mini|Der Beginn des Thomasevangeliums in der koptischen Handschrift (ab Zeile 10). Darüber das Subskript der vorausgehenden Schrift, des Apokryphons des Johannes.

Das Thomasevangelium (auch Evangelium nach Thomas, kurz: EvThom, EvTh oder auch ThomEv) ist eine apokryphe Sammlung von 114 Logien (Aussprüchen) und kurzen Dialogen. Der vollständige Text des Thomasevangeliums liegt in einer koptischen Fassung vor, die um 350 n. Chr. niedergeschrieben wurde, möglicherweise für Philosophen in Alexandria. Sie enthält Übereinstimmungen zu Jesusworten, die im Neuen Testament bekannt sind, aber auch mehrere sonst unbekannte Jesusworte. Die Bedeutung des Thomasevangeliums wird unterschiedlich beurteilt, da einige Textstellen dem Christusbild des Neuen Testaments widersprechen. Gliederung und Satzbau des Textes sind völlig verschieden von den Evangelien des Neuen Testaments, und der Umfang des Thomasevangeliums entspricht nur etwa einem Sechstel des Lukasevangeliums.

Die Sammlung zeigt eine eigenständige Theologie, die nach heutigem Forschungsstand weder nur aus dem Urchristentum noch nur aus dem Gnostizismus hergeleitet werden kann. Da sie nicht vom Jünger Thomas verfasst wurde, diesen aber als Autor angibt, zählt sie zu den Pseudepigraphen. Sie enthält keine Passions- und Auferstehungsgeschichte und wird daher nicht zur literarischen Gattung der Evangelien gezählt.

Handschriften mini|P. Oxyrhynchus 654. Dieses griechische Fragment enthält Teile der Logien 3–7. Neben vier griechischen TextfragmentenChristoph Markschies, Jens Schröter, Andreas Heiser (Hrsg.): Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung. I. Band, 7. Auflage, Mohr Siebeck, Tübingen 2012, ISBN 978-3-16-150087-9, S. 488–492. wurde ein in koptischer Sprache verfasster, vollständiger Text in den Nag-Hammadi-Schriften gefunden. Zwischen den griechischen Texten und der koptischen Übersetzung soll es beträchtliche Unterschiede geben.Zum Verhältnis zwischen den Papyri und der Nag-Hammadi-Version, vgl. Wilfried Eisele: Welcher Thomas? Tübingen 2010. Insofern ist nicht klar, inwieweit die Logien der koptischen Version mit früheren Versionen übereinstimmen. Die Textüberlieferung apokrypher Schriften und besonders von Spruchsammlungen war nämlich häufig wesentlich „flüssiger“ als die Überlieferung kanonischer Texte. Es können verschiedene Versionen gleichzeitig im Umlauf gewesen sein. Das Thomasevangelium war lange Zeit verschollen; man kannte lediglich Notizen einiger Kirchenväter, die es einhellig und von Anfang anJens Schröter, Hans-Gebhard Bethge: Nag Hammadi Deutsch. 3. Auflage. De Gruyter, Berlin / New York 2007, ISBN 978-3-11-031234-8, S. 124. zu den Apokryphen rechneten und als gnostisch oder manichäisch ablehnten.

Ab 1897 fand man in Oxyrhynchos, etwa 160 km südwestlich von Kairo, einige Papyrusfragmente, die Oxyrhynchus Papyri, mit griechischen Texten (etwa 200 n. Chr. und danach), die man nicht genau zuordnen konnte. Sie wurden zwischen 1897 und 1904 unter dem allgemeinen Titel „Worte Jesu“ (Logia Iesou) von B. P. Grenfell und A. S. Hunt veröffentlicht. Sie werden heute als P. Oxy. 1; 654; 655 und 5575 gezählt. P. Oxy. 654 enthält das Incipit sowie die Logien 1–7; P. Oxy. 655 enthält die Logien 24 sowie 36–39; P. Oxy. 1 enthält die Logien 29–33 und 77a und 5575 enthält Fragmente zu den Logien 27 und 63.Harold W. Attridge: The Greek Fragments. S. 96–102. Die vier Papyri sind Fragmente verschiedener Handschriften.

1945 fand man in Nag Hammadi in Ägypten 13 Papyrus-Kodizes, darunter (im Codex II, 2) die nahezu vollständige koptische Übersetzung der 114 Aussprüche (Logien), als „Evangelium nach Thomas“ unterschrieben. Der koptische Text wurde aus dem Griechischen übersetzt, was u. a. die zahlreichen griechischen Lehnwörter zeigen. Der Text wurde etwa um 350 n. Chr. niedergeschrieben, hatte aber eine wohl wesentlich ältere Vorlage. Die Oxyrhynchus-Fragmente wurden als Teile dieser Überlieferung identifiziert.

