Böckingen ist mit über 23.000 Einwohnern der nach der Kernstadt größte und älteste Stadtteil von Heilbronn. Der Ort liegt am linken Ufer des Neckars, südwestlich der Heilbronner Kernstadt. Böckingen gehörte bereits vom 14. bis 19. Jahrhundert als reichsstädtisches Dorf zur Reichsstadt Heilbronn, besaß jedoch vom 4. Dezember 1919 bis zur Eingemeindung nach Heilbronn am 1. Juni 1933 auch selbst das Stadtrecht.

Geographie mini|hochkant=1.3|Heilbronn-Böckingen, südlicher Ortsteil mit alter Ortsmitte von Osten aus gesehen Böckingen liegt am linken Ufer des Neckars südwestlich der Heilbronner Kernstadt. Die umliegenden Orte sind im Uhrzeigersinn Heilbronn, Sontheim, Horkheim, Klingenberg, Leingarten, Frankenbach und Neckargartach, mit Ausnahme von Leingarten allesamt Stadtteile von Heilbronn.

Die historische Ortsmitte von Böckingen befindet sich im Süden der besiedelten Fläche, in etwa auf Höhe des Abzweigs des Neckarkanals vom Neckar-Altarm. Der Ort hat sich in jüngerer Zeit durch Gewerbegebiete und Neubausiedlungen wie die Wohngebiete Haselter, Kreuzgrund, Längelter, Schollenhalde und Schanz stark nach Norden und Westen ausgedehnt, aber auch nach Südwesten, wie die Wohngebiete Jockele und Kappelfeldle. Nicht offiziell, aber geläufig ist zudem die Gliederung des Stadtteiles in die zwei Teile Alt- und Neu-Böckingen, die durch die Bahngleise der S4, ein angrenzendes Kleingartenareal sowie den Rangierbahnhof getrennt sind.

Bis ins 14. Jahrhundert lag Böckingen direkt am Ufer des Neckar-Hauptstromes. Bei einem Hochwasser im Jahr 1333 bahnte sich der Hauptstrom weiter östlich einen neuen Weg, den heutigen Neckar-Altarm. Der teilweise trocken gefallene frühere Flusslauf bildete den Böckinger See, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weiter trockengelegt und nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Trümmern des fast vollständig zerstörten Ortes vollends zugeschüttet wurde. Vom See zeugt heute nur noch die Seestraße. Auch der Utznamen „Seeräuber“ der Böckinger Bevölkerung geht darauf zurück.

Geschichte Frühe Besiedlung mini|hochkant=0.7|Grundriss des Böckinger Kastells nach Grabungen im späten 19. Jahrhundert mini|hochkant=0.7|In Böckingen gefundene Alamannische Reiterfibel aus dem 5. Jahrhundert

Erste Besiedlungsspuren in Böckingen datieren um 4000 v. Chr. Die fruchtbaren Neckarauen mögen Anlass zur Besiedlung gegeben haben.

Um 85/90 n. Chr. errichteten die Römer bei Böckingen das zum Neckar-Odenwald-Limes gehörende Kastell Heilbronn-Böckingen, welches 1886 erstmals genau lokalisiert und später durch Ausgrabungen nachgewiesen werden konnte. 1677 wurde in Hetensbach am „Guckulimoor“ ein römischer Altarstein gefunden, der folgende Inschrift trägt: CAMPESTRIB[VS] / EX VOTO / C[AIVS] SANCTINVS / GAI FIL[IVS] QVIR[INA] / AETERNVS PR[AEPOSITVS] oder PR[AEFECTVS]. Übersetzt heißt die Inschrift: Den Göttinnen des Exerzierplatzes gemäß seinem Gelübde Gaius Sanctinius Aeternus, Sohn des Gaius aus der Quirinischen Tribus, Befehlshaber. Damit wurden die matres campestres die Schutzgöttinnen der Auxiliarreiter verehrt. Campestres stammt von campus ab und bezeichnet den Exerzierplatz im Truppenlager. Publius Nasellius Proclianus, Centurio der 8. Augustinischen Legion, Befehlshaber der 1. Kohorte der Helvetier ließ in Böckingen drei Altarsteine aufstellen, wovon der Altarstein für Mithras beim Sonnenbrunnen gefunden worden ist. Die beiden anderen, den Altarstein für die Rücksicht nehmenden Fortuna und dem Phytischen Apollo wurden nicht mehr gefunden. Andere römische Inschriftensteine befinden sich heute im Antiquarium in Stuttgart. Die Untersuchung der Römeranlagen in Böckingen geht bis auf das späte 19. Jahrhundert zurück. Am 14. Oktober 1897 begann der Streckenkommissär für die Limesforschung Major a. D. Steimle nach dem castrum auf der Gemarkung von Böckingen zu graben. Ort seiner Grabungen waren dabei die Sumpf- und Steinäcker Böckingens.

