Linden-Limmer ist der 10. Stadtbezirk der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Er hat 45.189 Einwohner (22.047 Frauen und 23.142 Männer) und besteht aus den Stadtteilen Linden-Mitte (12.208 Einwohner), Linden-Nord (16.182 Einwohner), Linden-Süd (10.031 Einwohner) und Limmer (6.768 Einwohner) (Stand: 31. Dezember 2023).

Linden links|mini|100px|Wappen von Linden

Das Dorf Linden entstand um eine gräfliche Gerichtsstätte um das Jahr 1100 am nördlichen Abhang des Lindener BergesWalter Buschmann S. 17, ISBN 3-7752-5927-9. und wuchs im 19. Jahrhundert zur Industriestadt, die 1920 nach Hannover eingemeindet wurde. Linden besteht heute aus den Stadtteilen Linden-Mitte, -Nord und -Süd. Es ist geprägt durch eine vielfältige Gastronomieszene und einen hohen Anteil von Studenten und Bewohnern mit Migrationshintergrund. Das bürgerschaftliche Engagement ist ausgeprägt, kulturelle Aktivitäten (wie zum Beispiel das Fährmannsfest) haben stadtweite Ausstrahlung. Ausdruck des örtlichen Selbstverständnisses ist der „Lindener Butjer“, eine den spielenden Kindern des frühen 20. Jahrhunderts nachempfundene Regionalfigur.

Geschichte Gründung mini|Georgenschanzen 1763 auf dem Lindener Berg, daneben Linden mit Von-Alten-Garten (Mitte) und Küchengarten (oben), rechts Befestigungswerk an der Brücke der Ihme

Erstmals wird Linden in einer Schenkungsurkunde des Bischofs Widelo von Minden erwähnt, die sich auf die Zeit zwischen 1115 und 1119 datieren lässt. Zu dieser Zeit war der Graf Widekind I. von Schwalenberg Gerichtsherr in Linden im Marstemgau und nahm in Gegenwart von Zeugen, darunter Herzog Lothar III., Schenkungen an das Bistum Minden vor, die Bischof Widelo bestätigte. Sie betrafen Vorwerke und Eigenhörige in den heute nicht mehr nachweisbaren Dörfern Liusen, Batmere und Wallenthorpe.Legationsrath a. D. von Alten: Über eine Notiz des Chronicon pictauratum des Botho, die Stadt Hannover betreffend, mit besonderer Beziehung auf die Grafen von Schwalenberg. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen. Hannover 1860, S. 1–64; Vorschau auf Google Books Ab etwa 1130 waren die Grafen von Roden Gerichtsherrn und ab dem 13. Jahrhundert die Grafen von Alten als größter Grundherr der Gegend. 1285 wird erstmals die Kirche des Heiligen Martin erwähnt, die 1328 dem Kloster Marienwerder eingegliedert wurde. Die Kirche wurde nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 1957 wiederaufgebaut. In der Umgebung Lindens lagen Lehenshöfe, zunächst der Grafen von Roden, später der Welfen.

1652 ließ Herzog Georg Wilhelm mit dem Küchengarten in Linden einen Lust- und Küchengarten anlegen zur Versorgung seines Hofes mit Obst und Gemüse. Diese Funktion behielt er bis zum Ende des Königreichs Hannover 1866. Danach wurden an seiner Stelle (er befand sich im Bereich zwischen den heutigen Straßen Fössestraße, Dieckbornstraße und Davenstedter Straße) ein Güterbahnhof errichtet sowie Wohnhäuser gebaut. Heute erinnert nur noch der Platz Am Küchengarten im heutigen Stadtteil Linden-Mitte an die frühere Nutzung.

mini|hochkant|links|Lindener Schloss im Von-Alten-Garten (1912), 1945 zerstört. 1688 erwarb der Oberhofmarschall Franz-Ernst von Platen für etwa 12.000 Reichstaler das Gut der Familie von Alten durch einen Nutzungsvertrag. Es umfasste etwa 56 Hektar Land, Jagdrecht, Gerichtsbarkeit, verschiedene Zehnte, den Lindener Schäferhof sowie Ländereien und Berechtigungen in der Lindener Glocksee, der Neustadt und der Aegidienmasch. Platen ließ sich auf seinem Grundstück 1692 von Brand Westermann das barocke Schloss Linden errichten. Nach dem Kauf zusätzlicher Höfe ließ von Platen den etwa 7 ha großen Von-Alten-Garten als Barockgarten anlegen, den ab 1718 eine Mauer umgab. Der Graf von Platen erwarb 1700 weitere 20 Hektar Land und ließ eine neue Straße, die Leineweberstraße, mit 30 Häusern für die Weberzunft anlegen. Auch ließ er eine Schmiede, Bierbrauerei, Branntweinbrennerei, Kalkbrennerei sowie eine Wachsbleiche mit Meister und Gesellen aus Italien einrichten. Der Graf ließ zudem in einer auf dem Gut errichteten Kapelle eigens für seine Hörigen Gottesdienste abhalten. 1796 wurde in einem Haus in der Weberstraße eine Schule für Neu-Linden eingerichtet.

