fixiert wurden. Da solche Waffen aber das Nachladen des Vorderladers verhinderten, setzten sie sich erst mit Einführung des Hinterladers endgültig durch. Doch bereits 1840 wurde der doppelt gekrümmte französische Jatagan mit ca. 60 cm Klingenlänge zum Vorbild. Bekannt ist auch das gerade, vorn verbreiterte preußische Füsilierseitengewehr von 1860 mit etwa 50 cm langer Klinge.
20. Jahrhundert: Die „Reichweiten-Kontroverse“ Vor dem Ersten Weltkrieg basierte die Bajonett-Doktrin weitgehend auf der Wichtigkeit der „Reichweite“, d. h. der theoretischen Fähigkeit eines Soldaten, mithilfe eines extrem langen Gewehrs und eines daran befestigten Bajonetts einen feindlichen Soldaten zu erstechen, ohne sich in Reichweite der Klinge seines Gegners begeben zu müssen.Martin Brayley, Bayonets: An Illustrated History. Krause Publications 2004. Seiten 9–10, 83–85. ISBN 978-0-87349-870-8.Alfred Hutton, Fixed Bayonets: A Complete System of Fence for the British Magazine Rifle. London: William Clowes & Sons (1890). Seiten 125, 131–132Ashley W. Barrett, "Lessons to be Learned by Regimental Officers from the Russo-Japanese War", "Journal of the Military Service Institution of the United States", Ausgabe 45, (März–April 1909), Seiten 300–301. Eine kombinierte Länge von Gewehr und Bajonett, die größer war als jene des Gegners (wie früher bei den Lanzen der Pikeniere), sollte einen taktischen Vorteil auf dem Schlachtfeld verschaffen.Albert A. Hopkins. Scientific American War Book: the Mechanism and Technique of Warfare, New York: Munn & Co. (1915) Seite 141Praktische Bajonett-Fechtschule: auf Grund der Bajonettir-Vorschrift für die Infanterie, Berlin: E. S. Mittler und Sohn (1889)
Schon 1886 führte die französische Armee ein 52 Zentimeter langes vierkantiges Degen-Bajonett für das Gewehr Lebel Modell 1886 ein, das Épée-Baïonnette Modèle 1886, was zu einem „Waffensystem“ mit einer Gesamtlänge von 180 cm führte. Deutschland reagierte darauf mit der Einführung eines langen Schwertbajonetts für das Mauser Modell 98, das einen 29-Zoll-Lauf hatte. Das Bajonett, das Seitengewehr 98, hatte eine 50 cm lange Klinge. Mit einer Gesamtlänge von 1,75 Meter erreichte die Gewehr-Bajonett-Kombination der deutschen Armee nach dem französischen Lebel die zweitgrößte „Reichweite“.