Die Schlacht von Azincourt (, ) fand am 25. Oktober 1415, am Tag des Heiligen Crispinian, bei Arras im heutigen nordfranzösischen Département Pas-de-Calais statt. Die Truppen von König Heinrich V. von England kämpften gegen das Heer König Karls VI. von Frankreich, verschiedener französischer Edelherren und der Armagnacs. Es war einer der größten militärischen Siege der Engländer über die Franzosen während des Hundertjährigen Kriegs.
Die militärische Niederlage Frankreichs war so nachhaltig, dass Heinrich V. 1420 Frankreich den Vertrag von Troyes aufzwingen konnte, der ihm durch die Heirat der französischen Königstochter Katharina von Valois den Anspruch auf den französischen Thron zusicherte.
Lange Zeit wurde angenommen, dass das englisch-walisische Heer dem französischen zahlenmäßig weit unterlegen war. Neuere Forschungen, unter anderem auf Basis der dokumentierten Soldzahlungen, kommen zu der Annahme, dass das französische Heer dem englisch-walisischen Heer lediglich mit einem Kräfteverhältnis von 3:2 überlegen war.Siehe beispielsweise Curry (2005).
Hintergrund Ursachen der Auseinandersetzung Ausgangspunkt und Kernstreitpunkt des Hundertjährigen Krieges, zu dessen Kriegshandlungen die Schlacht von Azincourt zählt, war der englische Anspruch auf den französischen Thron. Die erste Phase dieses Krieges endete nach den englischen Siegen in Crécy (1346) und Maupertuis (1356) mit dem im Jahre 1360 geschlossenen Frieden von Brétigny, der die Herrschaft Englands über große Teile Frankreichs sicherstellte. Bis 1396 konnten die Franzosen einen Großteil ihres an die Engländer verlorenen Landes zurückerobern und durch einen erneuten Friedensschluss mit England sichern. Heinrich V., der 1413 den englischen Thron bestieg, erneuerte den Anspruch auf das französische Königreich und nahm dazu diplomatische Gespräche wieder auf, während er gleichzeitig ein Heer von erfahrenen, von der englischen Krone direkt bezahlten Soldaten anwarb. Nach Abbruch der diplomatischen Verhandlungen landeten er und sein Heer am 14. August 1415 in Harfleur (heute Département Seine-Maritime) in der Normandie. mini|Heinrich V. von England. Anonymes Porträt, spätes 16. oder frühes 17. Jahrhundert. National Portrait Gallery (London) mini|Karl VI. von Frankreich. Detail einer Buchmalerei aus einem um 1412 entstandenen Handschriftencodex. Universitätsbibliothek Genf Auf französischer Seite stand ihm der geisteskranke König Karl VI. gegenüber. Unter seinen Reichsverwesern waren der Herzog von Burgund, Johann Ohnefurcht, und der Herzog von Orléans, Charles de Valois, die mit ihren Parteien der Bourguignons und der Armagnacs einen Machtkampf austrugen, der die französische Seite im Krieg gegen die Engländer nahezu paralysierte. Der vom englisch-walisischen Heer belagerten Stadt Harfleur kam kein französisches Heer zu Hilfe und die Stadt kapitulierte am 22. September.John Keegan: Das Antlitz des Krieges. Düsseldorf 1978 Zwar fand nach dem Fall Harfleurs eine Mobilmachung der Lehnsheere in den französischen Provinzen statt, aber die Heere der Herzöge von Orléans und Burgund hätten sich vermutlich bei einem Aufeinandertreffen gegenseitig bekämpft. So blieb das Heer des burgundischen Herzogs Johann Ohnefurcht zurück und der Connétable, Charles I. d’Albret, kommandierte die französische Streitmacht.
Der englische Marsch nach Azincourt Etwa ein Drittel des englisch-walisischen Heeres war nach der wochenlangen Belagerung von Harfleur tot oder kampfunfähig. Mit einem von Tag zu Tag durch eine Ruhrepidemie stärker geschwächten Restheer wollte Heinrich V. nach Calais ziehen, das seit 1396 die letzte Bastion der englischen Krone in Nordfrankreich war. Dort wollte er sich auf kommende Kampfhandlungen vorbereiten. Die direkte Wegstrecke von Harfleur nach Calais betrug etwa 200 Kilometer und führte entlang der Küste. Nur die Somme stellte auf diesem Weg ein größeres Hindernis dar. Um diesen Fluss oberhalb des Mündungsbereiches zu überqueren, zog das englisch-walisische Heer ab dem 13. Oktober weiter ins Inland.
