mini|Ainu von der Insel Ezo (Hokkaidō) in traditioneller Tracht (aus: Die Gartenlaube, 1880) mini|Historisches Siedlungsgebiet der Ainu in Nord- und Ostasien Als Ainu (; ; , seltener Aino) werden die Ureinwohner des nördlichen Japan (Hokkaidō) und Teilen Russlands (Sachalin, Kurilen) bezeichnet. Genetische und anthropologische Untersuchungen legen nahe, sie als direkte Nachfahren der prähistorischen Jōmon-Kultur zu betrachten, deren Angehörige in einer Kernzeit von 14.000 bis 300 v. Chr. in ganz Japan lebten.
Heute nennen sich die indigenen Ainu selbst Ainu oder Utari. Ainu bedeutet „Mensch“, Utari „Kamerad“ in der Ainu-Sprache. Sie lebten noch bis in die jüngere Vergangenheit als traditionelle Jäger und Sammler: Die wichtigste Nahrungsquelle der Küsten- und Flussgruppen waren die fünf wichtigsten Arten pazifischer Lachse, die mit dem Speer erlegt wurden. Die Ainu der Wälder und Berge jagten hauptsächlich Sikahirsche und Braunbären. Alle ernährten sich zudem von den verschiedensten essbaren Pflanzen.Richard B. Lee und Richard Daly (Hrsg.): The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers. 4. Auflage, Cambridge University Press, New York 2010 (Erstdruck 1999), ISBN 978-0-521-60919-7. S. 132–136.
Während die Ausübung traditioneller Kulte, Kunsthandwerk und Materialkultur vor allem aus touristischen Gründen heute gefördert wird, unterliegen Jagd, Fischfang und Sammeltätigkeiten – auch zur ausschließlichen Subsistenzwirtschaft – heute gesetzlichen Verboten. Da Japan das Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern von 1989 nicht ratifiziert hat, besteht derzeit keine rechtliche Möglichkeit für die Ainu, diese Tätigkeiten gegebenenfalls zu revitalisieren. Stattdessen betreiben sie heute kommerzielle Landwirtschaft und Fischerei oder sind Lohnarbeiter in der Forstwirtschaft, im Speditions- oder Baugewerbe oder verdingen sich im Tourismus (Restaurants und Gasthäuser, Verkauf von traditionellem Kunsthandwerk beziehungsweise Souvenirs).
Siedlungsgebiet mini|Hauptsiedlungsgebiet der Ainu auf Hokkaidō nach Angaben der Vereinigung der Ainu auf Hokkaidō (1999) Historisches Siedlungsgebiet der Ainu ist Hokkaidō (alter Name: Ezo), Süd-Sachalin, die Kurilen-Inseln und das Gebiet der heutigen Präfektur Aomori.
Umstritten ist, ob Ainu auch auf Kamtschatka, an der Amur-Mündung und weiteren Gebieten auf Honshū siedelten. Die Ainu könnten Nachkommen einer indigenen Bevölkerung sein, die einst weit über Nordasien verbreitet war. Historischen Dokumenten zufolge waren sie bis zur frühen Neuzeit auch noch im nördlichsten Gebiet von Honshū – der heutigen Aomori-Präfektur – ansässig. Ortsnamen in den Präfekturen Aomori, Akita und Iwate zeigen, dass dort früher verwandte Sprachen verbreitet waren. Am häufigsten sind Namen, die auf -nai (ナィ) und -betsu (べつ) enden – japanische Transkriptionen der Ainu Wörter für „Strom“ nay /naj/ und „Fluss“ pet /pet/.
Heute leben offiziell zwischen 25.000 und 200.000 Menschen in Japan, die sich als Ainu bezeichnen.
Seit Jahrhunderten findet eine fortschreitende Vermischung mit Japanern statt, so dass die Zuordnung vor allem auf Selbstzuschreibung beruht. Aufgrund der immer noch existierenden Diskriminierung der Ainu ist anzunehmen, dass ihre Zahl tatsächlich deutlich höher ist. In Süd-Sachalin und auf den Kurilen soll es seit der Zwangsumsiedlung der Japaner durch die Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 keine Ainu mehr geben.Poisson, Barbara Aoki (2002). The Ainu of Japan. Minneapolis: Lerner Publications. S. 5.
Herkunft und Verwandtschaften mini|Der Japaner Yoda Benzo (1853–1925), Gründer der Stadt Obihiro in Hokkaidō, in Ainu-Kleidung mini|Ainu-Häuptling, um 1937 Genetische Untersuchungen haben ergeben, dass die Wurzeln der indigenen „Urvölker“ Japans in der Jōmon-Zeit liegen.
