Der Chagos-Archipel (deutsch auch Tschagos-Archipel) ist eine Inselgruppe im Indischen Ozean. Er ist unter dem Namen Chagos Archipelago ein Britisches Überseegebiet, der letzte noch verbliebene Teil des Britischen Territoriums im Indischen Ozean, und dient den Vereinigten Staaten als Marine- sowie Luftwaffenstützpunkt. Die einheimische Bevölkerung des Archipels wurde in den 1970er Jahren von der Inselgruppe vertrieben. Der Internationale Gerichtshof befand 2019 den britischen Souveränitätsanspruch auf den Chagos-Archipel völkerrechtswidrig. Im Oktober 2024 wurde eine Einigung zwischen Mauritius und dem Vereinigten Königreich erreicht, die vorsieht, die Souveränität über den Archipel an Mauritius zu übertragen. Dabei soll Diego Garcia mit seinen Militärbasen gegen regelmäßige Zahlungen für mindestens 99 Jahre weiter vom Vereinigten Königreich und seinen Verbündeten genutzt und verwaltet werden dürfen. Am 22. Mai 2025 wurde der Übergabevertrag unterzeichnet, die Ratifizierung durch die Parlamente der beiden Vertragsparteien steht aber aktuell (Stand: 03/2026) noch aus.
Geographie mini|Salomon Islands, eines der Atolle im Chagos-Archipel Der Archipel liegt inmitten des Indischen Ozeans, 500 km südlich der Malediven (quasi südliche Fortsetzung der Inselkette der Lakkadiven und Malediven), 1600 km südwestlich von Indien, 1900 km östlich der Seychellen und etwa 2150 km von Mauritius entfernt. Die Inselgruppe besteht aus zahlreichen Atollen, von denen einige komplett vom Meer überspült sind, andere lediglich bei Hochwasser. Größtes Objekt ist die Great Chagos Bank, ein umfangreicher Komplex aus Korallenriffen mit atollartiger Struktur, der eine Fläche von über 12.000 km² einnimmt. Die Landfläche des Archipels ist mit 63,17 km² vergleichsweise gering. Größte Insel ist die Hauptinsel des Atolls Diego Garcia mit etwa 27 km² Fläche.
Folgende Atolle und Inseln gehören zum Chagos-Archipel (von Norden nach Süden):
Speakers Bank (unter Wasser) Blenheim Reef (bei Flut überspült) Peros Banhos Salomon Islands Great Chagos Bank mit Nelsons Island Three Brothers Eagle Islands Danger Island Egmont Islands Pitt Bank (unter Wasser) Diego Garcia
Flora und Fauna Der Chagos-Archipel wird in der Einstufung durch den Worldwide Fund for Nature (WWF) mit den nahegelegenen Malediven und dem indischen Insel-Unionsterritorium Lakshadweep zu einer Ökoregion zusammengefasst. Zusammengenommen bilden diese Inseln und Atolle das größte Atoll- und Korallenriffsystem der Welt.
Das Klima ist ein tropisches Monsunklima mit einer Trockenzeit von Dezember bis März, der Zeit des Nordost-Monsuns und einer Regenzeit von April bis Oktober, der Zeit des Südwest-Monsuns. Der Chagos-Archipel ist eines der am besten geschützten tropischen Inselsysteme. Die Inseln bieten Lebensraum für viele Arten, vor allem für Seevögel. Insgesamt wies BirdLife International zehn Important Bird Areas (IBA) aus, einschließlich der Barton Point Nature Reserve auf Diego Garcia, welche die weltweit größte Population von Rotfußtölpeln (Sula sula) beheimatet.
Im November 2009 startete eine Gruppe von neun britischen Naturschutz- und Wissenschaftsorganisationen eine Kampagne zur Unterschutzstellung der Korallenriffe des Archipels.Jessica Aldred: Conservationists urge Gordon Brown to create 'Britain’s Great Barrier Reef'. In: The Guardian. Guardian News & Media Ltd., 27. Januar 2010, abgerufen am 1. Oktober 2016 (englisch). Die Chagos Marine Protected Area, am 1. April 2010 ausgewiesen, gehört mit einer Fläche von 554.000 km² zu den weltgrößten marinen Schutzgebieten.
