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Franz Emanuel August Geibel (* 17. Oktober 1815 in Lübeck; † 6. April 1884 ebenda) war ein deutscher Lyriker. Ab 1843 war er neben Heinrich Heine und Friedrich Rückert der erfolgreichste deutsche Dichter seiner Zeit,Günter Häntzschel: Die deutschsprachigen Lyrikanthologien 1840–1914. Sozialgeschichte der Lyrik des 19. Jahrhunderts (= Buchwissenschaftliche Beiträge aus dem Deutschen Bucharchiv, 58). Harrassowitz, Wiesbaden 1997. dessen Liederwerk Komponisten wie Robert Schumann, Hugo Wolf, Felix Mendelssohn Bartholdy und Johannes Brahms inspirierte. Seine Wertschätzung als Wortkünstler und als Autorenförderer im 19. Jhd. ließ im 20. Jahrhundert schon vor dem Ersten Weltkrieg nach. Bis heute allgemein bekannt geblieben sind seine Wanderlieder Der Mai ist gekommenSeit mehr als 110 Jahren wird am 30. April/1. Mai in Osnabrück das Mailied Geibels angestimmt in der Version des 1822 in Osnabrück geborenen Komponisten Justus Wilhelm Lyra und Morgenwanderung (Wer recht in Freuden wandern will, 1839) sowie die Schlussverse des Gedichts Deutschlands Beruf. 1861: „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“, die u. a. Kaiser Wilhelm II. zum politischen Schlagwort umformte („Am deutschen Wesen soll dereinst die Welt genesen“). Etliche der mehr als 3500 Kompositionen zu knapp 300 Gedichten Geibels sind nach wie vor im Repertoire von Solisten im Haus- und Kammermusikbereich.
Leben Herkunft und Ausbildung mini|Geibels Geburtshaus in der Fischstraße 25 in Lübeck: zweites Haus von rechts, 25 Jahre nach Geibels Tod
Franz Emanuel Geibel wurde als siebtes von acht Kindern in der Fischstraße 25 in Lübeck geboren. Seine Eltern waren der Erweckungsprediger der reformierten Gemeinde Johannes Geibel und die Kaufmannstochter Elisabeth Louise Ganslandt (1778–1841).Wolfgang Stammler, Anmerkungen des Herausgebers zu Geibels Leben und Werke, in: Wolfgang Stammler (Hrsg.): Geibels Werke. Kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Leipzig 1915/18, Bd. 1, S. 412; siehe auch: Gaedertz, Denkwürdigkeiten, S. 1–11 Er besuchte das Katharineum zu Lübeck, das er als Klassenbester verließ. Noch als Schüler veröffentlichte er unter dem Pseudonym „L. Horst“ sein erstes Gedicht im Deutschen Musenalmanach für das Jahr 1834, den Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab herausgaben.L. Horst: Vergessen.
Bonn Ab dem Sommersemester 1835 studierte Geibel an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn auf Wunsch des Vaters Evangelische Theologie bei Friedrich Bleek, Philosophie bei Christian August Brandis und Klassische Philologie bei Rudolf Heinrich Klausen und Friedrich Gottlieb Welcker. In Bonn schloss er sich den Ruländern an. Sie waren nie eine Burschenschaft, sondern eine Tischgesellschaft, die sich in der Zeit der Demagogenverfolgung in der Gaststätte Ruland aus der kurzlebigen Markomannia (I) bildete. Sie paukte mit dem SC zu Bonn und wandelte sich 1836 (kurz nach Geibels Abgang) in das Corps Saxonia Bonn um.Richard Bayer: Das Corps Saxonia zu Bonn 1832–1935. Bonn 1937. Ohne Einfluss auf Geibel blieb seine Begegnung mit Karl Marx und Karl Grün. Mit Moriz Carrière u. a. bildeten sie ein ‚Dichterkränzchen‘.Moriz Carrière: Lebenserinnerungen. In: Archiv für hessische Geschichte und Alterthumskunde. N. F. 10, 1914.
Berlin und Athen Im Frühjahr 1836 wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, wo er anfangs mit Adelbert von Chamisso, Bettina von Arnim und Franz Kugler in freundschaftliche Verbindung trat und Julius Eduard Hitzig ihn in die Literarische Gesellschaft einführte. Geibels Hochschullehrer waren u. a. August Boeckh, Johann Gustav Droysen, Karl Lachmann, Franz Kugler und Henrik Steffens. Bevor er im April 1838 nach Griechenland abreiste, stellte Geibel in einem lateinisch abgefassten Brief den Antrag, an der Universität Jena zu promovieren. Er wurde dabei von Georg Friedrich Heinrich Rheinwald unterstützt. Geibel bekam den Doktorgrad in absentia, ohne eine Dissertation eingereicht zu haben, die er nachzuliefern versprach.Karl Theodor Gaedertz: Emanuel Geibel. Sänger der Liebe, Herold des Reiches. Ein deutsches Dichterleben, S. 148–151. In Griechenland erhielt er eine auf drei Jahre befristete Anstellung als Hauslehrer beim russischen Gesandten in Athen, Gawriil Antonowitsch Katakasi; sein Jugendfreund Ernst Curtius war bereits seit 1837 in Athen bei Christian August Brandis als Hauslehrer tätig. Geibel blieb zwei Jahre in Griechenland. In dieser Zeit reifte sein Entschluss, weder als Gelehrter noch als Journalist, sondern ausschließlich als Dichter seinen Lebensunterhalt bestreiten zu wollen.
