Der Leutnant (Abkürzung gemäß Duden: Lt.) ist ein Dienstgrad der Bundeswehr, des Bundesheeres, der Schweizer Armee sowie früherer Streitkräfte. In Österreich ist Leutnant auch eine Bezeichnung für bestimmte Verwendungen in der Bundespolizei und Justizwache. In vielen anderen Streitkräften finden sich vergleichbare, teils ähnlich lautende Dienstgrade.
Etymologie Lieu tenant – ein Partizip von lieu tenir – bedeutet im Französischen wörtlich „Platz haltend“ im Sinne von Platzhalter, Statthalter oder Stellvertreter. Der Wortstamm geht seinerseits auf das mittelalterlich-lateinische locum tenens zurück. Daraus entwickelten sich im Italienischen und im Französischen die Dienstgrad- und Funktionsbezeichnungen Luogotenente bzw. Lieutenant. Unter den französischen Königen war der Lieutenant du Roi der Stellvertreter des Königs im Heer oder in einer Festung. Napoleon Bonaparte erneuerte diesen zwischenzeitlich abgeschafften Titel, indem er im Spanienfeldzug den Marschall Nicolas Jean-de-Dieu Soult 1813 als Vizekönig der Pyrenäischen Halbinsel zum Lieutenant de l’Empereur ernannte.
In den Heeren und Kriegsmarinen der Frühen Neuzeit war der Leutnant der (oberste) Stellvertreter des Kapitäns, also des Kompaniechefs (bzw. des Feldzeugmeisters in der Artillerie der LandsknechteLeonhard Fronsperger: Von Kayserlichen Kriegßrechten Malefitz und Schuldhaendlen / Ordnung und Regiment […]. 4., vermehrte und verbesserte Auflage. Sigmund Feyerabend und Simon Hüter, Frankfurt am Main 1566, Blatt 82.) oder des Schiffskommandanten. Später differenzierte sich der Leutnantsrang in diverse Unter- und Obergrade aus. Speziell in der französischen Armee existierte im 18. und im frühen 19. Jahrhundert eine nahezu unübersichtliche Anzahl diverser Ränge, unterschiedlich nach Zeitpunkt und/oder Truppengattung. So gab es in der Armee bspw. Grade wie sous-lieutenant en second, sous-lieutenant („<zweiter> Unterleutnant“), lieutenant en second, second-lieutenant („zweiter Leutnant“), lieutenant („<Ober->Leutnant“), lieutenant en pied (etwa „wirklicher, tatsächlicher <Ober->Leutnant“), lieutenant en premier und premier-lieutenant („erster <Ober->Leutnant“). Sämtliche Leutnantsgrade rangierten vor den Fähnrichen (enseignes) und Kornetten (cornettes), die ebenfalls in mehrere Grade untergliedert waren und nach modernem Verständnis ebenfalls als Leutnante anzusehen wären.
Heute rangiert in den französischen Streitkräften und in zahlreichen anderen Armeen der Sous-lieutenant oder Second Lieutenant (Sekondeleutnant, wörtliche Übersetzung: „Zweiter Leutnant“) als niedrigster Offiziersdienstgrad unter dem Leutnant. In anderen romanischen Sprachen wird vom französischen Begriff Tenente oder Teniente abgeleitet.
mini|Landsknechte eines Fähnleins; von links nach rechts: Leutnant, Pfeifer, Trommler, Fähnrich und einfacher Landsknecht,Ralf Vollmuth: Die sanitätsdienstliche Versorgung in den Landsknechtheeren des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit: Probleme und Lösungsansätze. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 51), ISBN 3-88479-800-6; zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990, S. 89–90. Eisenradierung von Daniel HopferJoseph Eduard Wessely: Die Landsknechte. Eine culturhistorische Studie. Görlitz 1877. Tafel 1. „Leutnant“ kam als Lehnwort Lieutenant um 1500 aus dem Französischen in den deutschen Sprachraum. Im Mittelalter wählte jeder Hauptmann eines Fähnleins einen Lokotenenten bzw. Leutinger als seinen Stellvertreter. Ähnlich wie im Fähnlein gab es auch im Regiment den „Leutenant“, dem vom „Oberst“ (oder „General Oberst“) bzw. vom „Hauptmann“ oder „Rittmeister“Vgl. Leonhard Fronsperger: Von Kayserlichen Kriegßrechten Malefitz und Schuldhaendlen / Ordnung und Regiment […]. 4., vermehrte und verbesserte Auflage. Sigmund Feyerabend und Simon Hüter, Frankfurt am Main 1566, Blatt 81–82. Führungsaufgaben übertragen wurden.Ralf Vollmuth: Die sanitätsdienstliche Versorgung in den Landsknechtheeren des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit: Probleme und Lösungsansätze. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 51), ISBN 3-88479-800-6; zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990, S. 93–95, 99 und 101. In diesem Sinne wird das Wort Leutnant bis heute im deutschen Sprachraum als Dienstgradbezeichnung verwendet. In einigen früheren deutschen Streitkräften gab es bis ins 19. Jahrhundert bereits die Abstufung Oberleutnant (alternativ französierend: Premierlieutenant), der über dem rangniedrigeren Leutnant (Secondelieutenant) stand. Der wörtlich aus dem Französischen übersetzte Begriff „Unterleutnant“ für Dienstgrade unterhalb des Leutnants war dagegen die längste Zeit im deutschen Sprachraum unüblich. Nur in der Nationalen Volksarmee und der Kaiserlichen Marine (dort als Unterleutnant zur See) gab es diese Dienstgradbezeichnung. Die heutige Schreibweise „Leutnant“ ist im deutschen Kaiserreich 1899 für den militärischen Gebrauch angeordnet worden.
