Der Ausdruck Reich des Bösen (engl.: evil empire) ist eine vom ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und von US-amerikanischen Konservativen geprägte Bezeichnung für die Sowjetunion. Reagan verwendete ihn zum ersten Mal in einer Rede am 8. März 1983 an die National Association of Evangelicals in Orlando, Florida.
Evil-Empire-Rede Urheberschaft und Erstverwendung des Ausdrucks evil empire
Der Ausdruck „Reich des Bösen“ soll von Reagans Redenschreiber Anthony R. Dolan für den Entwurf der Orlando-Rede vom 8. März 1983 (später als „Evil Empire Speech“ bekannt geworden) geschaffen worden sein. Dolan hatte demnach den Ausdruck in dem von ihm geschriebenen Absatz der Rede benutzt, der der Evil Empire Speech ihren Namen gegeben hatte. Der Evil-Empire-Absatz der über-30-minütigen Orlando-Rede war deren Kernstück und stellte mit 72 Wörtern den längsten Satz der Rede dar.Frank Warner: New Word Order Seventeen Years Ago This Week, Ronald Reagan Called The Soviet Union The Focus Of Evil In The Modern World. The `Evil Empire' Speech Disturbed The Political Universe, But The Critical Words Almost Went Unsaid (Seiten 1, 2, 3, 4 und 5; englisch). In: The Morning Call. 5. März 2000.
Nach Geiko Müller-Fahrenholz (2003) stammt Reagans Metapher von der Sowjetunion als Reich des Bösen von Hal Lindsey, einem der geistlichen Berater Reagans. miniatur|rechts|150px|Tonaufnahme der Evil-Empire-Rede
Außenpolitischer Kontext Anfang 1983 hoffte eine weltweite Friedensbewegung noch, die Stationierung neuer US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa zu verhindern. Diese Pershing II-Raketen wurden von der Sowjetunion als besonders gefährlich angesehen, weil ihre geplante Stationierung in Europa die Möglichkeit eines Schnellangriffs gegen die sowjetische Führung in Form eines sogenannten „Enthauptungsschlags“ eröffnete. Ihre Flugzeiten wurden vom russischen Nachrichtendienst KGB irrtümlich auf lediglich vier bis sechs Minuten eingeschätzt. Da ein derart schneller Nuklearangriff der Sowjetführung keine Zeit mehr gelassen hätte, ihrerseits gemäß der Logik der gegenseitigen Abschreckung sofort einen „Vergeltungs“- oder Gegenschlag einzuleiten, befürchtete die sowjetische Führung, jegliche Abschreckungsfähigkeit zu verlieren.
In dieser Situation attackierte Ronald Reagan, der nach seinem Amtsantritt als US-Präsident die Abrüstungsgespräche beendete, in seiner aufsehenerregenden Rede zwei Tage nach den Bundestagswahlen im März 1983 vor einem Predigerkongress die Sowjetunion in einer dramatischen Verschärfung des Tons als „Reich des Bösen“, mit dem es keine Koexistenz geben könne, rief zu einem weltweiten „Kreuzzug“ gegen den Kommunismus auf und kündigte am 23. März 1983 im Fernsehen das US-amerikanische SDI-Programm an, welches einen im Weltraum installierten Schutzschild gegen Interkontinentalraketen schaffen sollte, der den USA einen ungestraften nuklearen Erstschlag ermöglicht hätte, damit das Ende des „Gleichgewichts des Schreckens“ bedeutet und den ABM-Vertrag von 1972 in Frage gestellt hätte und Angst vor einem Dritten Weltkrieg schürte.
Im Evil-Empire-Absatz seiner Rede in Orlando am 8. März 1983 forderte Reagan die evangelikalen Minister auf, sich gegen ein „nukleares Freeze“ zu stellen. Das „nukleare Freeze“ hätte im zum Westen gehörenden Teil Europas die Aufstellung nuklear bestückter Raketen verhindern können, die nach Reagans Willen sowjetischen Raketen in Osteuropa entgegengestellt werden sollten.
Zugleich lieferten die USA unter Reagan jeder Guerilla-Bewegung Waffen, die gegen den Sozialismus kämpfte (wie in Afghanistan, Angola oder Nicaragua), fielen 1983 in Grenada ein und Reagan begann gegenüber der Sowjetunion eine Art psychologischer Kriegführung. Auch der Ausdruck „Reich des Bösen“ wird in diesen Zusammenhang gestellt und soll im Rahmen des Kalten Krieges als ein Teil der Propaganda zum Zwecke der psychologischen Kriegführung gedeutet werden können.
