mini|Jean Améry (von Félix De Boec, 1951)
Jean Améry (* 31. Oktober 1912 als Ha(n)ns MayerIrene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 359: Laut Geburtsurkunde lautete sein Name Hans Meier, im Klassenbuch der Volksschule von Bad Ischl 1920/21 wurde er als Hans Mayer, im Schuljahr 1922/23 als Hans Maier (so auch im Geburtseintrag, Geburtsbuch IKG Wien, tom. VIII, Rz. 2038) aufgeführt. In den Klassenbüchern des Gymnasiums in Gmunden wurde er 1923/24 als Johann Mayer bezeichnet. Anfang der 30er Jahre bezeichnete er sich selbst Han(n)s Mayer. in Wien, Österreich-Ungarn; † 17. Oktober 1978 in Salzburg) war ein österreichischer Schriftsteller, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus und ein Opfer des Nationalsozialismus. Seit 1955 verwendete er das Pseudonym Jean Améry, wobei Améry ein Anagramm von Mayer und Jean die französische Form von Hans ist. Notariell wurde dieser Name 1966 beglaubigt.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 375.
Leben Frühe Jahre in Österreich Jean Améry war Sohn jüdischer Eltern, seine Tante die Soubrette Mila Theren.Mila Theren in der Googlebuchsuche Die Familie Amérys stammt aus Hohenems in Vorarlberg. Sein Vater, Paul Mayer (1883–1917), starb als Kraftfahrzeugsoldat in einem Regiment der Tiroler Kaiserjäger im Ersten Weltkrieg aufgrund eines eingeklemmten Leistenbruchs; die Mutter Valerie, geb. Goldschmidt (* 31. August 1879; † 1. Juli 1939 in Wien), wurde durch den frühen Tod des Vaters die wesentliche Bezugsperson für ihren Sohn. Eingeschult wurde Améry am 1. September 1918 an der Phorus-Schule in Wien. Nachdem seine Mutter das heute noch bestehende „Gasthaus zur Stadt Prag“ in Bad Ischl am Fuß des Kalvarienberges gepachtet hatte, wuchs Améry im Salzkammergut in katholischem Milieu auf. Im Schuljahr 1923/1924 wurde er als „Privatist“ in das Gymnasium von Gmunden aufgenommen. Im Januar 1925 verließ er ohne Noten als Zwölfjähriger die Schule; über seinen weiteren Schulbesuch ist nichts bekannt.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 28.
Im September 1926 zogen seine Mutter und er wieder nach Wien. Nach einer Zwischenstation 1929/1930 bei seinem Onkel Hans May in Berlin machte er unter der Anleitung von Leopold Langhammer eine Buchhändlerlehre in der „Buchhandlung und dem Zeitungsbureau Hermann Goldschmid“. Danach war er von 1930 bis 1938 als Buchhandlungsgehilfe in der Buchhandlung der Volkshochschule Leopoldstadt angestellt.
Der Autor Améry kann als Autodidakt gelten, der sich als freier Hörer auch an der Universität Wien durch literarische und philosophische Vorlesungen bildete. Und er begegnete Hermann Broch, Robert Musil und Elias Canetti. An der Volkshochschule Leopoldstadt lasen in diesen Jahren noch viele andere Literaten (Albert Paris Gütersloh, Max Brod, Franz Theodor Csokor, Felix Braun, Erika Mitterer u. a. m.). Prägend für Améry war damals auch der sog. Wiener Kreis mit den Philosophen Moritz Schlick, Ludwig Wittgenstein, Friedrich Waismann, Otto Neurath und Rudolf Carnap. Die Begründer des Logischen Positivismus waren an der Schulreform und der Volksbildungsarbeit engagiert, denn die von ihnen entwickelten Denkwerkzeuge sollten im Sinne der Aufklärung gegen den verbreiteten Irrationalismus wirken. In dieser Zeit war Améry Herausgeber der literarischen Zeitschrift Die Brücke zusammen mit Ernst Theodor Mayer, den er seit der Volksschule kannte. Die erste Ausgabe erschien am 12. Februar 1934. Zur gleichen Zeit war Améry vermutlich als Waffentransporteur am gescheiterten Aufstand des Republikanischen Schutzbundes beteiligt.
