Die Republik Venedig ( bzw. ; ‚Durchlauchtigste Republik des Heiligen Markus‘)Gina Fasoli nannte ihre Geschichte Venedigs (Florenz 1937) einfach La Serenissima. Die korrekte Übersetzung von La Serenissima wäre wohl Allerheiterste, von sereno = heiter. nach dem Wahrzeichen der Stadt, dem Markuslöwen, auch als Markus- oder Löwenrepublik bezeichnet, war vom 7./8. Jahrhundert bis 1797 eine See- und Wirtschaftsmacht, deren Zentrum im Nordwesten der Adria lag. Ihre Vorherrschaft kulminierte in einem Kolonialreich, das von Oberitalien bis Kreta und zeitweise bis zur Krim und nach Zypern reichte und von Venedig aus gelenkt wurde. Darüber hinaus unterhielt Venedig Kaufmannskolonien in Flandern und dem Maghreb, in Alexandria und Akkon, in Konstantinopel und Trapezunt sowie in zahlreichen Städten an der Adria.
Eine Handels- und Seemacht Der Reichtum der Adelsrepublik resultierte daraus, dass sie als Umschlagplatz zwischen dem Byzantinischen Reich und dem Heiligen Römischen Reich fungierte und zugleich wichtige Waren monopolisierte. Dabei nutzte sie als Haupthandelswege die Flüsse Oberitaliens und vor allem die Adria. Auch die machtpolitische Zersplitterung Italiens war für sie vorteilhaft. Dabei übte ausschließlich der AdelIn der deutschsprachigen Literatur hat sich die Bezeichnung Adel für die im Fernhandel tätigen und politisch führenden Familien weitgehend durchgesetzt (Dieter Girgensohn: Kirche, Politik und adelige Regierung in der Republik Venedig zu Beginn des 15. Jahrhunderts. (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte. Band 118), 2 Bände, Göttingen 1996; Gerhard Rösch: Der venezianische Adel bis zur Schließung des Großen Rates. Zur Genese einer Führungsschicht, Thorbecke, Sigmaringen 1989 u. a.). Hingegen Alexander Francis Cowan: The Urban Patriciate: Lübeck and Venice 1500–1700, Köln/Wien 1986. den gewinnträchtigen Fernhandel (Levante) aus und kontrollierte zunehmend die politische Führung – bis hin zur Abschaffung der Volksversammlung.
Über die Anfangszeit berichten hauptsächlich Legenden und nur wenige historisch zuverlässige Quellen. Erst ab dem 13. Jahrhundert gibt es eine breite schriftliche Überlieferung, die dann aber vom Ausmaß mit der von Rom verglichen werden kann.Zur Quellenlage immer noch ein guter Zugang: Andrea Da Mosto: L’Archivio di Stato di Venezia. Indice generale, storico, descrittivo ed analitico, 2 Bände. Rom 1937 und 1940. Zur Legendenbildung hat die staatlich kontrollierte Geschichtsschreibung erheblich beigetragen. Sie projizierte die als wegweisend wahrgenommenen Eigenheiten der venezianischen Gesellschaft oftmals in die Vergangenheit zurück. Dabei verschwieg sie vieles dessen, was den Idealen von Geschlossenheit, Gerechtigkeit und Machtbalance widersprach, oder deutete es um.
Der Seemacht gelang es, trotz geringer Ressourcen und eines verstreuten Herrschaftsgebiets, eine erstrangige Rolle in der Politik des Mittelmeerraumes zu spielen. Dabei lavierte Venedig fast von Anfang an zwischen den Großmächten wie Byzanz und dem Heiligen Römischen Reich oder der päpstlichen Macht, nutzte rigoros die Schlagkraft seiner Kriegsflotte und seiner überlegenen Diplomatie, setzte Handelsblockaden und Berufsarmeen ein. Dabei hatte es sich der Konkurrenz italienischer Handelsstädte, wie etwa Amalfi, Pisa, Bologna, vor allem aber Genuas zu erwehren. Erst die großen Flächenstaaten wie das Osmanische Reich und Spanien drängten den Einfluss Venedigs militärisch, die aufstrebenden Handelsnationen wie die Vereinigten Niederlande, Portugal und Großbritannien wirtschaftlich zurück. Frankreich besetzte 1797 die Stadt; kurz zuvor hatte der Große Rat, die Versammlung des erwachsenen, männlichen Adels, am 12. Mai für die Auflösung der Republik gestimmt.