Datierung Der frühestmögliche Zeitpunkt für die Entstehung des Thomasevangeliums ist das Ende des Wirkens Jesu um 30 bzw. 33 n. Chr., der späteste Zeitpunkt liegt kurz vor 200 n. Chr., dem papyrologisch geschätzten Zeitpunkt für den Papyrus Oxyrhynchus 655.Wilfried Eisele: Welcher Thomas? Studien zur Text- und Überlieferungsgeschichte des Thomasevangeliums (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 259). Mohr Siebeck, Tübingen 2010, ISBN 978-3-16-150543-0 (zugleich Habilitationsschrift, Tübingen 2010), S. 39. Um 230 war das Thomasevangelium an weit auseinander liegenden Orten bekannt: In Rom (laut Hippolyt) und in Judäa (laut Origenes). Innerhalb dieses Rahmens versuchen Forscher verschiedener Disziplinen, den Entstehungszeitpunkt zu ermitteln.

Fast alle Autoren verwerfen die Angabe der Schrift selbst, dass das Thomasevangelium vom Apostel Thomas geschrieben sei. Hauptargument dagegen ist die geringe Bekanntheit der Schrift und ihre spätere Ablehnung. Weitgehender Konsens besteht auch darüber, dass das Thomasevangelium letztlich auf einer mündlichen Überlieferung aufbaut. Bezüglich der Grundlage dieser mündlichen Überlieferung bestehen aber verschiedene Thesen, die zu sehr unterschiedlichen Datierungen führen.

Über die Hälfte der Logien im Thomasevangelium gehen mit synoptischen Sprüchen parallel.

Einige Autoren sehen im Thomasevangelium eine frühe, der ursprünglichen mündlichen Tradition entspringende Quelle, ähnlich den Quellen, die für das Lukas- und das Matthäusevangelium herangezogen wurden:

Viele Jesusworte wirken sehr alt und authentisch, insbesondere die 13 Doppelparallelen zum Markusevangelium und zu „Q“; sie könnten zu den ältesten Sprüchen gehören und auf eine kurz nach Jesu Tod entstandene Sammlung zurückgehen. Sogar eine Niederschrift gleichzeitig mit der postulierten Logienquelle (also 40–60 n. Chr.) wurde erwogen.So etwa von Werner Hörmann: Gnosis. Das Buch der verborgenen Evangelien. Pattloch Verlag 1990, ISBN 3-629-00525-X. S. 333. Mit einer sehr frühen Entstehung dieser Teile des Thomasevangeliums sei zu rechnen, so u. a. Klaus Berger und Gerhard Marcel Martin; nach Helmut Koester ist das Thomasevangelium im 1. Jahrhundert entstanden.Selbst eine apostolische Herkunft wurde vereinzelt erwogen. Dann wäre es allerdings in kirchlichen Kreisen anerkannt worden und hätte sich schnell verbreitet. Eine gezielte Unterdrückung des Thomasevangeliums ist nicht anzunehmen. Denn soweit wir eine Auseinandersetzung damit seitens kirchlicher Persönlichkeiten nachvollziehen können, erfolgte diese erst spät (nach ca. 200 n. Chr.). Als es bekannter wurde, gab es längst die Festlegung auf vier anerkannte Evangelien. Reinhard Nordsieck datiert den Text auf ca. 100–110 n. Chr.

Andere Autoren nehmen eine mündliche Überlieferung nach der Verbreitung der synoptischen Evangelien oder ein Exzerpt aus selbigen an; der Autor habe die Kenntnis dieser Logia unter anderem aus diesen Evangelien:

