mini|Der „Koloss von Prora“ von der Meerseite im Jahr 2004 …mini|… und 2019 nach Sanierung und Umbau.mini|Plan Prora 1945/2009 Prora ist ein Ortsteil der Gemeinde Binz auf der Insel Rügen mit etwa 800 Einwohnern. Er liegt direkt an der Ostseeküste im Zentrum der Prorer Wiek und ging aus dem zwischen 1936 und 1939 gebauten, jedoch unvollendet gebliebenen KdF-Seebad Rügen hervor. Im Komplex sollten durch die Organisation Kraft durch Freude (KdF) 20.000 Menschen gleichzeitig Urlaub machen können. Der Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 verhinderte die Fertigstellung als Seebad. Stattdessen wurde Prora nach dem Krieg zu einer Kaserne der Nationalen Volksarmee (NVA). Der Name leitet sich von der Prora ab, einer bewaldeten Hügelkette im südlichen Teil der Schmalen Heide.
Prora erhielt am 17. August 2018 offiziell das Prädikat als „staatlich anerkannter Erholungsort“, darf Abgaben wie beispielsweise Kurtaxe und Fremdenverkehrsabgaben erhebenRügen: Prora ist jetzt offiziell Erholungsort NDR.de, 17. August 2018 und strebt die Ernennung zum „Ostseebad“ an, In: Focus online. 16. Juli 2018, abgerufen am 12. August 2018.. Der Name Prora ist entgegen der weitverbreiteten Ansicht kein Akronym wie beispielsweise Napola, sondern der Name der umgebenden Landschaft und Namensgeber für die Prorer Wiek.
Lage Prora liegt auf der Ostseeinsel Rügen zwischen den Orten Sassnitz und Binz an der Prorer Wiek, einer weitläufigen Meeresbucht, auf der sogenannten Schmalen Heide (mit der Prora, einer bewaldeten Hügelkette), die den Kleinen Jasmunder Bodden von der Prorer Wiek und der Ostsee trennt. Die Küste der Schmalen Heide bildet einen langen, flachen Sandstrand, der von Binz bis zum neuen Fährhafen Sassnitz im Ortsteil Neu Mukran reicht. Die Dünen oberhalb des Sandstrandes, auch im Bereich der Bauten des Kolosses von Rügen, sind mit Kiefern und niedrigem Gebüsch bewachsen.
Verkehr Die Landesstraße L 29 verläuft westlich von Prora parallel zur Bahnstrecke. Der Kern Proras ist über zwei Bahnübergänge aus erreichbar. Die Landesstraße schließt nördlich von Neu Mukran an die Bundesstraße 96b an. Sechs Kilometer westlich von Propra verläuft die Bundesstraße 196, die über die Landesstraße L 293 (ehemals Reichsstraße 196a) erreichbar ist.
Zur Erschließung des Seebads wurde die Bahnstrecke Lietzow–Binz gebaut, die im Mai 1939 eröffnet wurde. An der Strecke entstand der Bahnhof KdF-Seebad Rügen, der heutige Bahnhof ProraProra auf bahnhof.de. Für Reparationsleistungen wurden die Gleise nach dem Krieg abgebaut und 1952 neu verlegt. Auch das Bahnhofshäuschen Prora ist ein Nachkriegsbau. 1987–1989 wurde die Strecke elektrifiziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging außerdem im Südosten des Komplexes der Haltepunkt Prora OstProra Ost auf bahnhof.de in Betrieb.
„Koloss von Rügen“ Der „Koloss von Rügen“DenkMALProra: denkmalprora.de/kdf-bad-planungKritisch zum Begriff „Koloss“, „Monster“ usw. Hasso Spode: Die Erfindung der Urlaubsfabrik. Das „KdF-Seebad Rügen“. In: Abhandlungen der Humboldt-Gesellschaft. Bd. 49, 2026, S. 123–140. ist der Kern eines Komplexes und bestand aus ursprünglich acht auf einer Länge von 4,5 Kilometern entlang der Prorer Wiek aneinandergereihten baugleichen Blöcken – dem zwischen 1936 und 1939 errichteten KdF-Seebad Rügen. Durch den Kriegsbeginn wurden die Bauarbeiten eingestellt.
Zwischen 1945 und 1949 wurden drei Blöcke durch versuchte Sprengungen bis auf wenige Segmente zerstört; es verblieben fünf Blöcke auf einer Länge von etwa 2,5 Kilometern, die um 1950 unter den Vorzeichen des „Kalten Kriegs“ zur „monumentalsten Kasernenanlage der DDR“ um- und ausgebaut wurden.Stefan Wolter: Auferstanden aus KdF-Ruinen. Der „stalinistische Kasernengroßbau“ Prora und seine heutige Rezeption. In: Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Hrsg.): Alles Platte? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe. Ch. Links-Verlag, Berlin 2018, S. 156–172, hier S. 156.Rüdiger Wenzke: Die Nationale Volksarmee (NVA) und ihre gesellschaftliche und politische Bedeutung. Learning for history, S. 4, abgerufen am 10. September 2020. Über vier Jahrzehnte hinweg wurde das Gelände militärisch genutzt, zuerst durch die Kasernierte Volkspolizei, nach 1956 durch die NVA: Prora wurde zum Sperrgebiet.
