mini|Rolf Kühn am 6. März 2024 an seinem 80. Geburtstag

Rolf Kühn (* 6. März 1944 in Essen) ist ein deutscher Philosoph auf den Gebieten der Phänomenologie, der psychologischen und philosophischen Anthropologie, Religionsphilosophie und Kulturphilosophie. Kühn ist (mit seinem Schüler Michael Staudigl und Frédéric Seyler) einer der Hauptvertreter der von Michel Henry begründeten LebensphänomenologieVgl. Hans-Dieter Gondek / László Tengelyi, Neue Phänomenologie in Frankreich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2011, S. 114..

Leben Rolf Kühn erhielt am Institut catholique de Paris im Jahr 1970 das Lizenziat für Katholische Theologie. 1985 wurde er an der Sorbonne Paris bei Claude Bruaire mit der Dissertation über Simone Weil zu den Themenfeldern Reflexionsphilosophie und hermeneutische Phänomenologie promoviert. 1992 habilitierte sich Kühn an der (damaligen) Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien mit der Schrift Leiblichkeit und LebendigkeitSophia Kattelmann, Sebastian Knöpker (Hrsg.): Lebensphänomenologie in Deutschland. Hommage an Rolf Kühn. Alber, Freiburg im Breisgau/München 2012, S. 10. zum Gesamtwerk Michel Henrys unter besonderer Berücksichtigung der lebenseidetischen Zusammenhänge von Subjektivität, Affektivität und Leiblichkeit. An der Universität Wien war Kühn von 1990 bis 2002 als Universitätsdozent tätig. Danach erhielt er Lehraufträge u. a. in Beirut, Nizza, Lissabon und Freiburg im Breisgau.

Seit 1985 arbeiten Rolf Kühn und Michael Titze zusammen. Aus dieser Kooperation ist in Tuttlingen die Gründung eines Forschungkreises für Philosophie und Psychotherapie entstanden, in dem die Integration der Lebensphänomenologie Michel Henrys in die Tiefenpsychologie diskutiert wurde.Michael Titze: Die Organisation des Bewusstseins. Strategien der Typisierung in "normaler" und schizophrener Weltauffassung. Alber, Freiburg im Breisgau/München 2011, S. 28.

Seit 1992 hat Kühn drei Hauptwerke und zahlreiche Aufsätze Michel Henrys übersetzt. Hierdurch und durch zahlreiche eigene Veröffentlichungen und Herausgeberschaften zur Henrys Lebensphänomenologie sowie durch Vorträge und Seminare hat Kühn einen Beitrag zur Rezeption des französischen Philosophen im deutschen Sprachraum geleistet. Kühn hat auch Maine de Biran übersetzt.

Seit 2005 gibt Kühn im Verlag Karl Alber (aktuell mit Frédérik Seyler) die lebensphänomenologisch orientierte Reihe "Seele, Existenz und Leben" heraus. Im selben Verlag begründete er gemeinsam mit Karl Heinz Witte 2006 unter dem Titel "psycho-logik ein Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur" (aktuell hrsg. von Stephan Grätzel).

Von 2010 bis 2022 war Rolf Kühn Leiter der „Forschungsstelle für jüngere französische Religionsphilosophie“ an der Universität Freiburg (i.Br.).https://www.theol.uni-freiburg.de/disciplinae/jfr/personen

Rolf Kühn lebt als Privatdozent und freier Autor in Gundelfingen bei Freiburg im Breisgau.

Werk Die nachfolgend angeführten, chronologisch nach dem Erscheinen einiger Hauptschriften angeordneten Themen im Werk von Rolf Kühn könnten in dieser Form den Eindruck erwecken, als handle es sich dabei um trennscharf unterschiedene Forschungsfelder. Tatsächlich sind damit vor allem – ähnlich wie schon bei Michel Henry – Versuche angezeigt, die lebensphänomenologische „Grundeinsicht“Bernhard Waldenfels, Phänomenologie in Frankreich. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1998 (2. Aufl.), S. 349f. Über Michel Henry: „Dieser Autor […] Begnügt sich mit einigen wenigen Grundeinsichten, verfolgt sie aber mit einer solch schroffen Unerbittlichkeit und Hartnäckigkeit, daß sie sich in Sprengsätze verwandeln.“ Strenggenommen. muss man dieses Urteil sogar noch verstärken, indem man - wie hier - (im Singular) von einer lebensphänomenologischen „Grundeinsicht“ spricht. der Radikalität und Ursprünglichkeit des Lebenserscheinens auf unterschiedliche Bereiche ihrer Erprobung zu beziehen.

