mini|alt=Heimito von Doderer auf einem Schwarzweißfoto von 1959|Heimito von Doderer 1959, Aufnahme von Barbara Niggl Radloff
Heimito von Doderer (* 5. September 1896 in Hadersdorf-Weidlingau, heute Teil des 14. Wiener Gemeindebezirks (Penzing); † 23. Dezember 1966 in Wien; eigentlich Franz Carl Heimito Doderer, bis 10. April 1919: Franz Carl Heimito Ritter von Doderer) war ein österreichischer Schriftsteller aus der Familie von Doderer, der vor allem als Verfasser von Romanen und Erzähltexten berühmt wurde. Weniger bekannt sind sein (schmales) lyrisches und essayistisches Werk sowie seine Tagebücher. Mit den Großstadtromanen Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre (erschienen 1951) und Die Dämonen (1956), seinem Opus magnum, stellte er die Galionsfigur der österreichischen Literatur der 1950er und der ersten Hälfte der 1960er Jahre dar.
Leben Herkunft mini|Wappen derer von Doderer Heimito von Doderers Großvater war der 1877 als „Ritter von Doderer“ geadelte deutsch-österreichische Architekt Carl Wilhelm Doderer (1825–1900).
Heimito von Doderers Vater Wilhelm Carl (1854–1932) war ebenfalls Architekt, Ingenieur und Bauunternehmer. Er und seine spätere Ehefrau Wilhelmine „Willy“ von Hügel, die aus München stammende Tochter des Bauunternehmers Heinrich von Hügel, lernten einander kennen, als Wilhelm Carl von Doderer in die Firma seines künftigen Schwiegervaters eintrat. Wilhelm Carl von Doderer wirkte führend beim Bau der Tauernbahn, der Karawankenbahn, beim Bau des Nord-Ostsee-Kanals, der Wienflussregulierung und der Wiener Stadtbahn mit. Mit einem Vermögen von rund zwölf Millionen Kronen zählte die Familie zu den reichsten der Habsburgermonarchie. Ihr Kapital wurde jedoch im Verlauf des Ersten Weltkrieges durch kontinuierliche Zeichnung österreichischer Kriegsanleihen beträchtlich vermindert.Roman Sandgruber: Traumzeit für Millionäre – Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910. Verlagsgruppe Styria, Wien 2013, ISBN 978-3-222-13405-0, S. 329f.
Heimito von Doderer war das jüngste von sechs Kindern: Ilse (verh. Mayer) (1882–1979) Almuth (verh. Martinek) (1884–1978) Wilhelm (genannt Immo) (1886–1975) Helga (verh. Hauer) (1887–1927) Astri (verh. Stummer) (1893–1989) Heimito (1896–1966) Der Vater war Katholik, die Mutter Protestantin, die beiden evangelisch getraut; die Kinder wurden evangelisch getauft (und der Vater später auch nach evangelischem Ritus beerdigt).
Über die Großmutter väterlicherseits, Maria von Greisinger (1835–1914), war Heimito von Doderer entfernt mit dem Dichter Nikolaus Lenau verwandt: Seine Urgroßmutter war Lenaus Halbschwester.
Name Heimito von Doderers ungewöhnlicher Vorname rührt angeblich daher, dass seine Mutter bei einem Spanienurlaub Gefallen an dem Vornamen Jaime und insbesondere an dessen Koseform Jaimito gefunden hatte, der (unter Kombination mit dem in Österreich durchaus verbreiteten Namen Heimo) als „Heimito“ eingedeutscht wurde. Im Familien- und Freundeskreis wurde Doderer auch „Heimo“, „Heimerl“ oder „Heimchen“ genannt.
Der erbliche Adel war Doderers Großvater, Carl Wilhelm Christian Ritter von Doderer (1825–1900), 1877 verliehen worden. Adelsbezeichnungen wurden in Österreich 1919 gesetzlich aufgehoben, jedoch als Künstlernamen toleriert. Während Doderer in den früheren Veröffentlichungen noch als Heimito Doderer aufscheint (bzw. journalistische Artikel häufig mit Namenskürzel oder Pseudonym zeichnete), verwendete er ab dem Roman Ein Mord, den jeder begeht (1938) konsequent die Namensform mit dem Zusatz „von“ – zunächst möglicherweise aufgrund eines rechtlichen Irrtums, später als Teil seiner literarischen Selbstinszenierung.
