230px|mini|Brief Hildebrand Veckinchusens vom 18. Februar 1422, den er aus dem Brügger Schuldturm an seine zweite Frau Margarethe schickte (letzte Seite). Hildebrand Veckinchusen (* um 1370, vermutlich in Westfalen; † Juli 1426 in Lübeck) war ein in Brügge lebender Kaufmann zur Zeit der Hanse. Neben der Tatsache, dass Hildebrand und sein Bruder Sivert zu den angesehensten Hansekaufleuten ihrer Zeit zählten, kommt Veckinchusen durch die Überlieferung von mehr als 500 Briefen und zehn Handelsbüchern eine herausragende Bedeutung für die Erforschung der Geschäftspraxis und Lebenswelt von Kaufleuten des späten Mittelalters zu.
Leben Herkunft und Ausbildung Hildebrand Veckinchusens Geburtsjahr ist nicht überliefert, wird aber gemeinhin um 1370 angesetzt. Der Vorname seiner Mutter lautete „Rixe“, der seines Vaters ist nicht bekannt. Über Hildebrands Herkunft gibt es keine abschließenden Erkenntnisse. Luise von Winterfeld vermutet aufgrund einer Äußerung Hildebrands, er habe Anfang 1377 im Kindesalter den Kaiser in Dortmund gesehen, dass Hildebrand auch in Dortmund geboren wurde. Dollinger hält aufgrund der Tatsache, dass Hildebrands dritter Bruder in Riga Ratsherr und zwischen 1402 und 1408 Bürgermeister war und ein Bertold Veckinchusen zwischen 1342 und 1353 als Ratsherr und späterer Bürgermeister in Reval (heute Tallinn) belegt ist, eine livländische Stadt für wahrscheinlicher. Irsigler führt dagegen einen vor dem Rat der Stadt Radevormwald in Westfalen beurkundeten Erbteilungsvertrag aus dem Jahr 1395 an, in dem sich ein Gottschalck Veckinchusen mit seinen Brüdern Hans, Hildebrand, Sievert, dem Geistlichen Herrn Ludwig und drei Schwestern verglich.Irsigler, Hansekaufleute, S. 304. Auch die Tatsache, dass der Familienname „Veckinchusen“ von dem Dorf Feckinghausen bei RadevormwaldMargot Lindemann: Die Herkunft der Familie Veckinchusen, Feckinghaus. In: Beiträge zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 1980 (72), S. 173–178. oder vom Dorf Föckinghausen bei Meschede abgeleitet wird, legt nahe, dass Veckinchusen aus Westfalen stammte. Festzuhalten bleibt auf jeden Fall die ungewöhnlich hohe Mobilität der Familie, denn im 14. Jahrhundert traten Kaufleute dieses Namens im gesamten Hanseraum auf.
In seiner Jugend absolvierte Veckinchusen gemeinsam mit seinem älteren Bruder Sivert eine Ausbildung als Kaufmannsgehilfe in Livland, bevor er ihm nach Flandern folgte, wo er seine Ausbildung vermutlich fortsetzte. Erste eigene kaufmännische Aktivitäten sind für das Jahr 1390 in Dordrecht überliefert, wo sich Hildebrand am Stapel bescheinigen ließ, er habe zwei Terlinge Tuch und zwölf Botten Wein ordnungsgemäß gekauft.
Geschäftliche und gesellschaftliche Situation um 1400 Für die Jahre 1393 und 1398 ist Hildebrand, für das Jahr 1399 Sivert als Aldermann des Hansekontors in Brügge erwähnt, was auf einen raschen geschäftlichen Aufstieg der beiden Brüder hindeutet. Gestützt wird dies durch die Tatsache, dass Hildebrand in erster Ehe mit der Schwester des Dortmunder Ratsherren und Bürgermeisters Claus Swarte verheiratet war. Dies und Siverts Besitz von drei Häusern in Brügge, die später zur Residenz des Hansekontors wurden, lässt laut Rolf Hammel den Schluss zu, dass die beiden Brüder in jenen Jahren „zu den angesehensten Hansekaufleuten in Flandern“Hammel, Hildebrand Veckinchusen, S. 359. zählten.