Während des Siebenjährigen Kriegs wurden die Anlagen der Stadtbefestigung Hannover reaktiviert. Dazu entstanden außen liegende Schanzen wie die 1761 entstandenen Georgenschanzen auf dem Lindener Berg. Gebaut wurde nur der innere Ring der Sternschanze. Auch die Westseite des Ihmeufers in Linden erhielt ein Befestigungswerk zum Schutz der Brücke.

Alt-Linden und Neu-Linden

mini|In der Alt-Lindener Weberstraße finden sich die ältesten erhaltenen Wohnhäuser in Linden und die älteste erhaltene Reihenhausanlage in Hannover mini|Festzelt der Schützengesellschaft Linden, Menschen bei Schützenfest Ansichtskarte, um 1907

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem Areal das vom alten Dorf Linden verwaltungsrechtlich getrennte „Neu-Linden“, das auch einen eigenen Nachtwächter, einen eigenen Vorsteher und eine eigene Schützengesellschaft erhielt. Zu Neu-Linden gehörten die Häuser der Weberstraße, Häuser und Speicher in der Blumenauer Straße sowie Häuser in der Hohe Straße und der Deisterstraße. Nach dem Rückkauf des Gutes Linden im Jahr 1816 durch die Familie von Alten verließ die Familie von Platen Linden.

Das alte Dorf Linden reichte ursprünglich vom Lindener Berg bis zur Glocksee und Ohe am gegenüberliegenden Ufer der Ihme. 1829 wurden Glocksee und Ohe zu einer Landgemeinde mit eigener Verwaltung, blieben aber bezüglich Kirche und Schule weiterhin Linden zugehörig.

Mit Erlass verfügte 1826 die Königliche Landdrostei Hannover für die Gerichtszuständigkeit eine Grenzlinie zwischen Alt-Linden und Neu-Linden. Nach dem Erlass hatte Alt-Linden einen Bauermeister und drei Vorsteher, Neu-Linden einen Vorsteher und zwei Nebenvorsteher. Zu Alt-Linden gehörten der Lindener Berg, Kirchstraße, Lindener Straße, Hohe Straße, Posthornstraße, Blumenauer Straße, das Gut von Alten einschließlich Gerichtshof, der Bereich westlich der nördlichen Deisterstraße von der Allee (die heutige Von-Alten-Allee) bis zur Ihmebrücke. Zu Neu-Linden gehörten der Bereich östlich der nördlichen Deisterstraße von der Allee bis zur Ihmebrücke, der südliche Rest der Deisterstraße und die Weberstraße.

1842 hatte das Dorf Linden 3.207 Einwohner.Alfred Gottwaldt: Hannover und seine Eisenbahnen. Alba, Düsseldorf 1992, ISBN 3-87094-345-9, S. 26.

Während Linden sich im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts zu einem Wohnort für die Vorstadtvillen begüterter Familien aus Hannover entwickelte, expandierte das Gewerbe insbesondere durch die Unternehmungen von Georg Egestorff. Bis 1845 wurden alle hinzugezogenen Arbeitnehmer auf dem Gebiet des alten Lindens untergebracht. Zu ihrer Unterbringung wurden viele Gebäude wie Ställe und Anbauten in Wohnraum umgewandelt. Danach begann unter der Bau- und Wegekommission unter Leitung von Georg Ludwig Friedrich Laves eine planmäßige Bebauung von Linden-Süd und Linden-Nord.Jost Masson: Arbeiterhäuser in Linden. In: Laves und Hannover / Niedersächsische Architektur im neunzehnten Jahrhundert. revidierte Neuauflage des Kataloges zur Ausstellung „Vom Schloß zum Bahnhof, Bauen in Hannover“…, Harold Hammer-Schenk und Günther Kokkelink (Hrsg.), Verlag Th. Schäfer, Hannover 1989, ISBN 3-88746-236-X, S. 115ff.

Die Bebauung im Bereich des heutigen Linden-Süd begann um 1845, nachdem der Lokomotivbau in die Produktpalette der Egestorffschen Fabrik (der späteren Hanomag) aufgenommen wurde. Der nördlich des alten Dorfes Linden gelegene heutige Stadtteil Linden-Nord wurde ab 1853 auf dem „Nedderfeld“ errichtet („Nedderfeldstraße“). Eine der ersten Straßenzüge war die 1854 entstandene Fannystraße. An ihr lag auf einem Grundstück von Adolph Meyer die von Ludwig Debo errichtete „Arbeiterkolonie in der Fannystraße“. In ihr lebten Mitarbeiter der Mechanischen Weberei. Die Siedlung zwischen der Mathilden- und der Fortunastraße wurde 1965 abgerissen. Anschließend wurde die Fannystraße durch zwei moderne Wohnblocks überbaut.