Mitte des 2. Jahrhunderts waren die Evangelien weithin bekannt.Christoph Heil nennt „mehrere Möglichkeiten: (1) EvTh kannte alle Evangelien. Dann ist EvTh relativ spät entstanden und eine Kurz- oder Neufassung der Evangelien. So etwa ist die Meinung der großen Mehrheit der deutschen Bibelwissenschaftler. (2) EvTh ist wie Q ein sehr frühes Zeugnis der christlichen Überlieferung über Jesus und damit ein eigenständiger Überlieferungsstrang neben und vor den Evangelien. Dies ist die Meinung vieler amerikanischer Forscher. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen (1) und (2).“ (neues-testament.uni-graz.at, Hervorh. i. Orig.). Die Entstehung der Urversion wird demnach um die Mitte des 2. Jahrhunderts angesiedeltRobert McLachlan Wilson: Apokryphen des Neuen Testaments. In: Theologische Realenzyklopädie. Band 3, 1978, S. 323–326 („die Komposition der frühesten Version kann vielleicht auf die Mitte dieses [2.] Jahrhunderts festgesetzt werden“)., zu einem Zeitpunkt, zu dem auch gnostische Lehren teilweise entwickelt waren. Nach Jörg Frey sind die Texte der drei Oxyrhynchus-Papyri aus philologischen Gründen älter als das koptische Thomasevangelium, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit jünger als die synoptische Tradition bzw. die vermutete Logienquelle Q.Jörg Frey: Die Lilien und das Gewand: EvThom 36 und 37 als Paradigma für das Verhältnis des Thomasevangeliums zur synoptischen Überlieferung. In: Jörg Frey (Hrsg.): Das Thomasevangelium: Entstehung – Rezeption – Theologie. De Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020246-5, S. 122–180. Nach Hans-Josef Klauck ist das koptische Thomasevangelium eine stark bearbeitete Fassung eines griechischen Originaltextes, der zwischen 120 und 140 n. Chr. entstanden sei, also erst nach Abfassung der neutestamentlichen Schriften.Hans-Josef Klauck: Endlich die volle Wahrheit? Neue Diskussion um apokryphe Evangelien. Vortrag vom 7. Oktober 2006, Katholische Akademie Bayern (München), S. 3–4. (PDF; 405 kB).

Gemäß der Einleitung des Thomasevangeliums Klaus BergerKlaus Berger: Theologiegeschichte des Urchristentums , 2. Aufl. 1995. James McConkey RobinsonJames M. Robinson: The Coptic Gnostic Library: A Complete English Edition of the Nag Hammadi Codices. 2. Band, Brill, Leiden 2000, S. 39. Helmut KoesterHelmut Koester: Ancient Christian Gospels: their History and Development. Trinity Press International, Philadelphia 1990, S. 75–128 Reinhard NordsieckReinhard Nordsieck: Das Thomas-Evangelium: Einleitung – Zur Frage des historischen Jesus – Kommentierung aller 114 Logien. Auflage 4, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 978-3-7887-1867-1, S. 20. Hans-Josef KlauckHans-Josef Klauck: Apokryphe Evangelien. Eine Einführung. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2002, ISBN 978-3-460-33022-1, S. 144. Robert McLachlan Wilson, Fred LaphamFred Lapham: An Introduction to the New Testament Apocrypha. Understanding the Bible and Its World Bloomsbury Publishing, London/New York 2003, ISBN 978-0-567-61590-9, S. 120. Didymus Judas Thomas, Jünger Jesu, nach 33 – ca. 75 n. Chr spätestens 70–80 n. Chr im 1. Jahrhundert n. Chr. zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. 100 n. Chr. bis 110 n. Chr. 120 n. Chr. bis 140 n. Chr. mittleres bis spätes 2. Jahrhundert n. Chr.

Durch die unterschiedlichen Thesen zur Entstehung, die zu diesen unterschiedlichen Datierungen führen, deren Differenz um die einhundert Jahre beträgt, ergaben sich in der zeitgenössischen wissenschaftlichen Diskussion zwei gegensätzliche Positionen: Die Wissenschaftler, die die Schriftsammlung in das 1. Jahrhundert verorteten, sahen im Thomasevangelium eine alte, von den kanonischen Evangelien unabhängige Überlieferung. Sie vermuten durchaus, dass sich textuelle Aussagen des historischen Jesus darin finden. Die andere wissenschaftliche Position datiert die Schriften auf das 2. Jahrhundert, setzt die synoptischen Evangelien bereits voraus, sieht im Thomasevangelium keine direkte Überlieferung der Aussagen Jesu und verneint daher, dass aus dem Thomasevangelium Rückschlüsse auf den historischen Jesus gezogen werden können.Jens Schröter: Das Thomasevangelium. Einleitung – Zur Frage des historischen Jesus – Kommentierung aller 114 Logien von Reinhard Nordsieck. In: Theologische Rundschau. Band 70, Nr. 3 (August 2005), S. 384–388.

Verfasser Der Prolog gibt Didymus Judas Thomas als Autor an. Lateinisch Didymus oder griechisch Didymos entspricht dem aramäischen Wort Thomas und hat die Bedeutung „Zwilling“; hier wurde also der Name verdoppelt. Die synoptischen Evangelien kennen einen Jünger Thomas, der im Johannesevangelium Thomas Didymus genannt wird (), eine syrische Handschrift davon auch einen Judas Thomas (). In der syrischen Überlieferung trägt der Apostel Thomas verschiedentlich den Namen „Judas“.Jens Schröter, Hans-Gebhard Bethge: Nag Hammadi Deutsch. 3. Auflage. de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018192-0, S. 125. Außerhalb des Neuen Testaments findet sich ein Judas Thomas in den apokryphen Thomasakten aus dem 3. Jahrhundert.