Jugend, Erster Weltkrieg und russische Gefangenschaft mini|Gedenkstein am Platz des Geburtshauses von Doderer Heimito von Doderer wurde im Laudon’schen Forsthaus in der Nähe von Hadersdorf-Weidlingau geboren, das der Familie während der Bauarbeiten an der Wienflussregulierung vorübergehend als Aufenthalt diente. (Das Haus existiert nicht mehr; an seiner Stelle befindet sich heute ein Gedenkstein.) Das von Max von Ferstel errichtete Stadthaus der Familie lag im 3. Wiener Gemeindebezirk Landstraße in der Stammgasse 12. 1903 wurde der für die Familie erbaute Sommersitz Riegelhof in Prein an der Rax bezogen, in dem der Autor später nach Möglichkeit die Sommermonate verbrachte und auch in höherem Alter noch gerne (nun bei seiner Schwester Astri) zu Gast war.
1902 wurde Doderer in die Übungsschule der k.k. Lehrerbildungsanstalt in der Sophienbrückengasse (heute Kundmanngasse) eingeschult; später besuchte er das humanistische Gymnasium im gleichen Gebäudekomplex. Doderer war ein eher mittelmäßiger Schüler.
Mit seinem Hauslehrer Albrecht Reif hatte Doderer als Jugendlicher erste homoerotische Erlebnisse. Gleichzeitig machte er Erfahrungen mit Mädchen und Frauen und verkehrte auch in Bordellen. Zeit seines Lebens hatte der Autor neben bisexuellen auch ausgeprägt sadomasochistische sowie voyeuristische Neigungen. Sie spiegelten sich wiederholt in seinem Werk wider.
Nach seiner (aufgrund ungenügender Leistungen im Griechischen nur dank eines mit Mehrheit gefällten Kommissionsbeschlusses zuerkannten) Matura 1914 immatrikulierte sich Doderer für das Wintersemester an der Universität Wien im Fach Jus. Im Ersten Weltkrieg trat er im April 1915 als Einjährig-Freiwilliger in das Dragoner-Regiment Nr. 3 (eines der renommiertesten Kavallerieregimenter der österreichisch-ungarischen Armee) ein und diente an der Ostfront in Galizien und der Bukowina. Am 12. Juli 1916 geriet er während der Brussilow-Offensive nahe Olesza in russische Kriegsgefangenschaft.Auszug aus der österreichisch-ungarischen Verlustliste vom 11. März 1917, Nr. 624, S. 3.
Etwa einen Monat nach seiner Gefangennahme wurde Doderer zusammen mit anderen Offizieren nach Sibirien in das Gefangenenlager Krasnaja Rjetschka nahe Chabarowsk verlegt. Dort beschloss er, Schriftsteller zu werden, und verfasste erste Prosatexte (Überliefertes ist posthum unter dem Titel Die sibirische Klarheit erschienen). Im April 1918 wurden die Gefangenen im Gefolge des Friedensvertrages von Brest-Litowsk von den Bolschewiki entlassen und begannen per Eisenbahn die Rückreise nach Österreich. Infolge des Russischen Bürgerkriegs kamen die kriegsgefangenen Österreicher jedoch nur bis Samara. Da die Weiterreise nach Westen unmöglich war, wurde beschlossen, zurück nach Sibirien zu fahren.
Die Rückreise endete in Nowo-Nikolajewsk (dem heutigen Nowosibirsk), wo die Österreicher in ein Lager außerhalb der Stadt eingewiesen wurden. Ende 1918 wurden sie vor der herannahenden Roten Armee von den Weißen weiter nach Osten verlegt und in ein primitives Lager bei Krasnojarsk gebracht, wo sie vom Roten Kreuz durch Elsa Brändström unterstützt wurden. Dennoch starben viele Gefangene in dieser Zeit am Fleckfieber. 1920 wurden die gefangenen Österreicher entlassen; Doderer kam am 14. August in Wien an.
1920 bis 1932: Jahre in Wien Ende 1920 nahm Doderer sein durch den Krieg unterbrochenes Studium wieder auf, wechselte jedoch, da er dies für einen werdenden Schriftsteller für angeraten hielt, zu Geschichte und Psychologie. Unter seinen akademischen Lehrern sind die Historiker Oswald Redlich und Heinrich von Srbik sowie insbesondere die Psychologen Karl Bühler und Hermann Swoboda, ein Freund Otto Weiningers, hervorzuheben. Swobodas Lehre der „Perioden des menschlichen Organismus“, eine Biorhythmus-Lehre im Geiste von Wilhelm Fließ, beeinflusste Doderer persönlich wie auch in seiner Romantheorie stark. Swoboda ging von natürlichen, zyklischen Vorgängen aus, die in bei Männern und Frauen unterschiedlichen Zeitabständen psychische Phänomene wie zum Beispiel „freisteigende Erinnerungen“ (das heißt das Wiedererscheinen vergessener Erlebnisse) bewirken. Solche Zyklen sollten in Doderers späteren Romanen zu einem wichtigen Strukturelement werden. Als weitere prägende geistige Einflüsse des jungen Doderer sind Geschlecht und Charakter von Otto Weininger und Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler zu nennen.