Geschichte Der Archipel wurde 1544 von dem Spanier Diego García de Moguer bei einer Expedition für die portugiesische Krone entdeckt, war zuvor jedoch schon den Maledivern bekannt. Ende des 17. Jahrhunderts beanspruchte Frankreich die Inselgruppe für sich. Die französische Kolonialmacht besiedelte die vier Atolle Diego Garcia, Egmont Islands, Peros Banhos und Salomon Islands. In Analogie zu Mauritius und den Seychellen haben sich trotz britischer Hoheit noch heute vielfach die französischen Inselnamen behauptet. Die neuen Bewohner kamen unter anderem von Réunion, Mauritius, Madagaskar und aus Mosambik. Darunter waren viele Sklaven, die auf Kokosplantagen und in der Fischerei arbeiten mussten. Im März 1786 machte eine kleine Expedition der Britischen Ostindien-Kompanie von Bombay aus den Versuch, die Insel Diego Garcia zu kolonisieren. Unerwarteterweise trafen die Briten bei ihrer Landung auf der Insel auf französische Pflanzer. Diese flüchteten auf das französische Mauritius (damals Isle de France) und die Briten nahmen Diego Garcia in Besitz. Der französische Gouverneur von Mauritius, François de Souillac, schickte ein Protestschreiben an die britischen Autoritäten nach Bombay und entsandte ein Kriegsschiff zum Chagos-Archipel. Daraufhin ließ der britische Gouverneur von Bombay, Rawson Hart Boddam, der einen militärischen Konflikt vermeiden wollte, Diego Garcia im Oktober 1786 wieder evakuieren. Die Franzosen erklärten danach den Archipel zum französischen Besitz.
Britische Kolonialzeit Während der französischen Revolutionskriege und der napoleonischen Zeit verlor Frankreich nach und nach seine Besitzungen im Indischen Ozean an Großbritannien. 1794 wurden die Seychellen britisch und 1810 Mauritius mit Chagos. Im Ersten Frieden von Paris vom 30. Mai 1814 trat Frankreich fast alle kolonialen Inseln an das Vereinigte Königreich Großbritannien und Irland ab.
Unter britischer Herrschaft wurde 1834 die Sklaverei abgeschafft. Im 19. Jahrhundert wanderten Fischer, Bauern und Plantagenarbeiter als Vertragsarbeiter zum Teil aus Indien ein. Gemeinsam mit den bisherigen Bewohnern bildeten sie das Volk der Chagossianer. Sie selbst nennen sich Îlois in der kreolischen Sprache nach dem französischen Wort für „Insulaner“ oder „Inselbewohner“.
Britisches Territorium im Indischen Ozean Das Vereinigte Königreich ordnete den Chagos-Archipel administrativ zuerst den Seychellen, später (1903) Mauritius zu. Am 8. November 1965, kurz vor der absehbaren Unabhängigkeit von Mauritius, gliederte Großbritannien den Chagos-Inselarchipel aus der bisherigen gemeinsamen Verwaltung mit Mauritius aus. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete daraufhin am 16. Dezember 1965 eine Resolution (Resolution 2066 (XX)), in der das Vereinigte Königreich aufgefordert wurde, die territoriale Integrität von Mauritius zu bewahren und dieses einschließlich Chagos in die Unabhängigkeit zu entlassen. Nichtsdestoweniger wurde nur Mauritius 1968 unabhängig und Chagos verblieb als „Britisches Territorium im Indischen Ozean“ bei Großbritannien. Die Inselgruppe wurde jedoch weiter von Mauritius und den Seychellen beansprucht.
US-Militärbasis mini|links|Verlassene Plantage auf Diego Garcia Die Insel Diego Garcia wurde 1966 von Großbritannien für zunächst 50 Jahre an die USA verpachtet,Sarah Knapton: Law Lords to rule on whether Chagos Islanders can finally return home. In: The Telegraph. Telegraph Media Group, 21. Oktober 2008, abgerufen am 1. Oktober 2016 (englisch). die dort „eine Basis mit 5000 Mann Besatzung, Langstreckenbombern, Kriegsschiffen verschiedenster Größe, U-Booten, einem Arsenal an Nuklearwaffen und modernsten Lauschanlagen möglichst unbeobachtet betreiben“ wollten.Christian Schmidt: Zurück ins Paradies. In: Tages-Anzeiger. Tamedia, 23. Januar 2015, abgerufen am 1. Oktober 2016. Der Pachtvertrag wurde zwischenzeitlich bis 2036 verlängert.Marc E. Rosen: Is Diego Garcia at Risk of Slipping from Washington’s Grasp? In: The National Interest. 19. September 2017, abgerufen am 4. Januar 2018 (englisch). Auf Diego Garcia befindet sich auch ein Gefangenenlager der USA.
