mini|alt=Werner Heldt auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie im Viertelprofil. Er trägt ein weißes Hemd, einen marmorierten Pollunder und eine Krawatte. Die Haare sind in der Mitte gescheitelt, die Augen hell, das Kinn hat ein Grübchen.|Werner Heldt auf einem Passfoto (um 1925) Felix Martin Werner Heldt (* 17. November 1904 in Berlin-Mitte; † 3. Oktober 1954 in Sant’Angelo, Ischia) war ein deutscher Maler und Grafiker. Sein Werk umfasst über 700 Gemälde und Grafiken, hauptsächlich Kohle- und Tuschezeichnungen. Daneben schrieb er Gedichte, Essays und Prosatexte, die vorwiegend im Kontext seines bildnerischen Werks beachtet werden. Heldts Hauptwerk entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Er galt als wichtige Künstlerpersönlichkeit der Nachkriegszeit, insbesondere in der Berliner Kunstszene. Später nahm die öffentliche Wahrnehmung seines Werks ab.
Heldt ist bekannt für Stadtbilder seiner Heimatstadt Berlin, in denen menschenleere Straßen und einsame Gebäude eine Stimmung von Melancholie erzeugen. Das Sujet verknüpfte er mit Fensterbildern und bedeutungstragenden Stillleben. In diese Reihe gehört Fensterausblick mit totem Vogel, das als Schlüsselwerk Heldts nach seiner Kriegsgefangenschaft gilt. Mit dem Motiv Berlin am Meer schuf er ein Sinnbild der zerstörten Stadt nach dem Krieg. Massenszenen wie die oft publizierte Zeichnung Meeting (Aufmarsch der Nullen) entsprangen Heldts kritischer Beschäftigung mit dem Phänomen der Masse. In seinem Spätwerk bestimmen unter dem Einfluss des Kubismus geometrische Formen das Stadtbild, die Häuser wirken wie Kulissen und werden zu Fächern gereiht.
Leben
mini|alt=In einer bräunlich-bläulichen Nachtstimmung sind eine Straße mit Gaslaternen und Alleebäumen, dahinter eine Häuserfront, im Hintergrund eine Kirche und darüber ein Vollmond zu sehen.|Werner Heldt: Klosterstraße bei Gasbeleuchtung, 1928 (Seel 80)Die Nummern sind angegeben nach dem Werkverzeichnis von Eberhard Seel, veröffentlicht in: Wieland Schmied: Werner Heldt. Mit einem Werkkatalog von Eberhard Seel. DuMont, Köln 1976., Öl auf Leinwand. 60,5 × 100,5 cm, Privatsammlung
Heldt entstammte einer alten Berliner Familie; sein erster Berliner Vorfahr war bereits unter dem Großen Kurfürsten in die Stadt gekommen. Heldt war der dritte Sohn von Karl Martin Paul Heldt (1867–1933) und Friederike Lucie Heldt, geborene Weber (1873–1947). Der Vater war Pfarrer an der Berliner Parochialkirche. Im Pfarrhaus in der Klosterstraße lebte Heldt mit kurzen Unterbrechungen bis 1933. In seiner Jugend hatte er breit gefächerte künstlerische Interessen, schrieb literarische Texte, spielte Klavier, Orgel und Querflöte. Nach dem Abitur 1922 am Gymnasium zum Grauen KlosterThomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 10–12. besuchte er von 1925 bis 1926 die Kunstgewerbeschule in Berlin. Von 1926 bis 1930 studierte er an der Hochschule für die bildenden Künste in Charlottenburg. Er war in der Klasse von Maximilian Klewer, der allerdings wenig Einfluss auf Heldts Stil hatte.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 11.