Nach 1990 wickelte die Bundeswehr den Militärstandort Prora ab (Motorisiertes Schützenregiment 29 und Unteroffiziersschule „Erich Habersaath“). Nach anfänglicher ziviler Zwischennutzung verfiel ein Großteil der ehemaligen Kasernen. Seit 2004 werden die Blöcke einzeln veräußert und zu Wohn- und Hotelanlagen umgestaltet. Die Nachkriegs- und DDR-Geschichte des Ortes spielte in der offiziellen Erinnerungskultur nach 1990 zunächst kaum eine Rolle;Gerit Herold: Sind an Erinnerungskultur in Prora gescheitert. (Interview, Ostseezeitung, 1. Oktober 2010 (PDF-Datei, eingelesenes Bilddokument), zitiert bei proraer-bausoldaten, abgerufen am 14. September 2020).Matthias Stark: Niemandsland Prora. 2018, S. 154 ff.Gerit Herold: Schmerzliche Erinnerungen an Prora. In: Ostseezeitung vom 29. April 2011. Seit 2008 wird sie gemeinsam mit jener des geplanten KdF-Bades aufgearbeitet.Anke Lübbert: Die zweite Geschichte von Prora. Ein Bildungszentrum und ehemalige Bausoldaten kämpfen dafür, dass auch die DDR-Vergangenheit des Ortes nicht in die Vergessenheit gerät. Kirchenzeitung vom 7. August 2011
Architektur und Konzeption
Der Auftrag zur Errichtung des Seebades wurde nach einer Ausschreibung im Februar 1936 an den Architekten Clemens Klotz (1886–1969) erteilt. Zwar waren insgesamt zehn Architekten an dem Verfahren beteiligt, allerdings hatte Klotz bereits andere nationalsozialistische Propagandabauten errichtet und im Auftrag seines Förderers, des KdF-Führers Robert Ley, bereits im Vorfeld für diese Anlage Pläne entwickelt. Sie wurden nach dem Wettbewerb auf Weisung Hitlers nur dahingehend modifiziert, dass aus dem Entwurf des Architekten Erich zu Putlitz die große Festhalle als weiteres zentrales Element übernommen und architektonisch angepasst wurde. Der Gesamtentwurf wurde auf der Weltfachausstellung Paris 1937 mit einem Grand Prix ausgezeichnet. Er wurde während der Bauausführung bis 1939 noch verändert; zum Beispiel verzichtete man auf die genannte Festhalle.
mini|Typisches Zimmer aus der Zeit der Kasernennutzung des Gebäudes im vierten Stock (Zustand: November 2010) Die Planungen sahen vor, für die Unterbringung der Urlauber acht jeweils 550 Meter lange, sechsgeschossige, völlig gleichartige Häuserblocks mit insgesamt 10.000 Gästezimmern zu errichten. Durch diese langgestreckte, über etwa fünf Kilometer entlang der Küstenlinie reichende Bauweise sollte erreicht werden, dass alle Zimmer Meerblick hatten, während die Flure zur Landseite hin gelegen waren. Die geplante Ausstattung der nur 2,25 m × 4,75 m großen Zimmer, von denen jeweils zwei mittels einer Tür verbunden werden konnten, war an heutigen Maßstäben gemessen recht karg: zwei Betten, eine Sitzecke, ein Schrank und ein Handwaschbecken. Weitere sanitäre Einrichtungen fanden sich jeweils in den landwärts gerichteten Treppenhäusern der Blocks. Alle Gästezimmer sollten über Lautsprecher verfügen.
Aus der Uniformität der Architektur der Gästeblocks und der sehr zweckmäßigen Einrichtung, die zusammengenommen eine Errichtung nach dem Baukastenprinzip erlaubten, wird deutlich, dass hier, anders als bei anderen nationalsozialistischen Großprojekten, zumindest in diesem Teil der Anlage die Funktionalität über die Architektur gestellt wurde.