Die Chagossianer (Îlois) wurden zwischen 1967 und 1973 zwangsumgesiedelt, um die Inselgruppe menschenleer dem US-amerikanischen Militär übergeben zu können. Dabei mussten die Inselbewohner ihre Habseligkeiten zurücklassen, ihre Haustiere wurden geschlachtet. Viele wurden traumatisiert, manche begingen Selbstmord.
Die heute etwa 5500 Nachfahren der Îlois leben in Mauritius, auf den Seychellen und in Großbritannien. Das Vereinigte Königreich und die USA leugneten zunächst jegliche Rechtswidrigkeit ihrer Besatzung und der gewaltsamen Vertreibung der Chagossianer. Seit den 1990ern klagen diese vor britischen Gerichten auf ihr Rückkehrrecht. Die jeweiligen Regierungen verweigerten sich jedoch lange den Beschlüssen internationaler Gerichte und UN-Resolutionen. Im April 2006 konnte eine Gruppe von 100 Chagossianern auf Kosten des British Foreign Office den Chagos-Archipel besuchen.In pictures: Chagossians’ visit. In: BBC News. 10. April 2006, abgerufen am 1. Oktober 2016 (englisch).
Der Reiseschriftsteller Simon Winchester setzte 1985 auf einer Erkundungsreise zu britischen Außenposten von einer Segelyacht aus vor der Insel Diego Garcia ein Notsignal ab. Somit musste er nach geltendem Seerecht in den Hafen gelassen werden, wurde jedoch für einige Tage inhaftiert.
Am Morgen des 20. März 2026 sind vom Iran aus zwei ballistische Mittelstreckenraketen in Richtung auf den Archipel und die von Briten und Amerikanern gemeinsam genutzten Militärbasen abgefeuert worden. Die Möglichkeit eines solchen Angriffs war bereits im März 2025 von iranischer Seite geäußert worden.
Rechtsstreite um Chagos 1998 erhoben die Îlois vor einem britischen Gericht eine Klage auf Entschädigung und das Recht auf Rückkehr. Im Jahr 2000 erklärte der britische High Court of Justice EWHC Admin 413 = QB 1067 („Bancoult 1“) die Deportationen für illegal und gestand den Deportierten das Recht auf Rückkehr zu, was aber folgenlos blieb. Im Jahr 2004 erließ Königin Elisabeth II. namens der Regierung unter Tony Blair eine Order-in-Council, die die Îlois aus ihrer Heimat verbannt. Diese wurde im Mai 2006 vom High Court of Justice für rechtswidrig erklärt. EWHC 1038 (Admin) Das wurde von der Regierung vor dem Court of Appeal angefochten. Im Mai 2007 entschied der Court of Appeal zugunsten der Îlois. EWCA Civ 498 Die britische Regierung legte gegen das Urteil wiederum Berufung ein. Am 22. Oktober 2008 gab das House of Lords der britischen Regierung recht und verbot den Einwohnern die Rückkehr auf die Insel. UKHL 61 = 1 AC 453 („Bancoult 2“), bestätigt durch UKSC 35 = AC 300 („Bancoult 4“) Dagegen wurde Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erhoben.Marc Engelhardt: Vertrieben aus dem Paradies. In: taz.de. 29. Januar 2009, abgerufen am 1. Oktober 2016. Ende 2012 entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass aufgrund einer 1982 erfolgten abschließenden Einigung zur Wiedergutmachung zwischen Großbritannien und den Chagossianern deren Opferstatus entfallen sei. Deswegen und weil die britischen Gerichte den Chagossianern bereits Rechtsschutz gewährt haben, hat der Gerichtshof die Klage nach Art. 35 EMRK abgewiesen.Chagos Islanders against the United Kingdom. Entscheidung der Vierten Sektion des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte in Straßburg. In: HUDOC database. Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte, 11. Dezember 2012, abgerufen am 1. Oktober 2016 (englisch). Eine weitere Klage der Königin namens der Regierung vor dem High Court aus dem Jahr 2017 wurde im Februar 2019 abgewiesen. EWHC 221 (Admin)