mini|Édith Piaf (1950) rahmenlos|hochkant|zentriert|klasse=skin-invert-image notpageimage|Signatur Édith Piaf (bürgerlich Édith Giovanna Gassion; * 19. Dezember 1915 in Paris; † 10. Oktober 1963 in Plascassier) war eine französische Sängerin, die durch ihre Interpretation von Chansons weltberühmt wurde. Ihre Ausdruckskraft und ihr Gesangsstil schienen die Tragödien ihres Lebens widerzuspiegeln. Zu ihren größten Erfolgen gehören La Vie en rose, Milord, Hymne à l’amour und Non, je ne regrette rien.

Leben Kindheit mini|Steintafel über dem Eingang ihres Geburtshauses im Pariser Stadtteil Belleville Édith Piaf wurde einige Wochen nach der Geburt (nach anderen Darstellungen im Alter von zwei Jahren) im Pariser Stadtteil Belleville von ihrer Mutter Annetta Jacqueline Gassion, geborene Maillard, einer Kaffeehaussängerin italienisch-marokkanischer Abstammung,David Bret: Piaf. A Passionate Life. Robson Books, 1998, S. 2. verlassen. Sie wuchs bei deren Mutter auf, bei der das verwahrloste Mädchen Hunger litt. Damit seine Tochter wieder zu Kräften kam, brachte ihr Vater Louis Alphonse Gassion, der als Schlangenmensch in einem Wanderzirkus arbeitete, sie 1917 bei seiner eigenen Mutter unter, die ein Bordell in Bernay in der Normandie betrieb.Anne Sizaire: Édith Piaf. la voix de l’émotion. Desclée de Brouwer, 1996, S. 17. Dort fühlte sich das Mädchen wohler, bis es 1919 an einer Entzündung der Augenhornhaut erkrankte und zu erblinden drohte. 1921 pilgerte ihre Großmutter mit ihr zur heiligen Therese von Lisieux; fortan führte Édith Piaf ihre Heilung auf diese Wallfahrt zurück. Sie war sieben Jahre alt, als ihr Vater sie erstmals mitnahm; und von ihrem zehnten Lebensjahr an begleitete sie ihn und wurde von ihm zur Straßensängerin geschult. Piaf wurde geprägt von der Gewalttätigkeit des Milieus, in dem sie aufwuchs, und vom Alkoholismus des Vaters.

Beginn der Karriere in Paris Als 15-Jährige verließ Piaf ihren Vater und zog mit einer Freundin als Straßensängerin nach Paris. Kurz darauf wurde sie von Louis Leplée entdeckt, der sie als Sängerin in sein Kabarett holte und ihr, die nur 1,47 Meter groß war, den Namen gab, unter dem sie bekannt wurde: la môme piaf (das Spatzenmädchen).

Mit 16 Jahren wurde sie schwanger und gebar am 11. Februar 1933 ihre Tochter Marcelle, die von deren Vater Louis Dupont aufgenommen wurde, bei diesem lebte und im Alter von zwei Jahren an einer Hirnhautentzündung starb.

Im Jahr 1935 nahm Édith Piaf ihre erste Schallplatte auf. Als Leplée ermordet wurde, bezichtigte man sie der Mitwisserschaft. Obwohl sie vom Gericht freigesprochen wurde, verließ sie Paris und kehrte dorthin erst 1937 zurück. Fortan wurde sie von Raymond Asso, ihrem neuen Mentor, gefördert, der auch den Text zu dem Chanson Mon légionnaire schrieb, durch das Piaf bekannt wurde.

