miniatur|hochkant|Der junge William Beckford
William Thomas Beckford (* 1. Oktober 1760 in Fonthill, Wiltshire oder London;Anita McConnell, Beckford, William Thomas (1760–1844). Oxford Dictionary of National Biography Oxford, Oxford University Press 2004. doi:10.1093/ref:odnb/1905 † 2. Mai 1844 in Bath) war ein englischer Millionär und Exzentriker, hauptsächlich bekannt als Schriftsteller und Baumeister. Darüber hinaus war er Kritiker, Sammler, Politiker und reicher Sklavenhalter. Sein Roman Vathek beeinflusste Byron, Poe, Carl Einstein, Gottfried Benn und H. P. Lovecraft.Heinemann: Babylonische Spiele S. 7f
Leben Der reiche Erbe miniatur|hochkant|William Beckford miniatur|hochkant=0.7|William Courtenay als Knabe
Beckford wurde in Fonthill, Wiltshire, als einziger anerkannter Sohn von William Beckford dem Älteren geborenNach William Thomas Beckford in der Datenbank Centre for the Study of the Legacies of British Slavery UCL in 22 Soho Square in London. Sein Vater war Plantagenbesitzer auf Jamaika und zweimaliger Bürgermeister von London (1762 und 1769). Sein Urgroßvater Peter Beckford hatte im 17. Jahrhundert jamaikanischen Plantagen erworben und es dort zum Gouverneur gebracht. Seine calvinistische Mutter Maria Hamilton war eine Nachfahrin von Maria Stuart und Witwe des jamaikanischen Plantagenbesitzers Francis Marsh. Er wurde am 6. Januar 1761 in Fonthill getauft, sein Taufpate war William Pitt, 1. Earl of Chatham. William Beckford galt als hochbegabtes Kind. Seine Talente wurden von den Eltern früh gefördert. Er wurde von dem Schotten Robert Drysdale und dem Pfarrer John Lettice zu Hause unterrichtet. William Chambers unterwies ihn in den Grundzügen der Architektur, der weitgereiste Alexander Conzens in Kunst und Zeichnen und machte ihn außerdem mit arabischer und persischer Literatur bekannt. Früh kam es zu von ihm selbst betriebener Legendenbildung, so habe der fünfjährige Beckford etwa von dem damals neun Jahre alten Wolfgang Amadeus Mozart Klavierunterricht erhalten.dazu David Hunter, The Beckfords in England and Italy: a case study in the musical uses of the profits of slavery. Early Music 46/2, 2018, 288 Bei dieser Gelegenheit habe Mozart die Idee zu Le nozze di Figaro bekommen.James Lees-Milne, William Beckford. Tisbury, Compton Russell 1976, S. 20
Als Beckfords Vater 1770 starb, war er gerade zehn Jahre alt und Erbe eines Barvermögens von 1.000.000 Pfund Sterling (nach heutigem Wert etwa 110 Millionen £CPI Berechnung, Bezugsjahr 2009) sowie diverser Ländereien, darunter mehr als ein Dutzend Zuckerrohrplantagen auf Jamaika mit über 3000 SklavenRobert Beckford, A plaque on a statue can’t cover a cruel slave trader’s mass murder. My ancestors deserve better. Guardian 19. September 2023, die vor allem den Wohlstand der Familie begründetenDavid Hunter, The Beckfords in England and Italy: a case study in the musical uses of the profits of slavery. Early Music 46/2, 2018, 285. Sein Landbesitz auf Jamaika umfasste 89,12 km²David Hunter, The Beckfords in England and Italy: a case study in the musical uses of the profits of slavery. Early Music 46/2, 2018, Anm. 7. Ferner besaß er Fonthill Abbey in Wiltshire sowie Land in Somerset, Gloucester, Hertford, Buckingham, Bedford und LondonWilliam Thomas Beckford in der Datenbank Centre for the Study of the Legacies of British Slavery UCL. Als Beckford sein Erbe antrat, war das der Anlass zu einem Empfang in Fonthill Splendens, der 40.000 £ kosteteWilliam Thomas Beckford in der Datenbank Centre for the Study of the Legacies of British Slavery UCL. Seine Vormünder waren Lord Chatham, Lyttleton, and Camden, seine Erziehung war jedoch seiner Mutter und deren Verwandten anvertrautAnita McConnell, Beckford, William Thomas (1760–1844). Oxford Dictionary of National Biography Oxford, Oxford University Press 2004. doi:10.1093/ref:odnb/1905. Unbelastet von Existenzsorgen konnte Beckford sich seinen Interessen Kunst, Architektur und dem Schreiben widmen. So wurde er zu einem der bedeutendsten Förderer William Turners.