Amérys prekäre Beziehung zum Judentum zeigt sich in seinem Austritt aus der jüdischen Gemeinde am 5. Dezember 1933, in die er am 15. November 1937, wohl wegen der bevorstehenden Verheiratung, wieder eintrat.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 366. Sein Verhältnis zum Judentum blieb gespalten („Meint … Jude sein einen kulturellen Besitz, eine religiöse Verbundenheit, dann war ich keiner und kann niemals einer werden.“ Dennoch: „Ich muss Jude sein und werde es sein, ob mit oder ohne Religion, innerhalb oder außerhalb einer Tradition, ob Jean, Hans oder Jochanaan.“Jean Améry: Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein. In: Jenseits von Schuld und Sühne. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 131 f.) Das Judesein wurde ihm aber unausweichlich zugeschrieben, dessen wurde er sich spätestens 1935 bewusst, als er in einer Zeitung die Nürnberger Rassengesetze studiert hatte.
Am 12. Dezember 1937 heiratete er in der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien die aus Graz stammende Jüdin Regine Berger (* 16. Mai 1915, † vermutlich 1944), recte Baumgarten. Sie begleitete ihn 1938 bei seiner Flucht nach Belgien.
Flucht, Widerstandsbewegung, KZ-Haft Aufgrund dringlichen Rates eines Freundes, der ihn bereits in NS-Uniform besuchte, verließ Améry im Jahr des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich mit seiner Frau Regine am 31. Dezember 1938 die Stadt Wien. Über Köln gelangte er mit Hilfe eines Menschenschmugglers an den Grenzort Kalterherberg und von dort nach Belgien. Der praktisch mittellose Ankömmling wurde vom jüdischen Hilfskomitee in Antwerpen großzügig unterstützt. Um zu überleben, arbeitete Regine Mayer als Verkäuferin von Büstenhaltern, Jean Améry gelegentlich als Möbeltransporteur und als Lehrer an der Ecole Moyenne Juive de Bruxelles.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 78.
Nach dem Einmarsch deutscher Truppen am 10. Mai 1940 wurde Améry als „feindlicher Ausländer“ festgenommen und im südfranzösischen Lager Gurs interniert. Währenddessen half die Freundin Maria Eschenauer-Leitner Regine Mayer beim Untertauchen. Sie litt an einem Herzfehler, wurde von den Filles de la Charité de Saint Vincent de Paul gepflegt und starb schließlich in ihrem Brüsseler Versteck. 1941 gelang Améry mit dem Mitgefangenen Jacques Sonnenschein die Flucht. Zurück in Belgien, schloss er sich dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus an und beteiligte sich an der in Belgien operierenden Österreichischen Freiheitsfront.
Am 23. Juli 1943 wurde Améry beim Verteilen antinazistischer Flugblätter zusammen mit der Deutschen Marianne Brandt, seiner damaligen Lebensgefährtin, verhaftet und im Hauptquartier der Brüsseler Gestapo im Gefängnis Saint-Gilles/Sint-Gillis inhaftiert. Am selben Tag verlegte man ihn nach Fort Breendonk/Derloven, wo SS-Angehörige ihn folterten: Améry wurde ausgepeitscht und dem Pfahlhängen unterzogen, wodurch ihm die Schultergelenke ausgerenkt wurden.Eigener Bericht in: Jean Améry: Die Tortur. In: Merkur. Nr. 208 (Juli 1965), S. 623–638 [632f]. Auch in: Irene Heidelberger-Leonard: Jean Améry. Revolte in der Resignation. Stuttgart 2004, S. 81; Robert Zagolla: Im Namen der Wahrheit. Folter in Deutschland vom Mittelalter bis heute. Berlin 2006, S. 148–150. Am 15. Januar 1944 wurde Améry ins Konzentrationslager Auschwitz verbracht, im Juni 1944 als Schreiber im Buna-Werk eingestellt. Hier lernte er Primo Levi kennen. Von diesem trennten ihn später grundlegende Differenzen in der Bewertung des SS-Systems und seiner Helfer. Das KZ Auschwitz Monowitz wurde vom 17. bis 26. Januar 1945 evakuiert, weil die Sowjetarmee näherrückte. Améry wurde ins KZ Mittelbau-Dora, dann ins KZ Bergen-Belsen verschleppt. Am 15. April 1945 wurde dieses, also auch Améry, von britischen Truppen befreit; am 24. April 1945 war er wieder in Brüssel.
Nach 1945 Leopold Langhammer titulierte Améry im Herbst 1945 als „Dozent und Vortragenden“, um ihn zu protegieren und ihm eine Rückkehr nach Österreich zu ermöglichen; auch sein Jugendfreund Ernst Mayer wollte ihn überreden, wieder nach Österreich zurückzukommen, doch entschied sich Améry dagegen. Selbst nachdem er seinen österreichischen Reisepass zurückbekommen hatte, verzichtete er darauf, in Österreich Wohnsitz zu nehmen, kam aber zu jährlichen Besuchen.
