Nazareth (; ) ist eine Stadt im Nordbezirk Israels in Galiläa. Der Ort ist vor allem aufgrund seiner christlichen Tradition bekannt. Er wird im Neuen Testament mehrfach als jene Stadt erwähnt, in der Jesus aufwuchs. Die griechische Schreibweise variiert: und sind in den Manuskripten am besten bezeugt.Bauer/Aland, Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur. De Gruyter, 6. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin / New York 1988, Sp. 1077. Bei der Übersetzung des griechischen Neuen Testaments in die syrische Sprache in der Spätantike wurde der Ortsname in der Form [] wiedergegeben. Als ökumenische Schreibweise in deutschsprachigen Bibeln gilt Nazaret; die Lutherbibel hat die traditionelle Schreibung Nazareth.
Nazareth ist heute die israelische Stadt mit der größten Zahl arabischer Israelis. Die Altstadt besteht vor allem aus Gassen und einem arabischen Markt. Zusammen mit ihrer Schwesterstadt Nazrath-Illit („Ober-Nazareth“, seit 2019 Nof HaGalil), kommt sie auf Einwohner (Stand ); davon entfallen aufs überwiegend homogen arabische Nazareth Einwohner, die mehrheitlich Muslime und Christen sind. In Nazrath-Illit/Nof HaGalil leben zwei Drittel Juden, während der Anteil der Araber durch Zuzug von Nazarenern steigt, weshalb sie im Unterschied zu Nazareth als gemischte Stadt gilt. Beide Städte sind selbständig und haben getrennte Verwaltungen.
Bedeutung Der Ort wird weder in der hebräischen Bibel noch im Talmud erwähnt. Seine besondere Bedeutung liegt bis heute darin, dass er für Christen als Heimatort und Vaterstadt ( par. ) Jesu gilt (; ; ; ; ; ; u.ö.). Nach Darstellung der Evangelien lebten hier seine Eltern, Maria und Josef (; ).
Die früheste außerchristliche Erwähnung Nazareths ist eine Inschrift aus Caesarea Maritima aus dem späten 3. oder frühen 4. Jahrhundert, in der der Ort als Sitz einer von 24 Priesterordnungen genannt wird.
Heute gehört Nazareth zu den wichtigsten Pilgerstätten des Heiligen Landes. Nazareth ist mit der Metropolitankirche St. Georg Sitz des griechisch-orthodoxen Metropoliten der Metropolie Nazareth. Bedeutend ist die griechisch-orthodoxe Wallfahrtskirche der Verkündigung an die Theotokos der 1730er Jahre, in deren Untergeschoss die Quelle entspringt, wo der christlich-orthodoxen Überlieferung gemäß Erzengel Gabriel Maria von Nazareth begegnete und die Geburt des Herrn verkündete. An der Stelle, an der nach der katholischen Überlieferung das Haus Marias stand und ihr der Verkündigungsengel erschien, erhebt sich die 1969 geweihte römisch-katholische Verkündigungsbasilika. Sie trägt die Aufschrift „Hic verbum caro factum est“ („Hier ist das Wort Fleisch geworden“).
Der Ort wurde Namensgeber verschiedener Kirchen.
Geographie Die Altstadt von Nazareth liegt in einer Geländemulde. Die Mulde liegt knapp 100 m tiefer als der Hügelzug, der die Stadt hufeisenförmig umsäumt. Die Abhänge steigen mäßig steil an. Sie sind heute fast vollständig bebaut.
Nazareth liegt am etwa 1100 Kilometer langen Fernwanderweg Israel National Trail sowie am Jesus Trail. Rund um Nazareth können sich auch Tageswanderer Kultur und Geschichte erschließen, z. B. dem Israel Trail folgend den Berg Arbel erwandern.
Klima
Geschichte Nazareth in biblischer Zeit Aufgrund des Fehlens jeglicher Erwähnung der Ortschaft Nazareth in der hebräischen Bibel, dem Talmud und außerbiblischen Quellen aus dem 1. und 2. Jahrhundert (wie etwa Flavius Josephus) wurde seit dem 19. Jahrhundert seine Existenz zur Zeit der Geburt Jesu selbst in Zweifel gezogen. Archäologische Grabungen haben eine Besiedlung der Areale um die heutige Stadt seit dem 2. Jahrtausend vor Chr. nachgewiesen: Auf diese Zeit geht ein Grabfeld zurück, das in dem Berghang gefunden worden ist, und auf das 13. Jahrhundert vor Chr. ein eisenzeitliches Dorf. Auch wurden die Überreste eines in späthellenistischer Zeit (zwischen 141 und 30 v. Chr.) gegründeten kleinen Dorfes freigelegt.Rainer Riesner: Nazaret. In: Manfred Görg, Bernhard Lang (Hrsg.): Neues Bibel-Lexikon. Band 2: Haar–Nymphas. Benziger, Zürich u. a. 1995, ISBN 3-545-23075-9, S. 909–912.
