Unter Festung Jülich versteht man die Gesamtheit der Befestigungsanlagen um die rheinische Stadt gleichen Namens, die zwischen 1547 und 1860 bestanden. Nördlich der Alpen zählt sie zu den ältesten und ungewöhnlichsten Zeugnissen der Festungsarchitektur dieser Zeit. Ihre Überreste mit der Renaissance-Zitadelle und dem napoleonischem Brückenkopf stellen eines der bedeutendsten Ensembles frühneuzeitlicher Wehrarchitektur in Deutschland dar.
mini|300px|Der von den Franzosen geplante Endausbau der Festung Jülich
Antike und Mittelalter Seit der Gründung der Siedlung als römischer vicus entlang der Römerstraße Boulogne – Heerlen – Köln hatte sie eine strategische Bedeutung gehabt, da sie einen der wenigen gangbaren Rurübergänge kontrollierte und wohl bereits in römischer Zeit eine Brücke bestand. Aus diesem Grunde wurde Iuliacum bereits im 4. Jahrhundert zu einem befestigten Kastell ausgebaut, das wohl sechzehn Türme aufwies und das Gebiet um den heutigen Marktplatz umschloss. Diese Befestigung, ursprünglich zur Abwehr barbarischer Einfälle aus östlicher Richtung gedacht, geriet beim Rückzug der Römer im 5. Jahrhundert in fränkische Hand und wurde zur Keimzelle des Jülichgaus, aus dem dann erst die Grafschaft und im 14. Jahrhundert das Herzogtum Jülich hervorgingen. Im westlichen Teil der Befestigung ist die Burg der Jülicher Herren zu suchen, die vermutlich einen Abschnitt der römischen Umwallung als Außenmauer nutzte. Im heutigen Ortsteil Altenburg entstand im 12. Jahrhundert eine Motte, die bereits im 13. Jahrhundert wieder zerstört wurde. An der Wende vom 13. Jahrhundert zum 14. Jahrhundert erfuhr die Stadt eine komplette Neubefestigung, die bereits einen erheblichen Teil der heutigen Altstadt umfriedete. Es handelte sich dabei um eine gotische Befestigung, die zur Armbrustverteidigung eingerichtet war. Relikte dieser Bauphase sind der Hexenturm und ein erhalten gebliebener Abschnitt der Stadtmauer im Innern der Bebauung des Blockes, der zwischen Stiftsherrenstraße und Großer Rurstraße liegt (Hinterhofgrundstücke Stiftsherrenstraße 7 und 9, Zugang beschränkt möglich).
Neuzeitliche Befestigung Zwischenzeitlich waren die Jülicher Herzöge reich und mächtig geworden, das Jülicher Land war ein Teil der Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg. Ihr Herrscher, Herzog Wilhelm V., hegte große Ambitionen und wollte seine Herrschaft auch auf das Herzogtum Geldern ausdehnen, auf das er nach dem Aussterben des dortigen Herrscherhauses einen Erbanspruch besaß. Kaiser Karl V. betrachtete sich ebenfalls als legitimen Erben, und die beiden Herrscher gerieten 1543 in der Gelderner Fehde aneinander. Der Herzog unterlag dabei dem Kaiser, da sich die mit ihm verbündeten Franzosen nicht für ihn einsetzen wollten. Er unterwarf sich dem Kaiser und musste ihm im Vertrag von Venlo Geldern überlassen und eine Habsburgerin heiraten. Ein wesentlicher Grund für die Niederlage war die schnelle Eroberung der herzoglichen Festungen gewesen, die noch im Mittelalter verhaftet und der modernen Artillerie nicht mehr gewachsen waren. Der Herzog fasste den Plan, mehrere Städte seines Herrschaftsgebietes zu modernen Landesfestungen und zum Teil auch Residenzstädten auszubauen – Düsseldorf als Residenz des Herzogtums Berg, Orsoy als klevischen Hauptwaffenplatz und Jülich als Residenz des Herzogtums Jülich. Die Stadt Jülich war dem Kaiser kampflos übergeben worden und deshalb unzerstört geblieben, man hatte aber bereits mit dem Bau einer neuen, modernen Stadtbefestigung im rondellierten System begonnen. Das genügte dem ehrgeizigen Herzog aber nicht mehr, ihm schwebte eine völlig neue Stadt nach Idealvorstellungen vor. Er hörte sich nach einem geeigneten Baumeister um und verfiel auf Alessandro Pasqualini aus Bologna, einen versierten Architekten und Festungsbaumeister, der schon seit längerer Zeit in den Niederlanden arbeitete. Wilhelm stellte ihn in seine Dienste und übertrug ihm den Ausbau der drei großen Landesfestungen und Residenzstädte.