Entlang der Somme hatten französische Truppen die Übergänge rechtzeitig besetzt, so dass die englische Streitmacht auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Somme zu überqueren, immer weiter ins Landesinnere eindringen musste. Sie folgte dabei dem Flusslauf; allerdings hielt das französische Heer auf dem Nordufer der Somme mit ihr Schritt. Heinrich V. entschied sich daher, dem Flusslauf nicht länger zu folgen und überquerte, um das französische Heer abzuschütteln, in einem Gewaltmarsch die Santerre-Ebene. In der Nähe der Orte Béthencourt und Voyennes fanden sie zwei unbewachte, wenn auch beschädigte Dämme, die ihnen den Wechsel über die Somme erlaubten. Sie hatten bis zu diesem Zeitpunkt in zwölf Tagen 340 km zurückgelegt. Deshalb ließ Heinrich V. sein Heer am 20. Oktober ruhen. Vom 21. bis zum 24. Oktober legte das Heer weitere 120 km zurück. Heinrich V. war sich dabei bewusst, dass sich das französische Heer an ihrer rechten Flanke befinden musste. Kundschafter konnten am 24. Oktober diese Vermutung bestätigen. Obwohl sich die Franzosen bereits am 24. Oktober in Schlachtordnung aufstellten, unterblieb die Schlacht wegen hereinbrechender Dunkelheit. Die beiden Heere lagerten während der sehr regnerischen Nacht in Hörweite voneinander.
Ausrüstung Die Schlacht von Azincourt wird gelegentlich verkürzt als eine Auseinandersetzung zwischen Rittern und Bogenschützen bezeichnet.Siehe beispielsweise Wolfgang Hebold: Siege und Niederlagen – Militärische Entscheidungen von Troja bis Jom Kippur, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2002, ISBN 3-8067-2527-6, S. 100. Als Ritter im weiteren Sinne des Wortes werden die schwer gerüsteten, berittenen Krieger des Mittelalters bezeichnet. Im engeren Sinne ist Ritter die Bezeichnung eines Standes, dem zwar viele, aber keineswegs alle mittelalterlichen Adeligen angehörten. Aus finanziellen und familiären Gründen zogen es viele Adelige vor, zeit ihres Lebens Edelknechte und damit ritterbürtige und waffentragende Krieger zu bleiben. In Azincourt spielte schwer gerüstete Reiterei, die nur von der französischen Seite eingesetzt wurde, lediglich zu Beginn der Schlacht eine Rolle. Der eigentliche und schlachtentscheidende Kampf fand zu Fuß zwischen schwer gerüsteten Adeligen statt, von denen nicht jeder dem Ritterstand angehörte. Die englische Historiographie unterscheidet deswegen zwischen knights (= Ritter im engen Sinne) und Men-at-Arms (= schwer gerüstete Krieger, die einen Plattenpanzer trugen). In der deutschsprachigen Literatur wird für diese Krieger gelegentlich gleichfalls der englische Begriff Men-at-armsSiehe beispielsweise Seehase und Krekeler, S. 126. verwendet. Im Folgenden wird dieser Teil der Kämpfenden in der Schlacht von Azincourt als „Gewappnete“ bezeichnet, ein Begriff, den auch Hermann Kusterer verwendet, der John Keegans Analyse der Schlacht von Azincourt ins Deutsche übersetzte.Siehe beispielsweise John Keegan: Das Antlitz des Krieges. Düsseldorf 1978, S. 95.
