mini|Hammerflügel von Jakob Pfister, Würzburg, 1808. Mainfränkisches Museum, Würzburg Hammerklavier ist der Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente (Saitenklaviere), deren Saiten durch Hämmer angeschlagen und zum Klingen gebracht werden. Diese Hämmer bestehen in der Regel aus Holz und sind meist mit Filz oder Leder bespannt. Heutzutage wird die Bezeichnung „Hammerklavier“ zur deutlichen Abgrenzung historischer Instrumente von modernen Klavieren benutzt.

Terminologie und Abgrenzung Die Bezeichnung Hammerklavier diente in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts der Abgrenzung zum Streichklavier und zu besaiteten Tasteninstrumenten, bei denen die Saiten etwa wie beim Cembalo durch Federkiele angerissen oder wie beim Clavichord durch Tangenten (schmale, auf den hinteren Enden der Tastenwippen stehende Metallplättchen oder am oberen Ende flach geschmiedete Metallstäbe) angeschlagen und zum Klingen gebracht werden. Hammerklaviere treten in verschiedenen Bauformen auf. Bei flügelförmigen Instrumenten spricht man in der Regel von Hammerflügeln, bei rechteckigen, tafelförmigen Instrumenten von Tafelklavieren.

Im Sinne dieser Terminologie ist auch das moderne Klavier ein Hammerklavier, der moderne Flügel ein Hammerklavier oder Hammerflügel. In dem Maße, in dem nach 1800 Kielinstrumente und Clavichorde aus der Mode kamen und das Hammerklavier zum Standard-Tasteninstrument wurde, verkürzte sich der Name Hammerklavier auf den heute gebräuchlichen Begriff „Klavier“. Im Barock hatte „Clavier“ meistens das Clavichord bezeichnet, wurde aber auch als Oberbegriff für besaitete Tasteninstrumente benutzt. Die neu aufkommenden Hammerflügel nannte man zunächst „piano et forte“ oder hob die neue Eigenschaft, Dynamik zu erzeugen, mit ähnlichen Begriffen hervor. Die Bezeichnung Fortepiano verschwand im Deutschen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Der Begriff „Flügel“, der im Barock ein Cembalo bezeichnete, ging im 19. Jahrhundert dann allmählich auf die Flügel (im heutigen Sinne) über. Selbiges galt für das Wort „Clavier“ oder „Klavier“: Dies wechselte von der Bedeutung „Clavichord“ oder „Tasteninstrument“ zu dem des Tafelklaviers, später zu dem des „upright piano“ – des heutigen Klaviers.

Aus diesen Bezeichnungen ging die in vielen Sprachen übliche Bezeichnung des modernen Klaviers als Pianoforte oder verkürzt Piano hervor. Im Englischen, selten auch wieder im Deutschen, bezeichnet fortepiano das Gleiche wie der heutige deutsche Begriff Hammerklavier.

Merkmale Das Hammerklavier unterscheidet sich vom modernen Klavier vor allem in folgenden Punkten:

Rahmenkonstruktion und Besaitung mini|hochkant|Portugiesisches Fortepiano, Henrique Van Casteel, 1763, Museu da Música, Lissabon

Im Gegensatz zum modernen Klavier oder Flügel besitzen Hammerklaviere als typisches Merkmal in der Regel keinen Metallrahmen, sondern Rahmenkonstruktionen aus Holz. Instrumente des 18. Jahrhunderts ähneln in ihrer Bauweise, abgesehen von der Hammermechanik, noch sehr stark den verschiedenen Cembalo-Bautypen der jeweiligen Länder (Italien, Süddeutschland, England usw.), so dass es möglich war und nicht selten vorkam, dass frühe Pianofortes in Cembali verwandelt wurdenUmbauten von Hammerklavieren in Cembali sind z. B. durch ein 1758 aufgestelltes Inventar der Tasteninstrumente von Königin Maria Barbara von Spanien erwiesen, der Schülerin und Mäzenin Domenico Scarlattis. Siehe: Ralph Kirkpatrick: Domenico Scarlatti, 2 Bde., New Jersey, 1953 / München: Ellermann, 1972, Bd. 1, S. 205 ff., und Bd. 2, S. 46 f. oder umgekehrt.Zum Beispiel befindet sich im Musikinstrumentenmuseum Wien ein mit „H. N. 1696“ bezeichnetes Instrument von 1703, das als ältestes erhaltenes in Wien gebautes Cembalo gilt, aber später zum Hammerflügel umgebaut wurde (Wien, Kunsthistorisches Museum, Sammlung alter Musikinstrumente, Inv. Nr. SAM 845)