Künstlerischer Durchbruch, Kriegs- und Besatzungszeit mini|Piaf (1939) In den Jahren danach gelang ihr der Durchbruch. Bühnenauftritte in ganz Europa und zahlreiche Schallplattenaufnahmen folgten. Sie setzte ihre Karriere auch während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg fort. Das von Michel Emer geschriebene Chanson L’Accordéoniste beschreibt die Liebe einer Prostituierten vor dem Hintergrund des Krieges. 1940 wurde Piaf „Patin“ des Kriegsgefangenen-Stammlagers Stalag III D in Berlin-Lichterfelde. 1942 wohnte Piaf im vornehmen 16. Arrondissement von Paris (heute Rue Paul-Valéry) oberhalb von L’Étoile de Kléber, einem Nachtklub, der zum Umfeld des Gestapo-Hauptquartiers gehörte.Robert Belleret: Piaf, un mythe français. Verlag Fayard, Paris 2013. 1943 war sie mit weiteren französischen Künstlern, darunter Loulou Gasté, Raymond Souplex, Viviane Romance sowie Albert Préjean, auf einer Konzertreise in Berlin und posierte für Fotografen vor dem Brandenburger Tor.Sous l’œil de l’Occupant, la France vue par l’Allemagne, 1940–1944. Éditions Armand Colin, Paris 2010, ISBN 978-2-200-24853-6. Im Frühjahr 1944 kam es zu ihrer ersten Zusammenarbeit mit Yves Montand im Moulin Rouge; sie stellte ihm unter anderem Joseph Kosma, Henri Crolla, Loulou Gasté, Jean Guigo, Henri Contet, Bob Castella und Francis Lemarque vor. Ihre Liebe zum sechs Jahre jüngeren griechischen Schauspieler Dimitris Horn blieb unerwidert.Edith Piaf’s love letters to Dimitris Horn auctioned in Athens. Bericht über die Versteigerung eines Briefs. mini|Piaf mit den Compagnons de la Chanson (1946) Piaf stand nach dem Krieg im Verdacht, Kollaborateurin gewesen zu sein, doch entging sie einem Auftrittsverbot, da ihre Sekretärin Andrée Bigard sich als Mitglied der Résistance bekannte und für Piafs aufrechte Gesinnung bürgte.Myriam Chimènes, Josette Alviset: La vie musicale sous Vichy. Editions Complexe, 2001, S. 302. Fotos von Piaf mit kriegsgefangenen französischen Soldaten seien genutzt worden, um gefälschte Arbeitserlaubnisse auszustellen und einigen zur Flucht zu verhelfen.Frank Prial: Still No Regrets: Paris Remembers Its Piaf. In: The New York Times, 29. Januar 2004. Piaf musste mehrmals vor dem französischen Säuberungsausschuss aussagen, zuletzt am 30. November 1945. Zwar wurde sie vom Kollaborationsvorwurf freigesprochen, dennoch hing ihr der Ruf einer Kollaborateurin an. So wurde im französisch besetzten Saarbrücken am 11. April 1946 einer ihrer Auftritte vom Militärgouverneur im Saarland, Gilbert Grandval, einem ehemaligen Widerstandskämpfer, unterbrochen und endete in einem lautstarken Disput zwischen Piaf und Grandval vor dem Publikum. Die Berichterstattung über das Konzert wurde behördlich unterbunden. Bereits im März 1946 waren bei der französischen Militärverwaltung Bedenken laut geworden, ob Piaf die Kultur der französischen Nation glaubwürdig im Ausland vertreten könne.Der Saarbrücker Eklat mit dem Weltstar. In: Saarbrücker Zeitung, 1. Januar 2016.

Freundschaften und Ehen, Karrierehöhepunkt und gesundheitlicher Niedergang Piaf geriet in eine schwere seelische Krise, als ihr Geliebter, der Boxweltmeister Marcel Cerdan, im Oktober 1949 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. Schlagzeilen machte auch ihre Liebesbeziehung mit dem Radrennfahrer Louis Gérardin. „Toto“ Gérardin verließ für Piaf seine Ehefrau, die das Paar von einem Privatdetektiv beschatten ließ. Nach Beendigung der Affäre mit Piaf, die zwei Jahre dauerte, schrieb Gérardin: „Zwei Tage und zwei Nächte mit der Piaf sind anstrengender als eine Etappe der Tour de France.“Renate Franz: Der vergessene Weltmeister. Bielefeld 2007, S. 83. 54 Liebesbriefe, die Piaf 1951 und 1952 an Gérardin geschrieben hatte, wurden im Mai 2009 für 67.000 Euro von einem unbekannten Bieter ersteigert.

Im Jahr 1952 heiratete Piaf den Sänger Jacques Pills, von dem sie sich 1956 scheiden ließ. Ihre Trauzeugin war Marlene Dietrich. Die beiden Künstlerinnen verband eine jahrzehntelange Freundschaft. In den 1950er Jahren unterhielt Piaf eine Liebesbeziehung zu dem Chansonnier Georges Moustaki, der 1959 zu einer Komposition von Marguerite Monnot das Lied Milord textete, das Piafs größter Erfolg wurde. Große Bedeutung hatte bereits zu Piafs Lebzeiten und darüber hinaus auch Non, je ne regrette rien, das von Charles Dumont und Michel Vaucaire geschrieben und ebenfalls im Jahr 1960 veröffentlicht wurde.Carolyn Burke: No Regrets. The Life of Edith Piaf. S. 202 ff. Sie widmete es, wie schon frühere Lieder, der französischen Fremdenlegion, die im Algerienkrieg eine wichtige Rolle spielte.

