Wallgau ist eine Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Sie gehört mit Garmisch-Partenkirchen als Kreishauptort und kulturellem Zentrum sowie weiteren Gemeinden zum Werdenfelser Land. Wenige Kilometer entfernt verläuft südlich die deutsch-österreichische Grenze.

Wallgau bildet zusammen mit Krün und Mittenwald den Tourismusverbund Alpenwelt Karwendel, der die Region ganzjährig als Ausgangspunkt für Sport- und Freizeitaktivitäten wie Wandern und Skilanglauf vermarktet. Die Gemeinde zählt gut 1500 Einwohner.

Geographie mini|links|Blick vom Wanderweg am Krepelschrofen auf Wallgau und Schöttlkarspitze, Mai 2011 Wallgau liegt im Oberen Isartal etwa 14 Kilometer östlich von Garmisch-Partenkirchen und gehört zum Werdenfelser Land in der Region Oberland.

Neben Mittenwald und Krün ist Wallgau die nördlichste der drei Gemeinden im Oberen Isartal, die sich zur Alpenwelt Karwendel touristisch zusammengeschlossen haben. Gemeinsam mit Krün befindet sich die Gemeinde an der Grenze der Gebirgsgruppen Bayerische Voralpen im Norden und Karwendel im Süden. Den Ort überragt im Südosten die Schöttelkarspitze mit . der zu Mittenwald gehörenden Soierngruppe, während im Nordwesten das durchschnittlich etwa hohe Estergebirge mit dem Schafkopf () und dem Hausberg Krepelschrofen () als Ausläufer direkt oberhalb des Ortes verläuft. In südwestlicher Richtung dominiert optisch das Wettersteingebirge, dessen Kamm zusammen mit dem Karwendel die Grenze zu Österreich bildet.

Zu Wallgau gehört als Gemeindeteil der westliche Teil des Weilers Obernach mit den beiden Gehöften Öttl und Wolf. Sie liegen südlich von Einsiedl unmittelbar an der ostwärtigen Grenze des Landkreises; postalisch gehören sie – wie auch der östliche Teil – zum Ort Walchensee. Politisch gehört der östliche Teil von Obernach zur Gemeinde Jachenau.

mini|links|Sachensee: Stauwehr von Obernachkanal, Einlaufbauwerk Im Südosten erstreckt sich die Isar, deren Flussbett seit dem Bau der Isarüberleitung zu Walchensee und Walchenseekraftwerk zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahezu ausgetrocknet ist bzw. nur mit einer Mindestmenge beschickt wird. Der Überleitungskanal fließt ausgehend vom Stauwehr Krün durch Wallgau in einen Tunnel nahe dem Ortszentrum zum nördlich gelegenen Sachensee, von dort wiederum im Tunnel zum Kraftwerk Obernach am Walchenseeufer, überschüssige Mengen fließen im Obernachkanal ab. Südlich der Ortschaft verläuft der Finzbach. Das Isartal ostwärts bildet den westlichen Zugang zum Isarwinkel.

Geschichte mini|links|Wallgau mit Schöttlkarspitze um 1900 Bis zur Gemeindegründung Die Entwicklung des Ortes ist mit der Geschichte des Werdenfelser Landes eng verknüpft. Wallgau wurde erstmals im Jahr 763 als walhogoiDie lateinischsprachige Quelle spricht von . Vgl. in der Gründungsurkunde des Klosters Scharnitz (scarantia) erwähnt. Der „Gau der Walchen“ oder „Welschen“ bot römischen Siedlern und Legionären zur Bewahrung ihrer Tradition nach dem Verfall der Provinz Raetia Zuflucht vor den Bajuwaren. Zehn Jahre später wurde das Kloster wegen seiner unwirtlichen Lage mit Kloster Schlehdorf vereinigt.

Im Mittelalter gehörten große Teile des Werdenfelser Landes den Grafen von Eschenlohe, deren Adelsgeschlecht Verbindungen zu den Grafen von Andechs – eine der bedeutendsten Adelsfamilien im Heiligen Römischen Reich – hatte. 1294 verkaufte Graf Berthold III. von Eschenlohe seinen Besitz aufgrund fehlender männlicher Nachkommen an das Hochstift Freising; die „reichsunmittelbare, fürstbischöfliche Freising’sche Grafschaft Werdenfels“ mit der 1180 von Herzog Otto von Wittelsbach errichteten Burg Werdenfels als Verwaltungsmittelpunkt entstand. Wallgau unterstand damit der Freisinger Landesherrschaft. Gleichzeitig unterstand es aber auch der Grundherrschaft des Klosters Benediktbeuern, das im 13. Jahrhundert seinen Einflussbereich nach Süden ausdehnte und beim heutigen Krün und Wallgau roden und siedeln ließ. Im Jahr 1294 wurde der Ort als walgaw im Salbuch des Klosters BenediktbeuernBHStA, KL Benediktbeuern 32 mit zwei zum Kloster gehörenden Schwaigen (vaccariae) urkundlich erwähnt. 1491 benötigte das Kloster wegen des Klosterbrandes im Vorjahr erhebliche Mittel für den Wiederaufbau und veräußerte Wallgau zusammen mit dem Nachbarort Krün (geruen) an das Hochstift Freising. Damit wurde ein altes Streitobjekt zwischen der Grafschaft Werdenfels und dem Kloster Benediktbeuern bereinigt.

