Kirgisistan [], auch Kirgistan (, ), veraltet Kirgisien; amtlich Kirgisische Republik (, ), ist ein Binnenstaat in Zentralasien mit rund 7 Millionen Einwohnern, die mehrheitlich (zu etwa 65 %) muslimische Kirgisen sind.
Kirgisistan ist sehr gebirgig. Das Land grenzt im Norden an Kasachstan, im Osten an China, im Süden an Tadschikistan und im Westen an Usbekistan. Hauptstadt und mit rund einer Million Einwohnern größte Stadt ist Bischkek. Weitere wichtige Städte sind Osch, Dschalal-Abad und Karakol.
Die ehemalige Sowjetrepublik Kirgisistan machte in den 2010er Jahren große Schritte hin zur Demokratie. Seit der Amtsübernahme von Sadyr Dschaparow im Jahr 2020 wird Kirgisistan allerdings wieder autoritär regiert.
Landesname Der Name qirqiz oder kyrgyz stammt vermutlich aus dem 8. Jahrhundert n. Chr. Die heutigen Kirgisen stammen ursprünglich aus dem sibirischen Jenissei-Tal, von wo aus sie als Folge der Ausbreitung der Mongolen in das heutige Siedlungsgebiet wanderten. Die Kirgisen glauben, dass ihr Volksname vom Begriff kirkkyz („vierzig“) abstammt und sie selbst Nachfahren von 40 Stämmen seien.M. Ember, C. R. Ember: Countries and Their Cultures. Band 2, New York 2001, S. 1235. Heute lebt ein Großteil der Kirgisen in der nach ihnen benannten Republik, jedoch existieren größere kirgisische Minderheiten auch in der Volksrepublik China, in Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan.
Im Deutschen herrschte seit dem 19. Jahrhundert der Name Kirgisien vor, dem russischen Киргизия/Kirgisija entsprechend. In jüngster Zeit werden die früher selteneren Bezeichnungen Kirgisistan und Kirgistan häufiger verwendet, beide sind Ableitungen vom kirgisischen Landesnamen Кыргызстан (Transliteration: Kyrgyzstan; diese hat sich im englischen Gebrauch auch durchgesetzt). Es handelt sich dabei um eine Bildung mit dem aus dem Persischen stammenden Suffix -(i)stan für „das Land“, wie sie auch bei anderen Staaten der Region geläufig ist.Sandra Tjong: Kurz erklärt: Warum Kirgistan und nicht Kirgisien? In: Focus online. 16. Juni 2010. Die amtliche Bezeichnung lautet in Deutschland, Österreich und der Schweiz Kirgisistan.
Geographie
mini|Satellitenbild von Kirgisistan Der gebirgige Binnenstaat Kirgisistan hat eine Landesfläche von 199.951 km² und etwa 6,5 Millionen Einwohner. Das Land grenzt im Südosten an die Volksrepublik China (Länge der Grenze 1048 km), im Norden an Kasachstan (1113 km), im Südwesten an Tadschikistan (972 km) und im Nordwesten an Usbekistan (1374 km). Das kirgisische Territorium umschließt vier usbekische Enklaven: Soʻx, Shohimardon, Chong-Kara und Jangail sowie die beiden tadschikischen Enklaven Qairaghotsch und Woruch.
Relief mini|Gorki-Gipfel im Tianshan-Gebirge mini|Tianshan-Gebirge Kirgisistan liegt im Hochgebirge des Tianshans und erreicht mit dem 7439 m hohen Dschengisch Tschokusu die größte Höhe. Über 90 % des Territoriums befinden sich oberhalb von 1500 Metern Seehöhe, 94 % der Landesfläche sind gebirgig, nur auf 20 % der Fläche ist das Betreiben von Landwirtschaft möglich. Geologisch ist der Tianshan ein junges Gebirge (Känozoikum), weshalb die Berge in Kirgisistan dominant und schroff aufragen und Täler sich tief einschneiden. Den südlichen Abschluss des Landes bildet die Gebirgskette des Alai, wo sie in das Pamir-Gebirge übergeht. mini|Abnahme der Gletscherfläche in der Borkoldoy Too. Gebirgskette, amtliche topographische Karten von 1965, Satellitenbilder von 2010 Bis in eine Höhe von 1500 m besteht das Land aus Steppe, die allerdings durch weitläufige Bewässerungssysteme urbar gemacht wurde. Ab 1500 m herrschen alpine Wiesen und Weiden vor, die bis an die Schneefelder und Gletscher heranreichen. Die Wälder befinden sich in Höhenlagen von 1500 bis 4000 m ü. NN und beherbergen etwa 120 Baum- und Straucharten. Mit nur 4 % Waldfläche ist Kirgisistan eines der waldärmsten Länder Asiens, jedoch befindet sich im Oblus Dschalal-Abad der größte Walnusswald der Welt.M. Schmidt: Utilisation and management changes in South Kyrgyzstan’s mountain forests. In: Journal of Mountain Science. Band 2, Nr. 2, 2005, S. 93. doi:10.1007/BF02918325.