Zu dieser Zeit lernte er den von ihm verehrten Heinrich Zille kennen. Die Freundschaft mit dem über 50 Jahre älteren Künstleroriginal währte bis zu dessen Tod. Heldt teilte mit Zille den Hang zum Milieu und verbrachte die Nächte in Kneipen. Der Hang zum Alkohol begleitete ihn zeit seines Lebens. Er war homosexuell, bemühte sich aber angesichts der elterlichen Moralvorstellungen um den Aufbau einer „normalen Existenz“. Seine Hoffnungen zerschlugen sich 1929, als seine Freundin „Lo“ bei einem Motorradunfall mit einem Nebenbuhler starb. Dieses Ereignis war ein Einschnitt im Leben des Fünfundzwanzigjährigen und beendete seine „glückliche Zeit“. Das Trauma der verlorenen Jugendliebe verfolgte ihn bis zu seinem Tod. Verweise auf sie durchziehen sein ganzes Werk. In knabenhafter Gestalt erscheint sie in seinen Bildern,Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 13–14. nach 1945 ist häufig der Schriftzug „Lo“ auszumachen.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 12. Heldt, der wegen seiner homosexuellen Veranlagung eine gesellschaftliche Stigmatisierung fürchtete, fühlte sich bestärkt in seiner Rolle als Außenseiter und Einzelgänger.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt. Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 31. Unter Schuldgefühlen und Depressionen leidend begab er sich in psychoanalytische Behandlung, die bis 1933 andauerte.
mini|links|hochkant|alt=In einer südlichen Landschaft führt eine rötliche Straße zwischen weißen und gelben Häusern hindurch. Im Himmel ballt sich eine dunkle Wolke.|Werner Heldt: Straße in Andraitx, um 1933/35 (Seel 255), Öl auf Leinwand, 70,5 × 61,4 cm, Galerie Brusberg Im Frühjahr 1933, kurz nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, verließ Heldt das Deutsche Reich, in dem er sich nicht mehr sicher fühlte. Er emigrierte nach Mallorca und ließ sich an der Westspitze der Insel in Andraitx sowie im nahen Hafen Porto de Andraitx nieder. Hier lebte er in ärmlichen Verhältnissen und isoliert. Nur mit dem örtlichen Pfarrer hatte er näheren Kontakt. Im Herbst 1933 starb sein Vater, ein Ereignis, das Heldt in eine schwere Krise stürzte. Unter Einsamkeit und Selbstvorwürfen leidend, weitete sich die geistige Lähmung auf seinen rechten Arm aus, eine psychosomatische Störung, die sich in späteren Lebensphasen wiederholte. Im Jahr 1935 konvertierte Heldt zum katholischen Glauben. Über die Hintergründe dieses für den Sohn eines protestantischen Pfarrers sehr prinzipiellen Schritts ist wenig bekannt.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 34–35. Der Faschismus holte Heldt auch in Mallorca ein. Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs wurde er 1936 abgeschoben und kehrte ins Dritte Reich zurück.Stephanie Tasch: Werner Heldt – Biographische Notizen. In: Julia M. Nauhaus: Werner Heldt: Berlin 1904–1954 Sant’Angelo, Ischia. Ausstellung vom 29. März bis 22. Juni 2014. Lindenau-Museum, Altenburg 2014, ISBN 978-3-86104-106-1, S. 105. In Berlin erhielt er ein Atelier in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße. Trotz der äußerlich günstigen Umstände und einiger Freundschaften, die er in der Ateliergemeinschaft schloss, so etwa mit Hermann Teuber, Hermann Blumenthal und seiner Frau Maria, Herbert Tucholski und besonders Werner Gilles, war Heldt in diesen Jahren kaum zur Arbeit imstande. Vor allem wegen seiner Homosexualität fürchtete er eine Verfolgung durch die Gestapo.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 39.
