mini|hochkant=1.2|March of Progress („Fortschrittsmarsch“): Populäre Darstellung von Veränderungen des Körperbaus im Verlauf der Hominisation mini|Ursprung für alle späteren Reihungen war diese Zeichnung von Gibbon, Orang-Utan, Schimpanse, Gorilla und Mensch in Evidence as to Man’s Place in Nature (1863) von Thomas Henry Huxley
Als Hominisation (auch Anthropogenese, selten Anthropogenie) wird die evolutive Herausbildung des Merkmalsgefüges bezeichnet, das für den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) charakteristisch ist.
Im Verlauf der Hominisation haben sich sowohl seine körperlichen Eigenschaften als auch seine geistigen Fähigkeiten herausgebildet. Hierzu gehören insbesondere der aufrechte Gang, das Gebiss mit verkürztem, parabolischem Zahnbogen und kleinen Eckzähnen sowie der späte Eintritt der Geschlechtsreife; ferner die Vergrößerung des Gehirns und die hiermit verbundenen kulturellen und sozialen Fähigkeiten, die heute lebende Menschen und deren Vorfahren von den anderen Menschenaffen unterscheiden.
Anhand von Fossilfunden und molekularbiologischen Datierungen wird der Beginn der Hominisation in die Zeit vor 7 bis 5 Millionen Jahren datiert, als sich die Entwicklungslinie der Schimpansen von der zum Menschen führenden Entwicklungslinie der Hominini trennte.
Auch in der Gegenwart ist die Evolution des Menschen nicht zum Stillstand gekommen.Melinda C. Mills und Iain Mathieson: The challenge of detecting recent natural selection in human populations. In: PNAS. Band 119, Nr. 15, März 2022, e2203237119, doi:10.1073/pnas.2203237119 (freier Volltext).John Hawks et al.: Recent acceleration of human adaptive evolution. In: PNAS. Band 104, Nr. 52, 2007, S. 20753–20758, doi:10.1073/pnas.0707650104.Stephen C. Stearns et al.: Measuring selection in contemporary human populations. In: Nature Reviews Genetics. Band 11, 2010, S. 611–622, doi:10.1038/nrg2831.Emmanuel Milot et al.: Evidence for evolution in response to natural selection in a contemporary human population. In: PNAS. Band 108, Nr. 41, 2011, S. 17040–17045, doi:10.1073/pnas.1104210108. Jaleal S. Sanjak et al.: Evidence of directional and stabilizing selection in contemporary humans. In: PNAS. Band 115, Nr. 1, 2018, S. 151–156, doi:10.1073/pnas.1707227114.Katherine M. Kirk et al.: Natural selection and quantitative genetics of life-history traits in western women: a twin study. In: Evolution. Band 55, Nr. 2, 2001, S. 423–435, doi:10.1111/j.0014-3820.2001.tb01304.x.Alexandre Courtiol et al.: Natural and sexual selection in a monogamous historical human population. In: PNAS. Band 109, Nr. 21, 2012, S. 8044–8049, doi:10.1073/pnas.1118174109.Alexandre Courtiol et al.: The Demographic Transition Influences Variance in Fitness and Selection on Height and BMI in Rural Gambia. In: Current Biology. Band 23, Nr. 10, 2013, S. 884–889, doi:10.1016/j.cub.2013.04.006.Sandra Wild et al.: Direct evidence for positive selection of skin, hair, and eye pigmentation in Europeans during the last 5,000 y. In: PNAS. Band 111, Nr. 13, 2014, S. 4832–4837, doi:10.1073/pnas.1316513111.Starke positive Selektion hat Aussehen der Europäer in den letzten 5.000 Jahren verändert. Auf: idw-online.de vom 10. März 2014. Humans are still evolving – and we can watch it happen. Auf: sciencemag.org vom 17. Mai 2016.
