Die Nizariten (, , benannt nach Nizār ibn al-Mustansir) sind eine ismailitisch-schiitische Glaubensgemeinschaft mit Anhängern in nahezu allen Ländern der islamischen Welt sowie in vielen Ländern Ostafrikas und Europas. Sie ist Ende des 11. Jahrhunderts als Ergebnis einer Spaltung der ismailitischen Schia entstanden; die andere große Gruppe der Ismailiten bilden die Mustaʿlīten. Hauptsiedlungsgebiet der Nizariten im Mittelalter waren Persien (Iran) und Syrien, seit der Neuzeit sind es Indien und Pakistan. Nach der Zwölfer-Schia bilden die Nizariten die weltweit zweitgrößte schiitische Gemeinschaft mit geschätzt 15–20 Millionen Anhängern.www.spiegel.de – Allahs sanfter Revolutionär (30. Dezember 2002), abgerufen am 20. Juli 2017. Ein charakteristisches Merkmal ist die physische Anwesenheit eines Imams als religiöses Oberhaupt in der Nachfolge des Propheten Mohammed. Der amtierende Imam in fünfzigster Generation ist seit 2025 Rahim al-Hussaini, Aga Khan V. miniatur|Von den Nizari-Ismailiten genutzte Flagge

Bezeichnung Die übliche Selbstbezeichnung der Nizariten ist „Religion der Wahrheit [Gottes]“ (dīn-e ḥaqq).Al-Ḥaqq ist einer der wichtigsten Gottesnamen (vgl. auch al-Hallādsch). Da allerdings jede religiöse Gruppierung das Wissen um eine allumfassende Wahrheit für sich reklamiert, wurden für sie in der historiographischen Überlieferung diverse andere Bezeichnungen verwendet. Sie selbst, wie auch die Ismailiten im Allgemeinen, nannten sich alternativ auch „Leute des Inneren/Geheimen“ (ahl-e bāṭin), in Anlehnung an die bei ihnen geltende strikte Geheimhaltung ihrer Lehre gegenüber Außenstehenden. Die Dogmen ihrer Schia werden von ihrem Imam aus der inneren Botschaft des Koran offenbart und auch ausschließlich im Geheimen, im „Inneren“ (bāṭin), unter den ihr Angehörenden weitervermittelt, die sich zur absoluten Verschwiegenheit und Loyalität gegenüber dem Imam eingeschworen haben. In der muslimischen Geschichtsschreibung ist daher der Begriff Batiniten (Bāṭiniyya) sehr häufig auf sie gemünzt worden, auf den sie allerdings kein Exklusivitätsrecht anmelden konnten. Zur präziseren Eingrenzung ist daher zeitgleich mit ihrer Entstehung der Begriff Nizariten aufgekommen, womit sie als Anhängerschaft der von ihrem neunzehnten Imam Nizar abstammenden Imamlinie identifiziert werden, auf den sie sich letztlich beriefen.

In der christlichen Geschichtsschreibung des Mittelalters sind die Nizariten allerdings ausschließlich als Assassinen bekannt geworden, was der überwiegenden Lehrmeinung seit Silvestre de Sacy 1809 zufolge eine Verballhornung des arabischen Wortes für „Haschischraucher“ (Ḥašīšiyya) darstellt. Ihre politischen Gegner in Syrien und Ägypten haben sie seit der Publizierung der „Amir’schen Rechtleitung“ im frühen 12. Jahrhundert so despektierlich bezeichnet, wobei in der arabischen Gesellschaft dieses Schimpfwort allgemeingebräuchlich für soziale Außenseiter, Kriminelle, den gefährlichen Pöbel und auch für geistig Unzurechnungsfähige verwendet wurde. Denn dass der Haschischkonsum bei den Nizariten tatsächlich irgendeine bedeutende Rolle gespielt hätte, ist keinem der zeitgenössischen Zeugnissen zu entnehmen, weder aus den von ihnen selbst, noch aus den ihrer Feinde hinterlassenen. Unter diesem Begriff jedenfalls haben die Nizariten einen tiefen und nachhaltigen Eindruck in der Vorstellungswelt des christlich-europäischen Abendlandes hinterlassen und es zu einer bis heute populären Legendenbildung inspiriert, die von dem extravaganten und Geheimnis umwobenen Auftreten der „Sektierer“ und der von ihnen praktizierten Mordanschläge beflügelt worden ist, für die sie bei Christen wie Muslimen gefürchtet waren. In mehreren europäischen Sprachen haben sich die Begriffe für Attentäter/Mörder, Mord und Morden von dieser Fremdbezeichnung abgeleitet.