Kurz nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete Hildebrand auf die Vermittlung seines in Riga ansässigen Bruders Caesar erneut. 1398 vermittelt Caesar ihm den Kontakt zu der aus einer begüterten Rigaer Kaufmannsfamilie stammenden Margarethe Witte (um 1382 – nach 1433), die in einem Schreiben Caesars an Hildebrand vom 1. Juli 1398 als eine „ansehnliche Jungfrau von 15 Jahren“ (sůverlike juncvrouwe van 15 jaren) beschrieben wird.Series Veckinchusen und Kurt Visch in Riga an Hildebrand Veckinchusen in Brügge (1. Juli 1398) (Volltext der Briefedition Stiedas im Wikisource-Projekt). Nach einem kurzen Aufenthalt im Hause seines Schwiegervaters Engelbrecht Witte reiste Hildebrand nach Nowgorod, überwarf sich anschließend mit Engelbrecht wegen einer Mitgift von 100 Mark und ließ sich schließlich – dem Beispiel seines Bruders Sivert folgend – in Lübeck nieder. Dort erlangte er das Bürgerrecht und verheiratete um 1400 Taleke, seine Tochter aus erster Ehe, mit Peter van dem Damme aus einer Lübecker Ratsfamilie und erweiterte damit seinen Lübecker Beziehungskreis. Bereits 1402 kehrte Hildebrand jedoch wieder nach Brügge zurück, wo er bis auf einige kurze Reisen bis 1426 blieb. Sein lübisches Bürgerrecht behielt er allerdings zeitlebens; auch wohnten seine Frau Margarethe und seine Kinder in Lübeck.
Ausdehnung und organisatorische Struktur der Handelsgeschäfte Durch die Auswertung der vom Wirtschaftshistoriker Wilhelm Stieda im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entdeckten Geschäftsbriefe ist bekannt, dass Veckinchusen von Flandern aus in ein weit verzweigtes, überwiegend auf verwandtschaftlichen Bindungen basierendes Netz von Handelsbeziehungen eingebunden war, das den gesamten Hanseraum von Nowgorod bis London umspannte und darüber hinaus nach Süden bis Venedig, im Westen bis nach Bayonne an der französischen Atlantikküste reichte.
Organisatorisch basierten die Geschäfte der Veckinchusens häufig auf Handelsgesellschaften, die für einen festgelegten Zeitraum mit einer kleinen Zahl von Partnern eingegangen wurden. Diese Form der Organisation bot den Vorteil, dass größeres Kapital eingesetzt und das Risiko für den Einzelnen verringert werden konnte. Der Kapitaleinsatz verteilte sich üblicherweise gleichmäßig auf die einzelnen Gesellschafter und auch Gewinn und Verlust wurden später gleichmäßig geteilt.
Anders als etwa noch Mitte des 13. Jahrhunderts, als Hansekaufleute ihre Waren gewöhnlich selbst begleiteten und im Tauschhandel absetzten, leitete Hildebrand Veckinchusen seine Geschäfte von seinem Brügger Kontor aus und begab sich nur noch zu wichtigen Gelegenheiten – etwa den regelmäßig stattfindenden Messen – auf Reisen. Die mit seiner Hausmarke versehenen Waren wurden gewöhnlich dem Transporteur – im Fall von Seehandelsgeschäften dem Kapitän des betreffenden Handelsschiffes – anvertraut oder von einem Handelsgesellen begleitet und am Bestimmungsort von Veckinchusens Korrespondenten verkauft.
Der Handel zwischen Flandern und Livland mini|300px|Historische Karte Livlands Zu Beginn des 15. Jahrhunderts handelte Veckinchusen vor allem mit Livland, wohin er Tuche, Salz und Gewürze verschiffte und im Gegenzug Wachs und Pelze einkaufte. Für diesen auf der Linie Flandern – Livland stattfindenden Handel waren Hildebrand und sein Bruder Sivert in mehreren Handelsgesellschaften organisiert. Am 3. August 1405 gingen sie gemeinsam mit den Brüdern Hartwig und Gottschalk Steenhus eine Gesellschaft ein, über deren Einzelgeschäfte wir durch eine umfangreiche Abrechnung des Rigaer Ratsherren Hartwig Steenhus vom Dezember 1407 im Detail unterrichtet sind.Hartwych Stenhus in Riga an Sivert Veckinchusen in Lübeck (20. Dezember 1407) (Volltext der Briefedition Stiedas im Wikisource-Projekt). Nach den Berechnungen Walter Starks erzielte die Veckinchusen/Steenhus-Gesellschaft in den zwei Jahren ihres Bestehens einen Profit von 12 %Stark, Profit beim hansischen Handelskapital, S. 40–54, hier S. 53., der allerdings nicht erzielt worden wäre, hätte nicht ein einzelnes sehr erfolgreiches Geschäft mit Wachs aus Livland nach Lübeck die Verluste der übrigen Teiloperationen aufgefangen.Stark, Profit beim hansischen Handelskapital, S. 54. Im Jahr 1406 gründeten Hildebrand und sein Bruder Sivert gemeinsam mit Partnern in Reval und Dorpat eine weitere Handelsgesellschaft, die in den sechs Jahren ihres Bestehens jedoch keinen Gewinn erwirtschaftete, da die Gewinne aus dem Tuchverkauf die Verluste aus dem Handel mit Pelzen und Wachs nicht ausglichen. Irsigler führt dies darauf zurück, dass sich das Preisniveau für diese Waren auf dem flandrischen und livländischen Markt zu jenem Zeitpunkt zu weit angeglichen hatte.Irsigler, Hansekaufleute, S. 310.
