miniatur|hochkant=1.1|Rinderpest-Ausbruch in Südafrika, 1896|alt=Schwarzweiß-Foto gestorbener Rinder Die Rinderpest war eine Tierseuche, die Rinder, andere Wiederkäuer und weitere Paarhufer wie Flusspferde und einige asiatische Hausschweinrassen befallen konnte. Die Virusinfektion führte bei erkrankten Tieren zunächst zu hochgradigen Entzündungen der Schleimhäute im Kopfbereich, gefolgt von einem schweren Durchfall, der – je nach betroffener Population – in bis zu 98 % der Fälle tödlich verlief.

Die schweren Verluste durch die Rinderpest waren im 18. Jahrhundert Anlass für die Gründung der ersten tierärztlichen Ausbildungsstätten. Dank seuchenhygienischer Maßnahmen trat die Krankheit in der Schweiz zuletzt 1871,, Seite 6 (abgerufen am 8. März 2011) in Deutschland zuletzt 1870Tierseuchenbericht 2011 des BMELV. In: Deutsches Tierärzteblatt. (DTBL) 60. Jahrgang, Mai 2012, S. 714–715. auf. Der letzte Ausbruch in Europa war 1954 in Italien, die weltweit letzten Ausbrüche bei Haustieren 2001 in Afrika zu verzeichnen. Die Krankheit wurde seit 1994 innerhalb des (GREP) mit einer weltweit koordinierten Impf-, Keul- und Überwachungskampagne bekämpft.

Am 15. Oktober 2010 teilte der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) mit, dass die Rinderpest dank der koordinierten Maßnahmen im Rahmen des GREP ausgerottet werden konnte.D. Normile: . In: Science. Band 330, Nummer 6003, Oktober 2010, S. 435, , , PMID 20966223. Die offizielle Feststellung der Ausrottung erfolgte am 25. Mai 2011.Programm der 79. Vollversammlung des OIE (PDF; 190 kB) Damit ist es nach den Pocken zum zweiten Mal in der Geschichte gelungen, eine Infektionskrankheit zu tilgen.N. Gilbert: . In: Nature. Band 462, Nummer 7274, Dezember 2009, S. 709, , , PMID 20010659.

Geschichte miniatur|Niederländische Darstellung der Rinderpest aus dem 18. Jahrhundert|alt=Zeichnung, im Vordergrund verendete Rinder miniatur|hochkant|Bernardino Ramazzini (1633–1714)|alt=Porträt (Halbprofil) von Ramazzini miniatur|hochkant|Giovanni Maria Lancisi (1654–1720)|alt=Porträt (Viertelprofil) von Lancisi Antike, Mittelalter und frühe Neuzeit Die Viruserkrankung stammt ursprünglich aus Asien. Ihre früheste erhaltene Beschreibung findet sich im Veterinär-Papyrus Kahun, der ca. 1800 v. Chr. verfasst wurde. Auch Aristoteles beschrieb in seiner Historia animalium im vierten Jahrhundert v. Chr. zwei Krankheiten des Rindes, die Podagra und die Struma, wobei die Symptome der Struma denjenigen der Rinderpest entsprechen.T. Barrett et al. Rinderpest and Peste des Petits Ruminants. Inst for Animal Health 2006, ISBN 978-0-12-088385-1, S. 88 ff

Die Rinderpest wurde unter anderem während der Völkerwanderungen 376 bis 386 von den Hunnen und später wieder von den Mongolen nach Europa eingeschleppt. Diese führten zu ihrer Versorgung asiatische graue Steppenrinder mit sich, die wenig anfällig für die Rinderpestviren waren und diese über Monate ausschieden.Peter Roeder, Karl Rich: The global effort to eradicate rinderpest. Intl Food Policy Res Inst 2009. Severus Sanctus Endelechius verfasste im 4. Jahrhundert n. Chr. das Gedicht de mortibus bovum, in dem die Symptome der Rinderpest beschrieben werden.T. Özkul und R. T. B. Gül (PDF; 210 kB) In: Revue Méd Vét 2008, 159(4):243-246 Die Krankheit kam in ganz Europa von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit immer wieder vor (Enzootie), wobei es besonders zu Kriegszeiten zu größeren Ausbrüchen kam., FAO/IAEA, abgerufen am 15. Februar 2011Wilhelm Rieck: Die Rinderpest im Reiche Karls des Großen anno 810. In: Veterinärhistorische Mitteilungen 16, 1936, Nr. 11, S. 97–100.Georg Friedrich Sick: Über die Natur der Rinderpest und die Gefahren, mit welchen ganz Deutschland von dieser verheerenden Pestseuche im Laufe des gegenwärtigen Krieges bedrohet wird [...]. Berlin 1813.