Das Hauptaugenmerk fiel dabei auf Jülich, wo eine perfekte, ganz neue Stadt nach dem Geschmack der Renaissance entstehen sollte – eine Idealstadt. Die mittelalterliche Stadt stand noch, so dass erste Planungen darauf Rücksicht nehmen mussten. Doch bereits 1547 brannte fast die ganze Stadt in einer einzigen Nacht (vom 25. auf den 26. Mai) nieder, und böse Zungen vermuteten Brandstiftung – lediglich das Gebiet um den Hexenturm und die heutige Kleine Rurstraße blieb verschont. Jedenfalls war der Weg nun frei für einen völligen Neuaufbau nach idealen Gesichtspunkten, und Pasqualini legte bald seine Pläne vor. Der Entwurf sah an der Nordseite der Stadt eine gewaltige Zitadelle mit vier Bastionen vor, mit etwa 500 Meter Kantenlänge von Bastionsspitze zu Bastionsspitze und einer doppelten Befestigung, in deren Zentrum das herzogliche Residenzschloss als palazzo in fortezza liegen sollte, ein damals viel diskutiertes, aber selten ausgeführtes Konzept. Die Stadt war als gestrecktes Pentagon konstruiert, zwei der fünf Ecken sollten von der Zitadelle abgedeckt werden, während der Rest von einer modernen bastionierten Befestigung geschützt wurde. Der Plan der Stadt folgte idealen Gesichtspunkten, alle Straßen waren breit und gerade angelegt und auf die Zitadelle ausgerichtet, um eine Beherrschung der Stadt von ihr aus möglich zu machen. Die Häuser folgten einer strengen Bauordnung, welche die Gefahren durch Feuer oder Straßenkämpfe verringern sollten. So war z. B. die Straßenbreite so berechnet, dass der Trümmerschutt eines eingestürzten Hauses nur die Hälfte ihrer Breite verstopfte und die andere Hälfte für den Durchgangsverkehr frei blieb. Alle Häuser sollten in Steinbauweise ausgeführt werden, um die Gefahr eines verheerenden Stadtbrandes zu minimieren.
Baubeschreibung 400px|mini|Darstellung Jülichs vor der ersten Belagerung. Bezeichnung der Bastionen: I. Zitadellenbastion Wilhelmus, II. Zitadellenbastion Maria Anna, III. Zitadellenbastion St. Salvator, IV. Zitadellenbastion St. Johannes, 1. Stadtbastion St. Sebastianus, 2. Stadtbastion St. Eleonore, 3. Stadtbastion St. Jakob, 4. Stadtbastion St. Franziskus. Bezeichnung der Tore: A. Kölntor, B. Bongardpforte, C. Aachener Tor oder Rurtor (noch in alter Position), D. Dürener Tor
Wie aus dem Plan zu ersehen ist, teilt sich die Befestigung der Stadt in zwei klar voneinander abgegrenzte Bereiche: die Zitadelle mit dem herzoglichen Schloss und die eigentliche Stadtbefestigung. Es ist anzunehmen, dass der ursprüngliche Plan anfangs umgesetzt werden sollte, die Verschiebung der Schlosskapelle aus der Mittelachse des Ostflügels spricht dafür, dass man den ursprünglich größer angelegten Bau verkleinern musste. Auch die Zitadelle wurde schließlich nur etwa halb so groß wie geplant, und die Stadtbefestigung bekam statt drei nun vier Bastionen, eine davon als Halbbastion, und wurde mit zwei zusätzlichen unregelmäßigen Mauern an die verkleinerte Zitadelle angeschlossen. Dennoch galt die Festung bei ihrer Fertigstellung gegen 1580 als die mächtigste und modernste in ganz Europa. Sie bestand aus folgenden Elementen, die bis zum Ende der Festungszeit fast unverändert blieben und mehrfach modernisiert und um zahlreiche Vorwerke und Aufbauten erweitert wurden:
Zitadelle (bis heute erhalten) Bastion Wilhelmus oder auch Zitadellenbastion No. I Südöstliche Bastion der Zitadelle, nur gering bedroht und vergleichsweise schwach ausgebaut Bastion Marianne oder Maria Anna, auch Zitadellenbastion No. II Nordöstliche Bastion, wegen ihrer Lage gegenüber der Merscher Höhe am meisten gefährdet und am schwersten befestigt Bastion St. Salvator, auch Zitadellenbastion No. III Nordwestliche Bastion, ebenfalls stark bedroht und gut ausgebaut Bastion St. Johannes, auch Zitadellenbastion No. IV Südwestliche Bastion, wenig gefährdet und daher schwach ausgebaut
