mini|Zeitgenössische Ganesha-Statue Ganesha ( ) (gaṇa: ‚Gefolge‘, ‚Schar‘, īś: ‚Gebieter‘, also „Herr der Scharen“Axel Michaels: Der Hinduismus – Geschichte und Gegenwart. C.H. Beck, München 1998, 2. Auflage 2012, ISBN 978-3-406-54974-8, S. 244) ist eine der beliebtesten Formen des Göttlichen im Hinduismus. Weitere verbreitete Namen sind unter anderem Ganapati (‚Gebieter der Scharen‘), Vinayaka (‚Entferner [der Hindernisse]‘), Vighnesha (‚Herr der Hindernisse‘, auch Vigneshvara), Vighnantaka („Zerstörer der Hindernisse“), Varada („der Wohltaten Schenkende“), Siddhita („der, der Erfolg schenkt“) sowie Ekadanta („Der Einzähnige“, weil er einen Stoßzahn verlor).

Unter der Bezeichnung Vinayaka wird er auch im Tantra verehrt, wo er als begnadeter Tänzer und beweglicher Liebhaber gilt. Ganesha ist der Gott und „Herr der Hindernisse“, sowohl der Beseitiger als auch der Setzer von Hindernissen, wenn sich jemand ihm gegenüber respektlos verhält oder diese für ihn notwendig sind. Er ist der Herr und Aufseher über Shivas Gefolge und der Vermittler zu seinem Vater und damit Götterbote.

Ganesha wird als naschhafter, gnädiger, gütiger, freundlicher, humorvoller, jovialer, kluger, menschlicher und verspielter, schelmischer Gott vorgestellt, der oftmals Streiche spielt. Er ist einer der wichtigsten, populärsten, zugänglichsten Götter Indiens überhaupt, der fast an jedem Straßenschrein verehrt wird. Er ist der Sohn des Shiva und der Parvati, mit denen er zusammen das Idealbild einer Hindu-Familie verkörpert. Ganesha ist von allen hinduistischen Göttern der mit der größten Präsenz und Popularität außerhalb Indiens.

Ganesha wird auch im Buddhismus (unter dem Namen Kangiten) und im Jainismus verehrt.

Jede (morgendliche) Puja (hinduistischer Gottesdienst) beginnt mit einem Gebet an Ganesha. Der Glücksgott wird bei Eröffnungsritualen (purvaranga) indischer Tanz- und Theaterspielgattungen angerufen und um Beistand gebeten. Ganesha wird gefragt, wenn man Glück, Erfolg oder gutes Gelingen für den Weg oder am Anfang einer neuen Unternehmung braucht, beispielsweise für eine Reise, Hochzeit, Hausbau, Geschäftsprüfung, Klausur oder den Beginn eines neuen Tages, er steht für jeden Neuanfang und verkörpert Weisheit und Intelligenz. Zu seinen Angelegenheiten gehören die Poesie, Musik, Tanz, Schrift und Literatur, und er ist der Herr über die Wissenschaften und Gott des Handels. Die meisten Kaufleute betrachten ihn als ihren Schutzherrn und in fast jedem Laden ist eine Ganeshastatue zu finden. Für viele fromme Hindus ist das erste, was in ein neues Haus kommt, eine Statue des Ganesha. Diese segnet das Haus und verheißt Glück. Er ist auch auf fast jeder Hochzeitseinladungskarte zu finden.

Für viele hinduistische Strömungen bedeutet Ganesha eine untergeordnete Manifestation des Göttlichen, der Herr allen Anfangs. Andere dagegen, besonders im indischen Bundesstaat Maharashtra oder in einigen Gegenden Südindiens, sehen in ihm die wichtigste Verkörperung des formlosen Höchsten, des Brahman.Swami Harshananda et al.: Hindu Gods and Goddesses, Mylapore, Madras 600004

Nach Ganesha ist der Asteroid (2415) Ganesa des mittleren Hauptgürtels benannt.

Ikonographie und Symbolik mini|Tanzender Ganesha, Nordbengalen, 11. Jahrhundert. Museum für Asiatische Kunst, Berlin-Dahlem. Meist wird Ganesha als kleiner, roter, beleibter Mann dargestellt oder als Kind mit einem großen, dicken Elefantenkopf, der nur einen Stoßzahn hat, oft auf einer Lotusblüte sitzend. Seine Ohren werden überdimensional groß dargestellt, seine Augen sind klein und sein Blick stechend und durchdringend. Sein kugelrunder, dicker Bauch steht für Reichtum und die Fähigkeit alle Erfahrungen zu absorbieren. Bei ihm ist immer sein Reittier (vahana), eine Maus oder Ratte, die ebenfalls unter anderem Symbol für Intelligenz und Stärke ist und als Hindernisüberwinder gilt. Philosophisch gedeutet verkörpert er die Kontrolle über das menschliche Ego oder die Fähigkeit, dass selbst das kleinste Wesen das Göttliche tragen kann.