Städtelandschaft um die Lagune von Venedig Besiedlung der Lagune mini|links|Nördliche Adria und die Lagune von Venedig (Joan Blaeu, Atlas Maior), erstmals 1662 Ausgangspunkt der Besiedlung Venedigs war eine Gruppe von Inseln im Umkreis und in der Lagune, die die Ablagerungen des Brenta und anderer kleiner Flüsse immer weiter in die Adria vorschoben.Zur Frühgeschichte der Lagune vgl. Vladimiro Dorigo: Storia delle dinamiche ambientali ed insediative nel territorio lagunare veneziano, Venedig 1994. So ist der Canal Grande die Verlängerung des Nordarms des Brenta. Die ältesten menschlichen Spuren in der Lagune stammen aus dem späten Mesolithikum. Die Bevölkerungszahl der an und in der Lagune liegenden Fischersiedlungen, die bis in etruskische Zeit zurückreichen,Graziano Tavan: Archeologia della Laguna di Venezia, in: Veneto Archeologico Januar/Februar 1999. wuchs in römischer Zeit an. In der Antike entstanden Städte wie Altinum am Rand der Lagune, aber auch Ammiana, im Norden der Lagune gelegen. Die Zahl der Bewohner auf den Inseln stieg durch Flüchtlinge an, die sich der Legende nach 408 vor den Westgoten Alarichs, besonders aber 452 vor den Truppen des Hunnen Attila dort in Sicherheit brachten. Als 568 die Langobarden in Oberitalien einfielen, erreichte ein weiterer Flüchtlingsstrom die Lagune. Das legendäre Gründungsdatum Venedigs, der 25. März 421,Dies behauptet schon das Chronicon Altinate. Zum angeblichen Gründungsjahr 421: Giovannella Cresci, Lorenzo Calvelli: Oltre la leggenda. Il 421 d.C. nella Venetia, in: Ateneo Veneto 209 (2022) 81–104. Im Jahr 2021 erlaubte sich das Staatsarchiv einen Scherz und veröffentlichte ein angebliches Gedicht aus dem 12. Jahrhundert, das tagesgenau das Gründungsdatum nennt (Six scholars fool the public with invented documents about the date Venice was founded, in: The Art Newspaper, 5. April 2021). könnte eine Erinnerung an die frühen Zuwanderer darstellen.Grundlegend für die Ereignisgeschichte und von großer Quellenkenntnis ist immer noch: Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bände, Gotha 1905 und 1920, Stuttgart 1934 (Nachdruck: Aalen 1964 und 1986, ISBN 3-511-01240-6).
Venedig ist aber keineswegs eine Gründung von Flüchtlingen, denn schon im 5. Jahrhundert war die nördliche Lagune dicht besiedelt,Sauro Gelichi: L’isola del Vescovo. Gli scavi archeologici intorno alla Cattedrale di Comacchio, Florenz 2009, S. 373. zahlreiche Artefakte weisen auf römische Siedlungen und Straßen hin. Die Legende der Flüchtlingsgründung entstand wohl erst im 10. Jahrhundert, sie wurde zuletzt von Roberto Cessi aufrechterhalten. Dieser sah einen starken Kontrast zwischen der germanischen und der venezianischen Welt, eine Ansicht, die inzwischen der Vorstellung gewichen ist, dass es diesen Kontrast zwischen einer barbarischen und einer römischen Zivilisation so nicht gegeben habe. Stattdessen geht man von zwei stark gemischten Gesellschaften aus. Die römische Epoche war sehr stark von ökologischen Veränderungen der Lagune geprägt, vor allem vom Anstieg des Wasserspiegels. Der frühmittelalterliche Handel basierte dabei viel stärker auf den Wasserwegen, während die römischen Straßen verfielen oder im Wasser versanken. Funde von Amphoren erweisen zugleich einen weitläufigen mediterranen Handel, der Konstantinopel zwar einschloss, aber nicht auf die Metropole ausgerichtet war.Einen Eindruck von der Wissenschaftsgeschichte bietet Erica D’Amico: Approaches and perspectives on the origins of Venice, in: Memoirs of the American Academy in Rome LXII (2017) 209–229 (academia.edu). Diese Einbindung in einen weiteren politischen und wirtschaftlichen Rahmen dürfte durch die Flüchtlinge, zu denen auch die oströmischen Eliten zählten, gefördert worden sein. Welche Binnenkonflikte daraus erwuchsen, ließ sich bisher nicht aufzeigen.
Den Baugrund der Stadt bildeten neben der Insel Rialto, die im frühen 9. Jahrhundert zum Kern Venedigs gemacht wurde, die benachbarten Luprio,Luprio entsprach etwa den heutigen Stadtsechsteln Santa Croce und San Polo. Ein luprio war ein trockengelegtes Sumpfgebiet. Dort befanden sich zahlreiche Salinen. Canaleclo,Dieser bildete den Kern des heutigen Stadtteils Cannaregio. GemineDer Stadtteil schloss sich ostwärts an Rivoalto an., Mendicola,Hierbei handelte es sich um eine der sieben Inseln, die das spätere Stadtsechstel Dorsoduro bildeten. Ombriola,Dort befindet sich heute die Kirche San Zaccaria. Olivolo und Spinalunga.Spinalunga bildet heute einen Teil der Giudecca. Dichte Pfahlroste aus Baumstämmen wurden in den Untergrund gerammt, um die Siedlungen zu erweitern. Die Flotte verschlang ebenfalls große Mengen Holz.
