mini|Ron Kroon: Nico Rost (1966) Nicolaas Rost (* 21. Juni 1896 in Groningen; † 1. Februar 1967 in Amsterdam) war ein niederländischer Journalist, Übersetzer, Kommunist und Antifaschist. Sein bekanntestes Werk ist sein Tagebuch aus dem Konzentrationslager, Goethe in Dachau. Als linker Literaturkritiker und Überlebender warb er für eine humanistische deutsche Kultur als Gegensatz zu den Verbrechen des Nationalsozialismus.
Leben Jugend und Leben in der Weimarer Republik Nach einer nicht abgeschlossenen Schulausbildung am Praedinius Gymnasium in Groningen entfloh der junge Nico Rost seinem Elternhaus, um Schriftsteller zu werden. Seine ersten Arbeiten wurden kaum rezipiert. Statt einer literarischen Karriere entschied sich Nico Rost, Kulturjournalist zu werden. 1920 heiratete er die Niederländerin Maud Kok. Das Paar trennte sich 1928. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor: Molly und William (genannt „Tijl“). Zwischen 1923 und 1933 lebte er in Berlin, wo er als Übersetzer und als Korrespondent der Zeitung De Telegraaf, der Parteizeitung De Tribune und des Wochenblatts De Groene Amsterdammer tätig war. In deutscher Sprache publizierte Rost in den Zeitschriften Der Querschnitt (1923–1933) und Die Weltbühne.
Rost besuchte in diesen Jahren auch mehrmals Moskau und Prag. Für das literarische Wochenblatt Groot Nederland (Groß-Niederlande) schrieb Rost Literaturkritiken. Er übersetzte Werke von Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Hans Fallada, Egon Erwin Kisch sowie Anna Seghers und machte die Werke dieser Schriftsteller in den Niederlanden bekannt. In der Weimarer Republik bewegte sich Rost in verschiedenen anarchistischen und kommunistischen Milieus. Im Zuge der internationalen Kampagne um die Amnestie des inhaftierten deutschen Kommunisten Max Hoelz wurde er 1927 Mitglied der Kommunistischen Partei der Niederlande (CPN)Levensbericht, 1951, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, ARCH02020 / 90, Bl. 1. und arbeitete für die Internationale Arbeiterhilfe. Seine Beiträge für die transnationale kommunistische Solidaritätsbewegung waren vor allem politische Reportagen, zum Beispiel über die Hungersnot in der Karpatenukraine im Jahr 1932. Nach dem Reichstagsbrand wurde Rost als bekannter politischer Gegner des Nationalsozialismus von der SA-Standarte 208 aus seinem Wohnort in Lehnitz bei Berlin in das KZ Oranienburg verschleppt. Nach zwei Wochen wurde er entlassen und aus dem Deutschen Reich ausgewiesen, weil die nationalsozialistischen Behörden nach Protesten gegen die willkürliche Verhaftung des Journalisten keinen diplomatischen Zwischenfall riskieren wollten.Vgl. Aufzeichnung, 25. März 1933, Auswärtiges Amt, Politisches Archiv / RZ 206 / R71436.
Rost schrieb über seine Erlebnisse als wahrscheinlich erster niederländischer Gefangener in einem frühen deutschen Konzentrationslager die Reportage Brief uit een concentratiekamp (Brief aus einem Konzentrationslager). Im Mai 1933 kehrte er in die Niederlande zurück und ging anschließend nach Belgien. Dort setzte er als Reporter für die sozialdemokratische Zeitung Vooruit seine Publizistik fort, die jetzt vor allem antifaschistisch ausgerichtet war. Seine Berichte über den Reichstagsbrandprozess und die nationalsozialistische Kulturpolitik fanden vor allem in Belgien und den Niederlanden Verbreitung. Rost konzentrierte sich ebenso auf die Hilfe für die verfolgten Schriftsteller, die aus Deutschland nach Westeuropa geflohen waren und warb für die Volksfrontpolitik der Komintern ab 1935. Aus dem Spanischen Bürgerkrieg berichtete er 1937 in seiner Reportage Van het Spaanse vrijheidsfront (Von der spanischen Freiheitsfront). Im selben Jahr nahm er am Zweiten Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur teil, der in Barcelona, Madrid und Valencia abgehalten wurde. Nach dem Sieg des Franquismus kehrte Rost nach Brüssel zurück. Vor dem Hintergrund der Stalinisierung der Kommunistischen Parteien in Westeuropa beteiligte sich Rost in diesen Jahren auch an der Diskreditierung des niederländischen Schriftstellers Jef Last.
