mini|hochkant=1.2|Karikatur auf die Schreckensherrschaft von James Gillray (1793): „Der Zenit des französischen Ruhms: Der Gipfel der Freiheit. Religion, Gerechtigkeit, Treue und all ihr Schreckgespenster unaufgeklärter Geister, lebt wohl!“ Als Terrorherrschaft oder Schreckensherrschaft () wird die Phase der Französischen Revolution von Anfang Juni 1793 bis Ende Juli 1794 bezeichnet, in der alle, die verdächtigt wurden, Gegner der Revolution zu sein, brutal unterdrückt wurden. Die Terrorherrschaft war ein Element der Diktatur des zwölfköpfigen, von Anhängern der Bergpartei bzw. Jakobinern dominierten Wohlfahrtsausschusses, dem zuerst Georges Danton und dann Maximilien de Robespierre präsidierte.
Je nach Schätzung kostete der Terror 25.000 bis 40.000 Menschen das Leben. Darin sind die hohen Opferzahlen, die sich etwa aus der Niederschlagung des Aufstands in der Vendée ergaben, nicht vollständig enthalten.
Datierung Für den Beginn der Terrorherrschaft werden in der Forschung unterschiedliche Daten genannt. Jean-François Fayard unterscheidet zwei Phasen des Terrors: Die erste vom Tuileriensturm am 10. August 1792, der zum Sturz Ludwigs XVI. führte, bis zum Zusammentritt des Nationalkonvents und der Ausrufung der Republik am 21. September 1792. Die zweite Phase des Terrors lässt er mit dem Aufstand der Pariser Sansculotten gegen den Konvent vom 31. Mai bis 2. Juni 1793 und dem Sturz der Girondisten beginnen.Jean-François Fayard: Terreur. In: derselbe, Jean Tulard, Alfred Fierro: Histoire et dictionnaire de la Révolution française. Éditions Robert Laffont, Paris 1987, S. 1113. Hans-Ulrich Thamer nennt den Eintritt Robespierres in den Wohlfahrtsausschuss am 27. Juli 1793 als Beginn.Hans-Ulrich Thamer: Die Französische Revolution. C.H. Beck, München 2009, S. 76. Ihren Höhepunkt erreichte die terreur im Juni und Juli 1794; diese Zeit wird auch als Der Große Terror (frz. ) bezeichnet. Sie fand ein Ende mit der Verhaftung und Hinrichtung Robespierres und der Machtübernahme der Thermidorianer am 9. Thermidor II (27. Juli 1794).
Ursachen und Bedingungen mini|hochkant=0.8|Maximilien de Robespierre, um 1790, anonymes Porträt (Musée Carnavalet)
Seit Einführung der Assignaten litt Frankreich unter einer schweren Inflation, was vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten in Paris betraf. Die Sansculotten forderten deshalb Preisgesetze, doch die regierenden Girondisten weigerten sich. Daraufhin kam es zum Aufstand der Pariser Sansculotten vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793, der die Regierung stürzte. Die Wirtschaftspolitik musste sich von nun an den Hauptzielen der Regierung – Ausrüstung der Armee und Überwindung der Hungersnot – völlig unterordnen. Zu diesem Zweck wurden Höchstpreise, das sogenannte Maximum (maximum général), auf die wichtigsten Waren festgesetzt. Dadurch konnten die staatlichen Aufkäufer billiges Getreide für die Armee erwerben. Zu den relativ niedrigen Preisen konnten sich die Armen ausreichend versorgen. Die Pariser gehörten deshalb zu den Unterstützern der Terrorherrschaft. Es entstand aber auch das Problem des Schwarzmarktes. Der Wohlfahrtsausschuss kämpfte mit drakonischen Maßnahmen dagegen an, indem er die Todesstrafe gegen „Horter“ und „Wucherer“ festlegte.
Der Nationalkonvent beschloss am 5. September 1793 unter dem Druck der Septemberbewegung, die das Gebäude besetzt hielt, die Einführung von Terrormaßnahmen zur Unterdrückung aller „konterrevolutionären“ Aktivitäten. Etwa 21.000 „Überwachungsausschüsse“ wurden gebildet. Das Revolutionstribunal führte als Gerichtshof die Prozesse gegen politische Angeklagte. Gegen seine Urteile war keine Berufung möglich. Ähnliche Tribunale gab es auch in den Provinzen. Gemeinsam mit dem Wohlfahrtsausschuss beriet sich wöchentlich der Sicherheitsausschuss. Dieser beauftragte die Revolutionskomitees mit der listenmäßigen Erfassung von verdächtigen Personen. Am 17. September 1793 wurde das Gesetz über die Verdächtigen beschlossen: Adlige, ehemalige Beamte des Ancien Régimes, Spekulanten, heimgekehrte Emigranten und überhaupt alle, die nicht Gewähr boten, jederzeit für die Revolution einzustehen, wurden auf eigene Kosten unbefristet in Haft genommen. Dies betraf zwischen 300.000 und 800.000 Personen, also 1–4 % der Bevölkerung Frankreichs.Gilbert Ziebura: Frankreich von der Großen Revolution bis zum Sturz Napoleons III 1789–1870. In: Walter Bußmann: Handbuch der europäischen Geschichte Band 5: Europa von der Französischen Revolution bis zu den nationalstaatlichen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. Klett-Cotta, Stuttgart 1981, S. 217.
