Sozialistischer Realismus war eine Stilrichtung der Kunst des 20. Jahrhunderts, die auf der sozialistischen Ideologie des Marxismus-Leninismus begründet war. Sie war gekennzeichnet durch den Versuch einer formal realistischen Darstellungsweise und das Fehlen von Abstraktion und Ästhetisierung. Sie ging auf den Realismus des 19. Jahrhunderts zurück und grenzte sich von anderen modernen Stilrichtungen wie dem Expressionismus und dem Impressionismus ab.
Übersicht Der sozialistische Realismus stellte oft Themen aus dem Arbeitsleben und der Technik des sozialistischen Alltags in den Vordergrund, etwa optimistisch nach vorn blickende Arbeiter eines Kolchos auf einem Traktor. Aber auch bei Naturdarstellungen oder Personenporträts wurde auf eine möglichst realitätsnahe Form geachtet.
Diese Stilrichtung geht auf den Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU vom 23. April 1932 zur „Liquidierung der Assoziation proletarischer Schriftsteller (VOAPP, RAPP)“, zur Vereinigung aller Schriftsteller, „die für die Politik der Sowjetmacht sind und bestrebt sind, am sozialistischen Aufbau mitzuwirken“, zurück.Beschluß des CK VKP(b) ‘Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen’, 23. April 1932. In: 100(0) Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte. Abgerufen am 12. Februar 2017. Tagesordnungspunkt Nr. 21( Ab diesem Zeitpunkt war sie die verbindliche Richtlinie für Literatur, Bildende Kunst und Musik in der Sowjetunion.Sozialistischer Realismus. Stalins Kunst Stalin digital
Die größte Bedeutung hatte der sozialistische Realismus in der Zeit nach 1945 für die nun im Einflussbereich der Sowjetunion liegenden Staaten als offizielle Doktrin im Kulturbetrieb. Auch in der DDR spielte er seit Staatsgründung 1949 eine wichtige Rolle. Viele Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler setzten diese Form um, oft in ehrlicher Überzeugung, zum Aufbau des „realen Sozialismus“ beizutragen.Jutta Scherrer: Der Ich-Verlust. In: Spiegel Spezial Geschichte (2007), S. 71. Der Moderne zugewandte Künstler in den realsozialistischen Staaten empfanden den sozialistischen Realismus dagegen mitunter als „billige Massenkunst“.György Ligeti im Begleittext zu György Ligeti Works, Sony Classical 2010. Einige gingen aus Angst vor politischer Verfolgung in die sogenannte innere Emigration.
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 wurden die Vorgaben etwas gelockert. Dennoch dominierte der sozialistische Realismus als offizielle Doktrin die ostmitteleuropäische und osteuropäische Kunst bis in die späten 1980er Jahre, in denen sich in den meisten Ländern bereits stärkere Abweichungserscheinungen zeigten.
Sozialistischer Realismus in der Literatur mini|Gemälde im Stil des sozialistischen Realismus: Der erste Traktor von Wladimir Krichatski Kurzinhalt Die Prinzipien des sozialistischen Realismus in der Literatur wurden 1934 auf dem ersten Kongress des sowjetischen Schriftstellerverbandes programmatisch ausgearbeitet. Vorrangige Aufgabe von Literatur sollte die ideologische Erziehung der Bevölkerung sein.
Diese Literaturtheorie beruhte auf mehreren Grundsätzen: erwünschte Inhalte (ideologisch determinierter Ideengehalt) marxistisch-leninistische Parteilichkeit in den Grundaussagen Vorbildcharakter der Handlung eine optimistische Grundeinstellung (kein Skeptizismus, Nihilismus, Fatalismus) eine einfache, volksverbundene Darstellungsweise Verständlichkeit ein positiver Held Damit sollte die Literatur den Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft beschreiben und unterstützen.
Historischer Hintergrund in der UdSSR Die 1920er Jahre waren in der Sowjetunion von Vielfalt und Avantgarde in Kunst und Literatur geprägt. Es bildeten sich unzählige Gruppen („групповщина“) und Vereinigungen wie LEF, LCK, Proletkult, die die Arbeiterliteratur förderten und teils aggressiv vorantrieben.