Zweiter Weltkrieg und Gefangenschaft in Konzentrationslagern Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Westeuropa konsultierte Rost die CPN, um sich in den Widerstand gegen die deutsche Besatzung einzubringen. In Brüssel wurde er Teil einer Widerstandsgruppe aus Mitgliedern der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ), der unter anderem auch Marianne Bradt und ihr Freund Jean Améry angehörten. Im März 1942 heiratete Nico Rost die deutsche Jüdin Edith Blumberg, die er bereits in Berlin kennengelernt hatte. Die Ehe – in der rassistischen Kategorisierung der Nationalsozialisten als „Mischehe“ bezeichnet – rettete Edith Blumberg vor der Deportation in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.Personalkarte von Edith Blumberg der Gestapo Brüssel, 1943, Rijksarchief in België / AGR-AVG-d040510, Bl. 2.
Neben seiner Tätigkeit für die Widerstandsgruppe war Rost bei den Brüsseler Verlagen Verlage Manteau und De Lage Landen als Übersetzer tätig. Unter dem Pseudonym Abel Eppens gab er die Werke von R. C. Bakhuizen van den Brink und Pieter Corneliszoon Hooft heraus. Unter dem Namen N. de Praetere veröffentlichte er Gedichte des deutschen Philosophen und Physikers Georg Christoph Lichtenberg. Diese Tätigkeit war von den deutschen Besatzungsbehörden geduldet und reglementiert. Rost beschrieb seine Rolle als Übersetzer als „trojanisches Pferd“,Levensbericht, 1951, Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, ARCH02020 / 90, Bl. 4. da er humanistische Literatur in Umlauf bringen konnte.
Rost wurde 1943 verhaftet, weil die Gestapo in Brüssel seinen Namen in Verbindung mit seinen antifaschistischen Aktivitäten vor der Besatzung bringen konnte.Häftlingspersonalbogen von Nicolaas Rost des Konzentrationslager Dachau, 1944, Arolsen Archives / 1.1.12.2 / 330415. Ab dem 10. Mai 1943 saß er zunächst für drei Wochen im Wehrmachtsgefängnis Forest. Anschließend wurde er in das Polizeigefängnis von Scheveningen gebracht und im Dezember in das KZ Herzogenbusch eingewiesen. Am 26. Mai 1944 traf er mit einem größeren Transport von niederländischen Schutzhäftlingen im Konzentrationslager Dachau ein.Häftlingspersonalbogen von Nicolaas Rost des Konzentrationslager Dachau, 1944, Arolsen Archives / 1.1.12.2 / 330415. Dort erhielt er die Haftnummer 68878. Rost wurde wegen eines Abszesses am Bein in das Krankenrevier des Konzentrationslagers gebracht. Nach seiner Genesung konnte er als „Revierläufer“ eine Beschäftigung finden, bei der er von den schlimmsten Auswirkungen der Zwangsarbeit verschont blieb. Im KZ Dachau traf er auch auf Emil Alphons Rheinhardt und auf Heinrich Eduard Miesen, die er in seinem Tagebuch Goethe in Dachau mehrfach erwähnte. Er hatte Zugang zur Lagerbibliothek und rezipierte vor allem die deutschsprachige Literatur der Weimarer Klassik und Romantik. Rost wurde am 29. April 1945 von amerikanischen Soldaten befreit und arbeitete bis zu seiner Repatriierung an der Zeitung Stem de Lage Landen (Stimme der Niederlande) mit, die von den niederländischen Überlebenden im befreiten Lager herausgegeben wurde.
