mini|Helge Schneider, 2023 mini|Helge Schneider auf dem ZMF 2017 in Freiburg im Breisgau
Helge Schneider (* 30. August 1955 in Mülheim an der Ruhr) ist ein deutscher Musiker, Unterhaltungskünstler, Komiker, Kabarettist, Schriftsteller, Film- und Theaterregisseur und Schauspieler. Bekannt wurde er durch Bühnenauftritte, in denen er Klamauk und Parodien mit Jazzmusik verbindet. Ein entscheidendes Element seiner Arbeit ist die Improvisation.
Leben Kindheit und Jugend Helge Schneider kam 1955 in Mülheim an der Ruhr im Ortsteil Styrum als Sohn des Fernmeldemonteurs Heinrich Schneider und der Finanzbeamtin Anneliese, geborene Schneider, zur Welt. Sein Vater arbeitete später als Revisor für die Mülheimer Vertretung des Telekommunikationsunternehmens Telefonbau und Normalzeit; sein Großvater mütterlicherseits war Vertreter für Triumph-Schreibmaschinen.Helge Schneider: Guten Tach. Auf Wiedersehn. Autobiographie, Teil 1, Köln 1992, S. 12. Er wuchs mit seinen Schwestern Marliese und Kerstin im Mülheimer Stadtteil Heißen auf. Schon in früher Kindheit zeigte sich sein musikalisches Talent: Als Sechsjähriger begann er Klavier und mit zwölf Jahren Cello zu spielen. Anfänglich ein guter Schüler, verlor Schneider bald das Interesse: Er blieb in der neunten Klasse sitzen, brach die Schule 1971 ab und begann eine Lehre als Bauzeichner. Als Grund für den schulischen Absturz nennt er rückblickend seinen damals einsetzenden Drogenkonsum, der seine ganze Jugend geprägt haben soll.
1972 begann er – nach einer Sonderbegabtenprüfung – am Duisburger Konservatorium ein Klavierstudium, das er nach zwei Semestern ebenfalls abbrach. Sein Interesse galt dem Jazz – auf Jamsessions stieg er beispielsweise bei George Maycock ein. Sein Einkommen erzielte er in verschiedenen Berufen wie Landschaftsgärtner, Dekorateur, Tierpfleger, Straßenfeger und Polsterer. Seine Freizeit verbrachte er gern in einem Stehcafé von Eduscho, beobachtete dort die Menschen und prägte sich Gesten und Argumentationen ein. Als beeindruckend und unterhaltsam empfand er dabei ältere Männer, die trotz ihrer Unzulänglichkeiten immer souverän blieben. Diese „Oppas“ wurden Schneider zum Vorbild, daher nannte er diese Zeit sein „Eduscho-Studium“, dem er große Bedeutung für seine spätere Arbeit beimaß.
Anfänge als Künstler Ab 1977 verdiente er seinen Unterhalt durch Auftritte mit Peter Burschs Bröselmaschine sowie mit verschiedenen eigenen Bandprojekten, z. B. mit Charly Weiss (Schneider/Weiss Duo aka El Snyder & Charly McWhite aka Helge Schneider Trio). Daneben war er als Studiomusiker (beispielsweise für Albert Mangelsdorff, Eckard Koltermann, Frank Baier), mit Kompositionsaufträgen (für Werner Nekes), als Stummfilmbegleiter und als Schauspieler tätig. Nach der Geburt seiner ersten Tochter sah er sich 1982 vor die Aufgabe gestellt, eine Familie zu ernähren. Deshalb arbeitete er ab 1983 als Studiomusiker, unter anderem bei Marie Deutschland und der DaCapo Movie Band.
1986 spielte er die Hauptrolle im Film Johnny Flash von Werner Nekes. Im Jahr darauf drehte er einen ersten eigenen Film, den Kurzfilm Stangenfieber. Es folgten Auftritte in Filmen von Christoph Schlingensief. Von 1985 bis 1991 war Schneider Co-Moderator der Fernseh-Musik-Sendung Off-Show des WDR, zunächst neben Reinhold Beckmann, ab 1990 neben Evi Seibert. Dort zeigte er kleine Sketche und interviewte Musiker. In der Sendung Queen’s Palace des HR trat er mit Sketchen auf, zeitweise begleitet von Hans Werner Olm. In diesen Jahren arbeitete er an seinen musikalischen Grundlagen, lernte das Spielen vieler weiterer Instrumente und sammelte Bühnenerfahrung. Er entwickelte seinen persönlichen Stil der Antikomik, der sich Kritikern zufolge durch Respektlosigkeit, kindischen Unsinn und das Vermischen von Banalem mit Anspruchsvollem auszeichnet.