Im Sommer 1921 stellte Doderers Kriegskamerad und Freund Ernst Pentlarz ihm seine Geliebte, Auguste Leopoldine Hasterlik, genannt Gusti, vor. Zwischen Doderer und der gleichaltrigen Hasterlik entspann sich schnell eine Liebesbeziehung, für die diese ihr Verhältnis zu Pentlarz beendete. Hasterlik, katholisch getauft, entstammte einer hochgebildeten, ursprünglich jüdischen Arztfamilie und war am Konservatorium als Pianistin ausgebildet worden.
Bei seinen historischen Studien beschäftigte Doderer sich intensiv mit der Geschichte des Mittelalters sowie mit Wiener Stadtgeschichte. Während seines Studiums veröffentlichte er erste Artikel in Zeitungen – zumeist Feuilletons über historische Themen –, arbeitete an Gedichten und seinem ersten Roman. 1923 begann er (gemeinsam mit Alfons Lhotsky und Rudolf Pühringer) den 34. Kurs des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, brach diesen jedoch nach vier Monaten wieder ab.Johann Christoph Allmayer-Beck: Rudolf Pühringer. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Band 79. Wien/Köln/Graz 1971, S. 293–294.
Im selben Jahr erschien als sein literarisches Debüt der Gedichtband Gassen und Landschaft in Rudolf Haybachs 1921 gegründetem Einmann-Verlag (Auflage: 600 Exemplare), in dem 1924 auch der Roman Die Bresche herauskam. Beide Bücher blieben ohne Erfolg. Mitte 1925 schloss Doderer sein Studium mit der Promotion ab; seine umfangreiche Dissertation trägt den Titel Zur bürgerlichen Geschichtsschreibung in Wien während des 15. Jahrhunderts.
Danach schrieb er verstärkt Feuilletons für Tageszeitungen und Magazine. Da es ihm nicht gelang, hinreichendes materielles Auskommen damit zu finden, blieb er auf die finanzielle Unterstützung seiner Eltern angewiesen und wohnte auch weiterhin im Elternhaus; erst 1928 konnte er ein eigenes (Untermiet-)Zimmer im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling beziehen, blieb aber weiterhin finanziell von den Eltern abhängig.
1927 starb Doderers Schwester Helga von eigener Hand (später als Selbstmord der Romanfigur Etelka in der Strudlhofstiege verarbeitet). 1930 erschien der Roman Das Geheimnis des Reichs, in dem Doderer vor dem Hintergrund der Geschehnisse aus dem Russischen Bürgerkrieg eigene Erlebnisse in der sibirischen Kriegsgefangenschaft verarbeitet. Im selben Jahr heiratete Doderer – nach zahlreichen Trennungen und Versöhnungen – Gusti Hasterlik und trat in diesem Zusammenhang aus der Kirche aus. Die Ehe wurde nur pro forma geführt, eine gemeinsame Wohnung weder gesucht noch bezogen. Gemäß einer Briefe und Notizen Doderers auswertenden Dissertation von Alexandra KleinlercherAlexandra Kleinlercher: Zwischen Wahrheit und Dichtung. Antisemitismus und Nationalsozialismus bei Heimito von Doderer. (= Literaturgeschichte in Studien und Quellen. Band 16). Böhlau Verlag, Wien 2011. traktierte Doderer seine Frau regelmäßig „mit obsessiv vorgetragenen antisemitischen Stereotypen“.Friederike Reents in ihrer Buchbesprechung von Alexandra Kleinlerchers Buch (siehe vorigen Einzelnachweis): Die vielfältigen Anschlussphantasien eines Österreichers. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. Nr. 289, 12. Dezember 2011, S. 26. 1932 trennte sich das Paar endgültig. Die Scheidung von der „rassisch gefährdeten“ Gusti wurde von Doderer erst nach dem „Anschluss“ 1938 energisch betrieben. Sie erfolgte am 25. November 1938 (rechtskräftig am 2. Februar 1939), nachdem Doderer durchgesetzt hatte, dass die Klärung der Schuldfrage zurückgestellt wurde. Anschließend konnte Gusti nach Amerika emigrieren. Nach der Darstellung Wolfgang Fleischers nutzte Doderer ihre Notlage als Druckmittel zu einem ihm genehmen Urteilsspruch.
Zeit des Nationalsozialismus