mini|hochkant=1.5|Waorani posieren in traditioneller Aufmachung im Einbaum für Touristen. Bis auf die wenigen isolierten Gruppen im Regenwald tragen die Waorani heute westliche Kleidung, wohnen in Holzhäusern, nutzen Außenbordmotoren und Taschenlampen, gehen zumeist mit dem Gewehr auf die Jagd und fischen mit Dynamit.Feser 2000, S. 81 mini|hochkant=1.5|Lagekarte des Waorani-Territoriums und des von ihnen genutzten Yasuní-Nationalparks in Ecuador
Die Waorani oder Huaorani (Eigenname, gesprochen Wao-Rani, auch Wao / Huao, bedeutet Volk oder Mensch) sind eine indigene Ethnie, die in den Regenwäldern des westlichen Amazonasbeckens zwischen den Flüssen Río Napo und Río Curaray im Osten Ecuadors lebt. Man nimmt an, dass sie die ursprünglichen Bewohner des dortigen Yasuní-Regenwaldes sind. Sie sprechen eine weitgehend isolierte Sprache. Mindestens zwei Gruppen haben sich freiwillig jeglichem Kontakt mit der Zivilisation entzogen: Sie werden Tagaeri und Taromenane genannt.
Die Waorani vermieden sehr lange jeglichen Kontakt nach außen und begegneten Eindringlingen feindselig, weshalb sie weder von den Inkas, den spanischen Konquistadoren noch bis zur Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Ecuadorianern unterworfen wurden. Deswegen wurden sie – und alle anderen freien Indianerstämme östlich der Anden – von den quechua- bzw. kichwasprachigen Ethnien mit der abwertenden Gruppenbezeichnung Awqa, auf Kichwa Awka (hispanisiert Auca) belegt, das u. a. Feind, Fremder, Wilder, Barbar, Verräter, Krieger, Heide bedeutet. In jüngerer Zeit wurde die Bezeichnung nur noch für die Waorani verwendet. Die Waorani werten die Bezeichnung Auca als Beleidigung.Feser 2000, S. 34, 395, 444
Noch heute leben die meisten von ihnen vorwiegend von Jagd und Sammelwirtschaft sowie ergänzendem Feld- und Gartenbau. Bis in die 1960er Jahre durchstreiften sie halbnomadisch die Regenwälder. Heute ist der größte Teil der über 3.000 Waorani (2012)Gondecki 2015, S. 152, die auf 18 lokale Dörfer verteilt leben (2010), sesshaft. 80 % aller Waorani siedeln freiwillig im ehemaligen Missionsprotektorat, das nicht einmal 10 % ihres gesamten verfügbaren Lebensraumes ausmacht.Richard Barry Lee, Richard Heywood Daly (Hrsg.): The Cambridge encyclopedia of hunters and gatherers. 4. Auflage. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2010, ISBN 978-0-521-60919-7. S. 101–104.
Der Übergang zur Sesshaftigkeit und die Annahme etlicher Kulturelemente der Tiefland-Kichwa – die seit etwa 1960 die Grenzregionen des Waoranilandes besiedelt habenFeser 2000, S. 44, 48 – begann mit den massiven Missionierungsversuchen des evangelikalen Summer Institute of Linguistics (SIL) seit 1955. Weltweite Aufmerksamkeit erregten die Waorani durch ihre extrem kriegerische Kultur, insbesondere durch die Ermordung der ersten fünf SIL-Missionare im Jahr 1956. Etliche tödliche Angriffe auf Siedler und vor allem auf Mitarbeiter der Erdölgesellschaften fanden bis ins beginnende 21. Jahrhundert hinein statt. Neben den Missionaren hatte die seit den 1960er Jahren einsetzende Erdölförderung im gesamten Waoraniland die größten Auswirkungen auf die Lebensweise und den Lebensraum des Volkes.Feser 2000, S. 260–265
Geschichte Vorgeschichte, Konquista und Kolonialzeit Über die Vorgeschichte der Waorani, ihre Ethnogenese und die Besiedlungsgeschichte ihres Lebensraumes ist nichts Konkretes bekannt. Ihren Mythen zufolge kamen sie „vor sehr langer Zeit“ (Besiedlung des Amazonasbeckens um 8.–10.000 v. Chr.) aus dem Osten.