Seit den späten 1920er Jahren wurden auch in anderen Ländern avantgardistische und experimentelle Strömungen zurückgedrängt zugunsten von Klassizismus und Ruralismus (wie die „Blut-und-Boden-Literatur“ in Deutschland).Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart. München 2000, ISBN 3-406-50267-9, S. 695: „zum einen in ruralistischen Strömungen, wie die von den Nationalsozialisten geförderte Blut-und-Boden-Literatur, die in vielen europäischen Ländern ein Pendant besaß, zum anderen, wenn es um Zwecke der staatlichen Repräsentation ging, in einem neuen Klassizismus.“
Im Dekret vom 23. April 1932 Über den Umbau der literarisch-künstlerischen Organisationen beschloss das ZK der KPdSU die Auflösung aller Gruppierungen und Organisationen und die Gründung eines (vorläufigen) Allunionsschriftstellerverbandes (WSP). Auf dem ersten Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller im August 1934 wurde die neue Doktrin diskutiert. In den Statuten des neugegründeten sowjetischen Schriftstellerverbandes wurde dann der sozialistische Realismus als „verbindliche künstlerische Methode“ festgeschrieben.
Kampagnen, die in den folgenden Jahren Begriffe wie Parteilichkeit, Volksverbundenheit, Massengemäßheit und Verständlichkeit propagierten, verengten allmählich die literarischen Möglichkeiten. Stilelemente wie Ironie, Sarkasmus und Satire, grotesk-absurde Formen und experimentelle Literatur waren nun nicht mehr erwünscht.
Formen mini|Wassili Kupzow: ANT-20 „Maxim Gorki“ Der sozialistische Realismus versuchte Romantik und Realismus zu vereinen, die aus russischer Perspektive die beiden literarischen Hauptepochen des 19. Jahrhunderts darstellten. Hierbei sollte die literarische Form dem Realismus entnommen werden, der positive Geist und die Emotionen der Romantik, und so eine neue, revolutionäre Romantik entstehen. (Eigentlich liegen die Wurzeln des sozialistischen Realismus aber mehr im Klassizismus.)
So wurden alte Formen wiederverwendet, um neue, gesellschaftspolitisch konforme Inhalte zu vermitteln, häufig auf triviale Weise. Dichter der Avantgarde, die zuvor neue sprachliche Formen und Ausdrucksmöglichkeiten der Poesie entwickelt hatten, oder naturalistische Strömungen passten nicht mehr in dieses Konzept. Einzig Wladimir Majakowski, der von den proletarischen Arbeiterdichtern in den 1920er Jahren noch angegriffen worden war, wurde von Nikolai Iwanowitsch Bucharin und von Stalin selbst 1935 als „sowjetischer Klassiker“ ausgezeichnet.
Gattungen und Motive Typische Motive der Literatur dieser Epoche sind die Helden des Aufbaus der sowjetischen Gesellschaft. Es herrscht ein „Arbeiter- und Arbeitskult“. Die beispielhafte Leistung, die durch die Industrialisierung eines bis dahin überwiegend agrarisch geprägten Landes durch die Menschen erbracht werden musste, benötigte Helden eines neuen, sowjetischen Typs. Piloten, Flugpioniere und Schiffsbesatzungen waren handelnde Personen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde auch eine engere Verbindung von Schriftstellern mit der Roten Armee aufgebaut.Bereits 1930 war die Literaturorganisation der Roten Armee (LOKAF) gegründet worden, der auch Maxim Gorki angehörte.
Eine Verschmelzung von Heldenepen (wie Eugen Onegin) und bürgerlichem Roman (wie Krieg und Frieden) führte zu der für den sozialistischen Realismus typischen Gattung des Roman-Epos (Роман-Эпопея, Roman-Epopoe). In diesem wurde eine wichtige historische Rahmenhandlung mit den Schicksalen von einzelnen Protagonisten verknüpft und in epischer Breite dargestellt. Bekannte Beispiele dafür waren Alexei Tolstois Der Leidensweg (Хождение по мукам) oder Michail Scholochows Der stille Don (Тихий Дон). (Auch Boris Pasternaks späteres Epos folgte diesem Schema, nur nun mit einer antisowjetischen Ausrichtung.)
