mini|Johann Ludwig Burckhardt als Scheich Ibrahim. Gemälde von Sebastian Gutzwiller, um 1830, nach einer Zeichnung von Henry Salt vom Februar 1817. Johann Ludwig Burckhardt (* 25. November 1784 in Lausanne; † 15. Oktober 1817 in Kairo) war ein Schweizer Orientreisender. Während seines Aufenthalts im Orient nannte er sich Scheich Ibrahim ibn Abdallah. Bekannt ist er vor allem als Wiederentdecker der Nabatäerstadt Petra und des grossen Tempels von Abu Simbel. Zudem war er der erste Europäer, der eine ausführliche Beschreibung der heiligen Stätten des Islam, Mekka und Medina, vorlegte. Weniger bekannt, aber wohl ebenso bedeutend sind seine präzisen und umfangreichen ethnographischen Aufzeichnungen.Wo nicht anders erwähnt, beruht dieser Artikel im Wesentlichen auf dem Büchlein von Gudrun Piller et al.: Scheich Ibrahim, Der Basler Kaufmannssohn Johann Ludwig Burckhardt (1784–1817) und seine Reisen durch den Orient, hrsg. vom Historischen Museum Basel, Christoph Merian Verlag, Basel 2017, ISBN 978-3-85616-853-7.
Name mini|Lausanner Taufregistereintrag mini|Basler Taufregistereintrag Johann Ludwig Burckhardt wurde am 25. November 1784 in Lausanne geboren und am 2. Dezember ebenda in der Église Saint-François getauft und ins dortige Taufregister eingetragen. Nach der Rückkehr nach Basel wurde seine Taufe auch ins Taufregister der Basler Kirchgemeinde St. Elisabeth eingetragen. Der Eintrag in Lausanne erfolgte auf Französisch (Jean Louis Conrard Guillaume),Registre de la Paroisse réformée de Lausanne. Archives cantonales vaudoises, Eb 71/8, p. 461. der Eintrag in Basel auf Deutsch (Johann Ludwig Conrad Wilhelm).Taufregister der Basler Kirchgemeinde St. Elisabeth. Staatsarchiv Basel-Stadt, Kirchenarchiv Y 10.5, S. 281.
Seine Briefe an die Eltern und Geschwister unterschrieb er mit Louis oder J. Louis,Carl Burckhardt-Sarasin, Hansrudolf Schwabe-Burckhardt (Hrsg.): Sheik Ibrahim, Briefe an seine Eltern und Geschwister. Basel 1956. so dass anzunehmen ist, dass er in der Familie so genannt wurde.Also Louis oder Jean-Louis. Dies entspricht dem üblichen Basler Sprachgebrauch. In England nannte er sich John Lewis. Auf seinen Reisen durch den Orient nannte er sich Scheich Ibrahim ibn Abdallah (), und unter diesem Namen wurde er in Kairo begraben.Damals gaben sich europäische Orientreisende auf ihren Reisen oft Namen in der lokalen Sprache.
Seine Reiseberichte wurden zwischen 1819 und 1831 von der englischen African Association in englischer Sprache unter dem Namen John Lewis Burckhardt herausgegeben. Die Übersetzungen ins Deutsche erschienen ab 1820 unter dem Namen Johann Ludwig Burckhardt.
Leben mini|Haus zum Kirschgarten, heutige Fassade zur Elisabethenstrasse mini|Das Landgut Ernthalde um 1875, Aquarell von Samuel Birmann
Herkunft Die Familie Burckhardt ist seit dem 16. Jahrhundert in Basel ansässig, wo sie schnell zu einer der reichsten und einflussreichsten Familien der Stadt aufstieg. Johann Ludwigs Vater Johann Rudolf Burckhardt liess sich 1775 im Alter von nur 25 Jahren ein prächtiges Stadtpalais errichten, das er Haus zum Kirschgarten nannte.