Spätere Instrumente aus dem 19. Jahrhundert besitzen bisweilen punktuell unterstützende Streben oder Anhangplatten aus Metall. Das wird ermöglicht durch die beträchtlich niedrigere Saitenzugbelastung. Die statische Belastung der Konstruktion eines modernen Flügels oder Klaviers durch den Saitenzug, die immerhin bis etwa 200 kN (20 Tonnen) betragen kann, wird von einem geschlossenen gusseisernen Rahmen getragen. Bei Hammerklavieren des ausgehenden 18. Jahrhunderts bewegt sich die Saitenzugbelastung beispielsweise in einer Größenordnung von 20 kN (ca. 2 Tonnen).

Auch die Besaitung des Hammerklaviers ist im Gegensatz zum modernen Klavier leichter ausgeführt: weniger Saitenspannung, vergleichsweise dünne Saiten und, besonders bei frühen Instrumenten, in der Regel weniger Saiten. Die geringere Saitenanzahl ist einerseits Resultat des geringeren Tonumfangs: fünf Oktaven von Kontra-F bis f’’’ in der Zeit von ca. 1750 bis ca. 1800; sechs Oktaven (Kontra-F bis f’’’’) von ca. 1805 bis 1825; um 1825/30 sechseinhalb Oktaven; erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs der Tonumfang auf die heute übliche Größe an. Außerdem ist der Bezug in Mittellage und Diskant zunächst zwei- und erst bei fortschreitender Entwicklung dreichörig ausgelegt.

Vor der Erfindung der heute üblichen kreuzsaitigen Bespannung, bei der die Bass-Saiten diagonal über die Saiten der Mittellage geführt werden, wurden alle Saiten parallel zueinander angeordnet. Diese gerade Ausrichtung und Aufhängung der Saiten macht sich beim Hammerflügel optisch im Gegensatz zum modernen Flügel in der dem Cembalo nahestehenden Flügelform bemerkbar.

Mechanik mini|Mechanik eines frühen Fortepianos von Bartolomeo Cristofori, 1720, Metropolitan Museum, New York Während heute einige wenige Ausführungen des gleichen Klaviermechanik-Typs den Markt beherrschen, gab es am Anfang der Geschichte des Hammerklaviers beinahe so viele Mechanik-Konstruktionen wie Klavierbauer. Zwei Grundtypen kristallisierten sich aber schnell heraus: die Prellmechanik, später als Prellzungenmechanik auch „Wiener Mechanik“ oder „Deutsche Mechanik“ genannt, und die Stoßzungenmechanik, auch „Englische Mechanik“ genannt. Während sich die Stoßzungenmechanik gegen Ende des 19. Jahrhunderts im internationalen Klavierbau durchsetzte, weiterentwickelt wurde und den heute standardisierten Mechaniktyp darstellt, fand die Wiener Mechanik im Wiener Klavierbau bis Anfang des 20. Jahrhunderts Verwendung und findet sich heute nur noch in historischen Instrumenten und deren Nachbauten.

Die Hammerköpfe sind bei Hammerklavieren kleiner und leichter als bei modernen Klavieren. Bei einigen frühen Instrumenten (u. a. bei einigen Instrumenten von Johann Andreas Stein und bei Tangentenflügeln) bestanden die Köpfe manchmal nur aus Holz, so dass der erzeugte Klang demjenigen eines Cembalos sehr nahekam. Lederbezogene Hammerköpfe waren aber bereits im 18. Jahrhundert üblich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde mit Kombinationen von Filz und Leder experimentiert. Erst nachdem Henri Pape 1826 ein Patent auf die Befilzung von Hammerköpfen angemeldet hatte, konnte sich Filz als alleiniges Hammerkopfbezugsmaterial immer mehr durchsetzen und wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum ausschließlich verwendeten Bezugsmaterial.