Eine weitere bedeutende Gattung des sozialistischen Realismus, der Roman, gliederte sich in drei Nebenzweige: Der Produktionsroman war die wichtigste Untergattung bis in die 1930er Jahre. Themen waren landwirtschaftliche Kolchose, Kollektivierung und „Entkulakisierung“, industrieller Aufbau, Gewinnung von Bodenschätzen, Sabotage und Klassenkampf etc. Bekannte Autoren dieser Gattung waren Michail Scholochow, Fjodor Panfjorow und Leonid Leonow; später auch Wsewolod Kotschetow. Der Erziehungsroman. Thematisch wurde die Entwicklung des Menschen zur „sozialistischen Persönlichkeit“, Patriotismus und Linientreue zur Partei behandelt. Erfolgreiche Erziehungsromane waren etwa Nikolai Ostrowskis Wie der Stahl gehärtet wurde und Anton Makarenkos Pädagogisches Poem. Der historische Roman bildete in den dreißiger Jahren eine neue Sichtweise auf die Geschichte. Statt wie in den Zwanzigern den historischen Klassenkampf in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen, wurden nun wichtige Ereignisse aus der „nationalen Vergangenheit“ aufgearbeitet, wobei allerdings stets ein Bezug zur sowjetischen Gegenwart hergestellt wurde, entweder als warnende Negativbeispiele oder indem indirekt Parallelen zum aktuellen Herrschaftssystem konstruiert wurden. Bemerkenswerte Beispiele dieser Romangattung sind die Werke von Alexei Tolstoi, Alexej Nowikow-Priboj und Sergej Sergejew-Tschenski.
In anderen realsozialistischen Ländern Auch in anderen realsozialistischen Ländern wurde der „sozialistische Realismus“ durchgesetzt. Für die experimentierfreudige ungarische Literatur bedeutete dies:
Alternative Literaturen Im Klima von Repressionen, Zensur und engen künstlerischen Dogmata konnten von der offiziellen Linie abweichende Arbeiten nur im Verborgenen entstehen und existieren. Trotz der „Säuberungen“ in den dreißiger Jahren schufen Dichter wie Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Andrei Platonow, Michail Bulgakow und andere bleibende Werke, die in ihrer Gesamtheit eine weitverzweigte Gegenströmung zu den literarischen Produkten des sozialistischen Realismus bilden.
Sozialistischer Realismus in der DDR Auch in der Sowjetischen Besatzungszone wurde ab 1945 die Idee des „sozialistischen Realismus“ in der Kunst gefördert, auch durch den neugegründeten Kulturbund. Sowjetische Kulturfunktionäre warnten vor einer „Anhimmelung der bürgerlichen Literatur und Kunst“, die sich „im Zustand der Fäulnis und Zersetzung“ befänden, „schädlich“ seien und in „Büchern und Zeitschriften keinen Platz finden“ dürften.Shdanow und Malenkow, nach: Magdalena Heider, Politik – Kultur – Kulturbund. Zur Gründungs- und Frühgeschichte des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands 1945–1954 in der SBZ/DDR, Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1993, S. 90 ff.
Anfang September 1948 kritisierte Walter Ulbricht eine vom „Formalismus“ (siehe: Formalismusstreit) beherrschte Kunst, mit der man die Arbeiterschaft nicht erreichen könne. Er forderte von in der SED organisierten Künstlern eine „wirklich volkstümliche realistische Kunst“. Zwar sollten Künstler, die sich nicht danach richteten, nicht unter eine parteiinterne Säuberung fallen, „aber als Partei haben wir einen ganz bestimmten Standpunkt, den des Realismus, und dieser Standpunkt muss […] auf jede Weise durchgesetzt werden.“
mini|Der SMAD-Offizier für Kultur Alexander Dymschitz bei einer Rede 1947