mini|hochkant=2|Heutiges Saalgebiet mit Rekonstruktion der einstigen Mauerverläufe Die Ingelheimer Kaiserpfalz ist eine bedeutende karolingische Königspfalz („palatium“), erbaut für Karl den Großen Ende des 8. Jahrhunderts, zwischen 780 und 800. Nach dem Bericht seines Biographen Einhard zählte sie zu den „zwei Palatia mit wunderbarer Architektur“ des Kaisers neben der Pfalz NimwegenEinhard: Vita Karoli Magni, cap. 17: „Auch zwei Palatia baute er in wunderbarere Architektur, einen nicht weit von der Stadt Mainz bei dem Hofgut Ingelheim, einen zweiten zu Nimwegen...“ und der Aachener Königspfalz. Vollendet wurde der Bau jedoch erst unter Karls Sohn Ludwig dem Frommen, der sich hier oft aufhielt. Die Ingelheimer Pfalz diente in der Epoche des Reisekönigtums den römisch-deutschen Königen bis ins 11. Jahrhundert als zeitweiliger Aufenthalts- und Regierungsort, mit zwei Benutzungshöhepunkten, der Zeit unter Ludwig dem Frommen (im 9. Jahrhundert) und der Zeit Ottos I. bis Ottos III. (im 10. Jahrhundert).
Die Pfalzanlage (nach dem Sprachgebrauch zu Karls Zeiten waren es Regierungsgebäude) liegt im heutigen Nieder-Ingelheim, 17 km westlich von Mainz, in der Flur „Im Saal“ auf einer alten Rheinterrasse mit weiter Aussicht auf den Rhein und den Rheingau, und zwar, wie Einhard ausdrücklich feststellte, "neben" einem bisherigen Königshof, den man wohl in der Nähe der Remigiuskirche lokalisieren muss, in etwa 500 Meter Entfernung. Von ihren Gebäuden sind eindrucksvolle Mauerreste bis heute durch weitere Benutzung oberirdisch erhalten, insbesondere die Aula regia, Teile des Nordflügels und das "Heidesheimer Tor". Der größere Teil der Anlage liegt als Fundament unter der Erde, sodass die archäologischen Grabungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert es ermöglichen, die Gesamtanlage sichtbar zu rekonstruieren, indem ihr Grundmauerverlauf in karolingischer Zeit im Pflaster durch helle Travertinplattenstreifen (jeweils drei Platten nebeneinander) kenntlich gemacht wurde.
Im Verlauf ihrer Geschichte erlebten ihre Gebäude mehrere Umbauten, bis sie nach dem Ende ihrer Benutzung als Regierungsort (nach 1043) verfielen und in spätsalischer bzw. staufischer Zeit zur Burg umgebaut wurden. Sie ist zu einer vielbesuchten Denkmalzone geworden, weil sie die beste darstellbare Pfalz der Karolingerzeit ist.
Forschungsgeschichte mini|hochkant=1.5|Tast-Modell der heutigen Bebauung in Blindenschrift mit der Kennzeichnung von drei Epochen, der karolingischen, der staufischen und der neuzeitlichen Erste Untersuchungen im Pfalzgebiet fanden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts statt: 1852 berichtete August von Cohausen von ersten kleineren Grabungen. 1888/89 schloss sich Paul Clemen mit Grabungen an. Der deutsche Verein für Kunstwissenschaft begann 1909 unter der Leitung von Christian Rauch mit systematischen Untersuchungen, die aber mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges eingestellt werden mussten. Rauch veröffentlichte jedoch noch Vorberichte zur Ausgrabung, nach denen 1931/32 ein Modell angefertigt wurde, das bis 1975 als Abbild einer typisch karolingischen Pfalz angesehen wurde. 1960 wurden die Grabungen unter der Leitung von Walter Sage mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft wieder aufgenommen. 1963 leitete Hermann Ament die Ausgrabungen. 1965 und 1968/70 fanden weitere archäologische Untersuchungen unter der Leitung von Uta Wengenroth-Weimann statt. Nach einem Gesamtplan dieser Grabungskampagne und Rekonstruktionszeichnungen von Walter Sage fertigte Konrad Weidemann 1975 ein weiteres Modell der Kaiserpfalz Ingelheim an. Seit 1995 gab und gibt es unter der Leitung von Holger Grewe erneut Grabungen im Pfalzgebiet. Die Forschungsergebnisse sind seitdem in verschiedenen Publikationen veröffentlicht und wurden genutzt, um ein neues Rekonstruktionsmodell der Pfalz Ingelheim zu schaffen, dass der Historische Verein aus Anlass seines 100-jährigen Bestehens 2009 dem Museum geschenkt hat.
