mini|hochkant|Karl Bühler im Jahr 1927. Foto von Georg Fayer. Karl Bühler (* 27. Mai 1879 in Meckesheim; † 24. Oktober 1963 in Los Angeles) war ein deutscher Psychologe. Er war Denk- und Sprachpsychologe sowie Sprachtheoretiker. Bühler gilt als Vertreter der sogenannten Würzburger Schule der Denkpsychologie, eines ganzheitspsychologischen Ansatzes, der mit der Gestaltpsychologie verwandt ist. Als Sprachtheoretiker vertrat er einen feldtheoretischen Ansatz.

Leben Bühler war der Sohn des Eisenbahnbediensteten Ludwig Bühler und seiner Ehefrau Berta. Er besuchte das Matthias-Grünewald-Gymnasium in Tauberbischofsheim und legte dort 1899 das Abitur ab. Im selben Jahr begann Bühler das Studium der Medizin an der Universität Freiburg. Während seines Studiums wurde er Mitglied der KDStV Arminia Freiburg im Breisgau im CV.Gesamtverzeichnis des C.V. Die Ehrenmitglieder, Alten Herren und Studierenden des Cartellverbandes (C.V.) der kath. deutschen Studentenverbindungen. 1912, Straßburg i. Els. 1912, S. 117. In Freiburg wurde er 1903 bei Johannes von Kries zum Dr. med. promoviert („Duplizitätstheorie“ des Sehens (nach Helmholtz und von Kries)). Er arbeitete weiter als Assistent und begann ein Zweitstudium der Psychologie. Er wurde 1904 bei Clemens Bäumker an der Universität Straßburg zum Dr. phil. im Fachbereich Psychologie (Studien über Henry Home) promoviert. Bühler arbeitete 1906 als Assistent an der Universität Freiburg bei von Kries und gleichzeitig als Assistent an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg bei Oswald Külpe.Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich: . online auf agso.uni-graz.at. Abgerufen am 24. Juni 2016.

Seine Habilitation in Würzburg mit der Schrift Tatsachen und Probleme zu einer Psychologie der Denkvorgänge schloss Bühler 1907 ab. Der Text gilt als grundlegend für die Würzburger Schule und löste eine heftige Kontroverse mit Wilhelm Wundt (Bühler-Wundt-Kontroverse) aus. Bühler wechselte 1909 nach Bonn, wo er Assistent von Oswald Külpe wurde.

Von 1913 bis 1918 arbeitete Bühler als außerordentlicher Professor in München. Er leistete von 1914 bis 1918 Kriegsdienst als Arzt während des Ersten Weltkriegs im militärpsychologischen Einsatz. 1918 wurde er ordentlicher Professor für Philosophie und Pädagogik an der Technischen Universität Dresden.

Bühler wurde 1922 an der Universität Wien Professor für Psychologie und Leiter des Psychologischen Instituts. Die Gründung des Wiener Psychologischen Instituts erfolgte durch die Bemühungen der Stadt Wien für eine Neuordnung des Schulsystems auf der Grundlage der neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Entwicklungsstand des Kindes. Karl Bühler wurde als Leiter des Psychologischen Instituts Wiens berufen. Von 1928 bis 1931 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Seine Frau Charlotte Bühler folgte ihm nach Wien und erhielt dort auch eine Dozentur. Beide lehrten in Wien bis zu ihrer gemeinsamen Emigration. Charlotte Bühler, mit der er eng zusammenarbeitete, wurde auf dem Gebiet der Jugendpsychologie bekannt. Die beiden hatten zwei Kinder, Ingeborg (* 1917) und Rolf (1919–1984). Letzterer wurde später Professor für Raumfahrt an der Universität Stuttgart.

Am 23. März 1938 – unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs – wurde Bühler kurz durch die Nationalsozialisten inhaftiert und emigrierte darauf 1940 über Oslo und London in die USA. Dort arbeitete er von 1940 bis 1945 als Professor in Minnesota und von 1945 bis 1955 als Professor der Psychiatrie an der University of Southern California in Los Angeles.