Deutschland
Bundesrepublik Deutschland (seit 1949)
Bundeswehr
Der Dienstgrad Leutnant wird durch den Bundespräsidenten mit der Anordnung des Bundespräsidenten über die Dienstgradbezeichnungen und die Uniform der Soldaten auf Grundlage des Soldatengesetzes festgesetzt.
Befehlsbefugnis und Dienststellungen In der Bundeswehr ist der Leutnant ein Offiziersdienstgrad, der gemäß der Zentralen Dienstvorschrift (ZDv) A-1420/24 „Dienstgrade und Dienstgradgruppen“ zur Dienstgradgruppe der Leutnante zählt. Aufgrund der Zugehörigkeit zur Dienstgradgruppe der Leutnante können Leutnante auf Grundlage des § 4 („Vorgesetztenverhältnis auf Grund des Dienstgrades“) der Vorgesetztenverordnung innerhalb der dort gesetzten Grenzen Soldaten der Dienstgradgruppen Mannschaften und Unteroffizieren ohne und mit Portepee Befehle erteilen.
Leutnante in den Laufbahnen des Truppendienstes befinden sich in der Regel noch im Studium. Bis Studienabschluss haben sie mit der „regulären“ Truppe in der Regel – wenn überhaupt – nur in Truppenpraktika Kontakt. Entsprechend ihrem Rang werden sie dann übungsweise meist als stellvertretende Zugführer oder stellvertretender Kompaniechef eingesetzt. Wenige Offiziere mit kurzem Studium werden bereits in den grundlegenden Waffensystemen ihrer Truppengattung geschult, um dann (meist erst als Oberleutnant) als militärische Führer ihrer Truppengattung zu dienen. Die wenigenNur rund 5 % der Soldaten eines Offizierjahrganges in den Laufbahnen des Truppendienstes absolviert kein Studium. Offiziere ohne Studium haben die grundlegenden Lehrgänge ihrer Truppengattung (im Heer ist der Offizierlehrgang 3 zu nennen) bereits absolviert oder absolvieren sie in den ersten Monaten als Leutnant und dienen dann in der Truppe bereits im Dienstgrad Leutnant dauerhaft als militärische Führer.Leutnante und Hauptleute werden daher auch als Truppenoffiziere bezeichnet, solange sie keine für Stabsoffiziere vorgesehenen Posten in Stabsabteilungen „fern der Truppe“ übernehmen. Typisch sind Verwendungen als Zugführer, Kompanieeinsatzoffizier, stellvertretender Kompaniechef oder Luftfahrzeugführer. Offiziere des militärfachlichen Dienstes haben ihre Ausbildung an einer Fach- und Offizierschule häufig bereits abgeschlossen oder beenden sie im Dienstgrad Leutnant. Sie werden dann auf ihrer Planstelle eingesetzt, die selten den vorgenannten Dienststellungen ähnelt, am ehesten noch im Flugdienst, sondern dienen meist in Fachabteilungen auf Fachgebieten, deren Grundzüge sie häufig bereits aus ihrer Zeit als Unteroffiziere kennen. Diese Leutnante beschäftigen sich dort beispielsweise mit Fachfragen der Rüstungs-, Logistik- und Personalplanung, der Materialerprobung, Verfahren der Materialerhaltung oder planen und überwachen den Flugdienst. Sanitätsoffizieranwärter und Musikmilitäroffizieranwärter beenden ihre Ausbildung im Dienstgrad Leutnant und werden dann sofort in einen der Dienstgrade der Hauptleute befördert. Auf regulären Dienstposten der Truppe werden sie in diesem Dienstgrad ähnlich wie die studierenden Leutnante des Truppendienstes nicht eingesetzt. Letzter Ausbildungsabschnitt für Sanitätsoffizieranwärter der Fachrichtung Humanmedizin ist das Praktische Jahr, das mit dem letzten Teil des Staatsexamens beendet wird, das auch für die anderen Sanitätsoffiziere den Abschluss ihrer Ausbildung markiert. Militärmusikoffizieranwärter im Dienstgrad Leutnant beenden ihre Ausbildung mit dem Kapellmeisterexamen. Aufgrund dieser und ähnlicher (möglicherweise auch nur temporärer) Dienststellungen können Leutnante in den in der Vorgesetztenverordnung aufgezählten Fällen allen dienstlich oder fachlich unterstellten Soldaten Befehle erteilen.