Regelmäßig besuchte er in dieser Zeit die Jazz-Sessions im Bahnhof Süd in Essen, in der Werkstatt in Essen-Steele und in der Jazz-und-Art-Galerie in Gelsenkirchen, wo er sich zwanglos mit anderen Musikern zum Improvisieren traf. An Freitagabenden trat er eine Zeitlang im Steeler Café Kulturforum auf und spielte Jazz in einem Trio. 1989 veröffentlichte er seinen ersten Tonträger Seine größten Erfolge mit Songs aus dem Film Johnny Flash. Es folgten die Platten Hörspiele 1 & 2 und New York I’m coming.
Der große Erfolg mini|Helge Schneider bei den Mülheimer Jazztagen, 2002
Ab 1989 stieg Schneiders Bekanntheit in Deutschland durch seine Auftritte unter dem selbst zugelegten Beinamen „Die singende Herrentorte“. Auf der Bühne zelebrierte er eine Mischung aus absurden Geschichten, parodistischen Schlagern und Jazzmusik. Er trat solo und mit „seiner kleinen Band“ Hardcore, bestehend aus Buddy Casino (Klavier und Farfisa-Orgel) und Peter Thoms (Schlagzeug), auf.
1992 gelang ihm mit dem jeweils zur Hälfte live und im Studio aufgenommenen Album Guten Tach! der kommerzielle Durchbruch. 1994 wurde Helge Schneider durch einen TV-Auftritt bei Wetten, dass..? einem Millionenpublikum bekannt und das Stück Katzeklo platzierte sich daraufhin in den deutschen Charts. Schneider konnte mit seinen Programmen immer mehr Besucher erreichen. Es erschienen das Doppelalbum Es gibt Reis, Baby, für das er eine Goldene Schallplatte erhielt, und sein erster Kriminalroman. Mit dem Kinostart von Texas – Doc Snyder hält die Welt in Atem erreichte der Kult um Schneider einen vorläufigen Höhepunkt. Zugleich löste dieser in Deutschland eine Diskussion über den kulturellen Wert seiner Arbeit und die Situation des deutschen Humors an sich aus.
Helge Schneider zog sich von der Bühne zurück. Er wollte sich der zunehmenden Vereinnahmung seiner Person durch die Medien und der Stilisierung zu einem Star entziehen. Hinzu kommt, dass er in seinen Programmen immer mehr den Schwerpunkt auf Jazzmusik legte – das allgemeine Publikum hingegen seine Konzerte zunehmend wegen der absurden Geschichten und Schauspieleinlagen besuchte. Er drehte seinen zweiten Film, 00 Schneider – Jagd auf Nihil Baxter.
Neuanfang mini|Helge Schneider und Band, 2005: Kampf in Weltall mini|Helge Schneider, 2009
Nach einer zweijährigen Pause gab Schneider 1995 parallel zum Album Es rappelt im Karton sein Bühnen-Comeback. Er ging mit einer Bigband auf Tour, bestehend aus alten Freunden und Musikerkollegen aus Mülheim. Seitdem stand er regelmäßig mit wechselnden Besetzungen auf der Bühne, so mit der Rockband Helge & the Firefuckers, mit der kleineren Band Hardcore wie auch solo. Weitere Bücher und Alben wurden veröffentlicht.
Nach dem in seinen Augen misslungenen Film Praxis Dr. Hasenbein (1997), der von der Kritik durchaus wohlwollend aufgenommen wurde, wollte er keine weiteren Filme drehen. Der „Stress“ sei ihm zu groß und das Ergebnis von den vielen Mitarbeitern so stark beeinflusst, dass er seine Handschrift nicht mehr erkennen könne.Helge Schneider über Praxis Dr. Hasenbein bei YouTube 2004 machte er trotzdem mit dem Film Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm einen weiteren Versuch mit diesem Medium.
2003 erschloss sich Schneider mit seinem Stück Mendy – das Wusical das Theater. Mit der Single Helges Mörchen-Lied landete er einen weiteren Chart-Hit.
Nach 2005 Am 11. Januar 2007 startete Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler von Regisseur Dani Levy mit Schneider in der Hauptrolle als Adolf Hitler in den Kinos. Im Winter 2007/2008 war er mit seiner Band auf Akopalüze Nau!!!-Tour durch Deutschland. Eine gleichnamige Live-CD erschien Ende 2007. Ende Dezember 2009 startete er die Tour Komm, hier haste ’ne Mark! in seiner Heimatstadt Mülheim. Bis 2014 stand Helge Schneider im Rahmen der Tour Pretty Joe und die Dorfschönheiten unter anderem wieder mit Peter Thoms auf der Bühne. Viele Jahre fuhr Schneider mit einem umgebauten Feuerwehrwagen, in dem er alle Instrumente und Requisiten unterbrachte, zu seinen Auftritten.»Die Autobahn ist wie ein Tunnel durch die Welt« Süddeutsche Zeitung Magazin, 7. September 2018, S. 24.
