Erwinia ist eine Gattung gramnegativer Stäbchenbakterien aus der Familie der Enterobakterien (Enterobacteriaceae). Sie sind fakultativ aerob, d. h. in Gegenwart von Sauerstoff (oxisches Milieu) ist ihr Energiestoffwechsel oxidativ, wenn kein Sauerstoff vorhanden ist (anoxisches Milieu), wechseln sie im Energiestoffwechsel zu einer Gärung. Fast alle Arten sind peritrich begeißelt, also aktiv beweglich. Viele Arten von Erwinia (und früher zu dieser Gattung gestellte Arten) sind Pflanzenschädlinge.

In den letzten Jahren erfolgten einige Änderungen in der Systematik dieser Gruppe. Untersuchungen zeigten zu große Unterschiede der DNA, so dass viele Arten zu anderen Gattungen (Pantoea, Enterobacter, Pectobacterium und Brenneria) gestellt wurden. Vor allem in den Agrarwissenschaften (aufgrund der Rolle als Pflanzenschädlinge) werden die betroffenen Arten jedoch noch unter den alten Namen geführt und angesprochen.

Stoffwechsel Die Angehörigen der Gattung Erwinia sind chemoorganotroph, sie bauen zur Energiegewinnung verschiedene organische Stoffe ab. Sie sind fakultativ aerob, d. h. in Gegenwart von Sauerstoff haben sie einen oxidativen Energiestoffwechsel, sie oxidieren die organischen Stoffe vollständig zu Kohlenstoffdioxid (CO2) und Wasser. Ist kein Sauerstoff vorhanden, wechseln sie zu der 2,3-Butandiolgärung. Dabei entsteht aus Glucose als Endprodukt vor allem der Alkohol 2,3-Butandiol, daneben werden geringe Mengen von Säuren gebildet. Weitere Merkmale der 2,3-Butandiolgärung sind das Zwischenprodukt Acetoin und eine besonders hohe Gasproduktion (Kohlenstoffdioxid CO2). Das Zwischenprodukt Acetoin kann mit Hilfe der Voges-Proskauer-Reaktion nachgewiesen werden. Weitere Butandiolgärer der Enterobakterien sind z. B. Enterobacter, Klebsiella und Serratia.

Andere Gattungen der Enterobakterien nutzen unter anoxischen Bedingungen ebenfalls eine Gärung, allerdings eine andere Form, die so genannte Gemischte Säuregärung (mixed acids fermentation). Bei der Gemischten Säuregärung treten als Endprodukte vorwiegend Säuren, wie Essigsäure, Milchsäure und Bernsteinsäure, aber kein Butandiol auf. Die Gemischte Säuregärung zeigen u. a. die Gattungen Escherichia, Salmonella und Proteus. Die verschiedenen Endprodukte und Gasbildungen der beiden Stoffwechselwege sind ein wichtiges Merkmal zur Unterscheidung der Gattungen.

Pflanzenpathogene Arten Viele Erwinia-Arten bauen Pflanzenreste ab, sind aber auch an der Entstehung von Pflanzenkrankheiten beteiligt oder gelten als Vorratsschädlinge.

So löst Erwinia carotovora (Die Systematik wurde umgestellt, der korrekte Name ist nun Pectobacterium carotovorum) die Schwarzbeinigkeit bei Kartoffeln aus. Das Bakterium schädigt die Pflanze durch den Abbau von Pektinen mit Hilfe des Enzyms Pektinase. Bei Pektinen handelt es sich um extrazelluläre Substanzen in der Mittellamelle der Pflanzenzellen, die eine gelatinöse Haftschicht zwischen den Zellen bilden. Durch den Abbau löst sich das betroffene Pflanzengewebe auf. Erwinia amylovora ist der Erreger des Feuerbrandes. Betroffen sind viele Arten der Rosengewächse (Rosaceae), vor allem Kernobstgewächse. Erwinia billingia ist ein weiterer Schädling für diverse Rosengewächse. Erwinia cypripedii (korrekter Name nun Pectobacterium cypripedii) schädigt diverse Orchideen, z. B. Cypripedium.

Einige Arten wurden bei Menschen oder Tieren gefunden, ihre Rolle als Krankheitserreger ist jedoch nicht gesichert.

Systematik Zurzeit (31. August 2026) sind folgende Arten von Erwinia bekanntLPSN: Genus Erwinia Winslow et al. 1920 (Approved Lists 1980)..

Erwinia et al. 1920 (Approved Lists 1980) [Entomohabitans et al. 2022, Winslowiella et al. 2023] Erwinia aeris et al. 2025 Erwinia amylovora et al. 1920 (Approved Lists 1980) (Typusart) Erwinia aphidicola et al. 1998 Erwinia artemisiae et al. 2026 Erwinia billingiae et al. 1999 „Ca. Erwinia dacicola“ et al. 2005 Erwinia endophytica et al. 2016 „Ca. Erwinia haradaeae“ corrig. et al. 2020 „Ca. Erwinia impunctatus“ 2024 Erwinia iniecta et al. 2015 Erwinia lathyri et al. 1920 Erwinia magellanica et al. 2026 Erwinia mallotivora 1976 (Approved Lists 1980) Erwinia oleae et al. 2011 Erwinia papayae et al. 2004 Erwinia persicina et al. 1990 Erwinia phyllosphaerae et al. 2022 Erwinia piriflorinigrans et al. 2011 Erwinia psidii et al. 1988 Erwinia pyrifoliae et al. 1999 Erwinia rhapontici corrig. 1948 (Approved Lists 1980) Erwinia tasmaniensis et al. 2006 Erwinia teleogrylli et al. 2016 Erwinia toletana et al. 2004 Erwinia tracheiphila et al. 1923 (Approved Lists 1980) Erwinia typographi et al. 2012 Erwinia uzenensis et al. 2012

Einige Umstellungen Verschiedene Erwinia-Arten wurden in die Gattungen Pantoea, Enterobacter, Pectobacterium, Brenneria und Duffyella re-klassifiziert – alle gehören zu den Enterobakterien:

Brenneria: Erwinia alni, Erwinia quercina, Erwinia rubrifaciens, Erwinia salicis und Erwinia paradisiaca [Dickeya paradisiaca] Pantoea: Erwinia stewartii, Erwinia herbicola [Enterobacter agglomerans], Erwinia milletiae, Erwinia uredovora [Erwinia ananatis] Enterobacter: Erwinia cancerogena, Erwinia nimipressuralis und Erwinia dissolvens [Enterobacter cloacae subsp. dissolvens] Pectobacterium: Erwinia carotovora, Erwinia chrysanthemi und Erwinia cypripedii Duffyella: Erwinia gerundensis

Literatur Martin Dworkin, Stanley Falkow, Eugene Rosenberg, Karl-Heinz Schleifer, Erko Stackebrandt (Hrsg.) The Prokaryotes, A Handbook of the Biology of Bacteria. 7 Bände, 3. Auflage, Springer-Verlag, New York u. a. O., 2006, ISBN 0-387-30740-0. Band. 6: Proteobacteria: Gamma Subclass ISBN 0-387-30746-X Michael T. Madigan, John M. Martinko, Jack Parker: Brock - Mikrobiologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin 2001, ISBN 3-8274-0566-1

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Enterobacterales Kategorie:Enterobacterales (Ordnung)