1856 wurden die Dörfer Alt-Linden und Neu-Linden zur Landgemeinde Linden zusammengeschlossen. Die Gemeinde erhielt statt der bisherigen Bauermeister einen Gemeindevorstand.

Entwicklung zur Industriestadt mini|„Eisen-Giesserey und Maschinenfabrik Georg Egestorff“ etwa Mitte 19. Jahrhundert in Linden, im Hintergrund der Deister mini|Das 1917 erbaute ehemalige Hanomag-Fabrikgebäude am Deisterplatz

Den Grundstein für die Entwicklung Lindens zur Industriestadt hatte der Industrielle Johann Egestorff Anfang des 19. Jahrhunderts gelegt mit Kalkbrennereien am Lindener Berg zur Produktion des Baustoffs Kalkmörtel. In seine Fußstapfen trat sein Sohn Georg Egestorff, der eine Maschinenfabrik und Eisengießerei gründete, die spätere Hanomag. Hier wurden von 1846 bis 1931 auch Lokomotiven hergestellt, die bis zum Bau der Altenbekener Strecke 1872 mühsam mit Pferdefuhrwerken zum nächsten Gleisanschluss transportiert werden mussten.

Nach dem Tod Egestorffs 1868 wurde die Fabrik durch den neuen Besitzer, den „Eisenbahnkönig“ Bethel Henry Strousberg großzügig erweitert. Neben dem Werk an der heutigen Göttinger Straße wurde eine Arbeitersiedlung mit 144 Häusern gebaut, die wegen der Rumänien-Aufträge Strousbergs (Konzession über 900 km Bahnstrecken und Lieferung von Lokomotiven) „Klein-Rumänien“ genannt wurde. Die Straßen hießen „Hammerstraße“, „Feilenstraße“ und „Zirkelstraße“. Das Geschäft platzte und Strousberg musste sein Unternehmen 1871 an ein Bankenkonsortium verkaufen. 1937 wurden die Häuser im Zuge der Vergrößerung der Hanomag abgerissen.

Das Gelände der Hanomag erreichte 1911 eine Ausdehnung von 42.000 m², davon 24.000 m² überbaut.Alfred Gottwaldt: Hannover und seine Eisenbahnen. Alba, Düsseldorf 1992, ISBN 3-87094-345-9, S. 32. An die große Bedeutung der Firma und deren Besitzer für Linden erinnern heute Straßennamen wie Hanomagstraße, Egestorffstraße und Strousbergstraße. Da Strousberg jüdischer Herkunft war, trug letztere während der NS-Zeit ab 1935 den Namen Kettlerstraße – nach Julius Kettler, erstem Vorsitzenden und Mitbegründer des Niedersächsischen Heimatbundes.

Am Küchengarten siedelten sich Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche kleinere Firmen an, von denen sich einige zu einer gewissen Bedeutung entwickelten. Wie etwa die Lindener Samtspinnerei, Baumwollspinnerei und Mechanische Weberei, die Lindener Aktien-Brauerei, zwei Gummifabriken und die Deutsche Asphalt sowie eine Korsettfabrik und eine Bettfedernfabrik, auf deren Gelände heute das Kulturzentrum FAUST besteht. Die Hannoversche Waggonfabrik (HAWA) produzierte südlich des Lindener Bahnhofs von 1898 bis 1933 Eisenbahnwagen, Straßenbahnen, Automobile, Kampfflugzeuge und Landmaschinen. Deren 1915 auf dem Tönniesberg angelegter Werksflugplatz wurde im November 1919 der erste zivile Flugplatz für Hannover und blieb dies, bis er 1928 vom Flughafen Hannover-Vahrenwald abgelöst und 1930 ganz geschlossen wurde.

1927 wurde am Küchengarten ein städtisches Badehaus erbaut, da viele Arbeiterfamilien kein eigenes Bad besaßen. Nach dessen Schließung zog dort 1987 das Theater am Küchengarten (TAK) ein.

Im Wesentlichen um die im Preussag-Bergwerk Barsinghausen geförderte Steinkohle des Deisters zu beschaffen, wurde der Bahnhof Linden-Fischerhof eingerichtet und mit der Zweigstrecke nach Linden-Küchengarten ab 1872 an das Netz der Hannover-Altenbekener Eisenbahn bzw. der Deisterbahn angebunden. Der Bahnhof wurde 2006 für eine bessere Anbindung an Stadtbahn und Bus verlegt und heißt heute Hannover-Linden/Fischerhof. Während des Ersten Weltkrieges entstand der Lindener Hafen mit der Anbindung an den Mittellandkanal über den Stichkanal Hannover-Linden.

mini|Altes Rathaus an der Deisterstraße um 1910, Entwurf von Christoph Hehl. mini|hochkant|Rathaus am Lindener Marktplatz vor dem Zweiten Weltkrieg