Das Zervixkarzinom (), auch Kollumkarzinom (von ) oder Gebärmutterhalskrebs genannt, ist ein bösartiger (maligner) Tumor des Gebärmutterhalses (Cervix uteri). Es ist weltweit der vierthäufigste bösartige Tumor bei Frauen. Histologisch handelt es sich in der Mehrheit der Fälle um ein Plattenepithelkarzinom. Die häufigste Ursache für ein Zervixkarzinom ist eine Infektion mit bestimmten Typen des humanen Papillomvirus (HPV). Das Zervixkarzinom verursacht zunächst keine Schmerzen, nur gelegentlich treten leichte Schmierblutungen auf. Erst wenn der Tumor größer wird und mit Geschwürbildung zerfällt, kommt es zu fleischwasserfarbigem, süßlich riechendem Scheidenausfluss. Im Frühstadium ist die vollständige Entfernung der Veränderung durch eine Konisation ausreichend. Im fortgeschrittenen Stadium wird die Entfernung der ganzen Gebärmutter mit umliegendem Gewebe und manchmal auch weiterer Organe notwendig. Eine Untersuchung zur Früherkennung ist der Pap-Test. Eine Impfung mit einem HPV-Impfstoff verhindert eine Infektion durch die zwei häufigsten Hochrisiko-HPV-Typen und verringert damit das Risiko der Entstehung eines Zervixkarzinoms.F. Marra, K. Cloutier u. a.: Effectiveness and cost effectiveness of human papillomavirus vaccine: a systematic review. In: Pharmacoeconomics. Band 27, Nummer 2, 2009, S. 127–147, . PMID 19254046. (Review).
Epidemiologie Das Zervixkarzinom ist weltweit der vierthäufigste bösartige Tumor bei Frauen und der siebthäufigste insgesamt. Im Jahr 2012 erkrankten weltweit 528.000 Frauen, etwa 266.000 starben daran.Cancer Incidence and Mortality Worldwide in 2012 Abgerufen am 22. August 2014. In der weltweiten Todesursachenstatistik 2005 der gynäkologischen Malignome steht besonders das in das umgebende Gewebe hineinwuchernde (invasive) Zervixkarzinom damit auf Rang eins, mit einer Sterblichkeit (Letalität) von über 60 Prozent.M. Streich: Das Zervixkarzinom: praxisrelevante Aspekte. Prävention, Diagnostik, Therapie. In: Der Gynäkologe. Band 6, 2005, S, 23–25
Häufigkeit Die Häufigkeit (Inzidenz) beim Gebärmutterhalskrebs unterscheidet sich weltweit erheblich. Sie lag beispielsweise 2002 in Finnland bei 3,6 und in Kolumbien bei jährlich 45 Neuerkrankungen pro 100.000 Frauen. In Deutschland lag sie 1979 bei noch circa 35, sank 2002 dann auf 13,3 undM. W. Beckmann, G. Mehlhorn u. a.: Therapiefortschritte beim primären Zervixkarzinom (PDF; 406 kB). In: Dtsch Arztebl. Band 102, 2005, A-979 bis 2019 auf 9,2.
Früher der häufigste Genitalkrebs der Frau, konnte durch Früherkennungsuntersuchungen und HPV-Impfungen bis 2008 die Häufigkeit in Mitteleuropa auf zirka 25 Prozent aller Genitalkarzinome gesenkt werden. Entsprechend zeigt die Häufigkeit zervikaler Krebsvorstufen eine steigende Tendenz, sie liegt etwa beim 50- bis 100-fachen der Inzidenz invasiver Zervixkarzinome.
2019 erkrankten in Deutschland circa 4.575 Frauen neu an einem Zervixkarzinom. Nach Stand 2022 sterben jährlich etwa 1.600 daran, 30 Jahre vorher waren es noch mehr als doppelt soviele; die 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit nach der Diagnose eines invasiven Gebärmutterhalstumors liegt bei 65 %.
Eine bevölkerungsbezogene Analyse der englischen Mortalitätsdaten von 2001 bis 2024 zeigte bei jungen Frauen in den vom nationalen HPV-Impfprogramm erfassten Geburtsjahrgängen einen starken Rückgang der Zervixkarzinomsterblichkeit.Sasieni, P., & Falcaro, M. (2026). Cervical cancer mortality trends following HPV vaccination in England, 2001–24: An analysis of population-based mortality data. The Lancet. Advance online publication. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(26)00918-9 Unter den 20- bis 24-jährigen Frauen wurden 2020 bis 2024 bei einer Impfquote von etwa 88 bis 90 Prozent im Alter von 12 bis 13 Jahren keine Todesfälle registriert; auf Grundlage der Sterblichkeit von 2000 bis 2014 wären 23,1 Todesfälle zu erwarten gewesen. Bei den 25- bis 29-jährigen Frauen lag die Sterblichkeit 2020 bis 2024 um 69 Prozent niedriger als im Zeitraum 2000 bis 2014. Für die Zeit bis Ende 2024 schätzte die Studie die Zahl der durch das Impfprogramm vermiedenen Todesfälle infolge eines Zervixkarzinoms auf rund 200. Das Ausbleiben von Todesfällen bei den 20- bis 24-Jährigen gilt angesichts der generell sehr niedrigen Sterblichkeit in dieser Altersgruppe jedoch als wahrscheinlich zufallsbedingt und nicht als Beleg für eine vollständige Eliminierung dieser Todesursache.