mini|Wallgau mit Karwendelgebirge um 1900 Die Kontrolle der Handelsstraßen nach Italien sowie die Förderung von Silber- und Erzvorkommen verhalf einem Großteil der Bevölkerung zu Wohlstand und brachte der Grafschaft den Beinamen Goldenes Landl ein. Obwohl Wallgau mit der auch als Pilgerweg nach Santiago de Compostela genutzten Straße Via Regia ad Tyrolensis et Italos über den Kesselberg hinab nach Kochel am See an die Verkehrsadern der damaligen Zeit angebunden war, berührte der wirtschaftliche Aufschwung die Ortschaft kaum. Stattdessen waren die Einwohner mit der Bestellung der kargen Äcker, der Holzverarbeitung und der im 12. Jahrhundert einsetzenden Flößerei auf der Isar beschäftigt. Zu jener Zeit wuchs die Bedeutung der Wasserstraßen als Handelsverbindungen, da die Landwege aufgrund von Wegelagerern als unsicher galten. Die Flöße transportierten neben Personen auch einheimische Erzeugnisse, darunter Marmorsteine, Kreide, Holzkohle und gebrannten Kalkstein. Im 15. Jahrhundert beförderte die als Wasserrott bezeichnete Vereinigung von Flößern erstmals Waren aus Italien nach München und über die Donau weiter nach Österreich und Ungarn. 1922 fuhr das letzte Floß von Wallgau aus die Isar hinab, bevor dem Fluss das Wasser zum Betrieb des Walchenseekraftwerkes entzogen wurde. Seit 1990 wird ein Teil des Wassers in das Flussbett zurückgeleitet.

Infolge des Spanischen und Österreichischen Erbfolgekrieges zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit Überfällen aus dem angrenzenden Tirol sowie der Napoleonischen Kriege verarmte die Bevölkerung. Am 19. August 1802 besetzte kurbayerisches Militär mit einem Korporal und sechs Gemeinen Wallgau. Offiziell ging Wallgau im Zuge der mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 verbundenen Säkularisation in den Besitz des Kurfürstentums Bayern über. In den Jahren 1808 bis 1818 entwickelte sich auf Grund mehrerer Gemeindeedikte des nunmehrigen Königreichs Bayern Wallgau als politische Gemeinde.

20. und 21. Jahrhundert Anfang des 20. Jahrhunderts brachte der noch als Sommerfrische bezeichnete Tourismus die ersten Gäste nach Wallgau.

Einwohnerentwicklung mini|Ortszentrum mit Dorfplatz, Mai 2009 Die Bevölkerung Wallgaus stieg seit Mitte des 19. Jahrhunderts von knapp 300 Einwohnern kontinuierlich an und erreicht gegenwärtig mehr als den fünffachen Wert. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es den größten Zuwachs. Zwischen 1987 und 2007 wuchs die Gemeinde um 341 Einwohner (29,1 Prozent).

Ende 2021 überwog der Anteil der männlichen Einwohner mit 50,7 Prozent leicht. Zudem waren gemäß Altersstruktur 881 Einwohner und damit mehr als die Hälfte 40 Jahre und älter.

Jahr Einwohner Jahr Einwohner 1840 274 2012 1404 1871 265 2013 1420 1900 367 2014 1434 1925 599 2015 1458 1939 625 2016 1485 1950 913 2017 1511 1961 942 2018 1505 1970 1171 2019 1529 1987 1170 2020 1531 2011 1380 2021 1520

Altersgruppe insgesamt männlich weiblich unter 6 97 46 51 6–15 116 66 50 15–18 41 25 16 18–25 109 55 54 25–30 100 59 41 30–40 176 95 81 40–50 170 79 91 50–65 356 185 171 über 65 355 160 195 Gesamt 1520 770 750 Stand: Ende 2021Quelle: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung

Politik Gemeinderat mini|Ex-Bürgermeister Hansjörg Zahler mit Biathletin Magdalena Neuner beim Empfang auf dem Dorfplatz, April 2011 Der Gemeinderat besteht aus zwölf Mitgliedern, die für eine Amtsperiode von sechs Jahren gewählt werden.