18. Jahrhundert 1712 verfasste Bernardino Ramazzini von der Universität Padua die älteste überlieferte präzise Beschreibung der Erkrankung. Auf dieser Grundlage entwickelte der päpstliche Leibmedikus Giovanni Maria Lancisi im Auftrag von Papst Clemens XI. Bekämpfungsmaßnahmen, die er in seinem Buch De bovilla peste von 1715 publizierte. Er führte die Keulung erkrankter Rinder ein und ließ die Tierkörper anschließend mit ungelöschtem Kalk vergraben. Zusätzlich verfügte er die Quarantäne befallener Bestände, ein Verbot von Tiertransporten und eine systematische Fleischbeschau.A. Mantovani, R. Zanetti: Giovanni Maria Lancisi: De bovilla peste and stamping out. In: Historia medicinae veterinariae. Band 18, Nummer 4, 1993, S. 97–110, , PMID 11639894. Zuwiderhandlungen gegen seine Anweisungen wurden vom Kirchenstaat drakonisch bestraft: Laien wurden zum Tod durch Hängen, Mitglieder des Klerus zur Galeerenstrafe verurteilt. Lancisis Bekämpfungsstrategie war beim Volk unbeliebt, führte aber dazu, dass die Rinderpest im Kirchenstaat unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Als die Krankheit um 1714 nach England eingeschleppt wurde, ließ Thomas Bates betroffene Tiere keulen und vergraben. Der Ausbruch konnte innerhalb von nur drei Monaten unter Kontrolle gebracht werden. Im Gegensatz zum Vorgehen im Kirchenstaat dienten zur Durchsetzung dieser Maßnahmen keine drakonischen Strafen, sondern Entschädigungszahlungen für betroffene Rinderhalter.Lise Wilkinson: . J R Soc Med. 1980; 73(11):818–827. S. 822, PMID 7017119

Weitere schwere Ausbrüche traten zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Frankreich (1714) und Preußen (1716) auf. In beiden Ländern wurden Lancisis Methoden ebenfalls erfolgreich angewandt. In anderen Teilen Europas, wo keine staatlichen Kontrollmaßnahmen eingeführt wurden, blieb die Rinderpest weiterhin enzootisch und führte zu schweren Verlusten.L. Wilkinson: . In: Medical history. Band 28, Nummer 2, April 1984, S. 129–150, . PMID 6387340. . Der Krankheit fielen in Europa allein im 18. Jahrhundert etwa 200 Millionen Rinder zum Opfer.T. Barrett, P. B. Rossiter: . In: . Band 53, 1999, S. 89–110, , , PMID 10582096 (Review). Zum Vergleich: 2007 lebten in der gesamten EU 88,75 Millionen Rinder.Rinderbestand in Deutschland und in der Europäischen Union in den Jahren 2005 bis 2014, abgerufen am 28. November 2015

Die Bedrohung durch die Rinderpest war auch der Auslöser für die Gründung der ersten Ausbildungsstätte für Veterinärmediziner, der École nationale vétérinaire de Lyon durch Claude Bourgelat im Jahr 1761. Die strategische Bekämpfung der Krankheit war einer der wichtigsten Lehrinhalte.Geschichte der OIE auf der OIE-Webseite (abgerufen am 7. Februar 2011) In den darauf folgenden Jahren eröffneten andere europäische Länder ebenfalls Tierarzneischulen und staatliche Einrichtungen zur koordinierten Bekämpfung der Seuche. In England wurden keine derartigen Einrichtungen eröffnet.

19. Jahrhundert Die Einführung von Dampfschiff und Eisenbahn im 19. Jahrhundert eröffnete einerseits neue Möglichkeiten des Tiertransports und erleichterte andererseits die Ausbreitung der Rinderpest. Zwischen 1857 und 1866 kam es erneut zu einem großen europäischen Seuchenzug, der besonders im Vereinigten Königreich zu einem nahezu vollständigen Verlust der Rinderbestände führte. Die Rinderpest wurde durch eine Ladung asiatischer Rinder eingeschleppt, die aus dem Hafen von Tallinn nach Hull verschifft worden waren. Von dort aus breitete sich die Seuche rasch über ganz Großbritannien aus. Lancisis und Bates’ Bekämpfungsmethoden waren in England bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wieder in Vergessenheit geraten, so dass es mehrere Monate dauerte, bis die Krankheit durch großflächige Keulung wieder eingedämmt werden konnte. Dieser Ausbruch führte 1865 nun auch im Vereinigten Königreich zur Gründung einer staatlichen Veterinärbehörde.