1777 siedelte er mit seinem Tutor Lettice nach Genf über, wo er bei seinem Onkel Oberst Hamilton, einem ausgemusterten Soldaten der British East India Company lebte. Mit Lettice unternahm er 1780 auch die „Grand Tour“. 1780 erreichte er Venedig, das er 1783 in dem Buch „Dreams, Waking Thoughts and Incidents“ beschrieb. Ferner komponierte er hier eine Ouvertüre zu dem Ballet Phaeton, die 1781–1782 in Paris erschien. In Neapel besuchte er seinen Verwandten mütterlicherseits William Hamilton und wurde von dessen Frau Catherine betreut. Als er 1781 volljährig wurde, ließ er sich durch George Romney malen, das Gemälde befindet sich heute im Upton House in Warwickshire.
Weihnachten 1781 Nach der Grand Tour wäre eine Bewerbung um ein politisches Amt die normale Fortsetzung der Karriere eines jungen Mannes in seiner Stellung gewesen. Beckford zeigte dazu jedoch keinerlei Neigung. An seine Cousine Lady Charlotte Hamilton schrieb er am 2. April 1781:
Ich fürchte, ich werde nie halb so weise noch tauglich sein, zu irgend etwas als dem Komponieren von Melodien, Erbauen von Türmen, Anlegen von Gärten, Sammeln alten japanischen Porzellans und dem Verfassen einer Reise nach China oder zum Mond.„I fear I shall never be half so sapient nor good for anything in this world, but composing airs, building towers, forming gardens, collecting old Japan, and writing a journey to China or the moon.“ Zitiert: Heinemann: Babylonische Spiele. S. 27 nach Melville: Life and Letters of William Beckford 1910, S. 105
Die Ziele dieses klar formulierten Programms wurden auch erreicht, vor allem, was den Turmbau und das Anlegen von Gärten betraf.
Weihnachten 1781 hatte der Maler und Bühnenbildner Philipp Jakob Loutherbourgs, der am Londoner Drury Lane wirkte, im Auftrag Beckfords in Fonthill Splendens eine phantastische Installation geschaffen, zu der nach der Beschreibung auch eine experimentelle Version von Loutherbourgs Eidophusikon gehörte, einer bühnentechnischen Vorrichtung, in der man einen Vorläufer des Kinematographen gesehen hat.Für den gesamten Abschnitt siehe Heinemann: Babylonische Spiele Kapitel 2, S. 26ff Zweck der Installation war, die auserlesenen Gäste Beckfords mit illusionistischen Effekten in eine aus Orient und Höllenschlund gemischte Phantasmagorie zu versetzen. Beckfords Vater besaß einige Werke Piranesis, und es wird vermutet, dass die Architektur von Newgate Prison, zu dessen Neubau der Grundstein von Beckfords Vater gelegt wurde, durch Piranesis Carceri beeinflusst war.Jorgen Andersen: Giant Dreams. Piranesi's Influence in England. In: Mario Praz (Hrsg.), English miscellany. A symposium of history, literature and the arts Nr. 3 (1952), British Council, Rom, S. 55 Jetzt dienten die imaginierten Kerkerlabyrinthe seinem Sohn als Vorlage für eine orientalisch-satanistische Inszenierung.