Als heute zahlenmäßig größte Splittergruppe des ismailitischen Schiitentums werden die Nizariten in jüngerer Zeit vermehrt wieder unter dem Synonym Ismailiten (Ismāʿīliyya) zusammengefasst, was seit dem späten 19. Jahrhundert auch in ihrem offiziellen Namen „Shia Imami Ismailis“ (Gefolgschaft der ismailitischen Imame) festgehalten ist, gleichwohl mit den Tayyibiten im Jemen und Indien (die Bohras) und den Mu’miniten in Syrien noch weitere, wenn auch zahlenmäßig deutlich kleinere ismailitische Gruppierungen existieren, die sich nicht zur Anhängerschaft des Imams der Nizariten bekennen.

Glaubensinhalte Das religiöse Dogma der Nizariten fußt auf jenem der Ismailiten und unterscheidet sich nicht im Wesentlichen von dem anderer schiitischer oder sunnitischer Gruppierungen. Die Quintessenz der schiitischen Lehre beinhaltet für den einzelnen Gläubigen ein Heilsversprechen, das zum Anbruch des jüngsten Tages eingelöst wird, dessen Erfüllung allerdings in Abhängigkeit im Bekenntnis des Gläubigen zum rechtmäßigen Imam steht. Denn allein dem rechtmäßigen Stellvertreter (ḫalīfa) Mohammeds als spirituellem Vorsteher (imām) der Glaubensgemeinschaft offenbart sich die geheime (bāṭin) Botschaft des Koran, die in seinem äußerlichen (ẓāhir) Wortlaut verborgen ist. Diese Botschaften trägt der Imam in geheimen Sitzungen an seine Adepten weiter, von denen wiederum berufene Propagandisten, so genannte „Rufer“ (duʿāt; Singular dāʿī), mit ihrer Verbreitung unter die Gläubigen betraut werden. Die geheimen Botschaften des Korans dürfen ausschließlich nur den Angehörigen der Schia offenbart werden, in so genannten „Sitzungen der Weisheit“, die in Abgrenzung zu den Sunniten, Juden und Christen, an Donnerstagen abgehalten werden. Außenstehende dürfen an solchen Sitzungen nicht teilnehmen, es sei denn, sie wurden zuvor von einem Da’i mit der Lehre vertraut gemacht und haben darauf als Konvertiten ein Glaubensbekenntnis abgelegt, das mit einem Gelöbnis zur unbedingten Verschwiegenheit und Loyalität dem Imam gegenüber verbunden ist. Für die ismailitisch-nizaritische Mission, den „Ruf“ (daʿwa), zur Rekrutierung neuer Gläubiger, sind gleichfalls die Rufer zuständig.

Nizariten erkennen andere schiitische Gruppierungen wie auch Sunniten als Muslime (muslimūn) an, betrachten jedoch nur sich selbst als tatsächlich Gläubige (muʾminūn), was wiederum auf Gegenseitigkeit beruht. In den Vorstehern (Imame, Kalifen) der anderen Konfessionen erkennen sie Usurpatoren, deren Anhänger folglich keinen Zugang zur wahren Botschaft des Korans haben und daher im Unglauben leben.

Als Voraussetzung für die Rechtmäßigkeit eines Imams gilt bei den Nizariten, wie auch bei allen anderen Schiiten, dessen dynastische Erbnachfolge vom Propheten Mohammed über dessen Tochter Fatima aus deren Ehe mit dem vierten und letzten der rechtgeleiteten Kalifen Ali, der 661 ermordet wurde. Das daraufhin von den Umayyaden errichtete Kalifat wurde hingegen von ihnen, wie auch von sämtlichen anderen Schiiten, abgelehnt. Dementsprechend beginnt auch bei den Ismailiten/Nizariten die Imamlinie mit Ali.