Im September 1958 verlor Moustaki auf einer gemeinsamen Autofahrt die Kontrolle über das Fahrzeug, das mit einem LKW kollidierte. Während eines mehrmonatigen Krankenhausaufenthaltes wurde die schwer verletzte Piaf mehrmals operiert und erhielt Morphium gegen ihre Schmerzen, was zu einer lebenslangen Drogenabhängigkeit geführt haben soll. Dem übermäßigen Alkoholkonsum entsagte sie hingegen, erkrankte jedoch an einer chronischen rheumatoiden Arthritis. mini|Piaf mit Théo Sarapo (1962) Während eines Konzertes in Stockholm Ende der 1950er Jahre erlitt Piaf einen Schwächeanfall, woraufhin man bei ihr eine unheilbare Krebserkrankung diagnostizierte. Piaf setzte ihre Tournee trotzdem fort. Auf Reisen wurde sie von da an von einer Krankenschwester begleitet, die ihr im Bedarfsfall Morphium gegen ihre Schmerzen verabreichte. Am 20. September 1959 brach Piaf auf der Bühne des Waldorf Astoria in New York zusammen und musste die meisten für 1960 geplanten Auftritte absagen. Neuerliche erfolgreiche Auftritte Piafs, u. a. mit ihrem neuesten Lied Non, je ne regrette rien, Ende 1960, sollen das Pariser Konzerthaus Olympia vor dem finanziellen Ruin bewahrt haben. Im Jahr 1961 gelang Piaf ein vielbeachtetes Comeback. Im Oktober 1962 heiratete sie den Sänger Théo Sarapo.

Édith Piaf förderte den musikalischen Nachwuchs ihres Landes und hatte somit großen Einfluss auf die Karrieren von Charles Aznavour, Gilbert Bécaud, Eddie Constantine, Yves Montand, Georges Moustaki, Jacques Pills und Francis Lai.

Anfang August 1963 brachten Sarapo und Piafs Impresario Louis Barrier die geschwächte Sängerin in ein abgelegenes Haus in Plascassier in der Provence. Dort verschlechterte sich ihr gesundheitlicher Zustand. An Piafs Seite waren ihre Sekretärin Danielle Bonel und eine Krankenschwester; Sarapo setzte unterdessen seine Tournee fort. Als Bonel ihn verständigte, dass seine Frau sterben werde, eilte er zu ihr, traf sie jedoch nicht mehr lebend an. Édith Piaf starb am Mittag des 10. Oktober 1963.Die letzten Tage einer Legende – Édith Piaf (siehe oben).

Sarapo beschloss mit Bonel und Barrier, über Piafs Ableben zunächst Stillschweigen zu wahren und den Leichnam unbemerkt nach Paris zu überführen. Bonel besorgte einen Krankenwagen, in dem man gegen 20 Uhr die Reise nach Paris antrat. Über den illegalen Transport erzählte Bonel später: „Die Krankenschwester und Théo waren im Krankenwagen. Wären wir angehalten worden, hätten wir gesagt, sie sei gerade gestorben – unterwegs. Sie musste einfach in Paris sterben. Für sie gab es keine andere Möglichkeit. Sie hätte es mit Sicherheit so gewollt.“ Noch in derselben Nacht wurde Piafs Arzt geweckt. Er erklärte sich bereit, den Totenschein auszustellen und den Todeszeitpunkt mit dem 11. Oktober 1963 um 8 Uhr morgens in Paris anzugeben.Siehe die erwähnte Fernsehdokumentation. mini|Grab von Édith Piaf auf dem Cimetière du Père-Lachaise An diesem 11. Oktober 1963, ein halbes Jahr nach einem Herzinfarkt, starb auch Piafs Freund Jean Cocteau, der für sie 1940 den erfolgreichen Einakter Le Bel Indifférent geschrieben hatte (der ihr einziges Theaterengagement blieb). Vielfach wurde kolportiert, dass sein Herz versagt habe, als er die Nachricht von Piafs Tod erhielt; in manchen Zeitungen wurden die beiden als „Brautpaar des Todes“ bezeichnet.

40.000 Menschen nahmen an Piafs Begräbnis auf dem Friedhof Père Lachaise (Division 97, Nummer 71)Darmstädter Echo, Sonntagsecho, 24. Oktober 2015, S. 10. in Paris teil. Noch heute wird ihr Grab, in dem auch ihr 1970 bei einem Autounfall ums Leben gekommener Ehemann Théo Sarapo und ihre Tochter bestattet sind, mit frischen Blumen geschmückt.

Nachruhm mini|Die Place Édith Piaf in Paris Das Édith-Piaf-Museum in der Rue Crespin du Gast in Paris stellt persönliche Erinnerungen, ein Kleid und die Porzellansammlung der Künstlerin aus. In Paris wurde zudem ein öffentlicher Platz nach ihr benannt. Das dramatische Leben der berühmten Sängerin, die oft als Maßstab für spätere Interpretinnen genannt wurde (etwa für die junge Mireille Mathieu, deren Stimme ein ähnliches Volumen und Timbre aufwies), wurde seit ihrem frühen Tod in zahllosen Zeitungsartikeln, Büchern und künstlerischen Bearbeitungen für Leinwand und Bühne in Frankreich wie im Ausland dargestellt.