Die Dämonisierung anderer Staaten war in der Reagan-Administration keine neue Erscheinung der US-Politik. Die Bezeichnung der Sowjetunion als „evil empire“ wie auch die als „totalitarian evil“ gilt jedoch als Beispiel dafür, dass unter Reagan außenpolitische Themen deutlicher als Kampf zwischen „Gut und Böse“ in einer dichotomischen Welt betrachtet wurden, als es unter den vorherigen US-Regierungen der Fall gewesen war.
Religiös-semantischer Hintergrund Im Hintergrund der Bezeichnung Reich des Bösen ist der US-amerikanische Dispensationalismus zu sehen. Dort findet sich eine ausgeprägte Harmagedon-Theologie, zu deren Vertretern beispielsweise Hal Lindsey gehört. Diese Theologie, in der die Apokalyptik eine große Rolle spielt, sieht im gegenwärtigen Zeitgeschehen Anzeichen für einen bevorstehenden endgültigen Kampf zwischen Gut und Böse. Diese Theologie hatte schon unter Ronald Reagan und später auch unter George W. Bush (Achse des Bösen) Einfluss auf die US-amerikanische Politik.
Die bekannten Formulierungen von der Sowjetunion als „einem Reich des Bösen“ von Ronald Reagan oder von der „Achse des Bösen“ und den „Feinden der Freiheit“ von George W. Bush gelten als Belege dafür, dass der Aufbau verschwörungstheoretisch aufgeladener Positionszuweisungen in good guys and bad guys zum Standardrepertoire evangelikal beeinflusster US-Politiker im Rahmen einer offenkundig gewaltbereiten Semantik gehört.
Der von Reagan verwendete Begriff Reich des Bösen kann als Teil einer spezifischen religiösen Semantik gesehen werden, die als hauptverantwortlich für einen bedeutenden Mobilisierungserfolg innerhalb des evangelikalen Lagers in den USA gilt. Die „Neue Christliche Rechte“ in den USA verfolgt damit als Ziel die faktische Etablierung ihrer Organisationsmacht in der politischen Kultur der USA und stellt ein prominentes Beispiel für eine religiös motivierte, sakrifizielle Durchsetzungsstrategie im politischen Raum dar. Die „Neue Christliche Rechte“ in den USA, die aus einem Wählerbündnis von vier dominanten Strömungen der weißen US-amerikanischen Evangelikalen besteht (Fundamentals, Pfingstler, Charismatiker sowie Neo-Evangelikale), mobilisierte mit Stand von 2004 25 Prozent des US-amerikanischen Wählerspektrums und verfolgt ein Handlungsprogramm, das die Legitimation ihrer Durchsetzungsinteressen aus einer sakrifiziell aufgebauten Argumentation bezieht.
Historischer Zusammenhang In den 1970er Jahren begann ein strategischer Wandel vom expressiven Protest zur instrumentellen Etablierung in das politische Establishment, als dessen auslösendes Ereignis die Wahl des bekennenden Baptistenpredigers James Earl (Jimmy) Carter zum Staatspräsidenten der USA angesehen werden kann, der als Mitglied der Demokratischen Partei auch für liberale Werte oder Interessen stand. Die Politstrategen der Konservativen erkannten das Mobilisierungpotenzial der moral issues wie Kampf gegen Homosexualität, Abtreibung und Pornografie, Schutz der Familie, Wiedereinführung des Schulgebetes und strebten mit Hilfe evangelikaler Wählerschaften Wahlerfolge an.
Bereits in den 1970er Jahren gelang es den Predigern der Evangelikalen mit Hilfe von Formeln, die in Verwandtschaft zum Begriff Reich des Bösen stehen, wie „Soldaten Gottes“, „Armee der moralischen Aktivisten“ oder „Tempelvertreibung“ (gemeint ist die Vertreibung der Liberalen aus der US-Regierung), das christlich-fundamentalistische Lager zu mobilisieren. Offene Opferaufrufe forderten die „Gläubigen“ auf, ihre persönlichen Ressourcen für den „guten Kampf“ einzusetzen. Prostituierte, Homosexuelle, Ehebrecher, Kriminelle, Kommunisten und andere „Gottlose“ wurden als der Strafbarkeit eines strafenden Gottes unterstellt erklärt. Die Veröffentlichungen der Fundamentalisten bedienten sich einer Reinheitssemantik, die nach dem Urteil Franz J. Hinkelammerts „ihresgleichen an Primitivität und Verleumdung, an Hass und Aufforderung zur Gewalt nur in der antisemitischen Literatur“ der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte. Seit dem Erfolg der 1979 gegründeten Moral Majority fungierten die breitenwirksamen christlichen Endzeitprediger in den USA als politisches Sprachrohr fundamentalistischer Kreise. Ihre Geschichtsprophetie zielte auf eine „letzte Schlacht um Gottes Reich“ ab und setzte rhetorisch eine Weltverschwörung durch Kommunisten, säkulare Humanisten, Friedensaktivisten, sogenannte „Perverse“ (besonders Homosexuelle), liberale Christen, Katholiken, UNO, Europa oder später in erster Linie durch den Islam voraus. Im Gründungsmanifest von Moral Majority hieß es, die USA sollten moralisch „sauber“ werden, die „Unreinen“ müssten daher ausgemerzt werden.