Das Leben in der Ferienanlage sollte, dem totalitären Anspruch des Systems folgend, in der Gemeinschaft stattfinden. Zu diesem Zweck waren Gemeinschaftshäuser mit Gastronomie- und Wirtschaftsräumen sowie Kegelbahnen und Leseräumen geplant, die in regelmäßigen Abständen „wellenbrecherartig“ küstenwärts aus der Häuserfront herausragen sollten. Offene, beheizbare Liegehallen innerhalb der Bettentrakte sollten den Urlaub vom Wetter unabhängiger machen.Jürgen Rostock, Franz Zadnicek: Paradiesruinen. Ch. Links Verlag, S. 60. Als weitere Gemeinschaftseinrichtungen sollten unter anderem zwei Wellenschwimmbäder, ein Kino und mehrere Gastronomiebetriebe errichtet werden. Weitere zentrale Elemente der Anlage waren der in der Mitte zwischen den Blocks geplante Aufmarschplatz und die Kaianlagen, die ein Anlegen von kleinen Booten ermöglichen sollten. Seebäderschiffe können entgegen einigen Propagandazeichnungen die flache Prorer Wiek nicht befahren. Parallel zu den Anlagen für die Urlauber musste die komplette Infrastruktur für eine derartige Anzahl Menschen aufgebaut werden. Landeinwärts wurden zu diesem Zweck ein Bahnhof, Personal- und Wirtschaftsgebäude geplant und auch zum Teil realisiert.
Von der ursprünglichen Planung der Hauptanlage konnten bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges nur die Bettenhäuser und die südliche Festplatzrandbebauung fertiggestellt werden, und auch diese nur im Rohbau. Baudirektor und Oberbauleiter war Willi Heidrich. Nach dem Krieg wurde der südlichste Block, der nicht über alle geplanten Etagen verfügte, jedoch zum Kriegsende hin für Umsiedler ausgebaut worden war, von der Roten Armee gesprengt und abgetragen. Die beiden nördlichen Blocks wurden nach Sprengungen als Ruine hinterlassen. Auch an den übrigen Blöcken wurde Material massiv abgebrochen, das teilweise für Eigenheime vor Ort verwendet wurde. Um 1950 waren bis zu 19.000 Helfer, darunter die Kasernierte Volkspolizei, am Umbau der „KdF-Ruinen“ beteiligt. „Von Gebäuden konnte genau genommen keine Rede sein, es waren ja nur die halbfertigen und die gesprengten Blöcke“.Wolfgang Buddrus (Hrsg.): Frohe Ferientage für alle Kinder: Ferienlager in der DDR. 2015, ISBN 978-3-7347-9126-0, S. 63 f. Unter Beibehaltung der Konturen der geplanten Betten- und Treppenhäuser, allerdings unter Ausmauerung der geplanten Liegehallen und veränderter räumlicher Innenausstattung, wurden die Blöcke wieder aufgemauert und das spätere Kasernenantlitz geschaffen. „Der Ausbau in den 50er Jahren erfolgte einfach und in keiner Weise nach den ursprünglichen Plänen. Der ursprüngliche Entwurf, der ja auch nur unvollständig realisiert worden war, kann in den verbliebenen Resten kaum noch erkannt werden.“Gritt Brosowski: Die Nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und das erste „KdF“-Seebad Prora auf Rügen. In: Fundus – Forum für Geschichte und ihre Quellen . 4/1999, S. 291. (online) Bis 1956 waren die zum Teil zerstörten Rohbauten von fünf Blöcken komplettiert. Der geplante Theaterbau an Block III wurde zu einer Festhalle (dem späteren „Haus der Armee“) umgestaltet. Wie DDR-Zeitzeugen berichten, hatten die abgeschirmten, später graubraun verputzten Kasernengroßbauten sie tief beeindruckt und zum Teil das Fürchten gelehrt. „Welche Macht muss ‚die Partei‘ (Anmerkung: die SED) doch haben, so fühlte ich“, schreibt ein ehemaliger Unteroffizier.Stefan Wolter, Prora-Inmitten der Geschichte, 2015, S. 151. Manche Parole aus den 1950er Jahren kam während der Entkernung wieder zum Vorschein, etwa: „FDJ’ler! Erfüllt den Schwur der III. Weltfestspiele der Jugend! Seid standhafte Patrioten.“ Die weißen Lettern auf rotem Grund verschwanden abermals unter Putz, nun unter dem der heutigen Häuser Verando und Flora (Block II).Stefan Wolter, Prora-Inmitten der Geschichte, 2015, S. 103 f.
Heute steht der gesamte Komplex unter Denkmalschutz. Geschützt wird de facto allerdings lediglich das unvollendete KdF-Modell, sodass die tatsächliche Nutzungsgeschichte durch die NVA unberücksichtigt bleibt. Dies wurde von dem Historiker Stefan Wolter maßgeblich kritisiert, woraufhin die Nutzungsgeschichte bei der Sanierung des Blocks V stärkere Beachtung finden soll – insbesondere im Bereich des darin geplanten Bildungszentrums.
Geschichte
Bau mini|Das KdF-Seebad Rügen während der Bauphase