Ernennung und Besoldung Maßgebliche gesetzliche Grundlagen für die Ernennung zum Leutnant trifft die Soldatenlaufbahnverordnung (SLV) und ergänzend die Zentrale Dienstvorschrift (ZDv) 20/7. Zum Dienstgrad Leutnant können Soldaten auf Zeit und Reservisten ernannt werden. Voraussetzung ist die Zugehörigkeit zur Laufbahngruppe der Offiziere. Der Dienstgrad kann in der Regel frühestens nach 36 Monaten Dienstzeit erreicht werden.Die Frist kann um bis zu zwei Jahre verkürzt werden, da Dienstzeiten in der Bundeswehr vor Beginn der Ausbildung zum Offizier (also in anderen Laufbahngruppen) begrenzt angerechnet werden können. An die zumindest anteilig in Wehrübungen abzuleistende Mindestdienstzeit der Reserveoffizieranwärter werden erheblich geringere Fristen geknüpft. Reservisten werden jedoch insoweit mit aktiven Soldaten gleichgestellt, dass die Ernennung zum Offizier nicht früher als bei entsprechenden aktiven Offizieranwärtern erfolgen kann. Vor Ernennung zum Leutnant muss eine Offizierprüfung mit Erfolg abgelegt werden. Mit der Ernennung zum Leutnant werden Offizieranwärter zu Offizieren. Dies gilt entsprechend ebenfalls für Offizieranwärter in den Laufbahnen des Sanitäts- und Militärmusikdienstes, die jedoch gleichzeitig Sanitäts- und Militärmusikoffizieranwärter bleiben.Der angehende Arzt oder Apotheker im Dienstgrad Leutnant ist also kein Offizieranwärter mehr, sondern ist Offizier im Sanitätsdienst. Er bleibt gleichwohl aber noch Sanitätsoffizieranwärter und wird erst mit der Beförderung in einen Dienstgrad der Dienstgradgruppe der Hauptleute Sanitätsoffizier.Beachte auch: ZDv 20/7 auf Grundlage der Soldatenlaufbahnverordnung ()
Ein Leutnant wird nach der Bundesbesoldungsordnung (BBesO) mit A 9 besoldet.
Sanitätsoffiziere Sanitätsoffiziere mussten bis etwa Mitte 2004 eine 18-monatige Dienstzeit als Leutnant – Arzt im Praktikum (AIP) absolvieren, bevor sie die Approbation erhielten und dann zum Stabsarzt befördert wurden. Zahnmediziner absolvierten keinen AIP und wurden mit Studienabschluss vom Oberfähnrich zum Stabsarzt befördert. Änderungen der Approbationsordnung und der Soldatenlaufbahnverordnung ermöglichten Sanitätsoffizieranwärtern, die rund sechs Jahre bis zum Abschluss ihres Studiums benötigten und im Fall der angehenden Humanmediziner damit auch rund sechs Jahre bis zu ihrer Beförderung zum Leutnant, nun nach 36 Dienstmonaten die Beförderung zum Leutnant. Ziel war eine Attraktivitätssteigerung der Laufbahn.
Dienstgradabzeichen
Das Dienstgradabzeichen für Leutnante zeigt einen Stern als Schulterabzeichen.
Äquivalente, nach- und übergeordnete Dienstgrade Den Dienstgrad Leutnant führen nur Heeres- und Luftwaffenuniformträger. Marineuniformträger derselben Rangstufe führen den Dienstgrad Leutnant zur See. In den Streitkräften der NATO ist der Leutnant zu allen Dienstgraden mit dem NATO-Rangcode OF-1 äquivalent.