mini|Titelblatt des ersten Bandes von Wettsteins Novum Testamentum Graecum (Amsterdam 1751) Johann Jakob Wettstein (auch Wetstein; * 16. MärzSo nach dem gregorianischen Kalender, der in der Schweiz erst im 18. Jahrhundert eingeführt wurde. Nach dem julianischen Kalender ist Wettsteins Geburtsdatum der 5. März. 1693 in Basel; † 23. März 1754 in Amsterdam) war ein Schweizer reformierter Theologe. Wettstein war ein Begründer der Textkritik des Neuen Testaments. Seine Forschungen stellten den überlieferten Text mehrerer Bibelstellen in Frage, die traditionell als Schriftbeweise für die Zweinaturenlehre und die Trinitätslehre herangezogen wurden. Deshalb wurde ihm in Basel als Häretiker (Sozinianer) der Prozess gemacht, und er verlor 1730 seine Pfarrstelle.
Leben Familiärer Hintergrund mini|Basel, Leonhardskirchplatz 2: Ehemalige Schule, Pfarrhaus und Diakonatshaus der LeonhardskircheMartin Möhle: Die Altstadt von Grossbasel, Band 2: Profanbauten (= Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Band 8). Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 2016, S. 374–377. (Online) Johann Jakob Wettsteins Eltern waren Johann Rudolf Wettstein und Sara geb. Sarasin. Sie heirateten im Dezember 1690 in Basel.
Der Vater Johann Rudolf Wettstein (1663–1737) war Pfarrer. Er stammte aus einem wohlhabenden Basler Ratsgeschlecht: Sein Grossvater war der Basler Bürgermeister und Schweizer Diplomat Johann Rudolf Wettstein (1594–1666), der durch seine Teilnahme an den Verhandlungen, die den Westfälischen Frieden (1648) vorbereiteten, bekannt ist. Nach Studium der Theologie in seiner Heimatstadt und anschließender Bildungsreise durch mehrere Länder Europas amtierte er seit 1690 als Diaconus, später als Pfarrer an der Leonhardskirche, einer der vier Basler Hauptkirchen.Fritz Burckhardt: Johann Rudolf Wettstein’s männliche Nachkommen in Basel, 1911, S. 72. Die Mutter Sara Sarasin (1674–1758) stammte aus einer Hugenottenfamilie: der Tuchmacher Gédéon Sarasin aus Colmar hatte 1628 das Basler Bürgerrecht erworben und war in die Safranzunft aufgenommen worden.Vgl. Großkaufleute mit weitgespannten Handelskontakten wie die Sarasin integrierten sich schnell in die alte Basler Oberschicht.Niklaus Röthlin: Die Basler Handelspolitik und deren Träger in der zweiten Hälfte des 17. und im 18. Jahrhundert. Helbing & Lichtenhahn, Basel 1986, S. 16.
Die Eheleute Wettstein hatten 13 Kinder, von denen 11 am Leben blieben; Johann Jakob war ihr ältester Sohn.Karl Rudolf Hagenbach: Johann Jakob Wettstein, der Kritiker, und seine Gegner, 1839, S. 88; Fritz Burckhardt: Johann Rudolf Wettstein’s männliche Nachkommen in Basel, 1911, S. 72 f.
Studium in Basel mini|Eintrag Johann Jakob Wettsteins in der Matrikel der Universität Basel (Basel, Universitätsbibliothek, AN II 4a, fol. 131 v.) Die Universität Basel hatte im ausgehenden 17. Jahrhundert an Bedeutung eingebüsst; die Studentenzahlen waren rückläufig. Einige Basler Familien besetzten fast alle Professorenstellen. Die Professuren wurden nach dem Vorbild von Staatsämtern seit 1688 in Basel per Loswahl vergeben. So trat Johann Jakob Wettstein als Student in einen «regionalen oder gar lokalen Lehrbetrieb [ein], den die Einheimischen dominierten».Susanna Burghartz: Das ‹Ancien Régime›. In: Georg Kreis, Beat von Wartburg (Hrsg.): Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft. Christoph Merian Verlag, Basel 2000, S. 119–147, hier S. 143. Vgl. Edgar Bonjour: Die Universität Basel von den Anfängen bis zur Gegenwart (1460–1960). Basel 1960; Andreas Staehelin: Geschichte der Universität Basel 1632–1818. Basel 1957.