Einige Ainu haben eine hellere Hautfarbe, eher an Europäer erinnernde Augen ohne die typisch ostasiatische Lidfalte und besitzen eine vergleichsweise starke Körperbehaarung, die dunkelbraun oder schwarz ist (bekannt sind hier besonders die langen Vollbärte der Männer). Einige Anthropologen der veralteten Rassentheorien wie Egon von Eickstedt sahen in ihnen daher Angehörige der „europiden Rasse“. Tatsächlich fand eine Studie von 2015 eine Verwandtschaft derjenigen Gene, die die Gesichtsform bestimmen. Eine Gleichheit oder Ähnlichkeit von einzelnen Genen oder Gruppen von Genen ist allerdings kein Beweis für eine Verwandtschaft oder Abstammung.Auf Haplogruppen bezogen: ; auf Hautfarbe bezogen: Templeton, A. (2016). EVOLUTION AND NOTIONS OF HUMAN RACE. In Losos J. & Lenski R. (Eds.), How Evolution Shapes Our Lives: Essays on Biology and Society (Seiten 346–361), hier S. 359. Princeton; Oxford: Princeton University Press. Die Mehrheit der Ainu ähnelte aber den anderen Völkern rund um das Ochotskische Meer und die Arktischen Regionen Nordamerikas.
In jüngster Zeit mehren sich die Hinweise auf einen heterogenen Ursprung der Ainu. Genetische, anthropologische sowie archäologische Daten aus einer Studie von Lee und Hasegawa von der Waseda-Universität weisen auf eine Kombination von einer aus Zentralasien stammenden paläolithischen Bevölkerung mit einer aus Nordostasien stammenden Bevölkerung hin, welche beide zu unterschiedlichen Zeiten in das Japan der Jōmon-Zeit einwanderten und eine gewisse Zeit weitgehend friedlich nebeneinander lebten. Aufgrund unbekannter Ursachen (angenommen sind ökologische Veränderungen) vermischten sich diese beiden weitgehend unterschiedlichen Bevölkerungen und gingen in die historischen Ainu auf. Laut Lee und Hasegawa ist der Ursprung der Ainu-Sprache einer der beiden Bevölkerungen zuzuordnen. Laut ihren linguistischen Daten ist ein Ursprung der Ainu-Sprache von nordost-asiatischen Jägern und Sammlern plausibler, da das Ainu einen großen Teil an Vokabular mit diversen Sprachen rund um das Ochotskische Meer teile, jedoch kann kein eindeutiges Ergebnis erzielt werden. Ähnliche Resultate erzielte eine Studie von Schmidt und Seguchi im Japanischen Journal für Archäologie und Geschichte.Lee S, Hasegawa T (2013): Evolution of the Ainu People and Language in Space and Time. Schmidt, Seguchi (2014). Zitate: In this paper, we reconstructed spatiotemporal evolution of 19 Ainu language varieties, and the results are in strong agreement with the hypothesis that a recent population expansion of the Okhotsk people played a critical role in shaping the Ainu people and their culture. | Jōmon culture and the peopling of the Japanese archipelago. | These results suggest a level of inter-regional heterogeneity not expected among Jomon groups.
Die ältesten archäologischen Funde auf Hokkaidō werden auf etwa 18.000 v. Chr. datiert (also noch ins Pleistozän).
Nach der Meinung einiger Historiker ist das in den alten japanischen Quellen erwähnte Volk der Emishi (Ezo) identisch mit den Ainu. Andere sehen eines der beiden Völker als regionale Gruppe der anderen oder beide als getrennte Ethnien.
Geschichte mini|Nachbau einer Behausung in Nibutani Unter massiven japanischen Einfluss gerieten die Ainu im nördlichen Honshū bereits in der Heian-Zeit um das Jahr 1000. An der Südküste von Hokkaidō (damals Ezo) wirkten die Japaner erstmals in der Kamakura-Zeit (1185–1333). Ihr Einfluss blieb jedoch bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auf die Oshima-Halbinsel beschränkt.E. A. Baryshev: Moderne japanische Historiker über die Entwicklung der Süd-Kurilen-Inseln (Anfang XVII.–Anfang des XIX. Jahrhunderts). In: bildungsmaterialien.com, abgerufen am 28. Februar 2016.Ina Wunn: Naturreligionen, in Peter Antes (Hrsg.): Daran glauben wir – Vielfalt der Religionen. Vollständig überarbeitete Neuauflage, Lutherisches Verlagshaus, Hannover 2012, ISBN 978-3-7859-1087-0. S. 282. Das änderte sich im Jahr 1599, als Hokkaidō vom Shōgunat als Lehen Matsumae an die gleichnamige Familie vergeben wurde. Das Land wurde als wertlos angesehen, da es damals noch nicht möglich war, in den nördlichen Breiten Reis anzubauen, entsprechende Sorten wurden erst in der Meiji-Zeit entwickelt. Daher beschränkten sich die Matsumae darauf, Posten für den Handel mit Pelzen und Trockenfleisch einzurichten.