Siehe auch: Liste der Gebirge in Kirgisistan
Gewässer und Gletscher Kirgisistan verfügt über riesige Reserven an Oberflächenwasser. Etwa 30 % der Oberfläche sind von Gletschern oder ewigen Schneefeldern bedeckt. Es gibt mehr als 3000 Flüsse, von denen der größte der Naryn ist. Weitere Flüsse mit einer Länge über 200 km sind der Karadarja, der Tschüi, der Talas, der Sarydschas und der Kysyl-Suu. Die kirgisischen Flüsse führen jährlich etwa 44,5 Kubikkilometer Wasser ab. Sie speisen damit teilweise den großen zentralasiatischen Fluss Syrdarja, andere Flüsse fließen nach Xinjiang oder Tadschikistan ab.
Die Kirgisische Republik war in den 1990ern für wenige Jahre der einzige zentralasiatische Staat, dessen Wasserressourcen vollständig auf seinem eigenen Territorium erzeugt werden. Das Wasser stammt aus den oft stark vergletscherten Gebirgszügen. Der Wasserreichtum ist ein wichtiger Bestandteil für die Landwirtschaft und die Erzeugung von Wasserkraft. Die gebirgige Kirgisische Republik ist ein wichtiges Wasserreservoir für den bewässerten Ackerbau in trockenen Flachlandgebieten. Darüber hinaus birgt die beeindruckende vergletscherte Berglandschaft erhebliches touristisches Potenzial.
Das große Potenzial der Flüsse zur Gewinnung elektrischer Energie ist auch schon gut erschlossen. Allein am Unterlauf des Naryn gibt es sechs Wasserkraftwerke mit Dämmen. Diese wurden bereits vor mehr als dreißig Jahren errichtet, befinden sich jedoch nicht auf modernem Sicherheitsstandard. Das fehlende Geld und die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte führen zu steigendem Unfallrisiko, vor allem für das dicht besiedelte Ferghanatal, das sich unterhalb mehrerer Talsperren befindet.
Klima Das Klima Kirgisistans ist semiarid. Es ist von kurzen, trockenen und kontinentalen heißen Sommern und von langen kalten Wintern geprägt. Der Frühling ist kurz mit viel Regen und gleichzeitig stattfindender Schneeschmelze. Die täglichen Temperaturschwankungen sind erheblich.
Im Süden des Landes werden im Sommer Temperaturen von 45 °C gemessen, während im Winter die Temperaturen auf minus 18 °C fallen können.
Tiere und Pflanzen mini|Pferde in der kirgisischen Steppe beim Songköl-See Trotz seiner geringen Waldbestände beherbergt Kirgisistan die größten Walnusswälder der Welt. In den Wäldern leben Sibirisches Reh, Braunbär, Marder, Wildschwein, Wolf und Luchs. In den Hochlagen gibt es die höchst seltenen Arten Manul, Schneeleopard, Sibirischer Steinbock und Tianshan-Argali. Die Schneeleopardenpopulation brach aufgrund massiver Wilderei in jüngerer Zeit stark ein. Unter anderem durch die vom NABU Kirgisistan, dem Innen- und Umweltministerium eingesetzte Anti-Wilderereinheit BARS gingen die Jagd und der Handel mit geschützten Arten zurück. Drei Murmeltierarten sind in den Hochwiesen weit verbreitet. Seit dem Zusammenbruch der sowjetischen Massenweidetierhaltung nach der Unabhängigkeit nehmen die Wolfbestände wieder zu.
Die Vogelwelt trägt der gebirgigen Lage des Landes Rechnung. Im Land leben Greifvogelarten wie beispielsweise Schwarzmilan, Gänsegeier, Schneegeier und verschiedene Adler- und Falkenarten. Seit Mitte der 1980er Jahre wandert die Hirtenmaina verstärkt aus Süden nach Kirgistan ein. Vogelzug findet sowohl horizontal (von Norden nach Süden) als auch vertikal (von höher gelegenen Berggegenden hinab bzw. hinauf) statt. Der Bienenfresser (Merops apiaster) ist in den Sommermonaten landesweit anzutreffen.
Ein Schutzgebiet, in dem die Hochgebirgsfauna des Landes geschützt wird, ist das Sarychat-Ertash-Naturreservat, das südlich des Issyk-Kul liegt.