Während des weitgehend erfolglosen Vorstoßes der Inka im 15. Jahrhundert von den Anden im Westen in den Oriente Ecuadors übernahmen einige Ethnien ihre Sprache (Quechua) und einige Kulturelemente, während die Waorani Kontakte mieden.Feser 2000, S. 45 Das Gleiche gilt für die 1541 mit der Amazonasexpedition von Francisco de Orellana beginnenden sporadischen Versuche der Spanier, in den Oriente vorzudringen. In der darauffolgenden Zeit – bis zur Gründung der Republik Ecuador im Jahr 1830 – gründeten jesuitische Missionare einige Orte am Fuß der Anden. Daraus folgte zwar keine nachhaltige Besiedlung des Umlandes,Feser 2000, S. 45 dennoch entstand ein erhöhter Migrationsdruck, der nach Ansicht des US-amerikanischen Archäologen Donald Lathrap die zurückgezogene Lebensweise der Waorani erklärt (Siedlungen auf Anhöhen fernab der großen Flüsse: schlechtere Böden, jedoch bessere Feinderkennung und Fluchtmöglichkeiten; häufige Verlagerung der Siedlungen).Feser 2000, S. 31 Auch die sehr hohe Gewaltbereitschaft ihrer Kriegerkultur wird auf den seit der Konquista kontinuierlich gestiegenen Migrationsdruck zurückgeführt.Gondecki 2015, S. 158
1830 bis 1955: Zunehmende Konfrontationen Auch nach der Unabhängigkeit Ecuadors gab es bis 1940 keine staatlich gelenkte Besiedlung des Waoranigebietes. Das Interesse am Oriente war gering und man begnügte sich mit der Zivilisierung und Christianisierung der Indianer im Rahmen der Mission durch die katholische Kirche,Feser 2000, S. 45 die jedoch die Waorani praktisch nicht erreichte.
Die ersten massiven Kontakte mit Fremden fanden in Form zahlreicher blutiger Konflikte während des Kautschukbooms im Zeitraum von 1880 bis 1915 statt: Die Waorani griffen immer wieder in den Sammelgebieten entlang der Flüsse Napo und Curaray an und töteten gnadenlos. Dies führte zu organisierten Hetzjagden auf die Indigenen mit dem Ziel ihrer Vernichtung und Ausrottung. Nach dem Ende des Kautschukbooms gründeten einige ehemalige Kautschuksammler einige Haziendas und Estanzias an den beiden großen Flüssen (heute rund 40 Standorte). Nun wurden die „Aucas“ entführt, versklavt und als Zwangsarbeiter festgehalten.Feser 2000, S. 46 Dennoch gab und gibt es immer wieder Waorani, die sich freiwillig in die Schuldknechtschaft eines Grundherren (Patrón) begeben, um einer Blutfehde zu entgehen oder einfach um ihre Neugier zu befriedigen und Erfahrungen mit den Fremden zu sammeln. Wenn sie der Arbeit überdrüssig werden, flüchten sie – zumeist erfolgreich – zurück in die Wälder.Feser 2000, S. 56, 89, 92
Zwischen 1920 und 1956 kam es zudem immer wieder zu Zusammenstößen der Waorani mit Goldsuchern und privaten Abenteurern.Feser 2000, S. 46–47, 56 Ab 1941 sah sich die Regierung durch den Krieg mit Peru – bei dem ca. 40 % des ecuadorianischen Staatsgebietes annektiert wurden – erstmals veranlasst, lenkend in die Besiedlung des Oriente einzugreifen, indem sie ehemalige Militärs im Grenzgebiet ansiedelte und einige Militärposten gründete, die bis heute Bestand haben. Seitdem ist das Militär rund um das Waoranigebiet präsent.Feser 2000, S. 47
1937 vergibt der Diktator Federico Páez erstmals Erdölförderkonzessionen für den Oriente. Shell del Ecuador Ltda. erhält dabei eine Konzession für 100.000 km². Der kriegerische Widerstand der Waorani war jedoch so heftig, dass die Prospektionsarbeiten in ihrem Gebiet 1950 wieder eingestellt wurden.Gondecki 2015, S. 678
Rückzug in die freiwillige Isolation (Taromenane) Eine Vermutung besagt, dass sich die heute als „Taromenane“ (auch Tarameni oder Taromenga) bezeichneten Lokalgruppen wahrscheinlich zur Zeit des Kautschukbooms von den Waorani abspalteten, um den zunehmenden Konflikten zu entkommen. Sie leben seither irgendwo im Bereich des südlichen Yasuní-Nationalparks. 1992 wurden sie von Ölarbeitern der Firma Petroecuador bei Prospektionsarbeiten und seismischen Untersuchungen entdeckt. Ethnologen gehen davon aus, dass sie sich mittlerweile sprachlich und kulturell von den Waorani unterscheiden.Gondecki 2015, S. 363ff