Das Basler Schulsystem war im 17./18. Jahrhundert so aufgebaut, dass Wettstein bereits als Dreizehnjähriger mit dem Studium der Philosophie begann. Er immatrikulierte sich am 8. März 1706 an der Universität seiner Heimatstadt. Im Lauf von vier Jahren erlangte er erst den Grad des Bakkalaureus, dann des Magister. Karl Rudolf Hagenbach bemerkte dazu, ein Student der Philosophie sei damals allenfalls einem Tertianer des Deutschen Gymnasiums, ein Bakkalaureus einem Sekundaner, ein Magister einem Primaner vergleichbar gewesen. Indes waren unter Wettsteins damaligen Dozenten zwei bekannte Namen: Hebräisch und Orientalische Sprachen lernte er bei Johann Buxtorf dem Jüngeren, Mathematik bei Johann Bernoulli dem Älteren.Karl Rudolf Hagenbach: Johann Jakob Wettstein, der Kritiker, und seine Gegner, 1839, S. 88.
Im Frühjahr 1709 immatrikulierte sich Wettstein für das Studium der Theologie. Seine akademischen Lehrer waren Samuel Werenfels, Jakob Christoph Iselin und Johann Ludwig Frey. Insbesondere Werenfels vertrat die an der Basler Universität vorherrschende Vernünftige Orthodoxie, die zwischen dogmatischer Tradition und modernem Denken zu vermitteln versuchte. Das zeigte sich in der Frontstellung gegen die Formula Consensus von 1675, welche einerseits die Prädestinationslehre, andererseits die Inspiration des Bibeltextes bis in die Vokalzeichen des masoretischen Textes im Alten Testaments in schroffer Weise verbindlich machte. Während die Formula Consensus in Zürich, Bern und Schaffhausen in voller Geltung stand, fand Wettstein ein für seine Studien günstiges, freieres Klima an der Universität seiner Heimatstadt vor.Gerald Seelig: Religionsgeschichtliche Methode in Vergangenheit und Gegenwart: Studien zur Geschichte und Methode des religionsgeschichtlichen Vergleichs in der neutestamentlichen Wissenschaft, Leipzig 2001, S. 35.
Als Student zeigte er ein besonderes Interesse für griechische Handschriften des Neuen Testaments; sein Onkel, der Philologe Johann Rudolf Wettstein, unterstützte ihn dabei und machte ihm zugänglich, was die Basler Bibliothek an Manuskripten bot. Der Student Wettstein sammelte vom Textus receptus der Bibeldrucke abweichende Lesarten aus der handschriftlichen Überlieferung des griechischen Neuen Testaments. Bei seiner Promotion 1713 verteidigte er unter dem Vorsitz Freys die These, dass solche Varianten der Integrität der Bibel nicht schadeten (Dissertatio de variis lectionibus Novi Testamenti). Der römisch-katholische Textkritiker Richard Simon hatte die These vertreten, dass das protestantische Schriftprinzip durch die Varianten der Textüberlieferung unbrauchbar sei; die Autorität des kirchlichen Lehramts und der Tradition sei zum Verständnis der Bibel unverzichtbar. Dagegen behauptete Wettstein ganz im Einklang mit seiner evangelisch-reformierten Tradition, dass der Christ alles, was er zu seinem Heil wissen müsse, in der Bibel als dem inspirierten Wort Gottes finde.Gerald Seelig: Religionsgeschichtliche Methode in Vergangenheit und Gegenwart: Studien zur Geschichte und Methode des religionsgeschichtlichen Vergleichs in der neutestamentlichen Wissenschaft, Leipzig 2001, S. 33. Anstelle der Verbalinspiration, wie sie die zeitgenössische (hochorthodoxe) reformierte Dogmatik lehrte, setzte Wettstein das Konzept der Sachinspiration; damit stellte er sich in die Tradition des englischen Deismus. Die Hochorthodoxie ignorierte hingegen das Phänomen verschiedener Lesarten und verteidigte die Gleichsetzung Bibelwort = Gotteswort = Textus receptus. Jede Kritik am Textus receptus war damit ein Angriff auf den christlichen Glauben als Ganzes.Gerald Seelig: Religionsgeschichtliche Methode in Vergangenheit und Gegenwart: Studien zur Geschichte und Methode des religionsgeschichtlichen Vergleichs in der neutestamentlichen Wissenschaft, Leipzig 2001, S. 31 f. Wettstein hatte bereits während seines Studiums zu viel an «Abschreibfehlern, Dittographien, Itazismen, nachträglich in den Text gelangten Glossen und dergleichen» mit eigenen Augen in den frühen Bibelhandschriften gesehen, um diese Verbalinspirationslehre nachvollziehen zu können.Gerald Seelig: Religionsgeschichtliche Methode in Vergangenheit und Gegenwart: Studien zur Geschichte und Methode des religionsgeschichtlichen Vergleichs in der neutestamentlichen Wissenschaft, Leipzig 2001, S. 34.