Klang Die genannten konstruktiven Unterschiede führen beim Hammerklavier zu einem Klangbild, das sich vom heute gewohnten Klavierklang deutlich abhebt. Die Streuung der Klangbilder von verschiedenen Instrumenten ist – begünstigt durch die Vielzahl an anzutreffenden Bauformen – beträchtlich. Trotz aller Vielfalt lässt sich der Klang des Hammerklaviers generell als obertöniger, leiser, weniger voluminös, aber doch gesanglich und gut verschmelzungsfähig beschreiben. Er ist „trockener“ und in den verschiedenen Lagen deutlich unterschiedlich; umgekehrt schneiden die Dämpfer den Klang nicht rigoros ab, sondern lassen die Saite noch ein wenig nachklingen. Während dieses von an den modernen Klavierklang gewöhnten Hörern zunächst als unausgeglichen empfunden werden kann, macht es doch den besonderen Reiz des Hammerklaviers aus. Manche Musik aus der Zeit der frühen Hammerklaviere erscheint, auf diesem Instrument gespielt, in einem ganz neuen Licht: Weil etwa der Bass des Hammerklaviers im Vergleich zum modernen Klavier viel heller und klarer zeichnet, klingen auch tiefliegende Akkorde durchsichtiger.

Klangveränderungen Viele Hammerklaviere des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts verfügen neben den noch im heutigen Klavierbau üblichen Klangvariationen Forte bzw. Dämpfungsaufhebung (rechtes Pedal): Aufhebung aller Dämpfer, sodass Töne auch nach Loslassen der Tasten weiterklingen und durch gegenseitige Resonanzen den Klang verstärken; Una corda (linkes Pedal): Verschiebung von Klaviatur und Mechanik mit Hämmern, sodass diese nicht mehr alle Saiten eines Saitenchors anschlagen; über weitere Klangeffekte. Die wichtigsten dieser sogenannten Veränderungen waren: Moderator: ein zwischen Hämmer und Saiten schiebbarer Filz-Streifen dämpft den Anschlag der Saite und dadurch den Klang, der dadurch dunkler und weniger obertonreich wird; Fagott-Zug: eine Rolle aus Pergament oder Hadernpapier bezogen mit Seide auf den Saiten erzeugt eine schnarrende Klangfarbe; Janitscharen-Zug: Trommel, Becken und Schellen der Janitscharenmusik, eines marschmusikartigen Schlagzeug-Effekts, werden durch einen gegen den Unterboden schlagenden Lederklöppel (Trommel), durch anzuschlagende Schalenglöckchen (Schellen) und durch einen Metallbügel, der auf die Bass-Saiten des Instruments schlägt und diese zum Scheppern bringt (Becken), imitiert; Harfenzug: ein an das Saitenende schiebender Filzkeil verringert das Obertonspektrum – vergleichbar mit dem Lautenzug des Cembalos. Die Klangeffekte werden über Handzüge, Kniehebel oder Pedale geschaltet. Neben den beiden bei modernen Klavieren noch üblichen, hier zuerst genannten Klangeffekten stellt der Moderator eine wichtige Klangressource für die authentische Darstellung frühromantischer Musik dar. Auf modernen Konzertflügeln ist dieser Effekt nicht verfügbar.

Geschichte mini|hochkant|Fortepiano von Johann Heinrich Silbermann, Strassburg 1776, Musikinstrumenten-Museum, Berlin Als Erfinder des Hammerklaviers (italienisch Gravicembalo col piano e forte) gilt Bartolomeo Cristofori, der um 1698 erste Exemplare fertigte. In späteren Modellen (1726) spannte Cristofori auch erstmals jeweils zwei gleich gestimmte Saiten (einen so genannten Saitenchor) nebeneinander, um eine höhere Lautstärke zu ermöglichen. Unabhängig davon erfanden auch der Franzose Jean Marius (1716) und Christoph Gottlieb Schröter (1717) aus Nordhausen ein Tasteninstrument, dessen Saiten nicht angezupft, sondern von Hämmern angeschlagen wurden. Ganz neu war die Idee, besaitete Tasteninstrumente mit einer Hammermechanik auszurüsten, zu dieser Zeit jedoch nicht. Bereits in einem mittelalterlichen Traktat des Henri Arnaut de Zwolle wird eine Mechanik vorgestellt, die augenscheinlich eine primitive Hammermechanik zu sein scheint.

Für die Verbreitung des Hammerklaviers im 18. Jahrhundert in Deutschland war vor allem Gottfried Silbermann (1683–1753) bedeutend, der nicht nur einer der berühmtesten Orgelbauer seiner Zeit, sondern auch innovativ im Bau besaiteter Tasteninstrumente wie Cembalo, Clavichord und Hammerklavier war. Seine Hammermechaniken sind bis in Details hinein sehr stark von Cristoforis Entwürfen beeinflusst.

Der derzeit älteste datierte Wiener Hammerflügel (noch mit hölzernen Hammerkapseln) in der Sammlung alter Musikinstrumente im Kunsthistorischen Museum Wien wurde 1787 von Johann Gottfried Malleck gebaut (KHM/SAM 960).