Entwicklung Frühmittelalter miniatur|Nieder-Ingelheim, links die Remigiuskirche des Ortes, rechts die Saalkirche der Kaiserpfalz
Lage Der Pfalzbezirk liegt in Nieder-Ingelheim, etwa 500 m oberhalb der Remigiuskirche, wo man auch den älteren merowingischen Königshof vermutet. In beiden Orten, Nieder- und Ober-Ingelheim, lagen in fränkischer Zeit mehrere Hofgruppen mit zugehörigen Gräberfeldern, die sich im 8. Jahrhundert im Besitz der Frankenkönige befanden.
Der Kernbezirk des Palatiums war 145 m × 110 m groß und wurde auf einer ca. 250 × 300 m großen Hangterrasse in drei Kilometern Entfernung zum südlichen Rheinufer angelegt. Die Lage der Pfalz am Nordabhang des Mainzer Berges zum Rheingraben verlieh dem Bau Fernwirkung und Sichtbarkeit sowie die Aussicht über den Rhein in den Rheingau und Taunus. Der Nordflügel stand auf einer Breite von 75 m am Rand der natürlichen Hangkante.
Geschichte miniatur|Aula regia der Kaiserpfalz Die Anwesenheit des Erbauers der Pfalz, Karls des Großen, in Ingelheim ist erstmals für den September 774 belegt.Walter Hotz: Pfalzen und Burgen der Stauferzeit. Geschichte und Gestalt. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1981, ISBN 3-534-08663-5, S. 42. Er machte dort kurz Station auf dem Rückweg nach seiner Eroberung des Langobardenreiches in Norditalien, wo er sich zum König der Langobarden hatte krönen lassen, und schickte von Ingelheim aus vier "Scharen" in einen Feldzug gegen "Sachsen", wohl bei Fritzlar. Seit dem Ende des Jahres 787 verweilte er erneut in Ingelheim, diesmal jedoch weitaus länger. Er verbrachte hier Weihnachten und Ostern und blieb bis zur Jahresmitte 788. In diese Zeit fiel die große Reichsversammlung vom Juni 788, auf der Herzog Tassilo III. von Bayern wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde (er wurde letztendlich von Karl dem Großen zu Klosterhaft begnadigt). In der modernen Forschung wird das Verfahren als politischer Scheinprozess betrachtet. Die Länge und die Bedeutung des Aufenthaltes durch das Feiern des Weihnachts- und Osterfestes und die hier stattgefundene Reichsversammlung setzen eine ausreichende Versorgung durch die umliegenden Höfe voraus. Ob der Bau des Palatiums in dieser Zeit begann oder ob sogar das eine oder andere Gebäude schon benutzbar war, ist unbekannt. Aus der „Vita Karoli Magni“ von Einhard ist nur belegt, dass Karl der Große den Bau eines Palastes (palatium, Regierungsgebäude) begann, denn der Bau zweier Palatia, in Ingelheim und in Nijmegen, die von ihm in die Reihe der wichtigsten Bauleistungen Karls des Großen gestellt, gleich hinter der Aachener Pfalzkapelle und der Mainzer Rheinbrücke. Einhards eindeutige Ausdrucksweise („inchoavit“ = er begann) lässt allerdings darauf schließen, dass die Baumaßnahmen zu Lebzeiten Karls nicht fertig gestellt waren. Nach seinem langen Aufenthalt im Jahre 787/88 wurde die Pfalz Ingelheim von Karl nicht mehr zu Veranstaltungen benutzt. Die Aachener Pfalz war seine „Lieblingspfalz“ geworden. Der "Karl", der im Jahr 807 seine Adelsversammlung in Ingelheim abhielt, war höchstwahrscheinlich sein gleichnamiger Sohn Karl, der noch vor seinem Vater starb.
Von dem als einzigem überlebenden Sohn, Ludwig dem Frommen, wurde Ingelheim viel öfter besucht, zwischen 817 und 840 nachweislich zehnmal. Unter ihm wurde die Ingelheimer Pfalz zu fünf Reichsversammlungen und zu zwei hochrangigen Gesandtschaftsempfängen sowie zu mindestens einer Synode benutzt. Im Sommer 826 fanden in Ingelheim sogar zwei bedeutende Reichsversammlungen statt, im Juni und im Oktober, ein Höhepunkt der Regierungstätigkeit Ludwigs in Ingelheim. Zur ersten war unter anderem ein abgesetzter und aus seiner Heimat vertriebener dänischer Kleinkönig Heriold (=Harald Klak) gekommen, der schon seit 814 ein Lehnsmann Ludwigs war und ihn um Hilfe bei der Rückgewinnung seines Besitzes bat. Bei diesem Anlass ließ er sich mit seiner Familie und Gefolge im Stift St. Alban vor Mainz taufen. Am 20. Juni 840 starb Ludwig der Fromme auf einer Ingelheim vorgelagerten Rheininsel. Sein Leichnam wurde jedoch nicht in Ingelheim bestattet, sondern in das Familiengrab in der Abtei St. Arnulf in Metz überführt.