Erkennungsalter Das Zervixkarzinom wird am häufigsten im Alter von 45 bis 55 Jahren diagnostiziert, Vorstufen können schon bei 20- bis 30-jährigen Patientinnen auftreten. Das mittlere Alter bei der Erstdiagnose des Zervixkarzinoms sank in den letzten 25 Jahren um 14 Jahre und liegt derzeit bei etwa 52 Jahren. In der Altersverteilung findet man einen Gipfel zwischen dem 35. und 54. Lebensjahr sowie einen weiteren Anstieg ab dem 65. Lebensjahr. 2003 zeigte die Erkrankungshäufigkeit eine veränderte Altersverteilung, weil die Diagnose deutlich häufiger bei Frauen in einem Alter zwischen 25 und 35 Jahren gestellt wurde als bei Frauen, die über 65 Jahre alt waren. Die Erkrankung kann auch in der Schwangerschaft auftreten. Die Häufigkeit beträgt hier 1,2 pro 10.000 Schwangerschaften.
Ursachen Etwa 97 % der Gebärmutterhalskarzinome sind assoziiert mit dem humanen Papillomvirus (HPV). Eine Infektion mit den HP-Viren Typ 16 und Typ 18 liegt dabei am häufigsten vor. (s.S3 Leitlinie Zervixkarzinom von 2014)
Weitere Faktoren wie Rauchen, genitale Infektionen, die Langzeiteinnahme von oralen Kontrazeptiva,J. S. Smith, J. Green u. a.: Cervical cancer and use of hormonal contraceptives: a systematic review. In: Lancet. Band 361, Nummer 9364, April 2003, S. 1159–1167, . PMID 12686037. (Review).International Collaboration of Epidemiological Studies of Cervical Cancer: Cervical cancer and hormonal contraceptives: collaborative reanalysis of individual data for 16,573 women with cervical cancer and 35,509 women without cervical cancer from 24 epidemiological studies. In: Lancet. Band 370, Nummer 9599, November 2007, S. 1609–1621, . doi:10.1016/S0140-6736(07)61684-5. PMID 17993361. (Review). eine hohe Zahl an vorangegangenen Geburten (hohe Parität) sowie die Suppression des Immunsystems stehen in der Diskussion, bei Hochrisiko-HPV-Infektionen die Krebsentstehung zu fördern. der Deutschen Krebsgesellschaft e. V. und der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und GeburtshilfeA. Berrington de González, S. Sweetland, J. Green: Comparison of risk factors for squamous cell and adenocarcinomas of the cervix: a meta-analysis. In: British Journal of Cancer. Band 90, Nummer 9, Mai 2004, S. 1787–1791, . doi:10.1038/sj.bjc.6601764. PMID 15150591. . Weitere prädisponierende Faktoren sind unter anderem der frühzeitige Beginn des Sexualverkehrs, hohe Promiskuität sowie mangelnde Sexualhygiene beider Partner und niedriger sozialer Status. Genetische Faktoren können ebenfalls einen Risikobeitrag leisten.D. Ramachandran, T. Dörk: Genomic risk factors for cervical cancer. In: Cancers. Band 13, Nummer 20, October 2021, S. 5137. PMID 34680286. (Review).
Bekannt sind aber auch einige Erkrankungen bei teilweise sehr jungen Frauen ohne erkennbare Risikofaktoren. Eine der ersten wurde bereits 1887 beschrieben.C. T. Eckardt: Ein Fall von Cervixcarcinom bei einer neunzehnjährigen Jungfrau. In: Arch Gynecol Obstet. Band 30, 1887, S. 471–478, doi:10.1007/BF01976292 Durch Intrauterinpessare wird das Risiko für Gebärmutterhalskrebs nach einer großen Metaanalyse aus dem Jahr 2011 nicht erhöht, sondern verringert.X. Castellsagué, M. Díaz u. a.: Intrauterine device use, cervical infection with human papillomavirus, and risk of cervical cancer: a pooled analysis of 26 epidemiological studies. In: The Lancet Oncology. Band 12, Nummer 11, Oktober 2011, S. 1023–1031, . doi:10.1016/S1470-2045(11)70223-6. PMID 21917519.