Er hat zwei oder auch mehrere Arme, welche in der hinduistischen Kosmologie u. a. ein Zeichen von Virtuosität und überlegener (göttlicher) Macht darstellen. mini|Ganesha mit einem Teller voller Modakas, Miniatur, um 1730 im Nationalmuseum New Delhi Sie tragen in traditionellen Darstellungen eine Waffe u. a. als Zeichen des Schutzes und seines Kampfes gegen alles Übel, eine Lotusblüte, u. a. Zeichen der geistigen Wiedergeburt, Weisheit und Reinheit, Reinkarnation (Wiedergeburt). Auf anderen Darstellungen trägt er ein Buch sowie eine Mala, eine Gebetskette. Seinen zweiten Stoßzahn verlor er der Legende nach im Kampf gegen Parashurama („Rama-mit-der-Axt“), Vishnus sechste Inkarnation. Seine anderen beiden Hände signalisieren dem Gläubigen durch Handzeichen (Mudras): Fürchte dich nicht! (trostspendende Mudra) und versprechen in der gebenden Geste seine Gnade. Meist steht eine Schale mit Laddus vor ihm oder er hält Modaka in einer seiner Hände, indische Süßigkeiten, die neben vielschichtiger spiritueller Bedeutung auch Ganeshas Liebe und Schwäche zum Essen darstellen und die Belohnung spiritueller Sinnsuche darstellen. Häufig wird er auch in tanzender Form dargestellt oder auf einem Thron sitzend, die Beine übereinandergeschlagen. Weitere Attribute des Gottes sind Elefantentreiberstock, Seil, mit dem er die Gläubigen aus ihren weltlichen Problemen zieht und Axt, mit der er das Seil der Wünsche, Bedürfnisse und Bindungen durchtrennen kann. Er wird oftmals mit einer Schlange, die er sich um den Bauch bindet, dargestellt.

Rätselhaft erscheint Ganeshas Mischform aus Mensch und Elefant. Am ehesten verständlich ist sie über den Elefanten, ein wichtiges Symboltier, in der Mythologie Wächter und Träger des Alls. In der gesamten hinduistischen Symbolik erscheinen Elefanten und Ganesha abwechselnd, z. B. als Glückszeichen und Hüter an Wohnhäusern ebenso wie an Tempeln. Verbreitet ist auch die Erklärung des Kopfes als Zeichen für den Makrokosmos und der menschliche Körper als Mikrokosmos.

Mythen

Ganeshas Geburt mini|Shiva und Parvati baden ihren Sohn Ganesha. Kangra-Miniatur, 18. Jahrhundert. Allahabad Museum, New Delhi. Unzählige Legenden in den Puranas bieten verschiedene Versionen als Erklärung für die Entstehung Ganeshas an, der ursprünglich keinen Elefantenkopf, sondern einen menschlichen Kopf gehabt haben soll. So berichtet eine populäre Geschichte im Shiva Purana, dass Parvati, Shivas Ehefrau, Ganesha in Abwesenheit Shivas geschaffen hätte: Demnach formte sie aus dem Lehm, mit dem sie ihren Körper eingerieben hatte, einen kleinen Buben, übergoss ihn mit Gangeswasser und erweckte ihn so zum Leben. Sie nannte ihn Ganesha und setzte ihn als Wache vor ihr Haus. Als Shiva kam, versperrte Ganesha ihm den Weg. Shiva schlug ihm den Kopf ab und gelangte so ins Haus. Als Shiva bemerkte, dass er gerade Parvatis Sohn getötet hatte, befahl er seinen Dienern, den Kopf eines Lebewesens zu bringen, welches seinen Schlaf nach Norden richtet. Dieses Lebewesen war ein Elefant, und dessen Kopf setzte Shiva auf Ganeshas Rumpf, um ihn ins Leben zurückzubringen.Ganesha: Lord of Success, abgerufen am 10. Januar 2013. Dadurch wurde Ganesha, der vorher nur Parvatis Sohn war, auch zum Sohne Shivas.