Ausrüstung der Gewappneten Die Gewappneten beider Heere trugen jeweils einen Plattenpanzer, eine Vollrüstung, die aus mehreren Dutzend Metallplatten bestand, die durch zahlreiche Riemen, Niete und Scharniere flexibel miteinander verbunden waren und das Tragen eines Schildes unnötig machte. Bei vielen schützte ein Kettenhemd unter dem Plattenpanzer Achseln und Genitalbereich. Der Kopf war durch eine Beckenhaube geschützt, an der ein bewegliches Visier befestigt war. Die Panzer waren je nach Wohlstand des Auftraggebers individuell für ihn angefertigt oder setzten sich aus mehreren ererbten oder einzeln gekauften Stücken zusammen. Die Herstellung eines maßgefertigten Harnisches nahm meist mehrere Monate in Anspruch. Die Preisunterschiede zwischen Plattenrüstungen konnten sehr groß sein, aber in der Regel kosteten sie mindestens so viel, wie ein damaliger Handwerksmann in mehreren Jahren verdiente. Zusammen mit dem Helm wog die über den ganzen Körper verteilte Rüstung zwischen 28 und 35 Kilogramm. Eine gut gearbeitete Rüstung erlaubte ihrem Träger, auch ohne fremde Hilfe auf sein Pferd zu steigen oder nach einem Sturz problemlos wieder aufzustehen.Johann Baier: Die Schlacht bei Agincourt. Ludwigshafen 2006
Ausrüstung der englischen Langbogenschützen Über die Ausrüstung der für den Ausgang der Schlacht wesentlichen englischen Langbogenschützen ist sehr wenig bekannt. Einige von ihnen trugen möglicherweise ein kurzärmeliges Kettenhemd über einem wattierten Wams.Seehase und Krekeler, S. 85. Das wattierte Wams hatte sich aus dem unter dem Kettenhemd getragenen Gambeson entwickelt. Es lag an Oberkörper und Armen fest an und bestand aus mehreren Lagen festen Leinengewebes, welches in Längsrichtung gesteppt war. Es war häufig mit Wolle, Watte, Filz, Hanf oder Heu gepolstert. Ein aus den 1460er Jahren stammendes Wams ist erhalten geblieben und weist auf der Vorderseite 23 Lagen Leinen und Wolle und an der Rückseite 21 Lagen auf. Einige Quellen berichten, dass die Bogenschützen ansonsten barhäuptig und barfüßig kämpften. Sie waren in einem direkten Kampf mit einem Gewappneten auf Grund ihrer anderen Waffen und dem geringen Schutz, den ihre Kleidung bot, weit unterlegen. Verglichen mit einem Kämpfer, der einen Plattenpanzer trug, waren sie jedoch erheblich beweglicher.
Ihre entscheidende Stärke lag im geübten Umgang mit dem Langbogen. Ein Bogenschütze musste mindestens zehn Pfeile pro Minute abschießen können, um ins englisch-walisische Heer aufgenommen zu werden.Hitchin, S. 44. Paul Hitchin brachte es nach eigenen Angaben nach 15 Jahren Training auf 17 Pfeile pro Minute. Die Bogenschützen beherrschten unterschiedliche Schusstechniken. Dazu gehörte ein Abschießen von Pfeilen in der Art, dass sie einer hohen parabolischen Flugbahn folgten. Mehrere hintereinander stehende Reihen an Bogenschützen konnten auf diese Weise gleichzeitig ihre Pfeile abschießen. Diese Technik wurde vor allem verwendet, wenn der Angriff des Feindes durch einen dichten Pfeilschwarm verlangsamt werden sollte.
Die Pfeile trugen eine schmiedeeiserne Spitze. Die nach der Klassifikation des Britischen Museums sogenannte „Kriegsspitze Typ 16“ war etwa fünf Zentimeter lang, lanzettförmig mit flachelliptischem Querschnitt und kaum ausgeprägten Widerhaken. Auf Grund moderner Schießversuche weiß man, dass diese Pfeile Kettenhemden und Plattenpanzerungen durchschlagen konnten.Seehase und Krekeler, S. 47f.Hitchin, S. 46. Verwendet wurden außerdem Bodkin-Spitzen, die auf Grund ihrer kurzen kräftigen Vierkantspitze ebenfalls Plattenpanzerungen und Kettenhemden durchschlagen konnten. Auch hier haben moderne Schießversuche gezeigt, dass Pfeile mit Bodkin-Spitze bei einem Auftreffwinkel von 50 Grad einen Plattenharnisch von 1,5 mm Plattenstärke durchschlagen können.Seehase und Krekeler, S. 199; Hitchin, S. 46. Der verwendete Bogen hatte ein Zuggewicht von 165 Pfund.
Die Pfeile wurden zu Bündeln von je 24 Pfeilen in Leinenbehältern transportiert. Während des Gefechtes trug der Bogenschütze diese entweder als Bündel in seinem Gürtel oder in einem Transportbehälter. Häufig steckte der Schütze seine Pfeile vor sich in den Boden. Solche durch Erdreich verunreinigte Spitzen führten bei den Getroffenen oft zu schwerwiegenden Entzündungen der Wunden.
Schlachtaufstellung und Truppenstärke Die französische Schlachtaufstellung