Städte Im Jahr 2023 lebten 38 Prozent der Einwohner Kirgisistans in Städten. Die größten Städte sind (Schätzung 2021): Bischkek: 1.059.137 Einwohner Osch: 292.806 Einwohner Dschalal-Abad: 112.997 Einwohner Karakol: 81.522 Einwohner Tokmok: 71.443 Einwohner
Bevölkerung Demografie
Kirgisistan hatte 2023 7,1 Millionen Einwohner. Das jährliche Bevölkerungswachstum betrug + 1,8 %. Zum Bevölkerungswachstum trug ein Geburtenüberschuss (Geburtenziffer: 21,5 pro 1000 Einwohner vs. Sterbeziffer: 4,5 pro 1000 Einwohner) bei. Die Anzahl der Geburten pro Frau lag 2022 statistisch bei 2,8, die der Region Europa und Zentralasien betrug 1,7. Die Lebenserwartung der Einwohner Kirgisistans ab der Geburt lag 2022 bei 72 Jahren. Der Median des Alters der Bevölkerung lag im Jahr 2021 bei 23,7 Jahren. Im Jahr 2023 waren 34,3 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre, während der Anteil der über 64-Jährigen 4,7 Prozent der Bevölkerung betrug.
Bevölkerungsstruktur Die Kirgisen (64,9 % der Bevölkerung) werden aufgrund ihrer Sprache den Turkvölkern zugerechnet und bekennen sich überwiegend zum sunnitischen Islam. Außerdem leben Usbeken (13,8 %), Russen (12,5 %), Dunganen (chinesische Muslime, 1,1 %), Uiguren (1,0 %), Ukrainer (1,0 %), Tadschiken (0,9 %), Tataren (0,9 %), Kasachen (0,9 %) und Angehörige weiterer Ethnien wie etwa 57.000 Mescheten im Lande. Anfang der 1990er Jahre lebten noch ca. 100.000 Kirgisistandeutsche (meist Baptisten und Mennoniten) dort; die meisten sind inzwischen nach Deutschland ausgewandert, aber es gibt noch kleine deutsche Gemeinden in Dörfern wie Luxemburg und Rot-Front. 1999 gab es noch etwa 20.000 Deutsche (Bevölkerungsanteil 0,4 %) in Kirgisistan; 2007 wurde ihre Zahl auf rund 12.000 geschätzt.
Die Bevölkerung konzentriert sich vor allem im Tschüital im Norden und dem Ferghanatal im Süden sowie in geringerem Maße in Bergtälern wie dem um den großen See Yssyk-Köl (kirgisisch Ысыккөл).
Viele Kirgisen sind ausgewandert, vor allem nach Russland.
Sprache Kirgisistan ist ein offiziell zweisprachiges Land. Staatssprache ist Kirgisisch, Russisch hat seit 2001 wieder den Status einer weiteren offiziellen Sprache.Artikel 10 der Kirgisischen Verfassung, siehe gov.kg – Kirgisische Verfassung.L. Johanson: Kyrgyzstan: Language Situation. In: K. Brown (Hrsg.): Encyclopedia of Language & Linguistics. 2. Auflage. Elsevier, Oxford 2006, S. 275–276, doi:10.1016/B0-08-044854-2/01690-4. Zuvor war es bereits zu sowjetischen Zeiten Amtssprache, hatte diesen Status aber nach der Unabhängigkeit verloren.
Kirgisisch ist eine Turksprache und mit dem Usbekischen, Kasachischen und entfernter auch mit dem Türkischen und Aserbaidschanischen verwandt. Es ist aufgrund der kulturellen Tradition als Nationalsprache festgelegt und wird von 71 % der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen, etwa 4 % sprechen es als Zweitsprache. Daneben nimmt Russisch eine besondere Rolle in Wirtschaft und Kultur ein und dient als Sprache der interethnischen Kommunikation. Viele bekannte Kirgisen, so etwa der Schriftsteller Tschingis Aitmatow, bedienten sich hauptsächlich der russischen Sprache. Nur etwa 9 % der Bevölkerung sprechen Russisch als Muttersprache und weitere 34,5 % als Zweitsprache.
Seit der Unabhängigkeit ist die Bedeutung des Kirgisischen gewachsen. Beide Sprachen, Kirgisisch und Russisch, werden heute in kyrillischer Schrift geschrieben. Während für das Kirgisische bis 1926 noch das arabische Alphabet vorherrschend war, wurde dieses danach kurzzeitig durch das lateinische abgelöst. 1940 erfolgte die Übernahme des bis heute gebräuchlichen kyrillischen Alphabets. Eine Rückkehr zur lateinischen, wie in Usbekistan oder Turkmenistan, oder auch zur arabischen Schrift wurde nach Erlangen der Unabhängigkeit mehrfach diskutiert, jedoch nicht durchgeführt.
Daneben ist in Kirgisistan aufgrund der großen usbekischen Minderheit auch die usbekische Sprache verbreitet, besonders im südlichen Landesteil. Diese besitzt keine offizielle Stellung, auch wenn sie von 14 % als Muttersprache gesprochen wird. Von 1,5 % der Einwohner wird Usbekisch als Zweitsprache gesprochen. Etwa 1 % der Einwohner sprechen Dunganisch.
Religion