Die Gemeinderatswahl vom 15. März 2020 hatte eine Wahlbeteiligung von 70,28 Prozent und führte zu folgender Sitzverteilung im Rathaus:

Partei Stimmenanteil ± Sitze ± Wallgauer Wählerverein 46,1 % +14,7 6 +2CSU / Freie Unabhängige Wählergemeinschaft 33,6 % −9,0 4 −1 Junge Mitarbeiter 20,3 % −5,7 2 −1 Gesamt 100 % 12 ±: Veränderung zu 2014     Quelle: Landratsamt Garmisch-Partenkirchen

Bürgermeister Erster Bürgermeister ist seit Mai 2020 Bastian Eiter (Wallgauer Wählerverein). Dieser wurde 2020 im Rahmen der Kommunalwahlen in Bayern mit 83,5 Prozent der Stimmen gewählt.

Wappen

Kultur und Sehenswürdigkeiten

Pfarrkirche Sankt Jakob

mini|links|Pfarrkirche Sankt Jakob, Mai 2011 Der Bau der ersten Kirche erfolgte im Jahr 1295. An gleicher Stelle entstand im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts eine neue Saalkirche im gotischen Baustil. Der Chor und das Sanktuarium blieben bis in die Gegenwart erhalten und bilden das älteste Gebäude in Wallgau. Der barocke erste Kirchturm mit Zwiebelhaube wurde 1680 errichtet. Mit der Erneuerung des Kirchturmes 1723/1724 begannen weitere Umbauarbeiten, die auch den 1735 gemalten Kreuzweg umfassten. Weitere Aus- und Umbauten zur Erweiterung des Längsschiffes und Vergrößerung des Gemeinderaumes folgten im 19. und 20. Jahrhundert. Die letzte umfassende Innen- und Außenrestaurierung mit anschließender Erneuerung der technischen Anlagen fand 1988 statt. Im Mai 2007 wurde die alte Orgel aus den 1950er-Jahren durch eine neue mit 14 Registern ersetzt.

Die Kirche befindet sich in der Ortsmitte von Wallgau unweit des Dorfplatzes und dient neben den Gottesdiensten auch als Veranstaltungsort für Konzerte und Lesungen. Auf dem Friedhof, der das Gebäude zur Hälfte umschließt, befindet sich eine 1896 errichtete Lourdesgrotte und eine vom Veteranen- und Kriegerverein gestiftete Ehrenglocke.

Seit Juni 2010 gehört Wallgau zum neuen Jakobsweg Isar–Loisach–Leutascher Ache–Inn, der den Münchner, den Tiroler und den Südostbayerischen Jakobsweg verbindet.

Lüftlmalerei und Gasthof „Zur Post“ mini|Gasthof Zur Post mit Lüftlmalerei: Dreifaltigkeit und Schutzheiliger Florian (linke Bildhälfte), Mai 2011 Die Handwerkskunst der Lüftlmalerei ist seit dem 18. Jahrhundert überwiegend im Werdenfelser Land sowie in Tirol verbreitet und wird bis in die Gegenwart praktiziert. In Wallgau schmücken neben religiösen Motiven insbesondere historische Darstellungen mit erzählendem Charakter – unter anderem aus der Zeit der Flößerei – viele Häuserfassaden. Beispielhaft ist der 1621 von Simon Niggl errichtete Gasthof Zum alten Wirt mit Fresken des Mittenwalder Lüftlmalers Franz Karner aus dem Jahr 1763.

Der 1907 als Ergänzung zum alten Gasthof entstandene Neubau trägt gegenwärtig den Namen Hotel Zur Post. Als erste Postlinie verkehrte ab 1665 die Thurn und Taxis’sche reitende Post, die 1760 von der fahrenden Personenpost abgelöst wurde. Am 7. September 1786 fuhr der Dichter Johann Wolfgang von Goethe auf seiner Reise nach Italien mit der Postkutsche durch Wallgau und kehrte im Gasthof ein. Auch Heinrich Heine machte dort 30 Jahre später Rast. Zu den prominenten Gästen der jüngeren Geschichte gehörten Politiker und Persönlichkeiten der Unterhaltungsbranche, darunter die US-amerikanischen Schauspieler Richard Burton und Elizabeth Taylor.

Brauchtum und Kultur mini|links|Haus des Gastes, Mai 2011 Die Brauchtumspflege in Wallgau basiert auf gesellschaftlichen Traditionen, die auch in anderen Gemeinden Oberbayerns und speziell im Werdenfelser Land üblich sind.