Bedeutung Bühler hat bedeutende Beiträge zur Sprach-, Denk- und Entwicklungspsychologie wie zur Gestaltpsychologie geleistet. 1913 erschien Bühlers Arbeit Die Gestaltwahrnehmungen. Auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie erregte sein 1918 erschienenes Werk Die geistige Entwicklung des Kindes Aufmerksamkeit. Infolge bildete sich eine Wiener Schule der Entwicklungspsychogie. Karl Popper studierte und promovierte bei Karl Bühler. Bühler gilt neben de Saussure, Jakobson und Chomsky als einer der wichtigsten Sprachtheoretiker des 20. Jahrhunderts (Klassiker: Sprachtheorie, 1934). Besonders sein Methodenpluralismus und seine interdisziplinäre wie internationale Ausrichtung begleiteten seine Forschungsarbeit, wie anhand seines Werkes Die Krise der Psychologie (1927) verfolgt werden kann.

Nach seinem ersten Erscheinen 1934 nur wenig beachtet, hat sich das sprachpsychologische und -philosophische, sich insbesondere mit deiktischen WörternGeorge A. Miller: Wörter. Streifzüge durch die Psycholinguistik. Herausgegeben und aus dem Amerikanischen übersetzt von Joachim Grabowski und Christiane Fellbaum. Spektrum der Wissenschaft, Heidelberg 1993; Lizenzausgabe: Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995; 2. Auflage ebenda 1996, ISBN 3-86150-115-5, S. 303. befassende zeichentheoretische Werk Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache seit den 1960er Jahren zu einem Standardtext der Sprachwissenschaften entwickelt. Bühler entfaltet darin eine Theorie der Sprachwissenschaft, die empirisch-psychologische mit philosophischen, linguistischen und kommunikationswissenschaftlichen Fragen und Methoden verbindet. Sein Modell der sprachkonstituierenden Grundprinzipien, die bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache vorausgesetzt werden, entwickelt Bühler dabei insbesondere in der Auseinandersetzung mit Immanuel Kant und Edmund Husserl.Vgl. Thomas Sturm: Bühler and Popper: Kantian therapies for the crisis in psychology. In: Studies in History and Philosophy of Biological and Biomedical Sciences. Band 43, 2012, S. 462–472.

Er begründete fast zeitgleich mit Wittgenstein eine handlungstheoretische Sprachauffassung, die Sprache als geformtes „Werkzeug“ sieht, nicht einfach nur als Instrument. Bekannt ist das „Organon-Modell“, das die „Ausdrucks-, Appell- und Darstellungsfunktion“ als grundlegend darstellt, aber auch die in jeder Kommunikation nötige Ergänzung und Abstraktion aus dem Wissen einbezieht. Darauf aufbauend sind inzwischen unzählige Varianten vier-, fünf- und sechsgliedriger Kommunikationsmodelle formuliert worden. Das aktive Sprechen wird als Handeln und das „Sprachwerk“ (der Text) als situationsgelöstes Handlungsprodukt betrachtet. Innovativ ist Bühlers Analyse des „Zeigfelds“ der Sprache, ausgehend von der ich-jetzt-hier-Origo. Mit „hier“ orientiert man auf etwas im Nahbereich des Sprechenden, mit „ich“ zeigen Sprecher auf sich selbst, mit „jetzt“ auf die aktuelle Sprechzeit. Die Felderlehre Bühlers wurde von Konrad Ehlich im Rahmen der „Funktionalen Pragmatik“ weiterentwickelt. Bühlers Theorie ist auch in Grammatiken wie die Grammatik der deutschen Sprache von Zifonun/Hoffmann/Strecker u. a. (1997) eingegangen.

Die Bühler-Schule fand im deutschen wie im angelsächsischen Sprachraum eine breite Anerkennung. Dies lässt sich an den vielen Gastprofessuren erkennen, die Karl Bühler im Laufe der Jahre vor seiner Emigration in die USA an verschiedenen amerikanischen Universitäten erhielt. Jedoch konnte er sich nach seiner Emigration in die USA im Jahre 1938 im wissenschaftlichen Diskurs der USA, die bereits behavioristischen Strömungen folgte, nicht richtig etablieren. In dieser Zeit widmete er sich hauptsächlich verhaltensbiologischen Fragestellungen, die auch erst nach seinem Tod entsprechend rezipiert und gewürdigt wurden.