Stadtbefestigung (nur noch Reste vorhanden) Bastion St. Sebastianus oder Stadtbastion No. I Nordwestliche Bastion der Stadtbefestigung (Ecke Kuhlstraße / Schützenstraße), wegen der Nähe zur Zitadelle und der wenig bedrohten Position nur als Halbbastion ausgelegt. Später mit einem erhöhten Kavalier zum Schutz der Rurfront versehen. Bastion St. Eleonore oder Stadtbastion No. II Westlichste Bastion (Biegung der Schützenstraße nahe dem Hexenturm), schützte das Aachener Tor und den Rurübergang Bastion St. Jakob oder Stadtbastion No. III Südlichste Bastion (Ecke Bongardstraße / Am Aachener Tor), eher wenig bedroht. Schützte das Aachener Tor und die Bongardpforte Bastion St. Franziskus oder Stadtbastion No. IV Östliche Stadtbastion (Ecke Große Rurstraße / Poststraße am Neuen Rathaus), schützte das Kölntor
Die Wälle und Bastionen bestanden aus Erde, eingefasst von Blendmauern aus Ziegeln, die nach der Feldseite hin bis zu fünf Meter stark war. Hinter der feldseitigen Blendmauer lag ein System aus Tonnengewölben, das die Erde des Hauptwalles in kleine Portionen unterteilte und bei einer Bresche in der Mauer das Auslaufen der Erdmassen verhinderte, wodurch das Entstehen einer gangbaren Bresche verzögert wurde, durch die ein etwaiger Gegner den Wall hätte stürmen können. Dabei war die Befestigung der Zitadelle deutlich stärker ausgelegt als die der Stadt, die Mauern waren dort zwölf bis fünfzehn Meter hoch anstatt nur acht bis zehn Metern bei der Stadtmauer, und sie waren mit bis zu 42 Metern auch deutlich stärker als der maximal 20 Meter dicke Stadtwall. Sowohl die Stadtmauer als auch der Zitadellenwall waren im unteren Teil geböscht, was die Mauer verstärkte und dazu führte, dass Wurfgeschosse von oben in Richtung des Feindes abprallten. Im Innern der Bastionen verlief ein System aus bombensicheren Kasematten, die zu den Kanonenhöfen in den zurückgezogenen Flankenstellungen der Bastionen führten, die Zitadelle wies daneben noch Kommunikationsgänge hinter der vorderen Blendmauer und zum Teil auch hinter der hofseitigen Mauer auf, die nachträglich eingebaut wurden.
Sowohl Zitadelle als auch die Stadtbefestigung besaßen mehrere Tore, wobei nur die Stadttore Namen trugen.
Kölntor: Das Kölntor bildete den östlichen Stadtzugang von der alten Römerstraße Richtung Köln. In späterer Zeit wurde es durch ein vorgeschaltetes Ravelin gesichert. Es war neben dem Aachener Tor der wichtigste Zugang zur Stadt, ganz besonders für den Durchgangsverkehr. Bongardpforte: Die Bongardpforte war niemals eines der Haupttore, sondern eher als Ausfall- und Versorgungstor gedacht. Sie durchbrach den südöstlichen Stadtwall und führte auf das dieser Front vorgeschaltete Ravelin. Sie verschwand gegen 1633. Aachener Tor oder auch Rurpforte: Der südwestliche Zugang zur Stadt von der Rurbrücke her. Neben dem Kölntor das wichtigste Stadttor und durch mehrere vorgeschaltete Vorwerke stark gesichert. Dürener Tor: Das Dürener Tor lag an der Nordseite der Stadt zwischen der Zitadelle und der Stadtbastion I. Es hatte nie eine große Bedeutung und verschwand irgendwann im 17. Jahrhundert.
Die Zitadelle besaß im Norden und im Süden je ein Haupttor, das sie mit der Stadt und mit der nördlichen Feldseite verband. In späterer Zeit wurden auch Tore nach Westen und Osten angelegt, die allerdings nicht dem Durchgangsverkehr dienten, sondern lediglich der Kommunikation mit den östlichen und westlichen Vorwerken.
Das 17. Jahrhundert mini|250px|Plan der Belagerung Jülichs 1610
Die erste Bewährungsprobe für die neue Festung kam schon 1610. Im Zuge des Jülich-Klevischen Erbfolgestreites nach dem Aussterben des Herrscherhauses besetzten kaiserliche Truppen die Festung, da der Kaiser Rudolf II. den Standpunkt vertrat, die Lehen würden mit dem Ende der herzoglichen Linie an ihn zurückfallen. Sowohl Brandenburg-Preußen als auch Pfalz-Neuburg machten Erbansprüche geltend, und es kam zum Krieg.
Die Belagerung von 1610