1794 kaufte er oberhalb von Gelterkinden Land und liess sich mit grossem Aufwand eine herrschaftliche Sommerresidenz errichten, die er Ernthalde (Ärntholden)Der offizielle Flurname lautet heute Ärntholden. Das entspricht dem lokalen Dialekt. In der Praxis wird aber oft Ernthalde geschrieben. Dabei waren und sind verschiedene Schreibweisen in Gebrauch, mit d, t und dt. nannte. Der Besitz eines Landguts im oberen Baselbiet gehörte damals bei den vornehmen Basler Familien quasi zum guten Ton. Nebst dem Wohnhaus im Stil eines Emmentaler Bauernhauses umfasste die Ernthalde Nebengebäude und Stallungen sowie eine kleine Ermitage mit gotischer Kapelle, Weiher, Fusswegen und Sitzgelegenheiten, die vermutlich durch die Arlesheimer Ermitage inspiriert war.1880 brannte das Emmentaler Haus ab. Heute steht an dieser Stelle ein Bauernhof. Von der Ermitage ist heute nichts mehr zu sehen. Die Anlage stiess bei seinen Gästen allenthalben auf Begeisterung.So schrieb Johann Caspar Lavater ein Ernthalden-Lied und Johann Michael Bach widmete ein Lied seiner Schweizer Natur-Szenen der Ernthalde.
Johann Rudolf Burckhardt war politisch erzkonservativ und ein erbitterter Gegner der Ideen der französischen Revolution und der in ihrem Gefolge errichteten Helvetischen Republik – eine Haltung, die später auch von Johann Ludwig geteilt wurde. Er machte aus seinen antirepublikanischen Ansichten keinen Hehl und geriet so in scharfen Konflikt zu Peter Ochs. Als er des Verrats schuldig befunden und verurteilt wurde, verliess er 1798 die Stadt und verlegte den Wohnsitz auf die Ernthalde.Eine ausführliche Geschichte der Ernthalde findet sich in: Erich Buser: Basler- und Gelterkinder-Kirschen, Gelterkinden 2012, Eigenverlag ohne ISBN, S. 49–80. Nach einem politisch bedingten Auslandaufenthalt kehrte er nach Inkrafttreten der Mediationsverfassung von 1803 auf die Ernthalde zurück, die bis zu seinem Tod 1813 sein Wohnsitz blieb.Johann Ludwig Burckhardt verzichtete nach dem Tod seines Vaters auf sein Erbe, siehe Hans Staehelin: Die Erbausschlagung Scheik Ibrahims. In: Basler Jahrbuch. 1943, S. 154–158 (Digitalisat).
Kindheit und Schule mini|Johann Ludwig Burckhardt (links hinter dem Baum) im Spiel mit dem älteren Bruder Georg und der jüngeren Schwester Rosine auf der Ernthalde. Aquarell von 1795, Maler unbekannt. Bevor sie das Landgut Ernthalde besass, verbrachte die Familie Burckhardt die Sommermonate jeweils bei Freunden am Genfersee. So wurde Johann Ludwig 1784 als «Ferienkind» in Lausanne geboren.
Seine Kindheit verbrachte er in Basel im Haus zum Kirschgarten, die Sommermonate ab 1794 auf dem Landgut Ernthalde. Die Aufenthalte auf der Ernthalde gehörten zu seinen liebsten Kindheitserinnerungen. 1798 zog die Familie aus politischen Gründen ganz auf die Ernthalde. Die schulische Grundausbildung erhielt er von einem Hauslehrer, wie es damals in den vornehmen Familien üblich war. Als er 1799 14-jährig ins Gymnasium übertrat, besuchte er dieses wegen der politischen Gesinnung des Vaters nicht im republikanischen Basel, sondern wurde in ein Internat im damals preussischen Neuchâtel geschickt.
Studien Johann Ludwig Burckhardt war sehr vielseitig interessiert, so dass er sich lange nicht für eine Studienrichtung entscheiden konnte. Klar war, dass er wegen der politischen Verhältnisse nicht in Basel studieren würde. So wurde er Ende 1800 nach Leipzig geschickt, das noch nicht von Napoleon besetzt war. Dort belegte er an der Universität verschiedene Fächer, unter anderem Statistik, allgemeine Geschichte, Mathematik und Sprachen. Dieses Streben nach universeller Bildung war für ihn typisch und wurde für seine spätere Laufbahn bedeutend. Auf Drängen seines älteren Bruders studierte er auch Rechtswissenschaften, wobei er dieses Studium aber nur als Sprungbrett für eine Karriere im diplomatischen Dienst betrachtete, die er nun ins Auge zu fassen begann. Daneben zeugen seine Briefe durchaus auch von einem lebhaften Studentenleben. 1804 wechselte er an die Universität Göttingen, wo er seine Studien abschloss.