Sein bekanntester Schüler war Karl Popper, der von ihm im Jahr 1928 über das Thema Zur Methodenfrage der Denkpsychologie promoviert wurde.

Entwicklung der Denkpsychologie Die Würzburger Schule (1901–1909) war der eigentliche Geburtsort der Denkpsychologie. Die Untersuchung von Denkprozessen vor dieser Zeit orientierte sich an dem philosophischen Gedankengut und deren Vorstellung des Denkens. Bereits bei Aristoteles (384–322 v. Chr.) kann eine Trennung der Inhalte der Wahrnehmung von den Inhalten der geistigen Repräsentation beobachtet werden. Die geistigen Repräsentationen werden auch als Vorstellungen beschrieben, die durch verbundene Assoziationen entstehen.

„Assoziationen sind Verbindungen zwischen Gedächtnisinhalten, die nach dem zeitlichen Ablauf miteinander verbunden oder nach der Ähnlichkeit, nach dem Gegensatz oder nach der räumlichen und zeitlichen Nähe in einer Relation zueinander stehen.“ (Spada: 1992)

Die Philosophie setzte sich schon sehr früh mit dem Thema des Denkens auseinander und die Annahme interner Repräsentationen blieb bis ins 19. Jahrhundert Thema der Philosophie (Descartes, John Locke, David Hume, David Hartley). Die Psychologen begannen auf Grund der Nähe zu der Philosophie und deren Argumentationen der Assoziationen, mit Untersuchungen über die Entstehungsbedingungen und den Eigenschaften von Assoziationen. Die experimentelle Psychologie baute daher zunächst auf die Philosophie und blieb auch in deren gedanklichen Rahmen haften bis zum Beginn der Würzburger Schule. Hier wendete man sich von dem assoziationspsychologischen Rahmen ab und lenkte das Interesse auf den Menschen und welche Prozesse beim Denken aktiv werden. Es folgte die erste qualitative Untersuchung von Assoziationen, in dem die Probanden durch Selbstbeobachtung ihren Denkprozess beschreiben mussten. Dabei konnte festgestellt werden, dass beim Denkprozess zusätzlich noch nicht-beobachtbare Prozesse wirksam sein müssen.

Karl Bühler verwendete zur Untersuchung der Denkprozesse die Methode der Introspektion. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass der Denkprozess bzw. die Gedanken fast ausschließlich aus nicht-beobachtbaren Prozessen bestehen und nicht mit einer Sequenz aus sinnlichen Vorstellungen beschreibbar sind. Das so genannte Aha-Erlebnis und dessen Beschreibung, dass die Gedanken nicht verfolgt werden können, gehen auf Karl Bühler zurück. Seine Untersuchungen führten zu einer Phänomenologie des Denkens. Wilhelm Wundt übte heftige Kritik an der Methode der ungeschulten Introspektion und der Ausfragemethode nach Bühler, die zur „Wundt-Bühler-Kontroverse“ führte. Nach heutiger Auffassung war diese Kritik berechtigt (Massen & Bredenkamp, 2005).

Die weiteren Forschungen lösten sich immer mehr von den philosophischen assoziativen Denkvorstellungen und richteten das Augenmerk auf den Lösungsprozess von Problemen. Hierbei rückte das Individuum immer mehr in den Mittelpunkt und wird als eigenständig denkendes Individuum erkannt. Die Gestaltpsychologie nahm einen entscheidenden Einfluss auf die psychologischen Überlegungen und Forschungen der Denkpsychologie und deren Suche nach den Denkprozessen beim Lösen von Problemen und Aufgaben Otto Selz (1913, 1922), Karl Duncker (1935), Max Wertheimer (1945), Wolfgang Köhler (1921), Edward Tolman (1932).

Durch den Nationalsozialismus wurden die meisten Arbeiten eingestellt und erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren wieder aufgenommen.Hans Spada: Allgemeine Psychologie. Verlag Hans Huber, Bern 1990, S. 192–194.

Philosophie im 20. Jahrhundert Karl Bühler gehört zu den Philosophen des 19./20. Jahrhunderts (Philosophie des 20. Jahrhunderts). Diese Zeit ist von bestimmten philosophischen Denkrichtungen und Philosophen geprägt, die letztlich auch Karl Bühler und seine Forschungen beeinflusst haben.