1940 wurde Heldt in die Wehrmacht einberufen und kam zur Flugabwehr nach Westeuropa. Aufzeichnungen aus dem Krieg schwankten zwischen Euphorie, Ängsten und Depressionen. Der Soldat wider Willen bemühte sich, im strengen Reglement nicht aufzufallen. Erst gegen Ende des Krieges begann er unter dem Bedürfnis, die verlorenen Lebensjahre aufzuholen, wieder zu schreiben und führte Tagebuch.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 40–46. Im Mai 1945 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft und kehrte nach der Freilassung nach Berlin zurück, wo er im Sowjetischen Sektor wohnte.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 49. Die ersten Nachkriegsjahre waren von Mangel und Krankheit bestimmt. In die Hoffnung, die Heldt mit der Befreiung vom Naziregime verknüpft hatte, mischten sich bald die alten Ängste und Depressionen. Ausbrüche der Schaffenskraft wechselten mit Phasen der Niedergeschlagenheit und Apathie.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 51–52. Heldt stand selbst kaum in der Öffentlichkeit, die Kontakte zur Kunstszene liefen über die Galerien Rosen und Bremer.Stephanie Tasch: Werner Heldt – Biographische Notizen. In: Julia M. Nauhaus: Werner Heldt: Berlin 1904–1954 Sant’Angelo, Ischia. Ausstellung vom 29. März bis 22. Juni 2014. Lindenau-Museum, Altenburg 2014, ISBN 978-3-86104-106-1, S. 107. Das Jahr 1947 endet mit zwei Schicksalsschlägen, die ihn an den Rand des Suizids trieben: Seine Mutter starb im Herbst, und Maria Blumenthal, eine Freundin aus der Ateliergemeinschaft, nahm sich das Leben.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 51–52. Ihre Annäherungsversuche waren von Heldt zuvor zurückgewiesen worden, der im Nachkriegsberlin seine Homosexualität auslebte, wie er in einem Brief an Werner Gilles beschrieb: „[I]ch habe die Jungens lieber als je und lebe und empfinde intensiver als ich glaubte zu verdienen.“ Ihr Tod riss alte Wunden der Erinnerung an seine Jugendfreundin auf.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt. Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 39. Im Frühling 1948, kurz vor Beginn der Berlin-Blockade, wechselte Heldt nach Berlin-Wilmersdorf in den Britischen Sektor, wo er zunächst als Untermieter bei dem Kunsthistoriker Fritz Hellwag wohnte. Der Umzug markierte für ihn einen zweiten Neubeginn, in dem er seine Depressionen vorübergehend überwinden konnte.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 51, 58–59.
mini|alt=Stlisiertes Aquarell einer Steilküste, die teils schwarz, teils rötlich mit uneinheitlichen Stilmitteln gestaltet ist. Auffällig ist ein großer schwarzer Kreis, in dessen Zentrum sich kleinere rote Kreise befinden.|Werner Heldt: Felslandschaft mit Küste, 1954 (Seel 794), Aquarell auf Papier. 38 × 58 cm, Neue Nationalgalerie
In den 1950er Jahren war Heldt oft krank, hatte Lähmungserscheinungen und geriet immer tiefer in den Teufelskreis aus Einsamkeit, Schuldgefühlen und Alkohol. Er trieb sich in den Berliner Straßen umher und hatte laut seinem Freund Eberhard Seel, der später seinen Nachlass verwaltete, viele falsche Freunde, die sich mit ihm schmückten, da er stets vornehm und amüsant aufgetreten sei. Um den Jahreswechsel 1953/54 baute er körperlich stark ab. Er brauchte medizinische Hilfe und wohnte vorübergehend bei Seel. Drei Träume, die er im Sommer 1954 niederschrieb, wurden zu einer Abrechnung mit seinem Glauben, der ihm keinen Halt mehr geben konnte, und der Erziehung durch seinen Vater, auf die er seine lebenslangen Schuldgefühle zurückführte. Auf Drängen seiner Freunde reiste Heldt im Sommer 1954 zu Werner Gilles nach Ischia in der Hoffnung, auf der Insel Ruhe zu finden. Verfolgt von Todesahnungen erlag er am 3. Oktober 1954 nach einer durchzechten Nacht einem Schlaganfall.Thomas Föhl: Biografie. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 60–63. Sein Grab befindet sich in Sant’Angelo, Ischia.
Werk