In nachrömischer Zeit gehörte Böckingen zunächst zum alemannischen Siedlungsbereich. Der Name des Ortes lautet in den ältesten Urkunden Backingen bzw. Beckingen und geht vermutlich auf einen alemannischen Stammesfürst Baco zurück. Alamannische Gräber des 4. und 5. Jahrhunderts wurden südlich und südwestlich des römischen Kastells und damit im Norden von Böckingen gefunden. In den Jahren 1950, 1960 und 1961 wurden durch Bauarbeiten am Forchenweg vier alamannische Gräber entdeckt. In zwei reich ausgestatteten Frauengräbern befanden sich zum Beispiel eine Reiterfibel und eine Bronzeschnalle bzw. eine Gewandspange mit einem gehörnten Tierkopf am Ende des Fibelfußes. Bereits im Jahre 1895 fand man beim Bau des Rangierbahnhofes in den Klammenäckern ein fränkisch-alamannische Reihengräberfeld mit reichen Beigaben. Unter den Waffen befanden sich zum Beispiel Lanze, Schildbuckel und damaszierte Spatha, die wohl in Privatsammlungen oder in den Kunsthandel gelangten.Ursula Koch: Alamannen in Heilbronn: Archäologische Funde des 4. und 5. Jahrhunderts. 1993, S. 12–14. Die Gräber gehörten in Böckingen zu zwei Höfen, die sich nördlich des Sonnenbrunnen-Baches am Heidenrain und weiter im Süden auf den Klammenäckern befanden.

Nach der Niederlage der Alamannen gegen die Franken im Jahr 496 kam das Gebiet im Zuge der fränkischen Landnahme in deren Besitz. Auf der Flur Zigeunerstock im Süden von Böckingen, weiterhin in der Klingenberger Straße über die Flur Haggassengärten und auf der Schollenhalde wurde fränkische Reihengräber gefunden. In einem 75 × 80 Meter großen Reihengräberfeld am Zigeunerstock aus dem 6. bzw. 7. Jahrhundert wurden 160 Bestattungen gezählt, wobei 119 Grabbeigaben aus 47 Gräbern sichergestellt wurden.

Erste Erwähnung mini|Erstmalige Erwähnung Böckingens im Lorscher Codex in einer Schenkungsurkunde von 767

Die erste Erwähnung des Ortes erfolgt im Lorscher Codex in einer Schenkungsurkunde vom 25. Juli 767. Neben Böckingen werden in dieser Urkunde auch Frankenbach, Schluchtern und Biberach genannt, außerdem werden Weingärten im Bereich der verschenkten Ländereien erwähnt. Insgesamt wird Böckingen im Lorscher Codex acht Mal in Urkunden des 8. und 9. Jahrhunderts genannt,Ortsliste zum Lorscher Codex, Böckingen, Archivum Laureshamense – digital, Universitätsbibliothek Heidelberg. dabei wird auch schon eine Kirche erwähnt: 795 verschenkte Morlach, vermutlich ein Gaugraf des Kochergaus, eine Basilika in Böckingen.

Im frühen Mittelalter gehörten zur Markung von Böckingen außer dem eigentlichen Dorf auch das um 1400 abgetrennte Dorf Klingenberg, das im 8. Jahrhundert urkundlich erwähnte und spätestens 1496 abgegangene Dorf Hetensbach bzw. Hetenesbach oder Heitingesbach sowie der Ort Rühlingshausen,Werner Heim: Die Ortswüstungen des Kreises Heilbronn. In: Jahrbuch des Histor. Vereins Heilbronn. 22, 1957, S. 65 ff. auf den heute lediglich ein Flurname 3,2 km im Südwesten bei Klingenberg noch hinweist.

1140 wird im Hirsauer Codex erstmals das Geschlecht der Herren von Böckingen erwähnt, die aufgrund der Wappengleichheit vermutlich verwandtschaftliche Beziehungen mit den Herren von Neipperg hatten und deren Burg in Böckingen sich vermutlich auf einer Anhöhe im Bereich der heutigen Hofstattstraße befand.Frank Buchali: Lexikon der Burgen und Schlösser im Unterland. Heilbronn 2008, ISBN 978-3-00-007056-3, S. 164 ff.

Die Herren von Böckingen waren ursprünglich Ministeriale im Dienst der Grafen von Calw und stiegen dann später in den Niederadel auf. Die Familie hatte die Vogteirechte in Böckingen zu drei Vierteln von den Grafen von Württemberg und zu einem Viertel von den Grafen von Eberstein.

Böckingen gelangt an die Reichsstadt Heilbronn mini|Verkauf der Burg und drei Viertel der Vogtei an Heilbronn im Jahre 1342 mini|Böckingen im Kieserschen Forstlagerbuch von 1692: links der Böckinger See, rechts die Kirche

Zwar starb der Böckinger Ortsadel erst mit Eberhard II. von Böckingen (1526–1550) im Mannesstamm aus, allerdings verkauften bereits 1342 die Witwe von Konrad II., Gertrud von Remchingen (1297–1342), und ihr Sohn Johann II. (1333–1366) sowie dessen Ehefrau die Burg sowie drei Viertel der Vogtei zu Böckingen an die Stadt Heilbronn. 1431 erwarb die Stadt auch das letzte (ehemals Ebersteinsche) Viertel.