Hochzeit in Lübeck Nach seiner Rückkehr veröffentlichte er 1840 einen Band mit dem schlichten Titel Gedichte. Nach schleppendem Beginn wurde es sein großes Erfolgsbuch. Es erreichte, von der zweiten bis zur 5. Auflage überarbeitet und ergänzt, bis 1915 132 Auflagen und trug ihm die lebenslange Freundschaft mit dem germanistischen Grundlagenforscher Karl Goedeke ein. 1841 und 1842 ordnete Geibel auf Schloss Escheberg bei Zierenberg die Bibliothek spanischer Literatur des Künstlermäzens Karl-Otto von der Malsburg. Am 24. Dezember 1842 erhielt er durch die Vermittlung des in Lübeck lebenden Kunsthistorikers Carl Friedrich von Rumohr vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV., wie vor ihm schon der Dichter Ferdinand Freiligrath, eine lebenslange Pension. Es folgte ein Jahrzehnt des Reisens. Lübeck blieb sein Rückzugsort. Im Forsthaus Waldhusen im Stadtteil Kücknitz verbrachte Geibel mehrmals seine Sommerfrische und schuf dort 1847 das Gedicht Aus dem Walde. Er war auch aktives Mitglied der politischen Erneuerungsbewegung Jung-Lübeck, die im März 1848 eine Verfassungsreform durchsetzte. Zwischen 1848 und 1849 unterrichtete Geibel am Katharineum anstelle seines väterlichen Freundes Ernst Deecke, der für Lübeck an der Nationalversammlung in Frankfurt teilnahm. 1849 begann die lebenslange enge Verbindung Geibels mit der schlesischen Adelsfamilie Carolath-Beuthen. 1851 verlobte Geibel sich mit der erst 17 Jahre alten Amanda („Ada“) Trummer (* 15. August 1834 in Lübeck), Tochter eines Rechtsanwaltes und einer Schauspielerin. Das Paar heiratete 1852. Die Hochzeit wurde im Lübecker Gartenrestaurant Lachswehr gefeiert, dessen „stillen Garten mit dem schattigen Ulmengang“ Geibel Jahre zuvor in einem Gedicht besungen hatte.
München Im Dezember 1851 erhielt Geibel von König Maximilian II. Joseph eine Einladung zur Übersiedelung nach München bei guter Dotierung ohne Verpflichtungen.Manfred Eickhölter: König Maximilian II. beruft 1852 Emanuel Geibel. In: Lübeckische Blätter, Heft 1, 13. Januar 2018, S. 9–12. Geibel erhielt bereits einen dauerhaften Ehrensold vom preußischen König, war aber so gut wie nie in Preußen. Um einen dauerhaften bezahlten Aufenthalt in München begründen zu können, erbat er sich eine formal den Schein wahrende Ehrenprofessur für deutsche Literatur und Poetik an der Universität. Zwischen dem Bürgerkönig und dem Dichter entstand eine starke persönliche Bindung.Hans Rall: Geibels Hilfe für das Bemühen des Königs um die Dichtung, die durch die Teeabende der Königin Marie unterstützt wird. In: Hans Rall: Die Symposien König Max II. von Bayern (mit Ausführungen über die Symposien seit Platon). Für die Veröffentlichung posthum erzänzend bearbeitet von Marga Rall, herausgegeben von Manfred Pix. In: Zeitschrift für bayerische Sparkassengeschichte, Beiheft 4, München 2001, S. 190–203; König Max verehrte Geibel im besondern Maß für das Gedicht „Frühlingshymnus“, siehe Karl Heinz Fallbacher: Literarische Kultur in München zur Zeit Ludwig I. und Maximilian II. C. H. Beck, München 1992, S. 165 Geibel saß bei den seit 1854 regelmäßig im Winter in der Grünen Galerie abgehaltenen ‚Abendunterhaltungen‘, ab 1856 Symposien genannt,Hans Rall: Die Symposien Maximilians II. In: Maximilian II., von Bayern, S. 63–70; siehe auch Goedeke, Nord und Süd, S. 411–413. stets neben dem König. Der Lyriker zog mit seiner Frau nach München und lebte dort bis 1868 in den Wintermonaten. 