Die archäologischen Befunde legen nahe, dass die Gegend um das heutige Nazareth im 1. Jahrhundert sehr spärlich besiedelt war. Oben an einem der Abhänge konnten landwirtschaftlich genutzte Bauten aus jener Zeit entdeckt werden, wobei es sich um die Überreste von Terrassenmauern und die Fundamente von drei Türmen handelt. Zudem stieß man bei den Ausgrabungen durch Ross Voss und Stephen Pfann ab 1996 auf ein Grab. Weitere zwanzig jüdische Gräber aus römischer Zeit sind ausgegraben worden. Diese Größenordnung kann auf ein Familiengrab hindeuten oder bestenfalls einem kleineren Familienclan zugeordnet werden. Die derzeitige Interpretation der University of the Holy Land lässt jedoch eine zugehörige Siedlung vermuten, deren Einwohnerzahl sie auf 200 bis 500 Personen schätzt. Im Jahr 2009 wurden bei Ausgrabungen der Israelischen Antikenverwaltung nahe der Verkündigungsbasilika erstmals Überreste eines Wohnhauses aus der frühen römischen Periode gefunden, die Rückschlüsse auf die Gegebenheiten zur Zeit Jesu zulassen. Es handelte sich um ein kleines, bescheidenes Haus mit zwei Zimmern. In dem zum Haus gehörenden Hof befand sich eine in den Felsen gehauene Zisterne. Fragmente von Kalksteingefäßen lassen auf jüdische Bewohner dieses Hauses schließen, denn nach der Halacha nimmt Kalkstein im Gegensatz zu Keramik keine rituelle Unreinheit an. Hinweise auf eine Synagoge, von der das Neue Testament berichtet (), wurden nicht gefunden.
Spätantike mini|Kapitell der kreuzfahrerzeitlichen Verkündigungskirche, 12. Jahrhundert (Replik im Rockefeller-Museum, Original im Museum des griechisch-orthodoxen Patriarchats Jerusalem) Eine Inschrift des 3./4. Jahrhunderts aus Caesarea Maritima belegt, dass sich die priesterliche Familie Ha-Pizzez nach dem Bar-Kochba-Aufstand in Nazareth niederließ. Bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. lebten in Nazareth Juden.
Eine christliche Präsenz in Nazareth im 3./4. Jahrhundert ist durch Eusebius von Caesarea und Julius Africanus bezeugt. Laut Epiphanios von Salamis baute Joseph von Tiberias zur Zeit Kaiser Konstantins in Nazareth eine Kirche. Die Pilgerin Egeria erwähnt eine Grotte als Marienheiligtum. Seit 614 wurde Nazareth verstärkt als christliche Stadt ausgebaut, wie Eutychios von Alexandria schreibt.
Mittelalter Tankred eroberte Nazareth im Jahr 1099. Für das frühe 12. Jahrhundert ist ein lateinischer Bischof bezeugt, dem um 1120 das Erzbistum Galiläa übertragen wurde. 1187 eroberten die Araber Nazareth; die zweite Periode der Kreuzfahrerherrschaft währte von 1229 bis 1263. Aus der Zeit der Kreuzfahrer datieren mehrere Kirchenbauten in Nazareth, darunter die Verkündigungskirche und die Josephskirche. Seit dem Mittelalter bewohnten vorwiegend arabische Christen die Stadt. Im Jahre 1263 eroberten die Mamluken unter Baibars I. Nazareth und machten es zu einem Teil Ägyptens. Christliche Stätten ließ er zerstören und christliche Geistliche ausweisen. Im Osmanisch-Mamlukischen Krieg (1516–1517) eroberte das Osmanische Reich die Levante mitsamt Nazareths, Ägypten und den Hedschas.
mini|Nazareth (1842, David Roberts)
Moderne Stadt Bevölkerungsentwicklung Im frühen 19. Jahrhundert war Nazareth laut Dan Rabinowitz ein Dorf mit höchstens 2000 meist muslimischen Bewohnern. Yehoshua Ben-Arieh schätzt, dass von 1800 bis 1880 die Stadtbevölkerung von 1250 auf 6000 Personen anwuchs. Es gab stets auch eine christliche Minderheit, sie wuchs durch Zuzug christlicher Araber aus anderen Regionen der Levante: 1867 waren von 5500 Einwohnern 65 Prozent Christen, 1888 wurde mit 68 Prozent ein Höchststand erreicht, der sich in den folgenden Jahrzehnten in etwa hielt. Von den Christen waren 3040 im Jahr 1904 griechisch-orthodox. 1948 hatte Nazareth 17.000 Einwohner, 60 Prozent Christen, 40 Prozent Muslime.Dan Rabinowitz: "Strife in Nazareth: Struggles over the religious meaning of place." In: Ethnography 2/1 (2001), S. 93–113, hier S. 101.