Von der Phänomenologie zur Lebensphänomenologie Die ersten Themenstichworte nehmen dabei insofern eine Sonderstellung ein, als sie sich auf die entscheidende Wende im Werk Rolf Kühns beziehen – konkret auf den „Umsturz“ der klassischen Philosophie/Phänomenologie durch die Lebensphänomenologie, den Kühn zur Zeit seiner Habilitation| vollzieht. Für Kühn zeigte sich dieses tradierte Denken zuletzt in Gestalt der Philosophie von Simone Weil, der er sich in seiner Doktorarbeit „Deuten als Entwerden“ (1988; frz. „‚Lecture décréative. Une synthèse de l’œuvre de Simone Weil“, 1985) noch in „hermeneutisch-religionsphilosophischer Sicht“ nähert. Im Vorwort seiner Wiener Habilitationsschrift „‚Leiblichkeit als Lebendigkeit“ (1991) schreibt Kühn, dass Weil in der Grundlegung ihres Denkens „zwischen Leben und Wahrheit“ habe wählen müssen. „Diese Alternative, die S. Weil auf dem Boden der hermeneutischen Reflexionsphilosophie zu Gunsten der ‚Wahrheit‘ entschied, enthielt die Aufforderung, auch dem anderen Teil – nämlich das ‚Leben‘ – angemessen weiterzudenken. Dazu bot sich die Phänomenologie in Ihrer radikal materialen Ausprägung als der geeignete Weg an.“ Rolf Kühn, Leiblichkeit als Lebendigkeit, 1992, S. 7. Kühn hat sich in seinem Werk mehrfach bemüht, die Gründe für diesen Umsturz weiter auszuführen, so zum Beispiel, wenn er in „Individuationsprinzip als Sein und Leben“ (2006) nachzeichnet, wie die abendländische Geschichte eine Ontologisierung und Verobjektivierung der „Materie“ seit Aristoteles vollzog, einen Prozess, den man gegenüber dem lebensphänomenologischen Verständnis einer „lebendigen“ Materie als „Verlust“ bezeichnen muss. Daher fordert er einen Rückgang auf eine ursprüngliche Materie des lebendigen Empfindens, die „pathische“ Materie unseres lebensempfänglichen Leibes, die Kühn (mit Michel Henry) auch als „Fleisch“ Vgl. dazu Michel Henry, Inkarnation. Eine Philosophie des Fleisches. Aus dem Französischen von Rolf Kühn Alber: Freiburg i. Br., bes. S. 149ff. bezeichnet: Kühn: „Es handelt sich um den Rückgang von der Empfingsmaterie (das heißt von derjenigen Materie, die uns als sinnliche von außen affiziert) zur pathischen Materie hin - zu jener Materie, die den eigentlichen phänomenologischen Stoff eines […] immanenten Empfindens als Erfahrenkönnen ausmacht […].“ Rolf Kühn, Individuationsprinzip als Sein und Leben, 2006, S. 15–49 („Aristoteles und der Verlust der Materie“), hier 32f.; Diese Kritik hat Kühn jüngst mit zahlreichen Bezügen zu seinem Gesamtwerk wiederholt in: Materie und Empfinden, 2024.

Der Beitrag der Lebensphänomenologie zur Psychotherapie Da Kühn dem Ansatz Michel Henrys über weiteste Strecken folgt, könnte man den Eindruck eines bloßen deutschsprachigen „Epigonen“ gewinnen. Wer sich jedoch der Mühe einer Rezeption seines äußerst umfangreichen (nicht nur deutschsprachigen) Werkes unterzieht, wird schnell bemerken, dass Kühn das Forschungsfeld der Lebensphänomenologie erheblich erweitert hat. Besonders auffällig ist dies im Bereich der Psychotherapie, die Henry trotz seines Werks über die Genealogie der Freud’sche PsychoanalyseVgl. Michel Henry, Généalogie de la psychanalyse. Le commencement perdu. Presses Universitaires de France: Paris 1985. im Vergleich nur streift. Kühn nahm dagegen von Anfang an weitere therapeutischen Methoden in den Blick, etwa die Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankls Vgl. Rolf Kühn, Sinn, Sein und Sollen, 1991/1995. – gemeinsam mit dem Psychologen Günter Funke, gest. 2016 – oder – gemeinsam mit weiteren psychotherapeutischen Weggefährten Karl Heinz Witte und Michael Titze – die Individualpsychologie Alfred Adlers Vgl. etwa Michael Titze / Rolf Kühn, Das Konzept der Identität in Theorie und Praxis der Individualpsychologie Alfred Adlers. In: Hilarion G. Petzold (Hg.), Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie. Springer Wiesbaden 2012, S. 245–270. und schließlich auch den psychoanalytischen Ansatz Jacques Lacans Vgl. Rolf Kühn, Der therapeutische Akt, 2018.. Kühn machte entschieden darauf aufmerksam, dass die genannten psychotherapeutischen Ansätze offen dafür sind, das aufzugreifen, was die Radikale Lebensphänomenologie mit dem von ihr einführten Begriff der „Passibilität“ anzeigen will, nämlich ein Vermögen und Können, das aus einem nicht verdrängten Leid erwächst. Rolf Kühn, Alles, was leiden kann, 2019, S. 139ff.