1853 wurde die Tochter Ada Marie Caroline (1853–1906) geboren, die spätere erste Frau des Lübecker Bürgermeisters Emil Ferdinand Fehling. Zwei Jahre später starb seine Frau Amanda am 21. November 1855. Sie wurde auf dem Alten Südfriedhof beigesetzt. Nach dem plötzlichen Tod Maximilians II. 1864 erfuhr Geibel in München zunehmend wegen seiner preußenfreundlichen Gesinnung Anfeindungen. Als Preußens König Wilhelm I. am 12. September 1868 Lübeck besuchte, begrüßte ihn Geibel mit einem Gedicht, durch das er bei König Ludwig II. in Ungnade fiel.Festschrift: Zum 150-jährigen Jubiläum der Lübeckischen Anzeigen / 1751 *** 6. März *** 1901 / und / 75-jährigen Bestehen der Steindruckerei Gebrüder Borchers / 1826 *** 30. Mai *** 1901 Geibel verlor seine von den Wittelsbachern zugesicherte lebenslange Pension. Er verließ den von Paul Heyse 1856 ins Leben gerufenen und von ihm selbst maßgebend geprägten Münchener Dichterkreis Die Krokodile.siehe grundlegend Michael Dirrigl: Der Dichterbund der Krokodile. In: Maximilian II., König von Bayern 1848–1864, Teil II. Hugendubel, München 1984, S. 1381–1542; siehe Renate Werner: Und was er singt ist wie die Weltgeschichte. Über Emanuel Geibel und den Münchner Dichterkreis. In: Helmut Scheuer (Hrsg.): Dichter und ihre Nation. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 1993 und Johannes Mahr (Hrsg.): Die Krokodile. Ein Münchener Dichterkreis. Texte und Dokumente. Philipp Reclam jun., Universal-Bibliothek Nr. 8378, Stuttgart 1987, ISBN 3-15-028378-7.
Heimkehr mini|hochkant|Alterswohnsitz in Lübeck
Emanuel Geibel kehrte in seine Geburtsstadt zurück. Paul Heyse verzichtete aus Solidarität auf seinen Ehrensold. Lübeck ernannte Geibel 1869 zum Ehrenbürger und Wilhelm I. ersetzte die bayerische Pension durch einen Ehrensold auf Lebenszeit.
Die Sommer der Jahre 1873–1875 verbrachte Geibel in Schwartau, wo er in der näheren Umgebung wanderte. Er starb nach langer, schwerer Krankheit am 6. April 1884 in Lübeck. Dort hatte er zusammen mit seinem Freund Heinrich Schunck einen belletristischen Lesezirkel geleitet.Manfred Eickhölter: Die Bibliothek der Lübecker Schillerstiftung (1860–1960). In: Zeitschrift für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde (ZVLGA), Bd. 86, 2006, S. 115–134. Trauerfeier und Trauerzug erreichten in der Hansestadt weder vorher noch nachher je wieder vergleichbare Dimensionen. Die Gedächtnisrede hielt sein Schwager Ludwig Trummer, Hauptpastor der Petrikirche, am Sarge in der Marienkirche. Geibels Grabstelle befindet sich auf dem Burgtorfriedhof. Die Beisetzung dort leitete sein Neffe, Pastor Heinrich Lindenberg.
mini|hochkant=0.85|Grab in Lübeck
Am 18. Oktober 1889 wurde der heutige Koberg im Stadtzentrum, damals Kaufberg, in Geibelplatz umbenannt und darauf ein Denkmal eingeweiht. Knapp die Hälfte der Kosten von ca. 50.000 Courantmark kamen durch Spenden aus dem gesamten deutschen Sprachraum zusammen: Der Kaiser, Herzöge, Adelige, Bildungsbürger in hohen Funktionen sowie zahlreiche Denkmalkomitees (z. B. in Hamburg, Frankfurt, Zürich, Stuttgart) stifteten stattliche Einzelbeiträge.Manfred Eickhölter: Dass der Geibelplatz verschwinden musste, war seit Jahren ein offenes Geheimnis. Zur Geschichte von Platz und Denkmal zwischen 1884 und 1936. In: Lipinski/Volkmann/Eickhölter: Emanuel Geibel. Aufstieg und Fall eines Umstrittenen. Das Magazin zur Ausstellung. Lübeck 2016, S. 31–45. Den meisten heutigen Lübeckern ist Geibel durch sein scherzhaftes Schülergedicht Zu Lübeck auf der Brücken bekannt. Darin geht es um die Statue des Gottes Merkur auf der Lübecker Puppenbrücke und ihr unbedecktes Hinterteil.
Künstlerisches Schaffen