Eine ähnliche, leicht abgewandelte Erzählung lautet wie folgt: Parvati war längere Zeit allein, weil ihr Mann Shiva sich in Meditation zurückgezogen hatte, so beschloss sie, sich selbst einen Sohn zu machen und formte ihn, bevor sie ihr tägliches Bad nahm, aus dem Schorf ihres Körpers mit Salben, Ölen und Gangeswasser, und stellte ihn als Türwächter vor den Baderaum. Damals hatte Ganesha einen normalen Menschenkopf. Zu einem Elefantenkopf kam Ganesha durch den Zorn des Shiva. Denn als der Sohn Ganesha Shiva den Weg zu seiner Gattin verstellte, weil sie gerade badete, geriet Shiva, der um die Existenz von Ganesha nichts wusste, so in Zorn, dass er Ganesha mit dem Schwert den Kopf abschlug. Parvati war außer sich und flehte Shiva an, ihren Sohn Ganesha wieder zum Leben zu erwecken. Shiva versprach darauf, ihn mit dem Kopf des ersten vorbeikommenden Lebewesens auszutauschen um ihn ins Dasein zurückzurufen. Das erste Wesen war ein Elefant. Durch die Wiederbelebung ist Ganesha auch Shivas Sohn geworden und wird von ihm anerkannt. Er ernannte ihn nicht nur zum obersten Heerführer seiner Ganas (Sanskrit गण gaṇa Schar, Reihe (von Lebendigem und Leblosem), Gefolge, Anhang, Scharengottheiten, göttliche Armeen), sondern sagte auch allen anwesenden Göttern, dass Ganesha immer zuerst angebetet werden würde, die anderen Götter erst nach ihm.

In anderen Geschichten erschafft Shiva Ganesha ohne Zutun einer Frau, und in den Erzählungen der Vishnu-Mythologie wird der Elefantenköpfige als Sohn Vishnus betrachtet.Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus, Dumont Verlag Köln 1983, 2. Auflage 1986, ISBN 3-7701-1347-0, Seite 180

Ganesha und die Weisheit Viele Mythen handeln von Ganeshas unendlicher Weisheit und seinem großen Einfallsreichtum.

Sie erzählen beispielsweise davon, wie Shiva und Parvati ihre Kinder Ganesha und Karttikeya zu einem Wettbewerb aufforderten, bei dem der Sieger als erster verheiratet werden oder nach anderen Aussagen eine Frucht als Belohnung erhalten sollte. Die Aufgabe bestand darin, die Welt als erster zu umrunden. Kartikeya nahm seinen Pfau und schaffte es innerhalb eines Tages. Der kluge Ganesha umrundete einfach dreimal seine Eltern, die für ihn das Universum darstellten. Von seiner Pfiffigkeit beeindruckt erklärten seine Eltern Ganesha daraufhin zum Sieger.

Ganesha und der Stoßzahn Viele Mythen handeln davon, wie Ganesha seinen Stoßzahn verlor. Eines Tages war Ganesha vollgefressen und stolperte mit seiner Ratte über eine Schlange. Dabei platzte sein Bauch und sein Essen fiel heraus, so dass Ganesha ihn mit einer Schlange wieder zubinden musste. Der Mondgott Chandra (Soma) machte sich daraufhin über ihn lustig. Daraufhin erboste Ganesha und riss sich seinen Stoßzahn aus und warf ihn auf den Mond, der sich darauf sofort verdunkelte. Da es nun keinen Mondschein mehr gab, baten die Götter Ganesha seinen Fluch zurückzunehmen, woraufhin Ganesha ihn in ein sporadisches Abmagern umwandelte. Dieser Mythos liefert eine Erklärung für die Entstehung der verschiedenen Mondphasen.

Einer anderen Version zufolge bat der Weise Vyasa ihn das Mahabharata aufzuzeichnen. Ganesha willigte ein, aber nur unter der Bedingung, dass Vyasa ohne Pause zitiere, während dieser von Ganesha verlangte nur aufzuschreiben, was dieser auch wirklich verstanden habe. Zu dieser Gelegenheit riss Ganesha sich einen Stoßzahn aus, den er als Griffel zum Schreiben benutzte.

Wieder anders wird erzählt, Parushurama wollte Shiva in seinem Palast auf dem Kailash besuchen, vor dessen Eingangstür Ganesha als Wächter postiert war. Parushurama verlangte Einlass, den Ganesha ihm verwehrte. Parushurama wurde sauer und warf seine Axt, die er von Shiva erhielt, auf den Gott. Dabei verlor dieser seinen Stoßzahn. Parvati und Shiva maßregelten ihn. Parushurama wurde daraufhin ein großer Verehrer Ganeshas und ihm wurde verziehen.

Oder aber Ganesha riss sich den Stoßzahn aus, um einen Dämon zu bändigen, der durch Askese unbesiegbar geworden war und der danach in eine Ratte verwandelt wurde.