Nachkriegszeit, SBZ und DDR Gesundheitlich angeschlagen kehrte Rost zu seiner Familie zurück, die die deutsche Besatzung in Brüssel überlebt hatte. Bis 1948 zog er sich zur Genesung in das kleine Dorf Amonines in den Ardennen zurück. Dort besuchte ihn auch der flämische Schriftsteller Louis Paul Boon. Rost redigierte in Amonines seine Aufzeichnungen aus dem Konzentrationslager, die er in Dachau heimlich angefertigt hatte. Aus diesem Material ging Goethe in Dachau hervor, das in Form eines Tagebuchs die antifaschistische Politisierung der deutschen Kultur gegen den Nationalsozialismus enthält. Nico Rost suchte unmittelbar nach seiner Befreiung nach Anknüpfungspunkten in die Zeit der antifaschistischen Volksfront der 1930er Jahre und warb für die Werte eines sozialistischen Humanismus als Gegensatz zur nationalsozialistischen Barbarei. In den Niederlanden versuchte er, etwa in der Zeitschrift De Vrije Katheder (Der freie Katheter), gegen anti-deutsche Ressentiments anzuschreiben. 1949 siedelte er zusammen mit seiner Frau Edith in die Sowjetische Besatzungszone über und wurde dort von vielen politischen Freunden willkommen geheißen, die Exil und Verfolgung überlebt hatten und am Aufbau eines sozialistischen Staates mitwirken wollten. Goethe in Dachau erschien in der SBZ unter dem Titel Goethe in Dachau. Literatur und Wirklichkeit bereits 1948 im Verlag Volk und Welt. Seine Freundin Anna Seghers schrieb das Vorwort. Dem Buch war in der insbesondere im Goethe-Jahr 1949 ein großer Erfolg beschieden. Eine westdeutsche Lizenzausgabe erschien 1949 im Weismann-Verlag. Übersetzungen auf Tschechisch und Slowakisch erfolgten im selben Jahr. Neben der positiven Rezeption löste Goethe in Dachau in der DDR auch eine Kontroverse aus, als die Schriftstellerin Susanne Kerckhoff im Oktober 1949 Nico Rost „polenfeindliche Tendenzen“ unterstellte.
Neben seiner journalistischen Tätigkeit und den Reisen in verschiedene sozialistische Volksrepubliken arbeitete Nico Rost für den Verlag Blick nach Polen und im Archiv des Künstlerheims der Deutschen Dichterstiftung auf Schloss Wiepersdorf. Dorthin war er auf Initiative seines Freunds Rudolf Engel von der Akademie der Künste als Treuhänder bestellt worden, um den Nachlass der Dichterin Bettina von Arnim zu verwalten.Brief von Rudolf Engel an Nicolaas Rost, Berlin, 08.06.1950, Akademie der Künste, Akademie der Künste Ost / 0033. Rost arbeitete in diesen Jahren auch an einer Biographie des Ministerpräsidenten der DDR, Otto Grotewohl, die er nie abschließen konnte.
Rosts Karriere in der DDR endete 1951 im Zuge der Verfolgungswelle in den Kommunistischen Parteien der Nachkriegszeit, die mit dem Schauprozess gegen Rudolf Slánský in der Tschechoslowakei ihren Höhepunkt erreichte. Wegen der zu losen Bindung an die Strukturen der CPN während der Besatzungszeit geriet Rost in den Verdacht, Abweichler zu sein. Die CPN strengte sogar ein Überprüfungsverfahren an, in dem auch die haltlosen Anschuldigungen gegen Goethe in Dachau instrumentalisiert wurden. In der DDR führten die Verdächtigungen gegen ihn zu seiner Ausweisung.Bericht von Hilde Erxleben, 23.08.1950, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, MfS Allg. P. 4443 / 57. Trotz der Fürsprache zahlreicher Unterstützer gelang es Rost in den Folgejahren nicht, sich zu rehabilitieren. Endgültig brach er mit der kommunistischen Bewegung 1956 nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstands.
Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen In den 1950er Jahren wandte sich Rost der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen und dem Gedenken an ihre Opfer zu. Sein Buch De vrienden van mijn vader (Die Freunde meines Vaters, 1956) enthält ein sensibles Porträt der jüdischen Gemeinschaft, die im Groninger Judenviertel um die Folkingestraat gelebt hat. Das Buch ist ein Monument für diese fast ohne Ausnahme ermordeten Menschen und beschreibt ihr alltägliches Leben, ihre Armut, Frömmigkeit und den Sinn für Studien und Unterricht. In den Nachkriegsjahren setzte sich der engagierte Antifaschist Rost auch für die Anerkennung der Roma und Sinti als Opfer des deutschen Völkermords ein. Er knüpfte Kontakte zur Communauté Mondiale Gitane in Frankreich und zum Kibbuz Lochamej haGeta’ot in Israel. Sein großes Bemühen war es, die Dimensionen der Shoah in den Niederlanden bekannter zu machen und den jüdischen Widerstand gegen die Vernichtung zu würdigen.