Lebensphänomenologische Grundlagen von Politik und Ökonomie Schon früh hat Kühn Henrys Denken im Bereich der Politik und Ökonomie (etwa in „Leben als Bedürfen“, 1996) aufgegriffen. Es war hier dann insbesondere seine Lebenszeit über den Tod Henrys (im Jahr 2002) hinaus, die ihm die Möglichkeit gab, vor dem Hintergrund der diesbezüglichen lebensphänomenologischen Kritik pointiert auf neuere Entwicklungen in Politik und Wirtschaft einzugehen – so etwa auf den neuen Faschismus und die Grundlagen eines globalisierten Kapitalismus. Vgl. dazu Rolf Kühn, Subjektive Praxis und Geschichte, 2008, bes. S. 313ff. („Individualität und Zukunft der Geschichte“). Der hier für die deutschsprachige Leserschaft ungünstige Umstand ist, dass die beiden grundlegenden Bände von Henrys Auseinandersetzung mit Karl Marx Michel Henry, Marx, 2 Bde. (Bd. 1: Une philosophie de la réalité; Bd. 2: Une philosophie de l’économie). Paris Gallimard 1976; vgl. dazu auch die Darstellung: Rolf Kühn, Die Aufhebung des griechischen, idealistischen und materialistischen Wahrheitsverständnisses. Zur Fundierung der Henryschen Marxlektüre in der produktiven Immanenz »subjektiver Praxis«. In: Emil Angerhrn / Julia Scheidegger (Hg.), Metaphysik des Individuums. Die Marx-Interpretation Michel Henrys und ihre Aktualität. Alber: Freiburg i. Br. 2011, S. 34–65. bislang noch unübersetzt sind.

Radikale Religionsphänomenologie und Mystik Am stärksten missverstanden wird der Ansatz sowohl Henrys als auch Kühns dort, wo er sich auf Religion und Christentum bezieht. Man beklagte eine „theologische Wende“ oder gar eine Art reumütige Bekehrung der Phänomenologie als einer ehemals stolzen wie methodisch strengen wissenschaftlichen Disziplin. Vgl. dazu Dominique Janicauld, Die theologische Wende der französischen Phänomenologie (frz. 1991). Hrsg. und aus dem Franz. übers. von Marco Gutjahr, Turia+Kant: Wien 2014. Es ist aber so, dass das christliche Dogma für beide Denker keineswegs die philosophisch-phänomenogische Frage nach der Wahrheit ersetzt. Vielmehr eröffnet die Gewissheit des christlichen Glaubens die Möglichkeit, die Frage nach einer ursprünglichen Wahrheit zu stellen, die allerdings hier wie dort genuin phänomenologisch beantwortet wird. Vgl. Michel Henry, Christentum und Phänomenologie. In: Ders., Radikale Religionsphänomenologie. Beiträge 1943–2001. Hrsg. von Rolf Kühn und Markus Enders. Alber: Freiburg i. Br. 2016, S. 189–228, hier bes. S. 204f. Seit 2018 bezeichnet Kühn die Grunderfahrung der Lebensphänomenologie immer häufiger als „(Lebens-)Mystik“. Auch hier gibt es Gelegenheit zu Missverständnissen: Kühn hat dabei weniger historische oder aszetische Phänomene der Mystik im Blick als vielmehr eine sogenannte „philosophische Mystik“ (im Sinne einer „Apophatischen“ oder „Negativen Theologie“), welche auf die Grenzerfahrung eines „originären Nichtwissens“ ausgerichtet ist. Vgl. Rolf Kühn, Originäres Nichtwissen und Tradition, 2023, bes.S 182ff, sowie ders., Das Begehren der Mystik, 2022.

Kultur, Ästhetik und Kunst im Licht der Lebensphänomenologie