Mit dem Gesetz vom 22. Prairial vom 10. Juni 1794 begann die Grande Terreur: Die Todesstrafe wurde gegen alle „Feinde des Volkes“ verbindlich festgeschrieben. Die vage Definition öffnete der Denunziation Tür und Tor.
Robespierre rechtfertigte den Terror mit seinem Ziel, der Tugend. In einem „Tugendstaat“ seien „das Volk durch Vernunft zu leiten und die Feinde des Volkes durch terreur zu beherrschen“, erklärte er am 5. Februar 1794 vor dem Nationalkonvent:
Wenn die Republik von innen und von außen bedroht sei, bedürfe es des Schreckens, „ohne den die Tugend ohnmächtig ist.“ Die Radikalisierung und Brutalisierung der französischen Revolution wurde mit dem Ersten Koalitionskrieg, der seit 1792 von Österreich und Preußen, dann auch von Großbritannien zur Rettung der französischen und zur Verteidigung der eigenen Monarchien geführt wurde, sowie durch innere Aufstände gesteigert.
Opfer Opfergruppen Dem Terror zum Opfer fielen ganz unterschiedliche Gruppen. Zum einen standen diejenigen Priester, die sich weigerten, den Eid auf die Verfassung zu leisten, im Fokus der Revolutionstribunale. Auch Adlige und zurückgekehrte Emigranten wurden als Feinde der Revolution angeklagt. Geschäftsleute und allgemein alle Wohlhabenden, denen unterstellt wurde, gegen das Preismaximum zu verstoßen, wurden guillotiniert.Jean-François Fayard: Terreur. In: derselbe, Jean Tulard, Alfred Fierro: Histoire et dictionnaire de la Révolution française. Éditions Robert Laffont, Paris 1987, S. 1113. Als ihre Interessenvertreter wurden die wirtschaftsliberalen Girondisten angesehen und ebenfalls verfolgt. Zu ihnen gehörte auch Charlotte Corday, die am 13. Juli 1793 Jean-Paul Marat ermordet hatte. Auch gegen Robespierre und Jean-Marie Collot d’Herbois gab es Mordversuche. Die Attentäter und ihre realen und vermuteten Hintermänner wurden zum Tode verurteilt. Zu Massenhinrichtungen von Abtrünnigen (oft durch Ertränken) kam es in Lyon, in Toulon oder der Vendée.Hans-Ulrich Thamer: Die Französische Revolution. 4., durchgesehene Auflage, Beck, München 2013, ISBN 978-3-406-50847-9, S. 82.
Bald wurden auch radikale Befürworter des Terrors zu seinen Opfern: Die Enragés unter dem ehemaligen Priester Jacques Roux erhoben radikale Gleichheitsforderungen: Die Reichen müssten guillotiniert werden, die Armen sollten ihren Besitz erhalten. Robespierre erklärte aber, dass diese Agitation nur den Feinden im Ausland diene. Aus diesem Grunde wurden Roux und seine Anhänger Anfang 1794 verhaftet und als Feinde der Freiheit zum Tode verurteilt.Hans-Ulrich Thamer: Die Französische Revolution. C.H. Beck, München 2009, S. 82 f. Ähnlich erging es Jacques-René Hébert und seinen atheistischen Anhängern, die versuchten, das Christentum in Frankreich ganz abzuschaffen. Auch hier bremste Robespierre: Der Versuch der Entchristlichung würde nur noch mehr fromme Bauern zu Feinden der Revolution machen und sei daher ganz klar eine „Verschwörung des Auslands“. Die Hébertisten wurden im März 1794 guillotiniert.Albert Soboul: Die Große Französische Revolution. Ein Abriß ihrer Geschichte (1789–1799). 4. Auflage der durchgesehenen deutschen Ausgabe, Sonderausgabe. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1983, S. 325–329 und 340 ff.; Simon Burrows: The émigrés and conspiracy in the French Revolution. In: Thomas E. Kaiser et al. (Hrsg.): Conspiracy in the French Revolution. Manchester University Press, Manchester/New York 2007, S. 150–171, hier S. 156 ff.