Im 19. Jahrhundert richteten die Matsumae dann auf Ezo Fischereihäfen ein und zwangen die ehemaligen Jäger und Sammler, auf Fischerbooten und in Häfen zu arbeiten. 1869 wurde Ezo als Hokkaidō ein Teil Japans, und das Land zur Besiedlung durch Japaner freigegeben. Es gab Versuche, den Ainu Land zu geben und sie zu Bauern zu machen, diese scheiterten. Die traditionelle Ainu-Kultur wurde dabei und durch den aufkeimenden japanischen Nationalismus endgültig zerstört. Durch Zwangsarbeit, Zerstörung ihrer Kultur und fehlgeschlagene Versuche, sie als Bauern anzusiedeln, endeten viele Ainu in Armut und Alkoholismus. Japan setzte auf aggressive Assimilierung: Die Ureinwohner mussten japanische Schulen besuchen und japanische Bräuche annehmen. Ihre traditionellen Tätowierungen (Anci-Piri: der „Ainu-Bart“ bei Frauen), Kleidung, Religion und Opferrituale wurden verboten.Bildergalerie: Beängstigend schön: das ewige Lächeln der Ainu-Frauen. In: Russia Beyond. 26. April 2018, abgerufen am 29. November 2019.
mini|Zwei Ainu aus Sachalin, 1904 Die Ainu auf Sachalin und den Kurilen konnten ihre Kultur etwas länger frei von fremden Einflüssen halten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die auf den Nordkurilen lebenden Ainu zur russisch-orthodoxen Kirche übergetreten und sprachen auch Russisch. Nachdem die Inseln an Japan gefallen waren, wurde der größte Teil per Zwangsumsiedlung nach Schikotan näher an die japanischen Inseln herangeholt, wo sie, durch schlechte Lebensbedingungen dezimiert, an ihrem christlichen Glauben festhielten und eigenständig eine Kirche errichteten. Ein Teil wanderte nach Kamtschatka aus. Als die Sowjetarmee gegen Ende des Zweiten Weltkriegs die südlichen Kurilen inklusive Schikotan einnahm, emigrierten die restlichen Ainu nach Hokkaidō. Die Kurilen-Ainu gelten heute als ausgestorben. Die letzte bekannte Kurilen-Ainu-Frau starb 1972 und wurde kirchlich beerdigt.
Erst in den 1970er-Jahren gab es erste staatlich gestützte Rekonstruktionsversuche, auch aus dem Motiv heraus, den Tourismus zu fördern. Nachdem in Japan lange Zeit die Sprachregelung herrschte, dass Japan schlichtweg keine Minderheiten habe, sind die Ainu heute eine anerkannte Minderheit. Einige Ainu haben Hokkaidō verlassen und siedeln in anderen Teilen Japans, wo sie nicht mehr als Minderheit erkannt werden und daher keine Statusnachteile erleiden.
Bis heute hält sich aber ein unterschwelliger Rassismus in der japanischen Gesellschaft, zum einen, weil die Ainu im Allgemeinen stärker behaart sind als Japaner und daher als primitiv wahrgenommen werden, zum anderen, weil sie meist zu den ärmeren Schichten gehören. Hierdurch halten sich viele Vorurteile. Die Bemühungen zur Bewahrung und Förderung der Ainu-Kultur tragen nur langsam Früchte und werden von vielen auch als unzureichend empfunden. So sprechen beispielsweise heute viele Ainu die Sprache ihrer Vorfahren nur gebrochen oder gar nicht.
Politische Anerkennung als indigenes Volk Im Juni 2008 beschloss das japanische Parlament eine Resolution, in der die Ainu erstmals als kulturell eigenständiges indigenes Volk anerkannt wurden. Diese enthielt keine konkreten Maßnahmen zur Förderung der Ainu, forderte aber die Einrichtung eines Expertengremiums, das die Regierung in politischen Fragen, die die Ainu betreffen, beraten solle, unter Verweis auf die 2007 verabschiedete Deklaration über die Rechte indigener Völker der Vereinten Nationen. Am 26. April 2019 verabschiedete das japanische Parlament ein Gesetz, das die Ainu offiziell als indigenes Volk Japans anerkannte und die Regierung verpflichtete, die Ainu-Kultur zu unterstützen und zu fördern, es trat am 24. Mai 2019 in Kraft.
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