Im Herbst 2010 trat er in der Kinowerbung für das Wochenendabonnement der tageszeitung (taz) auf. Dafür wurde ein Ausschnitt aus seinem Film Jazzclub verwendet. blogs.taz.de, 27. Oktober 2010. Im Oktober 2012 hatte seine Talkshow Helge hat Zeit im WDR Premiere. Die 75-minütige Sendung sollte in „lockerer Folge“ ausgestrahlt werden und beinhaltete Gespräche und Musikeinlagen. Im Januar 2013 wurde bekannt, dass Helge Schneider die Sendung nach nur zwei Folgen beendet, weil es „nicht sein Ding“ sei; er „gehöre auf die Bühne“.Helge Schneider beendet WDR-Fernsehshow „Helge hat Zeit“ (Pressemitteilung des WDR; Zugriff: 9. Januar 2013)
2013 wurde der mit dem Rapper Sido aufgenommene Song „Arbeit“ auf Sidos Album 30-11-80 veröffentlicht. Am 10. Oktober 2013 hatte der neue Kinofilm 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse Deutschlandpremiere. Es handelt sich um eine Fortsetzung des ersten Kommissar-00-Schneider-Films. Das 2013 veröffentlichte Album Sommer, Sonne, Kaktus! erreichte Platz 1 in den deutschen Albumcharts. Schneider stand bis 2014 regelmäßig auf der Bühne und schrieb Bücher. 2015 machte er ein Jahr Bühnenpause und hatte nur einen Auftritt in Mülheim an der Ruhr. Im Sommer 2017 begann seine Tour 240 Years of „Singende Herrentorte“! mit Auftritten in Deutschland, Österreich und Luxemburg.„Singende Herrentorte“ Helge Schneider bringt 9.000 Berliner zum Lachen bz-berlin.de, 15. Juli 2017.
Am 16. Mai 2020 trat er beim von Stefan Raab initiierten Free European Song Contest für Deutschland mit dem Lied Forever At Home an und belegte den 4. Platz. 2021 nahm er erneut teil und trat als Udo Lindenberg mit dem Lied Supergeiler Helge Schneider auf.
Ein am 23. Juli 2021 in Augsburg ursprünglich für 90 Minuten anberaumtes „Strandkorb Open Air“ brach Schneider nach 40 Minuten mit den Worten ab: „Ich muss sagen, das geht mir ziemlich auf den Sack. Ich habe keine Lust mehr“ und begründete dies später mit „massiven Störungen seitens der Gastronomie, die ihre Mitarbeiter immer an der Bühne vorbeischickten, um das Publikum mit Getränken zu versorgen“, wodurch er sich abgelenkt gefühlt habe. Im Nachgang sagte Schneider alle weiteren geplanten Auftritte in der Konzertreihe ab.
Im Februar 2023 äußerte sich Helge Schneider im Magazin Rolling Stone kritisch zum Thema „kulturelle Aneignung“: „Das Phänomen der ‚Kulturellen Aneignung‘ zum Beispiel interessiert mich überhaupt nicht. Nicht die Bohne relevant“, sagte Schneider. Durch „Kulturelle Aneignung“ entstehe „Gleichmacherei“. 2023 trug er sich erneut ins Goldene Buch der Stadt Mülheim an der Ruhr ein.
Am 14. September 2024 trat er beim Clark Final Fight, dem Comeback-Event von Stefan Raab, in Düsseldorf auf und performte vor dem Boxkampf Raabs gegen Regina Halmich seinen Hit Katzeklo.
Am 31. Oktober 2024 bekam Helge Schneider den Münchhausen-Preis verliehen.
Am 21. Mai 2026 beschloss der Rat der Stadt Mülheim an der Ruhr, Helge Schneider das Ehrenbürgerrecht zu verleihen.
Familie Schneider hat sechs Kinder von vier Frauen. Sein jüngster Sohn Charly (* 2010) begleitete ihn 2020 bei einem Auftritt am Schlagzeug.Sohn Charly begleitet ihn am Schlagzeug Stern, 24. August 2020
Werk Die Grundlage von Schneiders Arbeit ist die Improvisation, die bei ihm zum künstlerischen Selbstausdruck und zur Lebenseinstellung geworden ist. Bei der Rezeption von Schneiders Kunst wird ihm nachgesagt, einen „Sinn im Unsinn“ zu finden.
Schneiders Werk findet viele Anhänger, wurde aber gelegentlich auch zur Zielscheibe von Kritik.
Musik mini|Multiinstrumentale Improvisation: Helge Schneider während der I-Brake-Together-Tour, 2007 mini|hochkant|Helge Schneider spielt Saxophon in seiner Show Wullewupp Kartoffelsupp, 2009