mini|Nazareth vor 1885, Foto von Félix Bonfils Der osmanische Versuch im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte, den Suezkanal zu blockieren, um so die Verbindungen zwischen den Teilen des Britischen Imperiums auf weite Umwege zu zwingen und im Falle eines Sieges das bis 1882 osmanische Chedivat Ägypten dem britischen Einfluss wieder zu entreißen, endete schließlich mit der Niederlage und Auflösung des Osmanischen Reiches. Den durch die osmanische Armee eröffneten Sinaifeldzug trieben siegreiche Gegenvorstöße der Egyptian Expeditionary Force der Triple Entente vom ägyptischen Sinai immer weiter nordostwärts über die osmanische Grenze zurück ins Mutesarriflik Jerusalem, das westliche Pilger, Theologen, Historiker und Geographen als Teil Palästinas ansahen, weshalb die Kriegsberichte von Palästinafront sprechen.Alex Carmel (), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516-1918 [תּוֹלְדֹוֹֹת חֵיפָה בִּיְמֵי הַתּוּרְכִּים, Haifa: , 1969; dt.], Clara Zellermeyer (Übs.), Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, (=Abhandlungen des Deutschen Palästinavereins; Bd. 3), S. 149. ISBN 3-447-01636-1.
mini|Heeresgruppenkommando F in Nazareth, 1918 Nach dem Fall Jaffas mit Tel Aviv am 17. November 1917 ließ Erich von Falkenhayn das Heeresgruppenkommando F der Heeresgruppe Yıldırım vom gefährdeten Jerusalem im nunmehr weithin eroberten Mutesarriflik Jerusalem nach Nazareth im osmanisch-libanesischen Vilâyet Beirut verlegen.Der Weltkrieg 1914 bis 1918: Die militärischen Operationen zu Lande: 14 Bde., Reichsarchiv (Bd. 1–12), im Auftr. des Oberkommandos des Heeres die Kriegsgeschichtliche Forschungsanstalt des Heeres (Bde. 13 und 14) (Hrsg.), Bd. 13 ‹Die Kriegführung im Sommer und Herbst 1917: Die Ereignisse außerhalb der Westfront bis November 1918›, 11942, Nachdruck Koblenz: Bundesarchiv, 21956, S. 426. Am 20. September 1918 drang die 13th Cavalry Brigade der Britisch-Indischen Armee als Teil der Triple Entente in Nazareth ein und überraschte die örtlichen Kräfte von Asienkorps und Osmanischer Armee. Streitkräfte der Mittelmächte verwickelten die Inder in Gefechte am Ort, die sie banden. Derweil räumte das Heeresgruppenkommando F fluchtartig sein Hauptquartier und verfrachtete auf Lastkraftwagen Unterlagen und Material die Stadt über Kafr Kanna verlassend. Die Kolonne von Fahrzeugen begab sich via Tiberias und der nordöstlichen Route des Darb al-Hawarnah folgend, den Jordan auf der Brücke Gescher Bnot Jaʿaqov querend über Golan und Hauran nach Damaskus.Max Simon-Eberhard, Mit dem Asienkorps zur Palästinafront, Berlin: Allgemeine Verlags- und Druckerei-Gesellschaft, 1919, S. 115. Mit der Einnahme Nazareths durch Entente-Streitkräfte endete die osmanische Herrschaft praktisch.
Paris und London teilten die osmanische Levante untereinander auf und schufen militärische Besatzungsverwaltungen Occupied Enemy Territory Administrations East, North and South. Die Briten übernahmen die Occupied Enemy Territory Administration South (OETA South), womit die südlichen zwei Drittel Galiläas einschließlich Nazareth, als Sitz und Teil des Bezirks Kaza Nazareth, seit Beginn des 18. Jahrhunderts Teil des Sandschak Akkon im osmanischen Syrien bzw. ab 1888 eben im osmanisch-libanesischen Vilâyet Beirut 1920 ins Einflussgebiet Jerusalems wechselte. Großbritannien (1920) und Völkerbund (1922) schufen durch Vereinigung des Mutesarrifliks Jerusalem mit den libanesischen Sandschaks Akkon und Nablus und Gebieten östlich des Jordans die neue territoriale Einheit Palästina (1922), bevor die Briten 1923 Palästina flächenmäßig um mehr als die Hälfte reduzierten, als sie in Einlösung des Versprechens, einen arabischen Staat zu gründen (Hussein-McMahon-Korrespondenz), Transjordanien auf palästinensischem Boden etablierten. Das nördliche Drittel Galiläas blieb beim Libanon, der durch das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon als Mandats-Libanon in französische Obhut geriet.