Nach seiner Dissertation kollationierte Wettstein den Codex Basilensis, eine Majuskelhandschrift des Neuen Testaments, und bemerkte, dass dieser Codex für die Druckausgabe von John Mill (1707) fehlerhaft ausgewertet worden war. Da der Codex Alexandrinus von Brian Walton in seiner Londoner Polyglottbibel (1657) mit dem Sigel A bezeichnet worden war, kam Wettstein auf den Gedanken, Majuskelhandschriften des Neuen Testaments einheitlich mit Großbuchstaben, Minuskelhandschriften dagegen mit arabischen Ziffern zu bezeichnen. Dies wird bis heute so gehandhabt.Gerard Mussies: Wettstein (Wetstenius), Johann Jacob, Kampen 1988, S. 395.
Bibliotheksreisen und Dienst als Feldprediger (1714–1717) Mit Empfehlungsbriefen Freys trat Wettstein im April 1714 eine Bildungsreise an, die ihn zunächst über Zürich und Bern nach Genf führte. Hier blieb er länger und reiste dann über Lyon weiter nach Paris. Überall steuerte er die Bibliotheken an, sichtete Handschriften und machte sich Notizen. So liess er sich in Zürich die lateinische Bibel Karls des Großen vorlegen und interessierte sich auch für die Abschrift der griechischen Paulusbriefe, die Huldrych Zwingli eigenhändig angefertigt hatte.Karl Rudolf Hagenbach: Johann Jakob Wettstein, der Kritiker, und seine Gegner, 1839, S. 89.
Im August 1715 traf Wettstein in England ein und besuchte Oxford, London und Cambridge. Hier studierte er zwei biblische Majuskelcodices des 5. Jahrhunderts: den Codex Alexandrinus und den Codex Bezae. Letzterer enthielt die vier Evangelien und die Apostelgeschichte auf Griechisch mit lateinischer Übersetzung; Wettstein schrieb ihn vollständig ab. Im Codex Alexandrinus entdeckte Wettstein ein aufschlussreiches Detail. In dem Vers hatten einige Manuskripte das Relativpronomen „welcher“ , während viele andere Manuskripte und der Textus receptus stattdessen das Substantiv „Gott“ boten, welches als Nomen sacrum abgekürzt wurde und dann sehr ähnlich aussah: . Im Alexandrinus stand an dieser Stelle Wettstein zufolge ursprünglich . Aber von dem Wort auf der Blattrückseite scheine der Querstrich des ersten Ε durchs Pergament durch, so dass man leicht die Abkürzung lesen könne. Von späterer Hand, mit anderer Tinte, war nachträglich der Überstrich hinzugefügt worden, der das Verständnis als Nomen sacrum „Gott“ dann festschrieb. Die Entdeckung hatte für Wettstein grundsätzliche Bedeutung: Verlässlich war für ihn ausschliesslich das, was er mit eigenen Augen gesehen hatte – nicht nur bei Lesarten, sondern auch bei Diskussionen um das Alter und den Wert von Manuskripten. (Durch seine Bibliotheksreisen war er Johann Albrecht Bengel, dem aus Württemberg kaum je hinausgekommenen Klosterpräzeptor von Denkendorf, in diesem Punkt weit voraus – und er spielte diesen Vorteil in den literarischen Auseinandersetzungen mit Bengel voll aus.)Gerald Seelig: Religionsgeschichtliche Methode in Vergangenheit und Gegenwart: Studien zur Geschichte und Methode des religionsgeschichtlichen Vergleichs in der neutestamentlichen Wissenschaft, Leipzig 2001, S. 36 f. mini|hochkant|Richard Bentley