Geschichte Vorgeschichte – die Ismailiten

Die Schia der Ismailiten ist im 8. Jahrhundert nach der Spaltung der großen Imamiten-Schia nach dem Tod des Imams Dschafar as-Sadiq (gest. 765) hervorgegangen. Dessen Anhänger spalteten sich unter den Nachkommen seiner zwei Söhne auf. Weil der erstgeborene Sohn und designierte Nachfolger Ismail (gest. 760) noch vor dem Vater gestorben war, hat die Mehrzahl der Schia in dieser Designation (naṣṣ) einen Irrtum des eigentlich unfehlbaren Imams erkannt und sich nach dessen Tod deshalb um dessen zweitgeborenen Sohn Musa (gest. 799) gruppiert. Diese Anhängerschaft ist später als Zwölfer-Schia bekannt geworden. Eine kleinere Gruppe hatte die Designation des Ismail, ungeachtet dessen vorzeitigen Ablebens, aber als ein unumstößliches Dogma ihres Imams betrachtet und diese nun im Sinne der Erbfolge auf einen Sohn von Ismail übertragen. Diese Anhängerschaft Ismails erkannte also nur die von ihm abstammende Imamlinie als rechtmäßig an. mini|Die größte Ausdehnung des schiitischen Fatimidenkalifats. Bei ihrer Entstehung hatte das Siedlungsgebiet der Ismailiten zunächst noch den ländlichen Südirak umfasst, doch durch eine intensiv betriebene Missionstätigkeit konnten sie binnen eines Jahrhunderts ihr Verbreitungsgebiet in der gesamten islamischen Welt ausdehnen und ihre Anhängerzahl beträchtlich erhöhen. Neue Anhänger konnten auf der arabischen Halbinsel, in Persien, Syrien und Palästina gewonnen werden. Am Ende des 9. Jahrhunderts bekannten sich schließlich die ersten muslimischen Gemeinschaften im berberischen Algerien und in Indien zu ihrer Schia. 910 eroberten Ismailiten das Emirat der Aghlabiden im heutigen Tunesien und proklamierten ihren elften Imam Abdallah al-Mahdi (874–934) zum „Stellvertreter“ (ḫalīfa) des Propheten. Das so begründete ismailitische Kalifat sollte das einzige in der Geschichte des Islam bleiben, das aus dem Schiitentum hervorgegangen ist. Es hat fortan in Rivalität zum sunnitischen Kalifat der Abbasiden von Bagdad gestanden und auf dessen Überwindung hingewirkt. In Reminiszenz auf die Stammmutter der ismailitischen Imame, Fatima, wurde die neue Kalifendynastie als Fatimiden bezeichnet. 969 eroberten die Ismailiten/Fatimiden Ägypten und verlegten ihren Herrschersitz in das neu gegründete Kairo. Hier wurde auch das Amt des obersten Missionars, dem „Rufer der Rufer“ (dāʿī d-duʿāt), eingerichtet, der allein dem Imam unterstand und der für die Verbreitung seiner Botschaften unter die Gläubigen und die Organisation der ismailitischen Mission verantwortlich war.

Bis zum Ende des 11. Jahrhunderts konnten die Fatimidenkalifen, die zugleich auch die Imame der Ismailiten waren, in Kairo eine ununterbrochene Stammlinie fortsetzen und außerdem eines der mächtigsten Reiche innerhalb der islamischen Welt begründen. Der Geltungsbereich der ismailitischen Mission aber war nicht auf ihr Reich beschränkt. Große Gemeinden existierten darüber hinaus in Syrien und in Persien, die dort allerdings seit dem Einbruch der turkstämmigen Seldschuken im frühen 11. Jahrhundert politisch unter Druck geraten sind, da sich die Seldschuken zum sunnitischen Islam und damit zum Kalif von Bagdad bekannten.

Das ismailitische Schisma Der Tod des achtzehnten Imam-Kalifen al-Mustansir im Jahr 1094 leitete die historische Zäsur ein, die zur Spaltung der Ismailiten und damit zur Begründung der Nizariten führte. Eine wesentliche Verantwortung hat dabei der amtierende Wesir al-Afdal Schahanschah getragen, der von armenischer Abstammung war und der schon wie sein Vater die eigentlichen Regierungsgeschäfte in Kairo wahrgenommen hat. Und wie schon sein Vater, hatte auch al-Afdal das Amt des „obersten Rufers“ usurpiert und sich damit die Kontrolle über die ismailitische Mission angeeignet, ohne als Militär irgendein Gespür für die religiösen Empfindungen der Schia, oder überhaupt ein Interesse an den Subtilitäten ihrer Geheimlehre gehabt zu haben. Al-Afdals Prioritäten konzentrierten sich auf die Mehrung persönlicher Macht und der Tod des Imam-Kalifen hatte ihm neue Möglichkeiten zu ihrer Erweiterung eröffnet. In einem Staatsstreich hat er sofort einen der jüngsten Söhne des Verstorbenen, den erst etwa zwanzigjährigen al-Mustali, zum neuen Kalif proklamiert und den älteren anwesenden Brüdern unter Androhung ihres Todes die Anerkennung dieses Aktes abgepresst. Dazu hatte er sogleich eine seiner Schwestern mit dem neuen Imam-Kalif verheiratet, der Zeit seines Lebens nicht mehr als eine Marionette des Wesirs bleiben sollte.