Millenarismus, Kreationismus und Dispensationalismus und die mit diesen ideologischen Bekenntnissen verbundenen Endzeiterwartungen erreichten bis heute in der US-amerikanischen Kultur im Vergleich zu europäischen Maßstäben hohe Popularität. Die verkaufsstarken Romane von Hal Lindsay oder Timothy LaHaye gelten als sehr gutes Beispiel dafür, dass es den evangelikalen Eliten gelang, apokalyptische Vorstellungen aus den Kirchen in die Populärkultur zu transportieren. Lindsay verbreitete Anfang der 1970er Jahre sein Buch The Late Planet Earth (Titel in deutscher Übersetzung von 1971: Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges), das bis 1990 in 91 Auflagen erschien, in Supermärkten und Flughäfen auslag, über 28 Millionen Mal verkauft wurde und bis in die höchsten Regierungskreise der Reagan-Administration Einfluss entfaltete.
Durch ihre massenmediale Wirkung äußerst einflussreiche Fernsehprediger wie Jerry Falwell, Pat Robertson oder Timothy LaHaye erkannten, dass die Unzufriedenheit ihrer aus religiöser Überzeugung im Protestantismus unpolitisch geprägten „Gläubigen“ in den ausgehenden 1970er Jahren über die moralischen Verhältnisse in den USA so hoch war, dass ein religiös motivierter Widerstand Erfolg versprach. Es kam zu einer auf wirksame Durchsetzung hin angelegten Politikstrategie mit einer Synthese von operativ-professionellen Neokonservativen mit ihrem Know-how im Rechts-, Kampagnen- und Lobbying-Bereich und kommunikativ-professionellen Evangelikalen mit ihrem Know-how im Deutungs- und Rekrutierungsbereich, die etwa ab 1979 ein zunehmend potentes Wählerbündnis schuf, das vor allem mittels der religiösen Semantik maßgeblich zur Präsidentschaft von George W. Bush beitrug und damit seinen bis dahin größten Durchsetzungserfolg erzielte.
Ideologischer Hintergrund Der von den evangelikalen Reflexionseliten genutzte Machtdurchsetzungsdiskurs ging vom Bewusstsein einer tiefen moralischen Krise der USA aus. Die 1960er und 1970er Jahre mit der voranschreitenden soziokulturellen Liberalisierung (Aufwertung der Stellung der Frau sowie der „schwarzen“ Bürgerrechtsbewegung, Legalisierung der Abtreibung, Verbot des Schulgebets u. a.) wurden von vielen konservativen Protestanten als „Trauma“ erlebt. Sie empfanden ihre Situation als marginalisiert und bedienten sich bei der Suche nach semantischen Möglichkeiten der Krisenbewältigung eines „Sündenbockmechanismus“. Als Lösungsweg aus der von ihnen diagnostizierten Krise der „Kultur des Lebens“ sahen sie die Niederwerfung der als Sündenbock mythisierten „unamerikanischen“ Liberalen an. Liberale und Evangelikale kämpften schließlich nicht mehr um den Streitgegenstand selbst, sondern hoben den Konflikt auf eine höhere Ebene, indem sie sich in das Verhältnis zum Gegner setzten und auf dieser Ebene Veränderungen forderten. Es kam zur verschwörungstheoretischen Sündenbockprojektion, mit Hilfe derer sich das ursprünglich sehr heterogene evangelikale Lager auf Grundlage des sakrifiziellen Krisenbewusstseins vereinigte. Die Sündenbockprojektion des evangelikalen Lagers suggerierte, das liberale Establishment, insbesondere der Supreme Court und die Bundesregierung, die öffentlichen Schulen, Universitäten, Gewerkschaften und Medien hätten sich verschworen, um die christliche Mission auszuhebeln und in einen Humanismus aufzulösen.