Anatomische Besonderheiten und Verhalten Die folgenden Merkmale unterscheiden, dem US-amerikanischen Anatomen C. Owen Lovejoy zufolge, den anatomisch modernen Menschen (den Homo sapiens) von den anderen Arten der Menschenaffen: der aufrechte Gang, ein großer Neocortex (ein Bereich der Großhirnrinde), verkleinerte Schneidezähne und Eckzähne, ein einzigartiges sexuelles und reproduktives Verhalten sowie materielle Kultur.C. Owen Lovejoy: The Origin of Man. In: Science. Band 211, 1981, S. 341–350, doi:10.1126/science.211.4480.341 – „Five characters separate man from other hominoids – a large neocortex, bipedality, reduced anterior dentition with molar dominance, material culture, and unique sexual and reproductive behavior.“ Chris Stringer verwies ferner auf einen großen, rundlichen Schädel (bedingt durch das stark gewölbte Scheitelbein), allenfalls sehr kleine Überaugenwülste und einen Knochenvorsprung (das Kinn) am Unterkiefer.Chris Stringer: Evolution: What makes a modern human. In: Nature. Band 485, 2012, S. 33–35, doi:10.1038/485033a.
Leslie Aiello nannte 2014 folgende Merkmale: „großer, gradliniger Oberkörper, verlängerte Beine, großes Gehirn, verringerter Sexualdimorphismus, verstärkter Fleischkonsum, einzigartige Merkmale der Lebensgeschichte (z. B. verlängerte Embryonal- und Fötalphase sowie Langlebigkeit), ferner Herstellung von Werkzeugen und gesteigerte soziale Kooperation.“wörtlich: „large, linear bodies, elongated legs, large brain sizes, reduced sexual dimorphism, increased carnivory, and unique life history traits (e.g., extended ontogeny and longevity) as well as toolmaking and increased social cooperation.“ Zitiert aus: Susan C. Antón, Richard Potts und Leslie C. Aiello: Evolution of early Homo: An integrated biological perspective. In: Science. Band 345, Nr. 6192, 2014, doi:10.1126/science.1236828. Große genetische und morphologische Unterschiede im Vergleich mit Schimpansen weist ferner die Haut auf.Nina G. Jablonski: Human Skin Pigmentation as an Example of Adaptive Evolution. In: Proceedings of the American Philosophical Society. Band 156, Nr. 1, 2012, S. 45–57,
Eines der ältesten menschenähnlichen anatomischen Merkmale ist die Gestalt des Amboss im Mittelohr, die bereits für Australopithecus africanus und Paranthropus robustus belegt ist und sich vermutlich schon bei deren letztem gemeinsamen Vorfahren von der Gestalt des Amboss bei den Schimpansen unterschied.Rolf M. Quam et al.: Early hominin auditory ossicles from South Africa. In: PNAS. Band 110, Nr. 22, 2013, S. 8847–8851, doi:10.1073/pnas.1303375110. Die Brustwirbelsäule bestand bereits beim 3,3 Millionen Jahre alten Fossil DIK 1-1, einem jugendlichen Australopithecus afarensis, wie bei den meisten späteren Hominini aus 12 Wirbeln und nicht, wie bei den meisten Schimpansen, aus 13 Wirbeln.Carol V. Warda et al.: Thoracic vertebral count and thoracolumbar transition in Australopithecus afarensis. In: PNAS. Band 114, Nr. 23, 2017, S. 6000–6004, doi:10.1073/pnas.1702229114.
Ein Vergleich von Skelettfunden des frühen Homo aus unterschiedlichen Regionen Afrikas und Georgiens – ohne Berücksichtigung ihrer Zuordnung zu bestimmten Arten – ergab Hinweise auf erhebliche regionale Größen- und Gewichtsunterschiede (siehe Tabelle).Manuel Will und Jay T. Stock: Spatial and temporal variation of body size among early Homo. In: Journal of Human Evolution. Band 82, 2015, S. 15–33, doi:10.1016/j.jhevol.2015.02.009.
Fundort und Alter Körpergröße Körpergewicht Koobi Fora, jünger als 1,7 mya 157 – 178 cm 60 – 81 kg Südafrikanische Höhlen, 1,8 bis 1,4 mya 136 – 159 cm 32 – 62 kg Olduvai-Schlucht, 1,75 mya 134 – 162 cm 38 – 65 kg Dmanissi, 1,8 mya 147 – 153 cm 46 – 53 kg Koobi Fora, älter als 1,8 mya 148 – 168 cm 39 – 68 kg
Ungeklärt ist bislang die Frage, warum sich die zum Menschen führende Entwicklungslinie von jener getrennt hat, die zu den Schimpansen führte. Der polnische Humanbiologe Bogusław Pawłowski bezeichnete dies als „eines der größten Rätsel der menschlichen Evolution“.Bogusław Pawłowski: Putative Selection Pressures Acting on the Early Hominins. In: Winfried Henke, Ian Tattersall (Hrsg.): Handbook of Palaeoanthropology. Band 3, Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2007, ISBN 978-3-540-32474-4, Kapitel 3, S. 1410–1440.