1887 brachte die italienische Armee die Seuche mit indischen Rindern nach Äthiopien, von wo aus sich eine Panzootie über ganz Afrika ausbreitete. 80–90 % aller Rinder starben im subsaharischen Afrika an der Seuche, darüber hinaus gab es große Verluste bei Antilopen, Giraffen und Büffeln. Durch die Dezimierung der Rinder- und Wildwiederkäuerbestände kam vermehrt Buschwerk auf, in dem sich wiederum Tsetsefliegen vermehrten und in der Folge die Bevölkerung vermehrt mit der Schlafkrankheit infizierten. Ein Drittel aller Äthiopier und zwei Drittel der tansanischen Massai starben an den Folgen der Hungersnöte, in den Nachbarländern starben ebenfalls Millionen Menschen.Endspiel für den Killervirus in Der Spiegel vom 12. Juli 2001, S. 130/131 Auch die Hungersnot in Zentralkenia 1899 war zum Teil auf die Folgen dieses Seuchenzugs zurückzuführen. Während die Rinderpest um 1900 im südlichen Afrika wieder zum Erliegen kam, gab es nördlich des Äquators bis in die jüngste Zeit immer wieder Ausbrüche.

20. Jahrhundert und Gegenwart Der Erreger der Rinderpest wurde erstmals 1902 von Maurice Nicolle und Adil Mustafa isoliert und als Virus identifiziert. Die letzten großen Ausbrüche in Europa traten 1913 während des Zweiten Balkankrieges in Bulgarien und 1920 in Belgien auf. Dem belgischen Ausbruch fielen aufgrund aufwändiger seuchenhygienischer Maßnahmen aber nur 2000 Rinder zum Opfer. Der Ausbruch war auf eine Herde infizierter Zebus zurückzuführen, die auf dem Weg von Indien nach Brasilien in der Hafenstadt Antwerpen erkrankt waren. Unter dem Eindruck dieses Seuchenausbruchs gründete der Völkerbund das Office International des Epizooties (OIE), das als Weltorganisation für Tiergesundheit bis heute besteht.

Noch in den 1980er Jahren kam es in Nigeria zu Ausbrüchen. 1993 war der Erreger noch in Somalia, Äthiopien, Jemen und Pakistan weit verbreitet. Im Nahen Osten gab es bis in die 1990er Jahre immer wieder Ausbrüche durch aus Nordafrika und vom indischen Subkontinent importierte Rinder. In der Türkei kam es im September 1991 zu einem schweren Seuchenzug mit 2700 gestorbenen Rindern. Durch die Schlachtungen von 12.000 Rindern und die Impfung von 12,5 Millionen weiteren Rindern konnte die Epizootie nach vier Monaten wieder eingedämmt werden.

1994 lancierten OIE und FAO mit dem Global Rinderpest Eradication Program (GREP) eine globale Initiative zur Ausrottung der Rinderpest, bestehend aus flächendeckenden Impfkampagnen, Keulungen, Monitoring und Surveillance der Rinder- und Wildtierpopulationen in den Enzootiegebieten. (PDF; 101 kB), abgerufen am 15. Februar 2011OIE Pathway for Rinderpest Eradication, abgerufen am 15. Februar 2011Surveillance for Rinderpest (PDF; 127 kB), abgerufen am 15. Februar 2011 Die EU beteiligte sich mit dem PARC-Programm (Pan African Rinderpest Campaign).Pan African Rinderpest Campaign auf der Website der FAO (abgerufen am 11. Februar 2011) In Indien trat der letzte Fall 1995 auf, in Pakistan 2000; danach galt Asien als frei von Rinderpest. Der letzte Ausbruch beim Hausrind trat 2001 in Kenia auf; bei Wildtieren verschwanden die letzten Naturherde im Grenzgebiet zwischen Somalia, Äthiopien und Kenia im Jahr 2007. Die Ausrottung wurde dadurch erleichtert, dass sich die Rinderpest in afrikanischen Wildtieren nur bei gleichzeitiger Anwesenheit domestizierter Rinder dauerhaft halten kann.AUSVETPLAN Rinderpest Disease Strategy (PDF; 493 kB) auf der Website des OIE, S. 10, Punkt 1.2.4 (abgerufen am 15. Februar 2011)

Der Erreger existiert zurzeit noch in einer Reihe von Forschungslabors. OIE und FAO haben die Krankheit am 25. Mai 2011 in einer gemeinsamen Erklärung formell für ausgerottet erklärt.Anonym: Rinderpest eradication: official declaration moves closer. In: Veterinary Record Band 167, Nummer 17, Oktober 2010, S. 633, . . PMID 21257453. Eine zweite Erklärung der Ausrottung durch die FAO wurde am 28. Juni 2011 veröffentlicht.GREP Programme auf der Website der FAO, abgerufen am 23. Mai 2011

Erreger miniatur|Rinderpestvirus unter dem Elektronenmikroskop|alt=elektronenmikroskopische Aufnahme des Rinderpest-Viruses