Schließlich fiel auch der Begründer des Wohlfahrtsausschusses, Georges Danton der von ihm selbst initiierten Terrorherrschaft zum Opfer: Er war zu der Erkenntnis gekommen, dass die Fortsetzung der terreur die Revolution nicht mehr stärken, sondern schwächen würde. Daraufhin ließ Robespierre ihn und seine Anhänger, die sog. indulgents (Nachsichtige), vor dem Revolutionstribunal anklagen, weil sie angeblich in Geschäfte mit Schiebern und Wucherern verwickelt waren. Ohne sich im Prozess verteidigen zu dürfen, wurden Danton und seine Anhänger am 5. April 1794 guillotiniert.Frédéric Bluche: Danton. Klett-Cotta, Stuttgart 1988, S. 393–418.
Opferzahlen
Die Terrorherrschaft führte in Frankreich nach Archivunterlagen, die von Donald Greer ausgewertet wurden, zu mindestens 16.594 TodesurteilenDonald M. Greer: The incidence of the terror during the french revolution. A statistical interpretation (= Harvard Historical Monographs 8, ). Harvard University Press, Cambridge (Massachusetts) 1935. vollstreckt durch die Guillotine, davon über 2500 in Paris. 1306 der in Paris Hingerichteten liegen auf dem Friedhof Picpus begraben, weitere auf dem Cimetière des Errancis, dem Cimetière de la Madeleine und dem Cimetière de Sainte-Marguerite.
Dabei sind Opfer, die ohne Prozess getötet wurden oder in Gefangenschaft starben, nicht mitgerechnet. Ihre Zahl wird von einigen Historikern auf etwa 40.000 geschätzt,William Doyle: The Oxford History of the French Revolution. Reprinted edition. Oxford University Press, Oxford u. a. 1990, ISBN 0-19-285221-3. Greer selbst schätzt sie auf 35.000 bis 40.000. von anderen um 25.000.François Furet, Mona Ozouf: Dictionnaire critique de la Révolution française. Flammarion, Paris 1988, ISBN 2-08-211537-2. Insgesamt rund 85 % der Hingerichteten gehörten dem früheren Dritten Stand an,Albert Soboul: Dictionnaire historique de la Révolution française. PUF, Paris 2005, ISBN 2-13-053605-0, S. 1023.Georges Lefèbvre: The French Revolution. Band 2. Columbia University Press, New York 1964, S. 120. darunter Bauern mit 28 %, Arbeiter mit 31 %;Jean Tulard, Jean-François Fayard, Alfred Fierro: Histoire et dictionnaire de la Révolution française. 1789–1799. Laffont, Paris 1987, ISBN 2-221-04588-2, S. 1114. 8,5 % waren aus dem Adel und 6,5 % aus dem Klerus. Rund 80 % der Todesurteile ergingen wegen Verrats oder Rebellion, 9 % wegen Oppositions-Delikten und nur wenige Prozent wegen ökonomischer Vergehen wie „accaparement“ (Aufkauf von Waren zu Wucherzwecken). Insgesamt wurden nach dem Beginn der Terrorherrschaft 1793 circa 500.000 Verhaftungen vorgenommen und etwa 300.000 Beschränkungen des Wohnorts.François Furet, Mona Ozouf: Dictionnaire critique de la Révolution française. Flammarion, Paris 1988, ISBN 2-08-211537-2, S. 162. mini|Massenertränkungen in der Loire im Dezember 1793, zynisch „Taufe von Nantes“ genannt, Radierung von Samuel Gysin nach einer Zeichnung von Jean Duplessis-Bertaux (1816) Der Schwerpunkt der Hinrichtungen lag in der Provinz. Von den von Greer untersuchten rund 16.500 Hinrichtungen fanden 15 % in Paris statt, 19 % im Südosten und 52 % im Westen.Greer zitiert nach Georges Lefebvre: The French Revolution. Band 2. Columbia University Press, New York 1964, S. 119. Im Rhônetal wurde etwa im Oktober 1793 in Lyon ein Girondisten-Aufstand blutig niedergeschlagen (über 2000 Hinrichtungen). Der Aufstand der Vendée kostete über 150.000 Menschenleben – der Vergleich der Volkszählungen von 1790 und 1802 ergab ein Defizit von 200.000 in der Bevölkerung, das teilweise natürlich auch auf die Begleitumstände des Terrors (Abwanderung, Geburtenrückgang, Verelendung) zurückzuführen war. In Nantes an der Loire wütete 1793 bis 1794 der Abgesandte des Konvents Jean-Baptiste Carrier, der zahlreiche Opfer auf speziell hergerichteten Schiffen im Fluss ertränkte. Ein weiterer Schwerpunkt waren die Chouannerie im Département Mayenne und die Front-Provinzen des Revolutionskrieges.
Das Ende des Terrors