Byzantinische Herrschaft, Machtzentren Heracleia (bis 742) und Metamaucum (742–810/811) Mit der Eroberung des Ostgotenreiches unter Kaiser Justinian I. (Restauratio imperii ca. 535 bis 562) kam die Lagune unter oströmisch-byzantinische Herrschaft. Die Eroberung großer Teile Italiens durch die Langobarden ab 568 zwang jedoch Kaiser Maurikios, den verbliebenen Randprovinzen größere Eigenständigkeit zu gewähren, und so wurde Ende des 6. Jahrhunderts das Exarchat von Ravenna geschaffen.Dies und das Folgende im Wesentlichen nach Donald M. Nicol: Byzantium and Venice. A study in diplomatic and cultural relations, Cambridge University Press 1988. Der Exarch ernannte den Magister militum als militärischen und zivilen Oberbefehlshaber der Provinz. Ihm unterstanden in der Lagune wiederum Tribunen. Provinzhauptstadt war zunächst Oderzo, das jedoch 639 von den Langobarden erobert und 666 zerstört wurde. Damit löste sich die Provinz weitgehend auf und die Lagune war zunehmend auf sich selbst gestellt. Der Bischofssitz wurde 635 von Altinum in das sicherere Torcello verlegt. Dennoch spielte der Handel mit dem Festland, vor allem mit Salz und Getreide, bereits im 6. Jahrhundert eine wichtige Rolle,Cassiodor, Variae, X, 27 und XII, 24. die im 8. Jahrhundert offenbar noch zunahm. Im Gegensatz zu den Standesgenossen außerhalb Venedigs erwarb der venezianische Adel, der sich überwiegend auf römische Wurzeln zurückführte, wohl um 800 bereits sein Vermögen nicht nur aus immobilem Besitz, sondern zunehmend im Handel.
Paulicius wurde 697 – folgt man der Überlieferung – zum ersten Dogen erhoben. Wenige Jahrzehnte später wird erstmals ein Dux (Führer oder Herzog) Ursus erwähnt, der wohl als tatsächlicher erster Doge anzusprechen ist. Sein Amtssitz war Heracleia. Doch unter seinem Sohn und Nachfolger wurde dieser im Jahr 742 nach Metamaucum verlegt (in der Literatur vielfach und fälschlich als Malamocco bezeichnet, das jedoch erst später entstand). Um 810 wurde entweder während der Amtszeit des Mitdogen Beatus oder unter dem Dogen Agnello Particiaco Rialto zum endgültigen Amtssitz. mini|Torcello, Basilika, Baubeginn um 640, Emmanuel Cruvelier 2006
Bei der Wahl des ersten Dogen erscheinen entsprechend der venezianischen Tradition zum ersten Mal die so genannten zwölf „apostolischen“ Familien der Badoer, Barozzi, Contarini, Dandolo, Falier, Gradenigo, Memmo, Michiel, Morosini, Polani, Sanudo und Tiepolo.
Von Byzanz zunehmend unabhängig zeigte sich Venedig erstmals im beginnenden byzantinischen Bilderstreit (726/27), als sich die Stadt auf die päpstliche Seite stellte. Darüber hinaus kam es erstmals zu einem Vertrag aus eigener Autorität, also ohne byzantinische Bestätigung, mit den Langobarden. In diesem Zusammenhang soll der Doge den Beinamen „Ipato“ (griech. Hypatos), also „Konsul“ erhalten haben, allerdings wohl nicht, wie vielfach angenommen, in Anerkennung seiner Verdienste bei der Rückeroberung Ravennas und der Pentapolis nach 729. Die Rückeroberung Ravennas – dazu muss eine schlagkräftige Flotte bestanden haben – fand wohl 739/740 statt.Constantin Zuckerman: Learning from the Enemy and More: Studies in „Dark Centuries“ Byzantium, in: Millennium 2 (2005) 79–135, insbes. S. 85–94. Bereits 732 wurden die Orte der Lagune einem eigenen Bischof unterstellt, was ihre Zusammengehörigkeit verstärkt haben wird und sie zugleich deutlicher sichtbar machte.
Zwischen überlegenen Mächten, dauerhaftes Herrschaftszentrum Venedig (ab dem frühen 9. Jahrhundert) Zwischen Byzanz, den Langobarden und dem Frankenreich; Machtzentrum Venedig (ab 810/811)