Dem Ort stand künftig ein Vogt vor, der allein vom Rat der Reichsstadt (und das waren fast ausschließlich die Heilbronner Patrizier) bestimmt wurde.

Besitz in Form von Höfen, unbebauten Hofstellen und Hausplätzen am Ort hatten im späten Mittelalter außerdem das Heilbronner Klarakloster, das Kloster Schöntal, das Stift St. Peter zu Wimpfen sowie die Deutschordenskommende Heilbronn.Denkmaltopographie Heilbronn. 2007, S. 155.

Zeit des Bauernkriegs und der Reformation Böckingen war das Heimatdorf der Schwarzen Hofmännin und von Jäcklein Rohrbach, bekannter Anführer der Bauern im Deutschen Bauernkrieg. Rohrbach war unter anderem für die Weinsberger Bluttat 1525 verantwortlich, die das Ansehen der Bauern schwer schädigte und die Adligen zur Rache gegen die Bauern anstachelte. Nach der Niederschlagung des Aufstands wurde Böckingen zur Strafe dafür, dass es das Heimatdorf Rohrbachs war, teilweise niedergebrannt. Jäcklein Rohrbach und der Böckinger Schultheiß wurden bei lebendigem Leib verbrannt.

1530 wurde in Böckingen von Heilbronn ausgehend die Reformation eingeführt. Ein Rathaus in Böckingen wurde erstmals 1544 erwähnt.

Die Burg des Ortes ist wohl spätestens in der Mitte des 16. Jahrhunderts abgegangen. Bis ins 19. Jahrhundert hatte der Ort eine rein bäuerlich-dörfliche Struktur. Als Ortsbefestigung wird 1427 ein Graben erwähnt, um 1600 war der Ort mit Zaun und Toren befestigt, 1684 außerdem mit einem Erdwall. Die Bebauung des Ortes bestand größtenteils aus bäuerlichen Hofanlagen unterschiedlicher Größe. Die Hauptverkehrsachse des Ortes war als Ost-West-Achse die Schafhausgasse (heute: Stedinger Straße), die beim späteren Wachstum des Ortes jedoch ihre zentrale Funktion eingebüßt hat und heute lediglich noch Erschließungsweg für Anlieger ist.

Eigenständige Gemeinde ab 1803 mini|hochkant|Böckingen 1830

Im Jahre 1802/03 erging der Reichsdeputationshauptschluss, durch den die Reichsstadt Heilbronn ihre Reichsfreiheit verlor und an Württemberg kam.Böckingen am See. 1998, S. 322. Böckingen und die anderen drei vormals zu Heilbronn zählenden Dörfer wurden zu selbstständigen Gemeinden erhoben, die Leibeigenschaft wurde abgeschafft. In der Chronik von 1803 heißt es: „Die vier Dörfer der Stadt genießen nun als Untertanen Seiner Durchlaucht die nämlichen Rechte wie die Einwohner der Stadt: jedes Dorf bildet eine eigene Kommune unter einem Schultheißen“.Chronik der Stadt Heilbronn. Stadtarchiv Heilbronn, Heilbronn 1895–2004. Band I, ISBN 3-928990-65-9, S. 335. Die Gemeinde Böckingen gehörte zum Oberamt Heilbronn.

1811 wird die Cucculimur, der letzte Rest der römischen Siedlung im Süden von Böckingen abgebrochen. Grund dafür ist die Chaussierung der Straße nach Brackenheim.

1827 war der Ort noch überwiegend bäuerlich geprägt. Die Siedlungsfläche erstreckte sich im Wesentlichen zwischen der heutigen Stedinger Straße und der Seestraße. Die Hauptanbauprodukte der Böckinger Bauern waren Dinkel, Gerste, Angersen und Kartoffeln. Einen ersten Strukturwandel brachte die einsetzende Industrialisierung im nahen Heilbronn, wo die mittelalterlichen Stadtgrenzen durch Baumaßnahmen überwunden wurden und zahlreiche Fabriken entstanden. Der Bauboom in Heilbronn im frühen 19. Jahrhundert schuf insbesondere einen Bedarf an Maurern, Steinhauern und Zimmerleuten, außerdem boten die neu entstandenen Heilbronner Fabriken Arbeit. Darum haben um die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur viele Böckinger einen Bauhandwerkerberuf erlernt oder sich als Tagelöhner in Heilbronn verdingt, sondern kam es auch zum Zuzug vieler Auswärtiger, die sich in Böckingen niederließen, um in Heilbronn zu arbeiten.Böckingen am See. 1998, S. 125.

Vom Bauerndorf zur Arbeiterwohngemeinde