HPV-Infektion mini|HPV im Elektronenmikroskop
Die auch Kondyloma-Viren genannten Erreger wurden früher zur Familie der Papovaviridae gezählt. Es sind kugelförmige, unbehüllte, doppelsträngige DNA-Viren (dsDNA; aus der Gruppe der Papillomaviridae), von denen insgesamt zirka 200 verschiedene Typen bekannt sind. Die meisten davon sind für den Menschen relativ harmlos, können aber unangenehme Feigwarzen im Genitalbereich verursachen. Die Typen 16 und 18 können bei 70 Prozent der Zervixkarzinome, der zervikalen intraepithelialen Neoplasien und den Adenokarzinomen in situ nachgewiesen werden. Außerdem treten sie auch häufig beim Analkarzinom auf. Die Typen 6 und 11 sind für eher gutartige (d. h. nicht metastasierende oder invasiv wachsende) Tumoren wie Genitalwarzen verantwortlich und finden sich auch bei anderen Tumoren, wie z. B. bei Papillomen im Oropharynx. Außer diesen wurden aber bereits noch mindestens 18 weitere HP-Virentypen in Gebärmutterhalstumoren entdeckt. Nach dem heutigen Wissensstand kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch andere Typen krankheitserregend (pathogen) sind.
Für alle genannten HP-Virenarten ist im Gegensatz zum Beispiel zu den Influenza-Viren allein der Mensch der Haupt- oder Reservoirwirt. Die Viren haben sich dem menschlichen Organismus angepasst. Eine Schädigung ihres Reservoirwirts hat für sie keinen vorteilhaften Effekt, da sie ja zur eigenen Vermehrung auf diesen angewiesen sind. Die dennoch von diesen Viren beim Reservoirwirt ausgelösten Gebärmutterhalskarzinome sind letztlich nur Nebeneffekte der Infektion.
Die Infektion mit diesen Viren findet meist im Jugendalter durch Kontaktinfektion beziehungsweise Schmierinfektion bei den ersten Sexualkontakten statt. Anschließend können diese Viren jahrelang inaktiv bleiben.
Allerdings ist auch ohne Sexualkontakt eine Infektion möglich, beispielsweise während der Geburt. Hier kann es beim Säugling sehr selten durch die HPV-Typen 6 und 11 zu Wucherungen (Larynxpapillome) am Kehlkopf kommen.M. Hüsler, U. Lauper: Infektprophylaxe in der Schwangerschaft In: Gynäkologie. Band 5, 2006, S. 6–12. Eine Übertragung anderer HPV-Typen auf diesem Weg scheint möglich. Eine Übertragung durch anderen Körperkontakt, wie zwischen Händen und Genitalien, scheint ebenfalls möglich.C. Sonnex, S. Strauss, J. J. Gray: Detection of human papillomavirus DNA on the fingers of patients with genital warts. In: Sexually transmitted infections. Band 75, Nummer 5, Oktober 1999, S. 317–319, . PMID 10616355. . Andere Übertragungswege, wie über Schwimmbäder oder kontaminierte Toiletten, werden diskutiert, konnten aber bislang nicht nachgewiesen werden.
Wenn es den Viren gelungen ist, in die Basalzellen (in tiefen Zellschichten von Epithelien auf oder in der Nähe der Basalmembran liegende Zellen) des Gebärmutterhalses einzudringen, bringen sie diese dazu, ihr Virenerbgut herzustellen, was sie – wie alle Viren – selbst nicht können. Die Zellen müssen daher auch zur Teilung angeregt bzw. im Teilungszustand gehalten werden, damit sie das Virenerbgut herstellen können. Und genau bei diesem Vorgang treten folgende Fehler auf: Die Erregerviren schalten die Kontrollmoleküle der Gebärmutterhalszellen aus, die gewöhnlich eine Zellteilung begrenzen bzw. bei einem fehlerhaften Teilungsvorgang die Zelle in den programmierten Zelltod (Apoptose) schicken können (p53 und pRB). Die Tumorbildung setzt noch zusätzlich den Einbau des Virusgenoms in das Genom der Wirtszelle voraus. Dieser Vorgang ereignet sich spontan (zufällig), er ist nicht enzymatisch gesteuert. Dies allein genügt in der Regel noch nicht für die Tumorbildung, begünstigt aber weitere Schädigungen, die letztlich zur Tumorbildung führen. Sobald die Tumorzellen die Basalmembran durchbrochen haben, können sie mit dem Blut oder der Lymphflüssigkeit in andere Körperregionen gelangen, sich dort vermehren und dadurch sogenannte Tochtergeschwülste (Metastasen) erzeugen.
Meistens erkennt ein gesundes und abwehrstarkes Immunsystem derartig veränderte Zellen und tötet sie ab. Etwa 70 Prozent der infizierten Patientinnen haben nach zwei Jahren das jeweilige Virus eliminiert.