1955–1982 Evangelikale Missionierung und Migrationsbewegungen Die „Zivilisierung“ der Waorani begann in den 1950er Jahren auf Betreiben evangelikaler Missionare des US-amerikanischen Summer Institute of Linguistics (SIL), der weltgrößten Missionsgesellschaft und Schwesterorganisation der Wycliff-Bibelübersetzer. Der damalige ecuadorianische Präsident José María Velasco Ibarra setzte auf die von ihm eingeladenen SIL-Missionare, um alle Tieflandvölker in das „ökonomische, zivile und geistliche Leben ihres Vaterlandes auf fruchtbare Weise einzugliedern“. Den Katholiken war dies nicht gelungen.Feser 2000, S. 151
Die SIL-Missionarin Rachel Saint führte Anfang 1955 linguistische und ethnologische Studien an der Waoranifrau Dayuma durch, die mit drei anderen Mädchen vor stammesinternen Fehden geflohen war und seit geraumer Zeit auf der Hazienda Ila arbeitete. Saint hielt sich für die von Gott einzig Auserwählte, um die Waorani zu evangelisieren. Ihr Bruder Nate und vier weitere junge SIL-Missionare (Jim Elliot, Ed McCully, Peter Fleming und Roger Youderian) wollten ihr jedoch den Ruhm streitig machen und versuchten nahezu unvorbereitet (niemand sprach Wao oder kannte die kulturellen Eigenarten der Waorani) eine Gruppe zu kontaktieren. Am 3. Januar 1956 errichteten sie am Fluss Curaray ein Lager. Zunächst warfen sie Geschenke aus einem Flugzeug über den Hütten ab. Es kam, soweit sich rekonstruieren lässt, bald zum Kontakt, bei dem es jedoch von Anfang an zu verschiedenen Missverständnissen kam, die die Waorani irritierten. Als diese am 8. Januar bemerkten, dass die Fremden Gewehre im Sand versteckt hatten, wurden die Amerikaner von den Waorani mit Lanzen getötet.Feser 2000, S. 154–156 Das Ereignis wurde später als „Massaker von Palm Beach“ weltberühmt und mehrfach verfilmt.
Trotz dieses Ereignisses setzten Jim Elliots Witwe Elisabeth Elliot und Nate Saints Schwester Rachel ihre missionarischen Bemühungen fort. Saint sah es als göttliches Zeichen an, dass Dayuma zufällig der Waoranigruppe angehörte, die das Massaker verübt hatte. Sie nutzte Dayuma nun als Sprachlehrerin und Vermittlerin für den ersten erfolgreichen Kontakt, der 1958 stattfand.Feser 2000, S. 40, 156 Elisabeth Elliot und Rachel Saint lebten für einige Zeit unter den Waorani.
Zur gleichen Zeit begann aufgrund einer Dürreperiode in anderen Landesteilen eine zunehmende Migration verarmter Städter und landloser Bauern (zumeist Kichwa oder Shuar) in den Oriente.Feser 2000, S. 48 Diese Entwicklung sowie die Erfolge des SIL veranlassten die Regierung Anfang der 1960er zu einem ersten Landnahmeprogramm „zur sofortigen Eroberung des ecuadorianischen Amazonasgebietes“, das jedoch nur sehr verhalten anlief.Feser 2000, S. 48
1969 erlaubte der Staat dem SIL die Gründung eines 1.600 km² großen sogenannten „Missionsprotektorates“ (Tehueno) im Südwesten des Waoranigebietes. Zeitlich fiel diese Erlaubnis mit diversen Angriffen der Waorani auf Ölprospektoren zusammen.Feser 2000, S. 167 Die anschließenden Bestrebungen von Rachel Saint und Dayuma (die in zunehmendem Maße Eigeninitiative ergriff) zur Umsiedlung der Guikitairi-Waorani waren ungewöhnlich erfolgreich.Feser 2000, S. 40
Bis zur Mitte der 1970er Jahre schottete sich das Protektorat zunehmend von der Außenwelt ab, um die Indianer vor „den Krankheiten der gottlosen Welt“ zu beschützen. Saint und Dayuma „regierten“ darin wie Herrscher, die jegliche Kontakte missionsfremder Personen mit den Waorani unterbanden.Feser 2000, S. 167 Viele Indianer wollten dies jedoch selbst bestimmen und verließen daraufhin das „Missionsgefängnis“. Sie gründeten einige neue Siedlungen im ursprünglichen Waoranigebiet.Gondecki 2015, S. 181
1971–1978 kam es zu Zwangsumsiedlungen aus einigen Dörfern (im Wirkungsbereich der Ölkonzerne) ins Protektorat, wo nunmehr 80–90 % der westlichen Waorani lebtenPatzelt 1992, S. 15, 157. Die hohe Besiedlungsdichte im kleinen Protektorat führte zu einem drastischen Rückgang der Beutetiere und Nahrungspflanzen, so dass eine Hungersnot entstand.Feser 2000, S. 166, 175 Unter anderem prangerte der deutsche Biologe und Ethnologe Erwin Patzelt diese Umstände vor dem ecuadorianischen Kabinett an, so dass es 1978 zu einem Verbot der Zwangsumsiedlung, der Gründung des nationalen Institutes zur Kolonisierung des Amazonas-Tieflandes (INCRAE) und der erstmaligen formalen Anerkennung der dort lebenden Ethnien kam.Patzelt 1992, S. 157