Aufenthalt in England mini|Johann Ludwig Burckhardt im Alter von 24 Jahren. Frontispiz von Travels in Nubia, nach einer Zeichnung von Joseph Slater. Den Bart liess er sich vermutlich bereits als Vorbereitung für seine Reise wachsen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Basel reiste er 1805 21-jährig nach London. Trotz hochkarätiger Empfehlungsschreiben gelang es ihm allerdings nicht, in eine diplomatische Karriere einzusteigen – Grossbritannien hatte genügend eigene begabte junge Leute. Gleichzeitig traf wegen der französischen Kontinentalsperre auch die finanzielle Unterstützung aus der Schweiz nur noch unregelmässig ein, so dass er sich zeitweise in finanzieller Not befand und sich nur noch von Brot und Käse ernährte. In seinen Briefen schrieb er über die merkwürdige Situation, tagsüber in den besten Kreisen zu verkehren und dann abends verstohlen in einer Nebengasse billigste Lebensmittel einzukaufen. Er nannte diese Situation aber auch eine lehrreiche Erfahrung.
Nach fast zwei Jahren erfolgloser Stellensuche fand Burckhardt endlich eine Anstellung in Form eines Forschungsauftrags. Für die African Association sollte er die sogenannte Fessan-Karawane begleiten, die Handelsgüter zwischen Ägypten und Zentralafrika transportierte. Er sollte dabei den Handelsweg zwischen Kairo und Timbuktu erkunden, sich über mögliche Absatzmärkte für englische Güter und über Bodenschätze informieren und allgemein das Innere des noch weitgehend unbekannten Kontinents erforschen.
Als – von der African Association bezahlte – Vorbereitung studierte er ein Jahr lang an der Universität Cambridge Arabisch und besuchte Vorlesungen in Astronomie, Chemie, Mineralogie, Botanik und Medizin. Burckhardt suchte auch den Kontakt zu erfahrenen Forschungsreisenden, von denen er sich beraten liess.Catherine Ansorge: Burckhardt in Cambridge. Study and Dialogue. In: Leonhardt Burckhardt, Lucas Burkart, Jan Loop, Rolf Stucky (Hrsg.): Johann Ludwig Burkhardt Sheikh Ibrahim. Entdeckungen im Orient um 1800. Discoveries in the Orient around 1800. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-890-2, S. 45–63 (Digitalisat).
Die Reisen Die Gebiete, die Burckhardt abweichend von den ursprünglichen Plänen schliesslich bereiste, also die Levante, Ägypten, der Hedschas und der Sinai, gehörten damals alle zum Osmanischen Reich.
Aleppo und Damaskus Im Juli 1809 traf Burckhardt in Aleppo ein. Er gab sich den Namen Scheich Ibrahim ibn Abdallah, kleidete sich arabisch und gab sich als indischer Muslim aus, der für eine britische Handelsgesellschaft unterwegs war. So konnte er seine Unvollkommenheit in Sprache und Sitten erklären.
Geplant war, dass Burckhardt ein Jahr in Aleppo verbringen würde, um als Vorbereitung für die Reise nach Timbuktu seine Kenntnisse in Sprache und Sitten zu vertiefen. Er erkannte jedoch, dass diese Zeit nicht ausreichen würde, und so erlaubte ihm die African Association, seinen Aufenthalt zu verlängern. Übungshalber übersetzte er den Robinson Crusoe ins Arabische, womit er gleichzeitig auch der African Association beweisen konnte, dass seine Sprachstudien Fortschritte machten. Allerdings beklagte er sich, dass Aleppo eine reine Handelsstadt sei, in der es kaum gebildete Leute gebe, die die arabische Grammatik korrekt beherrschten, was insbesondere fürs Koranstudium sehr hinderlich sei. Er begann auch bald, wertvolle arabische Handschriften zu kaufen; am Ende seines Orientaufenthalts umfasste seine Sammlung über dreihundert Bände, die er testamentarisch der Universität Cambridge vermachte.Yasmin Faghihi: Burckhardts Sammlung arabischer Handschriften. Ein Schatz der Cambridge University Library. In: Leonhardt Burckhardt, Lucas Burkart, Jan Loop, Rolf Stucky (Hrsg.): Johann Ludwig Burkhardt Sheikh Ibrahim. Entdeckungen im Orient um 1800. Discoveries in the Orient around 1800. Christoph Merian Verlag, Basel 2019, ISBN 978-3-85616-890-2, S. 215–237.
Reisen durch Syrien Zwischen 1810 und 1812 unternahm er von Aleppo und Damaskus aus mehrere längere Reisen durch Syrien, unter anderem nach Palmyra und in den Hauran, den vor ihm noch kaum ein Europäer bereist hatte. Seine Berichte aus dieser Region stiessen in England auf grosses Interesse.