Nach 1945 in Brüssel lebend, arbeitete Améry als Kulturjournalist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen der Schweiz. Zeitweise verweigerte er die Publikation seiner Texte in der Bundesrepublik Deutschland. Vom Schreiben konnte Améry jahrelang nur „eher schlecht denn recht“Andreas Dorschel: Der Geist ist stets gestört. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 129, 7. Juni 2004, S. 14. leben. Die Vermittlung des Radio-Essayisten des Süddeutschen Rundfunks, Helmut Heißenbüttel, verhalf ihm später zu erträglichem finanziellen Auskommen; bereits 1946 hatte Heinz Kühn ihm die Leitung der Abteilung „Künstlerisches Wort“ beim Nordwestdeutschen Rundfunk angeboten.
In Antwerpen hatte sich während der Kriegszeit unter anderem eine freundschaftliche Beziehung zu Maria Eschenauer-Leitner (* 20. März 1911 in Wien; † 2004) ergeben. Diese war katholisch, Tochter des Gemeindebeamten Georg Eschenauer und seiner Frau Maria, geb. Appel. Am 30. August 1936 hatte sie Dr. Rudolf Leitner geheiratet, der „mosaischen Glaubensbekenntnisses“ und als Handelsagent tätig war. Beide emigrierten 1938 nach Belgien und 1941 nach New York. Maria Eschenauer-Leitner half nach der Festnahme von Améry dessen Frau Regine Mayer unterzutauchen. In New York konnte sich Maria Eschenauer-Leitner eine gesicherte Existenz aufbauen, während ihr Mann aufgrund chronischer Depressionen nicht mehr handlungsfähig war. 1948 verließ sie ihren Mann zugunsten von Améry. Juristisch wirksam wurde sie von Leitner am 25. Januar 1955 in Wien geschieden. Im selben Jahr heirateten sie und Améry in Wien-Währing. Maria Améry wurde zur „grauen Eminenz“ seines Werkes. Sie ist mit Jean Améry auf dem Wiener Zentralfriedhof begraben.
1968 lernte Améry auf Vermittlung von Hedwig (Hety) Schmitt-Maaß (1918–1983)Zu der Frauenpolitikerin und Publizistin Hety Schmitt-Maaß vgl. Cornelia Röhlke: Schmitt-Maaß, Hedwig im Stadtlexikon Wiesbaden; Materialsammlung beim Virtuellen Stadtteilmuseum Wiesbaden-Klarenthal, beide abgerufen am 10. März 2025. die österreichisch-amerikanische Germanistin Mary Cox-Kitaj (1924–1997) kennen. Daraus ergab sich eine leidenschaftliche ménage à trois. Im Herbst 1970 ließ sich Cox-Kitaj mit ihren beiden Kindern Kathy und Paul in Brüssel nieder, vorgeblich um ihre Dissertation zu Ende zu schreiben. Aus der anfangs „glücklichen Leidenschaft“ resultierten gravierende Spannungen, als die Ehefrau Amérys 1973 aus der Dreierbeziehung ausgeschlossen wurde und er eine Exklusivbeziehung mit Mary Cox-Kitaj anstrebte.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 344f. Diese begleitete ihn auf seiner letzten Lesereise durch Deutschland. Diese Reise brach Améry in Marburg ab, da er Sehnsucht nach dem Salzkammergut hatte. Cox-Kitaj begleitete ihn angeblich noch bis an die Grenze von Österreich, er selbst reiste nach Salzburg weiter, wo er im Hotel „Österreichischer Hof“ abstieg.
Amérys Tod in Salzburg mini|hochkant|Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, Jean Améry Auschwitz Nr. 172364
Am 20. Februar 1974 hatte Améry in Brüssel erstmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Sein Freund Kurt Schindel fand ihn bereits im Koma liegend vor, er wurde aber in der Clinique Saint-Jean gerettet. In seinen Abschiedsbriefen gab er als Grund seines Suizidversuches an, wegen seiner Depressionen seinen Beruf als Schriftsteller nicht mehr ausüben zu können.Irene Heidelberger-Leonard, 2005, S. 291.
1978 vollzog Améry im Salzburger Hotel „Österreichischer Hof“ (heute Hotel Sacher Salzburg) mit einer Überdosis Schlaftabletten den Suizid. Er erhielt ein ehrenhalber gewidmetes Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 40, Nummer 132). In seinem zwei Jahre zuvor veröffentlichten Buch Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod hatte er geschrieben: Vgl. Améry 2012, S. 57.
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