Aufrechter Gang mini|Fußspuren im Vergleich: die grünen Linien verbinden Punkte gleicher Druckbelastung.links: Australopithecus (3,6 Mio. Jahre alt)Mitte: Homo erectus (1,5 Mio. Jahre alt)rechts: anatomisch moderner Mensch
Anhand der Skelettmerkmale zahlreicher Fossilfunde wurde belegt, dass sich der aufrechte Gang (Bipedie) in der Familie der Menschenaffen deutlich früher entwickelte als die starke Vergrößerung des Gehirns.Zur Übersicht siehe: W. E. H. Harcourt-Smith, Leslie C. Aiello: Fossils, feet and the evolution of human bipedal locomotion. In: Journal of Anatomy. Band 204, Nr. 5, 2004, S. 403–416, doi:10.1111/j.0021-8782.2004.00296.x, . C. Owen Lovejoy bezeichnete 1988 den Übergang zum zweibeinigen Gang als die augenfälligste Veränderung der Anatomie, die man in der gesamten Evolutionsbiologie bisher nachgewiesen habe.C. Owen Lovejoy: Evolution of Human Walking. In: Scientific American. November 1988, S. 118–125. Als wahrscheinlich gilt jedoch ebenfalls, dass sich der aufrechte Gang mehrfach unabhängig voneinander im Formenkreis der Menschenaffen entwickelt hat und daher nicht alle Fossilfunde von zumindest zeitweise aufrecht gehenden, menschenaffen-ähnlichen Individuen zur Vorfahrenreihe des Menschen gehören.The Transforming Leap, from Four Legs to Two. Auf dem Webserver des Public Broadcasting Service, Stand: September 1995.
Möglich war diese Entwicklung, weil bereits im mittleren Miozän – vor rund 10 Millionen Jahren – bei den Vorfahren der Menschenaffen die zuvor arborikal-quadrupede (vorwärts geneigt und vierbeinig über Ästen schreitende) Fortbewegungsweise in eine suspensorische (unter den Ästen hangelnde) Fortbewegungsweise übergegangen war, was eine allmählich fortschreitende Umgestaltung von Armen, Beinen und Rumpfskelett zur Voraussetzung hatte. Diese Umgestaltung, die bei vielen Primaten-Arten des Miozäns nachweisbar ist, gilt wiederum als bedeutende Voranpassung für den späteren Übergang zu einer bodenlebenden, zweibeinig-aufrechten Fortbewegungsweise.Winfried Henke, Hartmut Rothe: Stammesgeschichte des Menschen. Springer Verlag, Berlin 1999, S. 55. Die markantesten Veränderungen am Fuß betrafen Bau und Zusammenspiel der Zehen- und Mittelfußknochen, die ursprünglich ein Greiforgan waren.Peter J. Fernández, Carrie S. Mongle, Louise Leakey et al.: Evolution and function of the hominin forefoot. In: PNAS. Band 115, Nr. 35, 2028, S. 8746–8751, doi:10.1073/pnas.1800818115. Merkmale des Innenohrs von Lufengpithecus (L. lufengensis) – eines frühen Menschenaffen – wurden 2024 ebenfalls als Beleg dafür interpretiert, dass die letzten gemeinsamen Vorfahren der heute lebenden Menschenaffen vor rund 8 Millionen Jahren sowohl in Bäumen umherklettern als auch sich – an den Armen unterhalb von Ästen hängend – hangelnd fortbewegen konnten, zudem zweibeinig in Bäumen stehen und zumindest zeitweise sich vierbeinig auf dem Boden fortbewegen konnten.Yinan Zhang et al.: Lufengpithecus inner ear provides evidence of a common locomotor repertoire ancestral to human bipedalism. In: The Innovation. Onlineveröffentlichung vom 14. Februar 2024, doi:10.1016/j.xinn.2024.100580.How did humans learn to walk? New evolutionary study offers an earful. Auf: eurekalert.org vom 29. Januar 2024.