Die „venedyesche selscop“ 310px|mini|Pelze waren eine der wichtigsten Handelswaren der Brüder Veckinchusen. Zwischen 1403 und 1415 führten sie beträchtliche Mengen aus dem Osten ein: allein rund 90.000 Stück aus Reval, 67.000 aus Riga und 153.000 aus Danzig. Die Erlebnisse der hansischen Kaufleute im Baltikum und in Russland prägten auch die hansische Kunst. Hier eines von vier geschnitzten Paneelen des Rigafahrergestühls, die die Stralsunder Rigafahrer der Nikolaikirche ihrer Heimatstadt im 14. Jahrhundert schenkten: bärtige Russen übergeben ihre Jagdbeute, Eichhörnchen- und Hermelinfelle, einem deutschen Kaufmann. Um direkte Kontakte nach Oberitalien zu knüpfen und die in Brügge ansässigen venezianischen Zwischenhändler auszuschalten, gründeten zwölf Kaufleute, unter ihnen Sivert und Hildebrand Veckinchusen, im ersten Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts die sogenannte „venedyesche selscop“ (Venedische Gesellschaft). Die Teilhaber der Venedischen Gesellschaft transportierten ihre Waren nahezu ausschließlich über den Landweg und verkauften die in Venedig gekauften Güter wie Gewürze, Zucker, Brasilholz, Alaun und Weihrauch auf den Märkten von Flandern, England, im Heiligen Römischen Reich und in Skandinavien. Im Gegenzug gelangten Gebetskränze aus Bernstein, Tuche und Pelzwerk nach Venedig. Bis 1409 liefen die Geschäfte der Venedischen Gesellschaft offenbar so gut, dass die Gesellschafter Peter Karbow, Heinrich Slyper und Sivert Veckinchusen in einem Brief von Köln aus ihren Brügger Mitgesellschaftern Heinrich op dem Orde und Hildebrand Veckinchusen eine Aufstockung des Gesellschaftskapitals von 5.000 auf 11.000 Mark lübisch vorschlugen.Sivert Veckinchusen, Peter Karbow und Heinrich Slyper in Köln an Heinrich op dem Orde und Hildebrand Veckinchusen in Brügge (14. April 1409) (Volltext der Briefedition Stiedas im Wikisource-Projekt).
Vermutlich durch die ruinöse Geschäftspraxis des im Auftrag der Handelsgesellschaft nach Venedig entsandten Kaufmannes Peter Karbow und seines gleichnamigen Neffen geriet die Venedische Gesellschaft um 1411 in eine Krise. Karbow kaufte überteuerte Waren ein und ruinierte sich mit einem Überangebot an Fellen die Preise auf dem venezianischen Markt, so dass im April 1411 den in Venedig gekauften Waren im Wert von rund 70.000 Dukaten schließlich hansische Handelsgüter im Wert von rund 53.000 Dukaten gegenüberstanden. Die großen Umsätze der Gesellschaft konnten zudem nur durch auf die in Brügge, Köln und Lübeck sitzenden Partner gezogene Wechsel finanziert werden, deren Fälligkeitsdatum häufig vor dem Verkaufsdatum der Waren lag. Hinzu kam die anscheinende Unredlichkeit Peter Karbows, der schließlich 1412 in Lüneburg festgesetzt wurde. Nach seiner Gefangennahme gab Karbow alle in Venedig lagernden Güter der Gesellschaft preis, um damit seine Freiheit zu erkaufen. Spätestens mit dem von König Sigismund im Jahr 1417 erlassenen Handelsverbot gegen Venedig kam das Ende der Gesellschaft.
Geldnot und riskante Geschäfte Erste Anzeichen für den geschäftlichen Niedergang Hildebrand Veckinchusens finden sich in den für die Jahre ab 1414 überlieferten Mahnschreiben seiner GeschäftspartnerExemplarisch: Wilhelm Weits und Lamsin Kupere in Brügge an Hildebrand Veckinchusen (21. August 1421) (Volltext der Briefedition Stiedas im Wikisource-Projekt)., die darauf hindeuten, dass Veckinchusen sich zeitweise in äußerster Geldnot befand. Hammel führt diese Probleme auf die durch Absatzprobleme hervorgerufenen Verluste im Osthandel zurück.Hammel, Hildebrand Veckinchusen, S. 361f. Hinzu kam die Tatsache, dass Veckinchusen seinen Anteil an einem 1417 zu dessen Regierungsantritt gezahlten Darlehen für den römisch-deutschen König Sigismund nicht zurückerhielt, als er von seinen Gläubigern bedrängt wurde.