Zu den Gästen dieser denkwürdigen Christmas Party zählte auch Beckfords Geliebte Louisa Pitt-Beckford, die Frau seines Cousins Peter Beckford, der – ein Muster englischen Landadels – in ebendiesem Jahr ein viel beachtetes Werk über die Jagd herausgebracht hatte.Peter Beckford Thoughts Upon Hunting, in a series of familiar letters to a friend. London 1781 Louisa litt an Tuberkulose und war 13 Jahre älter, doch das wurde dadurch ausgeglichen, dass sich unter den Gästen auch der damals 13-jährige William „Kitty“ Courtenay befand, Sohn des 3. Viscount Courtenay und späteren 9. Earl of Devon, in den sich William heftig verliebt hatte.Saree Makdisi, Felicity Nussbaum: The Arabian Nights in historical context: between East and West Oxford 2008, S. 177 Die Bühne war gesetzt. Beckford erinnerte sich Jahre später:
Der glosende Dunst durchdrang jeden Gegenstand, die mystische Anmutung, das Ungeheure, das Verschlungene der labyrinthischen Wölbungen verursachte einen derart verwirrenden Effekt, dass es – zunächst – ganz unmöglich wurde zu bestimmen, wo man stand, woher man gekommen noch wohin man sich bewegte – derart war die Verwirrung – die verstörende Wirkung derart unendlich vieler über einander getürmter illuminierter Schichten und Schachten.„The glowing haze invested every object, the mystic look, the vastness, the intricacy of the vaulted labyrinth occasioned so bewildering an effect that it became impossible for anyone to define – at the moment – where he stood, where he had been, or to whither he was wandering – such was the confusion – the perplexity so many illuminated storys of infinitely varied apartments gave rise to.“ (1838) Zitiert bei Heinemann, S. 31
Am 5. Mai 1783 heiratete Beckford auf Drängen seiner Mutter Margaret Gordon, die Tochter des 4. Earl of Aboyne. Sie hatten zwei Töchter, Margaret Maria Elizabeth Beckford und Susan († 1859), die Alexander Hamilton, 10. Duke of Hamilton heiratete. 1784, als er bereits auf der Liste für die Peerage stand, wurde er von Lord Loughborough, Viscount of Powderham, dem Onkel William Courtenays und ein politischer Gegner seines Vaters denunziert, der ihm in der Presse homosexuelle Handlungen an seinem jungen Neffen vorwarf („Powderham scandal“). Auf Sodomie stand damals die Todesstrafe, wenn diese auch nie an einem Mitglied der Oberschicht vollstreckt wurdePietro Deandrea, The hegemonic outsider: William Beckford's Lisbon journal. Studies in Travel Writing 14/3, 2013, 226. Zu dieser Zeit wurde auch die Society for the Reformation of Manners, ein puritanisches Kontrollorgan, immer mächtiger. Obwohl er niemals angeklagt wurde, floh Beckford mit seiner Frau und ihrer neugeborenen Tochter Margaret im Juli 1785 in das Exil in die Schweiz, wo er sich in La Tour de Peilz bei Vevey am Genfersee niederließ. Hier starb seine Frau 1786 nach der Geburt der zweiten Tochter Susan Euphemia im Alter von 24 Jahren an Kindbettfieber. Es kursierten jedoch Gerüchte, dass sie an den Folgen seiner Misshandlungen gestorben seiAnita McConnell, Beckford, William Thomas (1760–1844). Oxford Dictionary of National Biography Oxford, Oxford University Press 2004. doi:10.1093/ref:odnb/1905.
1787 sollte Beckford nach dem Willen der Familie die Plantagen auf Jamaika besuchen, die schlecht bewirtschaftet wurden und Verluste einfuhren. Beckford reiste am 15. März ab, verließ das Schiff aber in Lissabon und weigerte sich, weiter zu reisenBeckfordmuseum, Beckfords and Slavery, Führungsblatt 2007. Er sah so die Plantagen, wo Sklaven den Reichtum der Familie erwirtschafteten, nie. Da sich der englische Botschafter in Portugal weigerte, ihn der Königin vorzustellen, blieben ihm die meisten gesellschaftlichen Kontakte verschlossen. Er lebte im Ramalhão Palast im Sintra, später in Monserrate, und befreundetet sich mit Dom Diogo, dem 5. Baron von Marialva sowie dem Italiener Gregorio Franchi (1769/70–1828) an. 1791 weilte er in Paris und konnte seine Sammlungen aus dem Besitz von Adeligen, die vor der Revolution flohen, erweiternAnita McConnell, Beckford, William Thomas (1760–1844). Oxford Dictionary of National Biography Oxford, Oxford University Press 2004. doi:10.1093/ref:odnb/1905.
Fonthill Abbey miniatur|Fonthill Abbey im Jahre 1823 von Westen aus gesehen