Der aquitanische Mönch Ermoldus Nigellus beschreibt in einem 826/828 abgefassten Lobgedicht über Ludwig den Frommen als Höhepunkt des letzten Buches auch die Pfalz Ingelheim im Zusammenhang mit dem Bericht über die angebliche Taufe König Harald 826 dort. Ganz besonders ausführlich beschreibt er in zwei Zyklen die Wandbilder der regia domus (Königssaal) und einer aula dei (Gotteshalle) (Buch IV, 179–282). Im Vergleich mit den archäologischen Befunden und den Berichten zeitgenössischer Annalen kann man seine Beschreibungen allerdings nur mit Vorsicht betrachten. Die etwa 3.000 gefundenen Fragmente von abgeschlagenem Wandputz, die später für die Fundamentierung der Saalkirche zweitverwendet wurden, belegen kein figürliches Bildprogramm, sondern geometrische Farbflächen, die als illusionistische Imitation von Wandinkrustationen aus farbigem Marmor interpretiert werden.Katharina Peisker, Holger Grewe: Methoden der wissenschaftlichen Mauerwerksuntersuchung am Beispiel der Ingelheimer Pfalz, in: Burgen und Schlösser 4/2018, S. 202–216, S. 204.
Die späten Karolinger sind insgesamt nur sieben Mal in Ingelheim durch Urkunden nachweisbar.
Architektur Offenbar wurde im letzten Viertel des 8. Jahrhunderts ein nicht unbedeutender merowingerzeitlicher Hof des 7. Jahrhunderts zugunsten des Baus des Palatiums abgerissen. Die Form und Anordnung seiner Gebäude lässt einen geschlossenen Bauplan erkennen, der in allen Teilen unter Verwendung von römisch-antiken Spolien, jedoch ohne antike Bebauungsbefunde am Ort, gleichzeitig entstanden sein dürfte. Der dem Planideal nach symmetrische Grundriss der Gesamtanlage ist aus zwei einfachen geometrischen Formen zusammengesetz, einem Quadrat und einem Halbkreis.
mini|hochkant=1.2|Digitale Rekonstruktion der Aula regia von innen, mit Blick in die Apsis miniatur|hochkant=1.2|Heutiger Zustand der Aula Regia in Richtung Apsis Die vier Seiten des Quadrats werden von verbundenen Gebäudegruppen gebildet. Die westliche Seite besteht aus der teilweise in ihren Außenmauern noch erhaltenen Königshalle (Aula regia) nach dem Vorbild antiker Basiliken (z. B. der Trierer Konstantinbasilika), der nach Norden möglicherweise eine Vorhalle und ein offener Vorhof vorgelagert waren. Den Nordabschluss bildete der Nordflügel, ein offener, 60,5 m langer Gebäuderiegel, der aus sechs bis acht Sälen von 11,5 m Raumtiefe, jedoch verschiedener Breite bestand. Der östlichste dieser Säle trat als Querbau nach außen markant aus der nördlichen Baulinie hervor. Daran schloss sich östlich ein riesiger Halbkreisbau (Exedra) an, der in vielen Mauerresten noch erhalten ist, im Übrigen ergraben und zum Teil rekonstruierend sichtbar gemacht wurde, und der über etwa neun Räume sowie ein mittiges Zugangstor (das teilweise erhaltene Heidesheimer Tor) verfügte. Der nördliche (linke) Durchgang daneben, der in einen der beiden Torflankentürme mit der Wasserleitung führt, ist sogar ein Bauteil der karolingischen Pfalz, das 1200 Jahre lang benutzt und nie zugemauert wurde. Man läuft dort tatsächlich durch eine noch immer benutzbare karolingische Türöffnung.
Nordflügel und Halbkreisbau besaßen auf der Innenhofseite Säulengänge, die aus wiederverwendeten römischen Säulenbasen und Kapitellen bestanden.
Ob die Südseite des Quadrats bereits in karolingischer Zeit geschlossen bebaut war, ist bislang ungeklärt.